Alfred Schmidt

Ein Haus der Poesie

Das neue Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek

De Gruyter | Published online: November 27, 2015

Zusammenfassung

Im April 2015 eröffnete die Österreichische Nationalbibliothek ihr neues Literaturmuseum, das vierte der Bibliothek angeschlossene Museum im sogenannten „Grillparzerhaus“. Dort befindet sich heute noch das historische Büro Franz Grillparzers, der über zwei Jahrzehnte als Direktor das ehemalige k. k. Hofkammerarchiv geleitet hatte. Das Museum bietet in 45 thematischen und chronologischen Stationen einen multimedialen Rundgang durch die österreichische Literatur von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Daneben wird es mit einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm – und ab 2016 auch regelmäßigen Wechselausstellungen – als lebendiger Treffpunkt für ein literaturinteressiertes Publikum fungieren.

Abstract

In April 2015 the Austrian National Library opened the Literature Museum, its fourth affiliated museum in the so-called “Grillparzer House”. Here, in the former k. k. Hofkammerarchiv the authentic office room of Franz Grillparzer, the former director of the archive for more than two decades, can still be found. The museum offers a multimedia tour with 45 thematic and chronological stations through the Austrian literature from the Age of Enlightenment to the present. In addition, it will offer a diverse programme of events as a lively meeting place for all interested in literature. In 2016, it will start with regular temporary exhibitions as well.

1 Einleitung

Die Österreichische Nationalbibliothek war mit ihren drei angeschlossenen Museen, dem Globenmuseum, dem Papyrusmuseum, dem Esperantomuseum, und mit dem historischen Prunksaal sowie zahlreichen weiteren regelmäßigen Kulturangeboten bereits bisher – über ihre engeren Aufgaben als Nationalbibliothek hinaus – ein facettenreiches nationales Kulturzentrum. Am 18. und 19. April 2015 wurde ein viertes, der österreichischen Literatur der letzten 250 Jahre gewidmetes Museum[1] mit Autorenlesungen der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Echo in den Medien war groß und durchwegs positiv.

Auf zwei Geschoßen und einer Fläche von über 500 m2 bietet das Museum eine multimediale Präsentation unterschiedlicher Aspekte der österreichischen Literatur vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Originalmanuskripte, Briefe, Fotos, Lebensdokumente, Plakate – zum überwiegenden Teil aus dem Literaturarchiv und den anderen Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek – gewinnen im Literaturmuseum neues Leben. Sie werden ergänzt durch zahlreiche Ton- und Videobeispiele sowie erläuternde grafische Elemente.

Abb. 1: Innenansicht, 1. Stock

Abb. 1:

Innenansicht, 1. Stock

Mit dem Literaturmuseum soll nicht nur ein Erinnerungsort der österreichischen Literatur geschaffen werden, sondern vor allem auch ein Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit ihr. Durch die enge Verbindung mit dem Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, das über eine breite Sammlung von Nach- und Vorlässen zu österreichischen Autoren verfügt, besitzt das Literaturmuseum einen idealen wissenschaftlichen und archivarischen Background. Die Einrichtung eines Österreichischen Literaturmuseums ist ein österreichisches und gleichzeitig auch ein gesamteuropäisches Projekt. Am Beispiel der österreichischen Literatur werden die großen historischen Entwicklungslinien dieses Landes veranschaulicht sowie ihre enge Vernetzung mit gesamteuropäischen politischen, kulturellen, geistigen Strömungen der Zeit. Als historisches Erbe der Donaumonarchie repräsentiert die österreichische Literatur nicht nur ein deutschsprachiges, sondern ein multiethnisches, mehrsprachiges Kulturerbe und verdeutlicht so paradigmatisch jenen ‚habsburgischen Mythos‘, der die Geistesgeschichte dieses Landes so nachhaltig geprägt hat.

Die Verbindung von Bibliothek, Archiv, wissenschaftlicher Forschungsstelle und Museum unter einem Dach erzeugt Synergien in alle Richtungen. Die wissenschaftliche Kompetenz der Forschungsinstitution garantiert ein Museum, das höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht wird. Umgekehrt erhalten das Literaturarchiv und die anderen Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek die Chance zu einer publikumswirksamen Präsentation ihrer wertvollen Objekte, wie auch ein öffentliches Forum zur Vorstellung ihrer wissenschaftlichen Arbeit. In diesem Sinn ist das Literaturmuseum auch ein Musterbeispiel für das Zusammenwachsen der Gedächtnisinstitutionen Bibliotheken, Archive und Museen, deren gemeinsame Aufgabe die Erhaltung, wissenschaftliche Erschließung und Präsentation unseres kulturellen Erbes ist.

