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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter December 1, 2013

Einschreiben und verzeichnen: Perspektiven der bibliothekarischen Kooperation bei der Erschließung von Stammbüchern

Tagungsbericht zum „Expertengespräch Stammbuch-Erschließung“ 15. bis 16. Januar 2013 in der HAAB Weimar

Jeanine Tuschling EMAIL logo

Zusammenfassung

Vom 15. bis 16. Januar 2013 kamen an der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar Vertreter acht verschiedener Bibliotheken aus dem In- und Ausland zu einem Expertengespräch zusammen, um sich über die Erschließung und Verzeichnung von Stammbüchern auszutauschen. Ziel der Veranstaltung war es, die Kooperation zwischen den beteiligten Institutionen auf dem Weg zur Erarbeitung gemeinsamer Verzeichnungsstandards zu stärken. Der damit verbundene Austausch über die bestehende Praxis lieferte nicht nur einen Überblick über die Stammbuchbestände und ihren Erschließungszustand in den beteiligten Bibliotheken, sondern bot auch die Gelegenheit zur Reflexion über die Möglichkeiten einer zukünftigen übergreifenden Verzeichnung. Auf der Tagung wurde die verstärkte Kooperation mit dem Ziel der Entwicklung von Richtlinien zur Erschließung von Stammbüchern beschlossen.

Abstract

From January 15th to 16th 2013, representatives of eight different institutions attended an exchange between experts on indexing and digitalizing Alba Amicorum at the HAAB Weimar. The intention was to strengthen cooperation between the attending libraries and to promote the idea of elaborating a common standard for indexing Alba Amicorum. The exchange of ideas and experience provided an overview of the different collections of Alba Amicorum in the holding libraries and their current level of indexing, as well as the opportunity to reflect on potential ways of retrieval and display of Alba Amicorum in a common database. The conference participants decided to strengthen their cooperation with the aim of a future development of a common standard for indexing Alba Amicorum.

Stammbuch, Freundschaftsbuch oder auch Album Amicorum sind die gebräuchlichsten unter den Begriffen für die Gattung, die bereits seit Mitte des 16. Jahrhunderts existiert und bis in die 1950er Jahre in Deutschland sehr verbreitet war. Zu Beginn waren Stammbücher vor allem bei Studenten und Reisenden beliebt, später fanden sie in fast allen Gesellschaftsschichten großen Anklang.[1] In diesen oft auch unterwegs mitgeführten Büchern trugen sich Freunde und Bekannte des Halters mit Widmungen, Wappen, Bildern, kleinen Texten und Gedichten oder auch mit illustrierten Reiseskizzen ein. Nicht selten wurden auch Haarlocken, getrocknete Blumen oder Ordensbänder als gleichsam physisch materialisierte Erinnerung an die Begegnung beigefügt. Heute haben Stammbücher nicht nur aufgrund der in ihnen enthaltenen Autografen bekannter Persönlichkeiten eine kulturhistorische Bedeutung, sondern auch als Zeugnisse der Literaturhistorie, der Wissenschaftsgeschichte und der Alltagskultur der jeweiligen Epoche.

Die bis März 2013 im Renaissancesaal der HAAB gezeigte Jahresausstellung „Galilei, Goethe und Co. Freundschaftsbücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek“[2] präsentierte vielfältige Beispiele aus der vier Jahrhunderte umfassenden Sammlung, deren Basis auf eine Erwerbung unter der Ägide Goethes als ehemaligem Oberaufseher der Bibliothek zurückgeht.[3] Die Ausstellung zeigte eindrücklich, dass sich anhand der Querverbindungen zwischen Einträgern, Zeitpunkt und Ort der Eintragung Reisewege und Freundschaftsnetzwerke nachvollziehen lassen, die darüber hinaus sogar Rückschlüsse auf geistesgeschichtliche und kulturhistorische Entwicklungen erlauben.[4] Die Stammbücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek werden daher tiefenerschlossen, um der Forschung einen besseren Zugang zu diesen wertvollen historischen Quellen zu bieten. Zunächst wurden sie jeweils als Ganzes erfasst;[5] in einem nächsten Schritt werden nun in einem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt Einzeleinträge aus den Alben erschlossen und digitalisiert. Der Besuch der Ausstellung bildete den Auftakt zu dem Expertengespräch, an dem mehrere Bibliotheken mit eigenen eindrucksvollen Stammbuchbeständen teilnahmen, wie zum Beispiel Wolfenbüttel, Jena, Stuttgart, Dresden, München, Straßburg und Bamberg.

