BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter November 26, 2014

Fachinformationsdienste für die Wissenschaft – mehr als nur eine Umbenennung der Sondersammelgebiete

Petra Hätscher and Maria Elisabeth Müller

Zusammenfassung

In dem Beitrag werden die Veränderungen von dem System der Sondersammelgebiete hin zum neuen Förderprogramm „Fachinformationsdienste für die Wissenschaft – FID“ aus der Sicht zweier Akteurinnen betrachtet. Folgende Fragen werden unter anderem gestellt und beantwortet: Warum fand die Umstrukturierung statt? Wie sieht die Programmatik der FID aus? Welche Veränderungen ergeben sich daraus? Welche Schwierigkeiten gilt es zu überwinden und welche Chancen liegen in der Veränderung?

Abstract

The article looks at how and why the German Research Foundation (DFG) transformed its long-running system of subsidizing special subject collections (SSG) into a new system of funding specialized information services (FID). Both authors played an active role in the transformation process. They give an insight into the obstacles that have to be met and overcome as well as the new opportunities provided by the system.

Der Aufsatz basiert auf einem Vortrag mit gleichem Titel, den die Autorinnen bei der Frühjahrssitzung der Sektion 4 des dbv am 30.04.2014 in Berlin gehalten haben. Ziel des Vortrages war es, den Direktorinnen und Direktoren der wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland einen kurzen Überblick über das Warum und das Wie der Veränderung des Systems der Sondersammelgebiete (SSG) zu einem System von Fachinformationsdiensten (FID) zu geben und zur Diskussion anzuregen.[1] Der Vortrag wie auch die vorliegende Ausarbeitung haben nicht den Anspruch, das vergangene SSG-System bilanzierend zu bewerten. Die Reflektion von der Entwicklung der Sondersammelgebietsstruktur zum neuen Förderprogramm der Fachinformationsdienste für die Wissenschaft ist an anderer Stelle geschehen.[2] Vielmehr geht es darum, aus der Sicht zweier am Prozess der Umgestaltung beteiligter Akteurinnen[3] die konkreten Veränderungen zu benennen. Eine ausführliche Darstellung der Umstrukturierung findet sich in dem Artikel von Christoph Kümmel, Programmdirektor für die überregionale Literaturversorgung bei der DFG, und Peter Strohschneider, DFG-Präsident.[4]

1 Warum war die Umstrukturierung des Systems der Sondersammelgebiete überfällig?

Die Neuausrichtung des alten SSG-Förderprogrammes war nach mehr als 60 Jahren Förderpolitik unstrittig erforderlich. Der Anspruch, eine vollständige Sammlung der (ausländischen) Fachliteratur für die Spitzenversorgung in Deutschland bereitzustellen, kann nicht erfüllt werden. Das wird auch von Kritikern der FIDs nicht bestritten.[5] Der Vollständigkeitsanspruch kann insbesondere im digitalen Zeitalter und im Kontext des Medienwandels für die wissenschaftliche Informationsversorgung nicht mehr gelten. Heutige Anforderungen an die Informationsinfrastrukturen müssen vor allem fächerspezifische Nutzerbedürfnisse der Wissenschaftler beachten und differenzierte Kriterien für den Bestandsaufbau entwickeln. Nach einer Programmevaluation des Sondersammelgebietssystems[6] sowie nach intensiven Diskussionen in Expertenkommissionen[7] und DFG-Ausschüssen in den Jahren 2010 bis 2012 wurde das neue Programm vorgelegt. Es folgt konsequent dem Förderauftrag der DFG, so dass anstelle einer institutionellen Dauerfinanzierung die befristete Projektfinanzierung tritt.

2 Wie sieht die Programmatik der Fachinformationsdienste für die Wissenschaft aus?

Das neue Förderprogramm „Fachinformationsdienste für die Wissenschaft (FID)“[8] soll eine zukunftsfähige Literatur- und Informationsversorgung der Wissenschaft gewährleisten, die auf den spezifischen Bedarf der Wissenschaftsfächer zugeschnitten ist. Die Ausrichtung auf die jeweilige Fachcommunity ist vor allem für die Optimierung eines nachfrageorientierten Zugriffs auf gedruckte und elektronische Medien unverzichtbar. Die Förderung beschränkt sich nicht mehr auf Mittel zum Bestandsaufbau, sondern ermöglicht die Beantragung von Personal- und Sachmittel zum Aufbau besonderer Dienstleistungen. Das bietet den Antragstellern die Chance, das Servicespektrum zu erweitern ebenso wie die Mittel flexibler für Personal- und Sachkosten einzusetzen.[9] Dazu gehören z. B. Dienste zur aktiven Vermittlung der Information in Portalen, Datenbanken, Suchmaschinen u. a. m.