2 Standort Grillparzerhaus

Das Gebäude in der Johannesgasse 6 im Zentrum Wiens wurde im Revolutionsjahr 1848 für das Archiv der k. k. Hofkammer errichtet, die etwa unserem heutigen Finanzministerium entsprach und die Finanzakten aus dem gesamten Gebiet der Habsburgermonarchie verwaltete. Errichtet als schlichter Zweckbau, kann es als hervorragendes historisches Beispiel Wiener Biedermeierarchitektur gelten. Die Innenarchitektur des Gebäudes ist geprägt von durchgängigen, bis zur Decke reichenden Holzregalen, einst gefüllt mit den unzähligen Aktenfaszikeln aus allen Teilen der Monarchie.

Insbesondere verdankt das Gebäude seine historische Aura aber einem der ganz Großen der österreichischen Literatur: nämlich Franz Grillparzer (1791–1872). Er leitete das k. k. Hofkammerarchiv von 1832 bis 1856, zerrissen zwischen den bürokratischen Pflichten eines Archivdirektors und seiner schriftstellerischen Berufung. Sein Büro im biedermeierlichen Flair ist als symbolisches Zentrum des Hauses im Originalzustand erhalten geblieben und gibt dem Gebäude heute seinen Namen.

Abb. 2: Historisches Büro Franz Grillparzers

Abb. 2:

Historisches Büro Franz Grillparzers

Nach dem Auszug des Österreichischen Staatsarchivs aus dem denkmalgeschützten Biedermeier-Gebäude ergab sich für die Österreichische Nationalbibliothek die einmalige Chance der Realisierung eines bereits lange gehegten Traums, nämlich der Errichtung eines eigenen der österreichischen Literatur gewidmeten Museums.

3 Finanzierung

Das Wirtschaftsministerium der Republik Österreich finanzierte die Sanierung und Adaptierung des historischen Gebäudes mit 2,8 Millionen Euro. Das Kulturministerium übernahm die Kosten für Einrichtung und Installation der Dauerausstellung in der Höhe von 2,6 Mio. Euro, dazu kam ein nicht unwesentlicher Anteil an Sponsoringleistungen. Für den laufenden Betrieb steht ein Budget von jährlich etwa 500 000 Euro zur Verfügung.

4 Die Dauerausstellung

Verantwortlich für die Gestaltung der Dauerausstellung zeichnete ein wissenschaftliches Redaktionsteam unter der Leitung von Univ.-Doz. Dr. Bernhard Fetz, dem Direktor des Literaturarchivs und des Literaturmuseums. Dem Team gehörten des Weiteren Dr. Michael Hansel, Dr. Klaus Kastberger, Dr. Evelyne Polt-Heinzel und Dr. Hannes Schweiger an. Die ursprüngliche Idee und ein erstes Konzept zu einem österreichischen Literaturmuseum gehen aber bereits zurück auf den bekannten Wiener Germanisten und ersten Direktor des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, Univ.-Prof. Dr. Wendelin Schmidt-Dengler (1942–2008).

650 Exponate zu über 200 Autoren, 68 Medienstationen, 68 Audiotracks mit einer Gesamtlänge von fast fünf Stunden, 28 Videoausschnitte von insgesamt über 130 Minuten, weiters interaktive Touchscreens sowie ein eigener Kino- und ein Hörraum machen das Museum zusammen mit dem historischen Grillparzer-Zimmer zu einem spannungsvollen, multimedialen Erlebnis. Die unter Denkmalschutz stehenden historischen Holzregale prägen die Räume und geben einen strengen formalen Rahmen vor, in den alle Ausstellungsvitrinen und grafischen Elemente eingepasst werden mussten. Eine Sitzecke mit bequemen Fauteuils in jedem der beiden Stockwerke bietet Gelegenheit zum Innehalten und zur Entspannung.