Mit Prof. Dr. Werner Wilhelm Schnabel von der Universität Erlangen-Nürnberg war außerdem einer der bedeutendsten Grundlagenforscher auf dem Gebiet der historischen Stammbuchforschung bei der Tagung zugegen. Sein öffentlicher Abendvortrag im Studienzentrum der HAAB bot einen historischen Überblick über die Entwicklung der Gattung und problematisierte auch die Frage nach den Grenzen. Können beispielsweise Poesiealben und vorgedruckte Freundschaftsbücher zum Eintragen zur Gattung gezählt werden? Wo verläuft die Grenze zwischen Handschrift und Druckschrift? Kann man die Gattung durch die Materialbasis hinreichend definieren, oder muss man auch die historisch-kulturelle Praxis berücksichtigen, um dem Phänomen gerecht zu werden? Schnabel machte mit dem Hinweis auf aktuelle Beispiele der Benutzung von Einschreibebüchern in der Schule und sozialen Netzwerken im Internet die Verwandtschaft mit und die Unterschiede zu heutigen Formen der Freundschaftspflege deutlich. Um die Beziehungsgeflechte nachzuvollziehen, die sich in Stammbüchern abbilden, überschreitet der von Werner Wilhelm Schnabel initiierte übergreifende Nachweis „Repertorium Alborum Amicorum“[6] die institutionellen Grenzen und spürt auch Stammbücher in Museen und Archiven auf, denn nicht immer werden diese ausschließlich in Bibliotheken verwahrt.

In Kurzvorträgen beschrieben die Referenten aus den teilnehmenden Bibliotheken die Zusammensetzung der Sammlungen und die bisher erfolgten Bemühungen um ihre Katalogisierung, Erschließung und gegebenenfalls Digitalisierung. Sie boten dabei auch Ausblicke auf zukünftig geplante Projekte und reflektierten ihre Erfahrungen mit unterschiedlichen Datenbanken, so sie denn zur Erfassung der jeweiligen Stammbuchsammlung genutzt werden. Die vielgestaltige Gattung kann – je nach Definition – sowohl Freundschafts- als auch Einschreibebücher und Poesiealben umfassen. Durch die Vielfalt der Eintragungen kann sie sowohl handschriftliche als auch gedruckte und grafische Elemente enthalten. Dies bereitet bei der bibliothekarischen Zuordnung Schwierigkeiten, denn je nach Sichtweise lässt sie sich als Druckschrift oder Handschrift verstehen: „[Die] Alba Amicorum [lassen sich] etwa aufgrund ihrer materialen Basis […], aufgrund bestimmter Einband- und Formatkonventionen oder aufgrund ihres Verwendungszusammenhanges als spezifische Sorte von Büchern isolieren; ebenso sind sie […] auch als eine abgrenzbare Gruppe innerhalb der nicht-drucktechnisch fixierenden Informationsträger beschreibbar, wobei man etwa die Handschriftlichkeit, die Beteiligung einer Mehrzahl von Beiträgern und den Sammelcharakter ins Zentrum zu stellen hätte.“[7] Diese Problematik führt dazu, dass die Stammbücher in einigen Bibliotheken auf verschiedene Bestandsgruppen verteilt sind, sich also ein Teil unter den Handschriften, ein anderer unter den Druckschriften finden lässt. In vielen Häusern werden sie nicht als eine geschlossene Sammlung aufbewahrt, was dazu beiträgt, dass die Erschließungstiefe nicht immer einheitlich ist. Einige Bestände enthalten auch Beispiele von Stammbüchern, die aus ihrem ursprünglichen gebundenen Zustand gelöst worden sind und nur als Einzelblätter überliefert wurden. Die Erschließung der z.T. versprengten Bestände hat nicht immer die gleiche Priorität wie die anderer Sondersammlungen oder rechtfertigt nicht den hohen Aufwand der Entwicklung hauseigener Lösungen und den damit oft verbundenen eigenen Antrag auf externe Förderung. Die Beiträge aus Straßburg und Stuttgart eröffneten eine internationale Perspektive auf diese Problematik und zeigten die Möglichkeit einer bestandsbezogenen Kooperation zwischen Institutionen auf.