Zusammenfassend gelten zwei wesentliche Fördergrundsätze:

  1. 1.

    Orientierung an den Fachinteressen: „Bei der Förderung der Fachinformationsdienste wird davon ausgegangen, dass die Erwartungen und Bedürfnisse der wissenschaftlichen Disziplinen so unterschiedlich sind, dass ein einheitlicher Weg der Umsetzung nicht vorgegeben werden kann, sondern diese Umsetzung gemäß den Forschungsinteressen der Fachcommunities spezifisch zu gestalten ist (erster Fördergrundsatz).“[10]

  2. 2.

    Abgrenzung von der Grundversorgung: „Um die Fördermittel effizient einzusetzen, wurde weiterhin festgelegt, dass sich die Fachinformationsdienste auf Dienstleistungen konzentrieren müssen, die es nicht an anderer Stelle schon gibt oder die sich hinlänglich von Aspekten einer Grundversorgung absetzen (zweiter Fördergrundsatz).“[11]

3 Was verändert sich im FID gegenüber der SSG-Förderung?

Die wesentlichste Änderung ist der nachfrage- und nutzerorientierte Ansatz. Die Fachinformationsdienste für die Wissenschaft stellen nicht mehr ausschließlich auf den Bestandsaufbau ab.[12] Wie umfänglich oder profiliert die aktuellen Neuerscheinungen erworben oder lizenziert werden, ist von der jeweiligen Anforderung des Faches abhängig. Für einzelne Fachausrichtungen kann ein Erwerbungsprinzip gefordert sein, das auf breite Streuung und Vollständigkeit der internationalen Verlagsproduktion setzt, in anderen Fächern wird möglicherweise nur eine bestimmte Auswahl der aktuellen Literatur benötigt. Die antragstellenden Einrichtungen haben diese Anforderungen in ihren Projektanträgen gut begründet und abgesichert darzustellen, wobei die geeignete Einbeziehung der Fachcommunities z. B. durch die Beteiligung der Fachgesellschaften gewährleistet sein muss. Grundsätzlich gilt, dass die Fachinformationsdienste zugriffsorientiert und nicht mehr bestandsorientiert agieren. Die Leistungsfähigkeit der FIDs wird danach bewertet, wie schnell und verlässlich sie das geforderte Informationsangebot für die Wissenschaft bereitstellen und beschränkt sich nicht mehr auf die lokal vorgehaltenen Bestände. Das Programm macht keine einheitlichen Vorgaben für die Antragstellung, so dass sich die FIDs deutlich voneinander unterscheiden können.

Zu den wesentlichsten Veränderungen gegenüber dem alten SSG-Systems zählt das Begutachtungsverfahren. Die Bewilligungen sind nicht wie in der Vergangenheit Selbstläufer.[13] Im neuen Antragsverfahren, gibt es keine Erfolgsgarantie für die Antragsteller. Die bislang einjährige Förderung der SSGs wird ersetzt durch eine Dreijahresförderung, mit der Möglichkeit der erneuten Antragstellung nach Ablauf des ersten Förderzeitraums, ohne dass die geförderten Projekte einen garantierten Anspruch auf weitere Bewilligung haben. Die Anträge werden im schriftlichen Antragsverfahren durch eine Gutachtergruppe aus bibliothekarischen und fachwissenschaftlichen Mitgliedern bewertet, wobei die wissenschaftliche Expertise vordringlich aus den Fachkollegien der DFG kommt. Zusätzlich wird den Antragstellern Gelegenheit gegeben, ihr Projekt in einem mündlichen Vortrag einer gutachterlichen Prüfgruppe vorzustellen und zu erläutern.

4 Wer ist wie betroffen?

Von der Umstrukturierung von SSG zu FID sind die verschiedenen Akteure unterschiedlich betroffen: die DFG, die antragstellenden Bibliotheken, die Wissenschaft und die restliche Bibliothekswelt als Kunden des Systems. Die DFG gestaltet mit dem AWBI die Transformation des SSG-Systems in die neue Welt der FIDs; sie verantwortet die Ausschreibungen der neuen Förderprogrammatik. Die antragstellenden Einrichtungen müssen die neuen Programmstrukturen aufnehmen, inhaltlich anspruchsvolle Projektanträge erarbeiten und sich der veränderten Begutachtungspraxis stellen. Wobei es eine neue Erfahrung ist, mit einem wettbewerblich ausgerichteten Verfahren umzugehen, in welchem Ablehnungsbescheide erteilt werden oder Überarbeitungen ausgesprochen werden. Die Wissenschaft und die Bibliotheken als Kunden müssen sich darauf einstellen, dass die verlässliche SSG-Systematik der Vergangenheit angehört und dass der umfassende, vorsorgliche Bestandsaufbau der SSG-Bibliotheken in Teilen nicht mehr trägt. Stattdessen sind umfassendere Dienstleistungen zu erwarten, die die wissenschaftliche Literatur- und Informationsversorgung erleichtern und verbessern werden, so dass vor allem die Wissenschaftler als Gewinner aus dieser Neustrukturierung hervorgehen.

