BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter March 19, 2015

Patron Driven Acquisition – schon wieder ein Auslaufmodell?

Erfahrungen aus der SLUB Dresden

Michael Golsch

Zusammenfassung

Als eine der ersten deutschen Großbibliotheken hat die SLUB Patron Driven Acquisition über die E-Book-Library (EBL) mit zeitweilig über 450 000 Titeln umfassend und als nicht moderiertes Modell konsequent eingesetzt. Der Beitrag fasst die bisherigen Ergebnisse und Erfahrungen zusammen und erläutert die daraus abgeleitete Profilierung der E-Book-Strategie des Hauses.

Abstract

SLUB was one the first major German libraries to use Patron Driven Acquisition via Ebook Library (EBL) consistently and comprehensively (at times more than 450,000 titles) and as an unmediated model. The article summarises the previous results and explains the inferred profile of SLUB’s ebook strategy.

1 Bestandsentwicklung im Medienwandel

„Digital hat Vorfahrt“ – unter dieser Prämisse gestaltet die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) den elektronischen Medienwandel erfolgreich mit. Investitionen in Tiefenerschließung (Data Mining) und semantische Technologien wie auch in die Verknüpfung verschiedener Angebote durch Linked Open Data bilden dabei aktuelle Schwerpunkte.[1] Mit einer umfassenden retrospektiven Digitalisierung[2] und einer konsequent auf elektronische Medien ausgerichteten Erwerbungspolitik treibt das Haus den Ausbau seiner digitalen Bibliothek stetig voran.

Ausstattungstechnisch wie konzeptionell zählt die SLUB seit langem auf dem Gebiet der Retrodigitalisierung zu den führenden Kultureinrichtungen in Deutschland. Ihre digitalen Kollektionen weisen inzwischen mehr als 70 000 Drucke, Handschriften und Noten auf, unter denen sich auch Unikate von Weltrang wie die Mayahandschrift (Codex Dresdensis) oder der Dresdner Sachsenspiegel befinden. Hinzu kommen rd. 1,5 Mio. Bilddokumente (historische Fotografien, Architekturzeichnungen und Karten) sowie etwa 50 000 digitalisierte Tonträger. Essentieller Bestandteil dieser Digitalisierungsstrategie ist auch die seit 2012 mit der Software „Rosetta“ aufgebaute Langzeitarchivierung der Bibliothek.

Auch mit ihren Erwerbungsausgaben von rd. 7,9 Mio. Euro p.a. (seit 2006) rangiert die SLUB in der Spitzengruppe der deutschen Bibliotheken.[3] Deutlich zugenommen hat allerdings in jüngster Vergangenheit die Dynamik des elektronischen Wandels in der Bestandsentwicklung des Hauses. Während 2011 lediglich rd. 25 % der Erwerbungsausgaben auf elektronische Medien entfielen, betrug diese Quote 2014 bereits 61 % des Gesamtetats von rd. 8,1 Mio. Euro. Im Jahr 2013 wies die SLUB mit rd. 4,6 Mio. Euro bundesweit die zweithöchsten Ausgaben in diesem Segment auf.[4]

Noch deutlicher spiegelt sich der Medienwandel in der universitären Informationsversorgung für die Technische Universität Dresden. In den Jahren 2011 und 2012 hat die SLUB im Zeitschriftenbereich zunächst die Titel der wichtigsten Wissenschaftsverlage auf E-Only-Bezug umgestellt und diese Strategie seither konsequent fortgeführt.

Die obige Grafik[5] verdeutlicht die Entwicklung anhand der Ausgabenverschiebungen innerhalb eines konstanten Budgetanteils.