Die Dauerausstellung gliedert sich inhaltlich in 44 Stationen, die teils chronologische, teils thematische Aspekte der österreichischen Literatur zwischen 1750 und der Gegenwart herausgreifen, wobei das obere (zweite) Geschoß dem Zeitraum von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg, das untere der Zeit von 1918 bis zur Gegenwart gewidmet ist. Dem Konzept liegt weniger eine strikte zeitliche oder sachliche Einordnung zu Grunde, als vielmehr das Ziel, literarische Phänomene in ihren vielfältigen wechselseitigen Bezügen und Vernetzungen darzustellen. So werden die genannten zeitlichen Grenzen auch immer wieder durchbrochen.

Abb. 3: Innenansicht Literaturmuseum mit Sitzecke, 2. Stock.

Abb. 3:

Innenansicht Literaturmuseum mit Sitzecke, 2. Stock.

Empfangen werden die Besucher im Eingangsbereich im zweiten Geschoß von einer Medieninstallation, die der Frage Was ist Literatur? auf unkonventionelle Weise nachgeht. Wer Kafkas Verwandlung übersetzt in Gebärdensprache noch nicht kennt, findet hier Gelegenheit, dies nachzuholen. Ebenfalls gleich im Entree befindet sich eine Vitrine mit reliquienartigen Fund- und Schaustücken zur Literatur, darunter neben Anderem Adalbert Stifters Krauthobel, Franz Grillparzers Regenschirm, der Morgenrock Heimito von Doderers und eine Maultrommel von Peter Handke (seine selbst geschnitzten Wanderstöcke finden sich übrigens an anderer Stelle). Der Hörraum gleich nebenan bietet eine akustische Collage zur Frage nach einer typisch österreichischen Literatur.

Abb. 4: Entwurfsskizze Heimito von Doderers zu den Dämonen

Abb. 4:

Entwurfsskizze Heimito von Doderers zu den Dämonen

Die ersten historischen Stationen thematisieren die Zeitalter der Aufklärung und des Biedermeiers, letzteres repräsentiert vor allem von den beiden herausragenden österreichischen Dramatikern Johann Nestroy und Ferdinand Raimund. Zum Abschnitt Im Schatten Napoleons gehört auch das Manuskript zu Ernst Jandls Lautgedicht ode auf N. Seinen aufsehenerregenden Vortrag dieses Textes in der Royal Albert Hall in London 1965 zeigt übrigens eines der Videos, die im Kinoraum im ersten Geschoß zu sehen sind.

In dem direkt an das historische Grillparzer-Zimmer anschließenden Bereich der Ausstellung wird der Autor und k. k. Hofkammerarchivdirektor gewürdigt. Neben dem Autograph der Libussa – einer Leihgabe der Wienbibliothek im Rathaus – ist unter anderem auch sein zum Glück glimpflich verlaufener Sturz von einer Leiter beim Ausheben der schweren Aktenfaszikel in seiner eigenen Schilderung dokumentiert. Franz Kafka erkannte in Grillparzer bekanntlich einen Seelenverwandten, nicht alleine wegen ihres gemeinsamen Leidens am ungeliebten Brotberuf. Grillparzers Armen Spielmann las Kafka „über jedes Wort glücklich“ seiner Schwester vor, wie er an Grete Bloch schreibt (Brief vom 15.4.1914); er ist ihm vor allem auch ein Beweis, „dass sich in Wien ordentlich leiden lässt“ (Brief an Grete Bloch vom 14.2.1914).

Nach einer historischen Reminiszenz zum Wiener Revolutionsjahr 1848 geht es weiter mit zeitübergreifenden thematischen Abschnitten etwa zur Imagination des Fremden – u. a. mit einer Originalseite aus dem Manuskript von Kafkas Roman Der Verschollene, die Max Brod einst Stefan Zweig zum Geschenk machte. Im selben Abschnitt findet sich auch das Manuskript zu Franz Werfels historischem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh, der den vergessenen Genozid an den Armeniern durch das Osmanische Reich 1915 thematisiert und zu einem symbolischen Schicksalsroman für ein ganzes Volk wurde. Im Abschnitt Reisen wird u. a. die österreichischen Pionierin und Weltreisende Ida Pfeiffer (1797–1858) gewürdigt. Das Thema Dorf spannt einen weiten Bogen vom Vorarlberger Heimatdichter Franz Felder (1839–1869) bis zur Moderne mit Thomas Bernhard, Josef Winkler, Gerhard Roth und Peter Handke, der zeigt, wie aktuell das Spannungsfeld Stadt-Land in der österreichischen Literatur geblieben ist. Wiens Wege in die Moderne werden u. a. mit bedeutenden Manuskripten von Arthur Schnitzler, Hermann Bahr und Hugo von Hofmannsthal veranschaulicht. Hofmannsthals fiktiver Brief des Lord Chandos an Francis Bacon von 1902, der in einer Korrekturfassung zu sehen ist, kann als „Urmeter der österreichischen Literatur im 20. Jh.“ gelten (Bernhard Fetz). Der Abschnitt zum Ersten Weltkrieg bringt unter anderem literarische Zeugnisse von Georg Trakl und Karl Kraus‘ Entwürfe zu seinem großen Weltkriegspanorama Die letzten Tage der Menschheit.