Der bisherige Verzeichnungsstand zeigt insgesamt eine Tendenz zur lokalen Erfassung in unterschiedlichen Datenbanksystemen, auch gedruckte Kataloge oder Zettelkataloge sind häufig noch als Findmittel anzutreffen. Einige der beteiligten Institutionen konnten aber bereits Teile ihrer jeweiligen Stammbuchsammlung digitalisieren und diese Maßnahme durch die fortgesetzte Tiefenerschließung ergänzen. Derzeit ist aufgrund der stark variierenden Praktiken der Verzeichnung das Auffinden von Stammbuchbeständen recht aufwendig, ein zentrales Verzeichnis, in dem die nach bibliothekarischen Standards erschlossenen Bestände und bisher existierenden Digitalisate recherchierbar sind, existiert nicht. Diese Lücke kann auch das Repertorium Alborum Amicorum nicht vollständig schließen. Die Referate und der Abendvortrag rückten noch einmal deutlich vor Augen, dass es erstrebenswert wäre, Stammbücher nach einem einheitlichen bibliothekarischen Standard zu verzeichnen und die bereits erschlossenen Bestände in ein übergreifendes Portal zu überführen, da so neue und umfassende Fragestellungen von der Forschung bearbeitet werden könnten. Mit dem von Werner Wilhelm Schnabel initiierten Verzeichnis Repertorium Alborum Amicorum existiert zwar seit 1998 ein umfassendes bibliografisches Verzeichnis für Stammbücher und für Sekundärliteratur zum Thema, das online eine Stammbuchdatenbank mit Nachweisen zu über 21.000 Alben und Fragmenten anbietet. Doch das Forschungsprojekt verfügt nicht über die technischen, personellen und finanziellen Kapazitäten, die verzeichneten Stammbücher nach bibliothekarischen Regeln zu erschließen oder Digitalisate einzuspielen. Daher wäre eine bibliothekarische Initiative zur Zusammenfassung der nach gemeinsamen Prinzipien tiefenerschlossenen Daten (unter Verwendung von Normdatensätzen aus der Gemeinsamen Normdatei) der bereits existierenden oder zukünftig zu erstellenden Digitalisate der historischen Originale eine wichtige Ergänzung der bereits erarbeiteten Wissensbestände.