Abb. 1: Universitäre Informationsversorgung der SLUB für die TU Dresden 2009–2014. Budget = rd. 75 % des Erwerbungsetats

Abb. 1:

Universitäre Informationsversorgung der SLUB für die TU Dresden 2009–2014. Budget = rd. 75 % des Erwerbungsetats

Auch in der SLUB ist diese Entwicklung das Ergebnis gleichgerichteter Substitutions- und Inflationseffekte. Besonders im Zeitschriftensegment sind mit Übergang zur E-Only-Strategie bei unverändertem Portfolio Print-Titel durch die jeweiligen elektronischen Ausgaben ersetzt worden. Damit verbundene höhere Steuersätze[6] und die vielfach unverändert hohen jährlichen Preissteigerungen für elektronische Ressourcen belasten bei fester Budgetrestriktion vor allem die Erwerbung von Print-Monografien. So hat sich zwischen 2007 und 2014 die Zahl der gedruckten Kauftitel fast halbiert, ohne dass dies durch eine entsprechende Erwerbung von E-Books hätte vollständig kompensiert worden können (Abb. 2).

Abb. 2: Bestandsentwicklung der SLUB 2007–2014 (Monografien, Zeitschriften, Datenbanken)

Abb. 2:

Bestandsentwicklung der SLUB 2007–2014 (Monografien, Zeitschriften, Datenbanken)

Auf die daraus resultierenden Konsequenzen für die Personalentwicklung kann an dieser Stelle leider nicht eingegangen werden.[7] Betroffen sind allerdings nicht nur die bibliothekarische Erwerbung und Erschließung, sondern beispielsweise auch der Ausleihservice. Für die klassische Papierbibliothek verzeichnet die SLUB seit 2010 rückläufige Ausleihzahlen zwischen drei und fünf Prozent jährlich. Insgesamt ergibt sich bei den physischen Entleihungen ein Rückgang um rd. 20 % in fünf Jahren. Dem steht im gleichen Zeitraum ein Zuwachs um rd. 48 % bei den Downloads elektronischer Volltexte gegenüber.[8] Die auf elektronische Ressourcen fokussierte Erwerbungspolitik der SLUB trifft damit auf positive Nachfrage, die inzwischen überwiegend durch Zugriffe auf ein wachsendes E-Book-Portfolio stimuliert wird. Neben einer entsprechenden bibliothekarischen Erwerbung spiegelt sich darin auch das seit 2012 umgesetzte PDA-Modell der Bibliothek wider.

2 Patron Driven Acquisition als Aggregatorenmodell

Die Bestandsentwicklung der SLUB fußt auf fachspezifischen Erwerbungsprofilen, die sich vorrangig an den Entwicklungslinien der Technischen Universität Dresden orientieren.[9] Für die Monografien ergänzen formale Kriterien (z. B. als vorrangig definierte Verlage und/oder Sprachen) die inhaltlichen Ausbaustufen. Die Erwerbungsprofile des Hauses bildeten seinerzeit die unabdingbare Voraussetzung für die Einführung von Approval-Plänen[10] im Zuge des auf Prozessautomatisierung ausgerichteten Dresdner Erwerbungsmodells[11], mit dem die SLUB inzwischen rd. 85 % ihres Novitätenkaufs (print und elektronisch) abwickelt.

Approval-Pläne sind Instrumente zur bibliothekarischen Prozessoptimierung auf der Basis inhaltlicher Selektion. Sie bieten jedoch keine Garantie dafür, die akute Nachfrage vollständig abzudecken. Das gilt freilich auch für die „klassische“ intellektuelle Einzel-Auswahl durch den jeweiligen Fachreferenten. Der Grund liegt bei beiden Erwerbungsformen im Vertreterprinzip: Der Fachreferent – der das Erwerbungsprofil erarbeitet und den daraus abgeleiteten Approval-Plan mit dem Buchhändler abstimmt oder der Verlagsangebote für eine Einzelbestellung recherchiert – handelt als Vertreter des Endnutzers. Er verfügt dabei aber nur über unvollständige Informationen. Es ist ihm damit schlechterdings unmöglich, mit seinen Entscheidungen die Nachfrage so genau zu treffen, dass alle Käufe zu Ausleihumsätzen in Form von physischen Entleihungen oder Volltext-Downloads führen, und dass Fehlallokationen beim Einsatz der knappen finanziellen Mittel vermieden werden.[12] Ein Blick auf die titelbezogenen Ausleihzahlen von über traditionelle bibliothekarische Auswahl oder auch über Approval-Pläne erworbenen Novitäten verdeutlicht dieses Dilemma. Bis zu 30 % der Print-Novitäten werden in der SLUB in den ersten beiden Jahren nach dem Kauf nicht ausgeliehen. Ähnliche Zahlen sind auch aus amerikanischen Universitätsbibliotheken bekannt.[13]

Die SLUB Dresden hat sich daher frühzeitig dafür entschieden, ihr Dresdner Erwerbungsmodell um eine Patron Driven Acquisition (PDA)[14] als konsequent nutzergesteuerte Erwerbung zunächst für E-Books zu ergänzen.