5 Welche Schwierigkeiten gilt es zu überwinden?

Zuallererst muss das Ende des alten Systems akzeptiert werden. Veränderungen verlaufen nie störungsfrei, das gilt für jede Art von Reorganisation. Insofern ist die Einsicht in die Tatsache, dass das SSG-Programm nicht mehr trägt und sich überholt hat, ein erster wichtiger Schritt. Des Weiteren wird die Transformation von den antragstellenden Bibliotheken dadurch maßgeblich mitgestaltet, als dass sie durch gut begründete und innovative Projekte das FID-Programm inhaltlich ausfüllen, und auf die Herausforderungen des Medienwandels und die veränderten Anforderungen und Informationsbedürfnisse der Wissenschaft reagieren. Ein Novum ist die stärkere Beteiligung von Wissenschaftlern, die den Begutachtungsprozess eng begleiten. Dieser Blick „von außen“ auf die Bibliothekswelt und ihre Organisationsformen wirkt fordernd und zugleich fördernd.

6 Welche Chancen liegen in der Veränderung?

Das erweiterte Antragsspektrum stellt im Unterschied zur bisherigen SSG-Förderung eine der größten Chancen dar. Es gibt weniger Beschränkungen bei der Antragstellung, so dass neue Dienste erfolgversprechend aufgebaut werden können und die schon erwähnten Restriktionen der bisherigen Förderung aufgehoben sind. Erstmals können Personalressourcen beantragt werden, die die Möglichkeit bieten auch personalintensive Projekte zu entwickeln. Eine weitere Chance liegt in der grenzüberschreitenden internationalen Zusammenarbeit. Die Einbeziehung zuverlässiger Dienste, z. B. von Bibliotheken in der EU, dürfen und sollen bei der Antragstellung referenziert und berücksichtigt werden, wo es fachlich sinnvoll erscheint, so dass die vorhandenen Infrastrukturen im Ausland Teil der Gesamtversorgung werden.

7 Offene Fragen

Eine der Hauptfragen im Zusammenhang mit dem Förderprogramm Fachinformationsdienste für die Wissenschaft bezieht sich auf die Kontinuität – oder Diskontinuität – der Förderung. Die DFG ist der Projektförderung verpflichtet, FIDs sind als Infrastrukturdienste auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit ausgerichtet. Es wird erforderlich sein, die politische Diskussion über die Finanzierung von Informationsinfrastrukturen, und dazu gehören die Fachinformationsdienste, zu forcieren. Diese Diskussion aktiv zu führen, wird auch von Seiten der FID-Bibliotheken sowie der Gemeinschaft der wissenschaftlichen Bibliotheken, organisiert in der Sektion 4 des dbv, notwendig sein, um Forderungen zur nachhaltigen Finanzierung jenseits der Projektfinanzierung zu stellen und bei den politischen Vertretern zu platzieren.[14] Außerdem wird die Frage von Kontinuität versus Innovation zu klären sein: Wie viel Brüche verträgt das deutsche Bibliothekssystem, wie viel Offenheit – oder auch Unklarheit – darf ein Programm beinhalten, bevor es auf den Weg gebracht wird? Auch hier ist es notwendig, für Transparenz in der weiteren Diskussion zu sorgen und die Entwicklungen konstruktiv zu begleiten.[15] Ein Erfahrungsaustausch zwischen den Antrag stellenden Einrichtungen im Verständnis von best practice wäre ein gutes Mittel der wechselseitigen Information.[16] Das sollte problemlos möglich sein, da in der jeweils ersten Antragsrunde des entsprechenden Faches keine konkurrierenden Anträge zugelassen werden, sondern ausschließlich die SSG-Bibliotheken zur Antragstellung aufgefordert sind. Insofern sollte der Austausch ergebnisorientiert und offen geführt werden können.

Mit Sicherheit wird der Umbau vom Sondersammelgebietsprogramm der DFG hin zu den Fachinformationsdiensten für die Wissenschaft die bibliothekarische Welt noch einige Zeit beschäftigen. Es ist zu vermuten, dass in den Fächern, wo der Umbau gelingt, die betroffenen Forscher keine Lücke in der Informationsversorgung wahrnehmen werden. Und so besteht die große Chance, dass das Ziel des Umbaus zu einer diensteorientierten Versorgung der Wissenschaft als Erfolgsmodell endet.

Online erschienen: 2014-11-26
Erschienen im Druck: 2014-12-19

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