Der zweite Tag des Fachgesprächs widmete sich daher der Frage nach der Vereinheitlichung der Verzeichnungsprinzipien und den Datenbanken, die eventuell als gemeinsamer Ort der Verzeichnung infrage kämen. Für die übergreifende Verfügbarkeit der Stammbuchsammlungen der verschiedenen Institutionen bieten sich vor allem bereits existierende Datenbanken oder Verbundkataloge an. Einige Institutionen nutzen bereits die Portale Kalliope[8] (wie z.B. die SLUB Dresden) und Manuscripta Mediaevalia[9] (wie z.B. die BSB München), da beide als zentrale Sucheinstiege für Handschriften, Autografen und Nachlässe gedacht sind und sich für die Erschließung von Materialien mit handschriftlichen Elementen eignen. Auch die Online-Kataloge der jeweiligen Bibliotheksverbünde werden vielfach als Ort für die übergreifende Verzeichnung genutzt (z. B. HAAB Weimar für Stammbücher, HAB Wolfenbüttel für handschriftliche Korrespondenzen wie beispielsweise die von Johann Valentin Andreae), da sie den Vorteil bieten, dass alle Bestände der Bibliothek an einem Ort zu finden sind und Einspielungen in größere Portale wie die Europeana[10] ermöglichen. Die bisherigen Erfahrungen mit der Verzeichnung im Verbundkatalog zeigen, dass auch das PICA-System die Erschließung von Stammbüchern ermöglicht, ein großer Vorteil ist dabei die Einbindung der GND-Datensätze. Allerdings kann die Verzeichnung von Einzeleinträgen dann zu großen Treffermengen in Verbundkatalog und lokalem OPAC führen. Das von der Staatsbibliothek zu Berlin betreute Portal Kalliope stellt das zentrale Verzeichnis für deutschsprachige Nachlässe und Autografen dar und umfasst Bestände von Bibliotheken, Archiven und Museen. Die Tatsache, dass dort nicht nur Bibliotheksbestände zu finden sind, könnte für die Kontextualisierung der Stammbüchern von Vorteil sein[11], ebenso die spezifische Struktur der Datenbank, die unter anderem zum Ziel hat, das Beziehungsgeflecht beispielsweise von Briefkorrespondenzen sammlungsübergreifend abzubilden. Darüber hinaus könnte die Verknüpfung auf internationaler Ebene durch die Kooperationspartner von Kalliope reizvoll sein, denn durch die Spiegelung der Daten im internationalen Suchportal für Autografen MALVINE[12] (Manuscripts and Letters via Integrated Networks in Europe) wird die Sichtbarkeit der Sammlungen über den nationalen Rahmen hinaus ausgeweitet. Auch Manuscripta Mediaevalia bietet durch seine Ausrichtung auf Handschriften und Einzelblattdokumente zahlreiche Vorteile für die Erschließung von Handschriften. Allerdings könnte der Name für Verwirrung sorgen, da vielleicht keine neuzeitlichen Materialien dort vermutet werden, doch ist die Praxis, auch neuzeitliche Dokumente in dieser Datenbank zu verzeichnen, in Fachkreisen bekannt.

Aufgrund der stark variierenden Erschließungstiefe und der unterschiedlichen Prinzipien wäre vor einem potenziellen Zusammenspielen von Daten an einem Ort jedoch zunächst sicherzustellen, dass die Daten einem vergleichbaren Standard entsprechen. Dieser existiert für die Gattung Stammbuch bisher nicht. Zukünftig könnte die Erschließung von Stammbüchern dadurch erleichtert werden, dass ein gemeinsamer Referenzrahmen für die Erschließung erarbeitet wird. Eine mögliche Diskussionsgrundlage für den Beginn der Entwicklung des Standards kann das von der HAAB für die Tiefenerschließung der Weimarer Stammbuchsammlung im derzeitigen DFG-Projekt formulierte Datenmodell sein. Dieses ist nur als eine mögliche Herangehensweise zu sehen, die als ein Startpunkt dienen kann. Die Empfehlungen sollten Mindeststandards vorgeben und darüber hinaus Optionen zur tiefergehenden Erschließung anbieten. Grundlegend ist dabei auch die Verknüpfung der jeweiligen Datensätze mit den Normdaten aus der GND. Auf Anregung der Tagungsteilnehmer wurde das Thema durch Frank Aurich in die Sitzung der dbv-Arbeitsgruppe „Handschriften und Alte Drucke“ am 18. April 2013 eingebracht und dort diskutiert. Dabei wurden „die Möglichkeiten der Erschließung in den jetzt zur Stammbuchbeschreibung genutzten Datenbanken (HANS, Kalliope, verschiedene Verbundkataloge), jeweils mit Anbindung an die GND, zum gegenwärtigen Stand als ausreichend angesehen“[13], und auch eine spätere Beschäftigung der Kommission mit dem Thema wurde erwogen.

Längerfristig könnte eine Handlungsanweisung für die Stammbucherschließung formuliert werden. Ein solcher Standard könnte auch für das zukünftige Zusammenspielen von digitalisierten Stammbuchsammlungen in übergreifenden Datenbanken und damit für die Erleichterung des Zugriffs auf die bisher noch verstreuten Bestände einen wichtigen Schritt nach vorne bedeuten.

Online erschienen: 2013-12-1
Erschienen im Druck: 2013-12-1

© 2013 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 31.1.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/bfp-2013-0049/html
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