Das in Deutschland nicht erst seit dem Berliner Bibliothekartag[15] und der Frankfurter Buchmesse[16] im Jahr 2011 z. T. kontrovers diskutierte PDA-Modell ist als Pick and Choose konzipiert und folgt einfachen Regeln, bei denen der Nutzer bestimmt, ob ein Titel gekauft wird. Im Idealfall geschieht dies, ohne dass die Bibliothek die Entscheidung beeinflusst.

Beim hier zunächst zu betrachtenden Aggregatorenmodell stellt ein PDA-Anbieter der Bibliothek seine E-Book-Kollektion mit den zugehörigen Titel- und Metadaten zum Einspielen in den Katalog kostenfrei zur Verfügung. Ebenfalls kostenfrei ist der Volltext zum Anlesen eines Titels, der je nach Anbieter zwischen fünf und zehn Minuten beträgt. Möchte ein Nutzer länger mit einem E-Book arbeiten, löst er automatisch eine Kurzausleihe (Short Term Loan – STL) aus, für deren Dauer er unbegrenzten Zugriff auf den jeweiligen Titel hat. Für die Bibliothek ist jede Kurzausleihe kostenpflichtig. Mehrere Short Term Loans eines Titels führen zu dessen Kauf durch die Bibliothek, die damit dauerhaft Eigentum erwirbt. Die Bibliothek kann das Modell über eine Reihe von Parametern an ihren konkreten Bedarf anpassen. Neben der Angebotsauswahl durch inhaltliche und formale Kriterien zählen dazu beispielsweise die Dauer einer Short Term Loan oder die Zahl der Kurzausleihen, die zum Kauf eines Titels führen. Frei ist die Bibliothek schließlich auch in der Frage, ob sie sich die Kaufentscheidung in letzter Instanz vorbehält (sogenanntes moderiertes Modell), oder ob sie den automatischen Kauf (Auto Purchase) gestattet und damit der Nachfragekomponente den Vorzug gibt. Einfluss- und Steuerungsmöglichkeiten über das Budget bleiben in beiden Fällen unbenommen.

Gemeinsam mit Schweitzer Fachinformationen als Vertriebspartner der Ebook Library (EBL)[17] hat die SLUB Anfang November 2011 ihr PDA-Angebot zunächst testweise mit rd. 200 000 Titeln gestartet und Anfang 2012 in den Routinebetrieb überführt. Das Modell traf sofort auf eine sehr positive Resonanz, die bis heute anhält.[18] Ebenfalls von Beginn an verfolgt die SLUB mit Patron Driven Acquisition einen umfassend liberalen Ansatz, der darauf abzielt, große Titelmengen bereitzustellen, um die Vorteile des Modells auszuschöpfen. Zeitweise waren bis zu 450 000 Titel aus der Ebook Library über das Discovery-System der SLUB (Primo, Ex Libris Ltd.) verfügbar.[19]

Im Regelfall bestimmt der Nutzer in letzter Instanz selbst über den Kauf eines E-Books. Lediglich bei Titeln, für die eine Short Term Loan mehr als 20 US-Dollar kostet, behält sich die SLUB die Entscheidung zur Kurzausleihe vor (Moderation). Die Moderationsrate liegt bei durchschnittlich 7 % aller Short Term Loans p.a. Etwa die Hälfte der zu moderierenden STL-Wünsche kann aus inhaltlichen oder formalen Gründen (z. B. weil der Titel bereits als Print-Monografie verfügbar ist) nicht berücksichtigt werden. Einen Überblick über die monatlichen PDA-Kennzahlen für das zurückliegende Jahr 2014 bietet die obige Tabelle.

Tab. 1: STL und Kauf pro Monat 2014 (einschließlich Erscheinungsjahre für STL) mit aggregierten Vergleichszahlen für 2012 und 2013

Tab. 1:

STL und Kauf pro Monat 2014 (einschließlich Erscheinungsjahre für STL) mit aggregierten Vergleichszahlen für 2012 und 2013

Seit 2012 setzt die SLUB rd. 10 % ihres jährlichen Monografien-Etats für Patron Driven Acquisition ein. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum etwa 3 750 Titel zu einem Durchschnittspreis von 65 Euro gekauft. Ein Viertel entfällt auf die Wirtschaftswissenschaften; mit deutlichem Abstand folgen mit 11 % bzw. 6 % die Informatik und die Rechtswissenschaft. Hinzu kommen 44 000 Kurzausleihen zu durchschnittlichen Stückkosten von 8,70 Euro. Diese Relationen verdeutlichen bereits zwei wesentliche Vorteile des Modells:

  • Jeder investierte Euro deckt unmittelbar konkret bestehende Nachfrage.

  • Durch die Kurzausleihe lässt sich mit gegebenem Budget ein deutlich höherer Bedarf befriedigen, als das über Käufe möglich wäre.[20]

Zudem eröffnet das Aggregatorenmodell die Möglichkeit, große Titelmengen über eine Plattform leicht handhabbar in Bibliothekskataloge bzw. Suchmaschinen zu integrieren.[21]

Dem steht allerdings zumindest bislang ein entscheidender Nachteil entgegen: Der Aggregator hat keinen Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung der Verlagsangebote. Das gilt nicht nur für die Preissetzungsmacht der Verlage, sondern auch für Nutzungseinschränkungen in Form eines Digital Rights Managements (DRM), das beispielsweise die Weiterverarbeitung von Volltexten in einschlägigen Literaturverwaltungsprogrammen nicht gestattet.

Was ordnungspolitisch nicht zu beanstanden ist, vermag allerdings unter Umständen das gesamte Geschäftsmodell zu gefährden, etwa durch eine prohibitive Preispolitik oder entsprechende DRM-Restriktionen der Verlage.

Tatsächlich haben zum 1. Juni 2014 namhafte Wissenschaftsverlage – darunter De Gruyter, Taylor&Francis, Cambridge University Press und Oxford University Press – ihre Preise für EBL-Kurzausleihen ohne Vorankündigung um bis zu 150 % erhöht. Die SLUB Dresden und die Universitätsbibliothek Leipzig sahen sich dadurch gezwungen, Öffentlichkeit herzustellen[22] und die Verlage aus ihren PDA-Angeboten auszulisten.

Da sich in der zweiten Jahreshälfte zahlreiche weitere Anbieter[23] dieser Preispolitik anschlossen, gingen die Short Term Loans in der SLUB Dresden ab Juli 2014 deutlich zurück (vgl. die obige Tabelle). So verzeichnete das Haus im 4. Quartal 2014 mit insgesamt 2 137 STL lediglich 40 % des Aufkommens aus dem Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Zumindest in den seither von der SLUB auf Management-Ebene geführten Gesprächen haben die beteiligten Verlage keine Bereitschaft erkennen lassen, ihre Positionen zu überdenken oder gar zu korrigieren. Die EBL ihrerseits verfügt offenbar nicht über die dazu notwendige Handlungsmacht. Vor diesem Hintergrund ist die SLUB gezwungen gewesen, im Kontext mit der bereits Anfang 2014 begonnenen Weiterentwicklung ihrer E-Book-Strategie auch die Zukunft von Patron Driven Acquisition als Aggregatorenmodell kritisch zu hinterfragen.

3 Die E-Book-Strategie der SLUB Dresden

Wie zahlreiche andere Bibliotheken auch hatte die SLUB bei ihrem Markteintritt zunächst E-Book-Pakete einschlägiger Anbieter lizenziert, die bei unverändert hoher Nachfrage auch weiterhin zum Portfolio gehören. Im Interesse einer größeren Angebots- und Budgetflexibilität hatte das Haus allerdings frühzeitig ebenfalls mit dem gezielten Kauf von Einzeltiteln begonnen, der inzwischen auch über das Dresdner Erwerbungsmodell abgewickelt wird. Durch Patron Driven Acquisition gewann diese Entwicklung zudem weiter an Dynamik.

Vor diesem Hintergrund konnte das Auslisten von insgesamt rd. 200 000 Titeln aus ihrem EBL-Angebot als Reaktion auf die beschriebenen Preiserhöhungen für die SLUB keine dauerhafte Lösung sein. Vielmehr suchte das Haus in seinen bereits im Sommer 2014 begonnenen Verhandlungen stets nach Wegen, bestehende Verlagsofferten verstärkt in die eigene Erwerbungspolitik zu integrieren, um stark nachgefragten Content zu akzeptablen Konditionen künftig wieder anbieten zu können.

Für ihre semantische Suche (seit 2010) und für ihre Tiefenerschließung über Deep Linking (seit 2012)[24] benötigt die SLUB zudem zusätzlich zu den jeweiligen Metadaten auch die Möglichkeit, lizenzierte Volltexte maschinell zu verarbeiten, um den Content über entsprechende Indexierung und Data-Mining in der Katalog-Suche adäquat anzubieten. Im Rahmen des Big-Data-Kompetenzzentrums Dresden/Leipzig arbeitet die SLUB eng mit Informatik- und Linguistik-Professuren zusammen, um gemeinsam Werkzeuge zur Volltext-Datenanalyse zu entwickeln und zu erproben. In diesem Kontext ist das Haus auch an vertieften Kooperationen mit potenten Wissenschaftsverlagen interessiert.

Patron Driven Acquisition hat sich in der SLUB Dresden als erfolgreich erwiesen. Der Grundgedanke, die Nutzer mit ihrem unmittelbaren Bedarf liberal und auch in letzter Instanz über die Bestandsentwicklung der Bibliothek mitentscheiden zu lassen, trägt. In Ergänzung zu ihrer bibliothekarischen Erwerbung wird die SLUB daher auch weiterhin auf eine möglichst umfassende nutzergesteuerte Bestandsentwicklung setzen.

Allerdings vermag das Aggregatorenmodell EBL nur bedingt und zunehmend weniger die berechtigten Erwartungen des Hauses erfüllen. Neben der prohibitiven Preispolitik der Verlage, der die EBL bislang nichts entgegenzusetzen hat, gilt dies auch für die ebenfalls bereits erwähnten DRM-Restriktionen. Sie werden von der Wissenschaftscommunity immer weniger akzeptiert und sind auch nicht mit der Openess-Strategie der SLUB[25] vereinbar.

Inzwischen lockern viele Verlage auf ihren eigenen Verkaufsplattformen das DRM bzw. verzichten ganz darauf, behalten die Einschränkungen aber für die EBL unverändert bei. Für das Aggregatorenmodell resultiert daraus ein zusätzlicher schwerwiegender Wettbewerbsnachteil.

Im Ergebnis der hier skizzierten Entwicklung hat die SLUB Dresden ihre E-Book-Strategie weiterentwickelt und mit nachstehenden Eckpunkten fixiert:

  • „Digital hat Vorfahrt“: Titel, die als E-Book verfügbar sind, werden im Regelfall nicht mehr als Print-Monografie gekauft.

  • Patron Driven Acquisition bleibt für E-Books wie für Print-Monografien wesentlicher Bestandteil der Erwerbungspolitik des Hauses.

  • Soweit sinnvoll möglich, wird die SLUB Dresden für Patron Driven Acquisition auch künftig Aggregatorenmodelle nutzen. Sie gibt jedoch entsprechenden originären Verlagsangeboten[26] den Vorzug, sofern diese ihre Vorgaben und Erwartungen besser erfüllen. Das gilt insbesondere für die DRM-freie Verfügbarkeit des Contents.

  • Dem Open-Access-Gedanken folgend strebt die SLUB an, nach Möglichkeit auch offen zugängliche, beispielsweise im Selbstverlag erscheinende E-Books (Open-E-Books)[27] direkt in ihre Bestandsentwicklung zu integrieren. Soweit notwendig, wird die Bibliothek das zum Harvesting, zum Nachweis und zur Erschließung erforderliche Know How aufbauen.

  • Für alle von ihr lizenzierten elektronischen Medien erwartet die SLUB vom Anbieter

    • die kostenlose Lieferung von regelwerkkonformen[28] Metadaten;

    • das Recht, sämtliche lizenzierte Volltexte systematisch zu internen Zwecken zu verarbeiten, um sie zur besseren Erschließung anzureichern, und um den Nutzern der SLUB entsprechende Textmining-Services anzubieten;

    • die Freischaltung für die durch die Bibliothek vorgegebenen IP-Bereichen einschließlich Remote-Access über eine Shibboleth-Authentifizierung für Mitglieder und Angehörige der TU Dresden oder Benutzer der SLUB mit Wohnsitz im Dresdner Postleitzahlenbereich,

    • die kostenlose tagesaktuelle Bereitstellung von Nutzungsstatistiken nach dem COUNTER-Standard[29],

    • die bedarfsgerechte dauerhafte Verfügbarkeit des lizenzierten Contents.[30]

Erfreulicherweise sind der SLUB auf dieser Basis bereits zukunftsweisende Lizenzabschlüsse auch als PDA-Modelle mit einer Reihe namhafter Wissenschaftsverlage gelungen. Der dazu von der Bibliothek entwickelte Mustervertrag korrespondiert mit den Empfehlungen des Kompetenzzentrums für Lizenzierungen[31] und ist in den bisherigen Verhandlungen von den meisten Verlagen akzeptiert worden.

4 PDA ist kein Auslaufmodell

Bibliotheken sind zur Benutzung bestimmt und vermögen diesen ureigenen Zweck um so besser zu erfüllen, je stärker sie mit ihren Nutzern interagieren. Das schließt auch die Medienerwerbung ein.

Als nutzergesteuerte Bestandsentwicklung ist Patron Driven Acquisition daher kein Auslaufmodell, sondern bietet Bibliotheken im Gegenteil effiziente Möglichkeiten, ihre Marktpositionen zu verbessern, indem sie akute Bedarfe zielgenau decken. Wie nicht zuletzt die jüngsten Erfahrungen der SLUB zeigen, wächst bei den Verlagen die Bereitschaft, dazu geeignete Angebote mit liberalen Nutzungsbedingungen zu unterbreiten.

Dem gegenüber scheint die Prognose für das Aggregatorenmodell in seiner jetzigen Form derzeit allerdings weit weniger günstig. Zu schwer wiegen inzwischen die Wettbewerbsnachteile gegenüber vielen originären Verlagsangeboten.

In Zukunft steht zu erwarten, dass wissenschaftlicher Content im STM-Segment ausschließlich und für die übrigen Fächer vorrangig elektronisch als Volltexte und Fakten über entsprechende Lizenzen gehandelt werden wird. Die bisherige Unterscheidung in elektronische Zeitschriften, Datenbanken und E-Books wird damit zunehmend obsolet. Prospektiver Bedarf verliert weiter an Bedeutung. Dasselbe gilt für die Verfügbarkeit von Archivrechten bei Fächern mit einer geringen Halbwertszeit des Wissens. Flexible Geschäftsmodelle, die regelmäßig ältere Veröffentlichungen durch aktuellen Content ersetzen, lösen die klassischen Verlags-Pakete ab.

An die Stelle bibliothekarischen „Collection Managements“ nach dem Vertreter-Prinzip – wir versuchen, den Nutzerbedarf zu antizipieren und richten unsere Bestandsentwicklung dementsprechend aus – tritt die überwiegend kundengesteuerte Deckung individuellen Bedarfs im Augenblick der unmittelbaren Nachfrage.

Für die Bibliotheken, die sich jahrhundertelang vorrangig über ihre Bestände definiert haben, dürfte diese Entwicklung einem Paradigmenwechsel gleichkommen. Mit Patron Driven Acquisition ist dieser allerdings bereits eingeleitet.

Online erschienen: 2015-3-19
Erschienen im Druck: 2015-4-30

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