Abb. 5: Franz Werfels Manuskript der 40 Tage des Musa Dagh

Abb. 5:

Franz Werfels Manuskript der 40 Tage des Musa Dagh

Der Rundgang im zweiten Obergeschoß endet mit einem Abschnitt zu Franz Kafka, in dem man u. a. seine Berliner Verlobte Felice Bauer in einer Video-Rekonstruktion eines historischen ‚Daumenkinos‘ zur Vorstellung des Parlographen der Firma Lindström AG bewundern kann.

Begibt man sich in das thematisch anschließende erste Stockwerk, so geht es zunächst nochmals um die Erinnerung an jenen Habsburgermythos, der als ‚Phantomschmerz‘ (Bernhard Fetz) die österreichische Literatur noch lange nach dem Zerfall der Donaumonarchie begleitete. Zeugnis davon geben Autoren wie Joseph Roth, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Franz Theodor Csokor aber auch Ingeborg Bachmann. Natürlich wäre auch Robert Musil hier zu nennen, dessen Mann ohne Eigenschaften ein eigener anschließender Abschnitt der Dauerausstellung gewidmet ist – sein Gesamtnachlass befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek. Musils Diktum von einem „Generalsekretariat der Genauigkeit und Seele“ ist zudem Leitmotiv eines eigenen Kapitels der Ausstellung, das u. a. eines der wichtigsten Manuskripte aus Ludwig Wittgensteins philosophischem Nachlass zeigt, nämlich die ‚Urfassung‘ seiner Philosophischen Untersuchungen von 1936/37 (Manuskript 142).

In den folgenden Abschnitten werden entscheidende historische Wendepunkte in der österreichischen Geschichte der Zwischenkriegszeit, wie der Justizpalastbrand am 15. Juli 1927, der Bürgerkrieg vom Februar 1934 und schließlich der ‚Anschluss‘ an Hitler-Deutschland im März 1938 anhand wichtiger literarischer Quellen reflektiert. Dazu zählt etwa auch Ernst Jandls satirisches Gedicht zu Hitlers Auftritt am Wiener Heldenplatz am 15. März 1938:

wien : heldenplatz

der glanze heldenplatz zirka

versaggerte in maschenhaftem männchenmeere

drunter auch frauen die ans maskelknie

zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick

und brüllzten wesentlich.

verwogener stirnscheitelunterschwang

nach nöten nördlich, kechelte

mit zu-nummernder aufs bluten feilzer stimme

hinsensend sämmertliche eigenwäscher.

pirsch!

döppelte der gottelbock von Sa-Atz zu Sa-Atz

mit hünig sprenkem stimmstummel.

balzerig würmelte es im männechensee

und den weibern ward so pfingstig ums heil

zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte.

Abb. 6: Ludwig Wittgenstein: Urfassung der Philosophischen Untersuchungen (Ms. 142)

Abb. 6:

Ludwig Wittgenstein: Urfassung der Philosophischen Untersuchungen (Ms. 142)

Die Zeit des Dritten Reichs ist darüber hinaus Thema einer ausführlichen Dokumentation, die sich mit NS-Karrieren, Verfolgung, Vertreibung, Vernichtung und Exil aus dem Blickwinkel der Literatur auseinandersetzt. Als Beispiel sei hier nur der faszinierende Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Günther Anders aus dieser Zeit genannt, denen beiden die Flucht in die USA gelingt. Die literarische Aufarbeitung des NS-Regimes dauerte indes noch viele Jahre. Dazu zählen grundlegende Romane wie Hans Leberts Wolfshaut, Gerhard Fritschs Fasching oder Robert Schindels Gebürtig.

Weitere thematische Kapitel beschäftigen sich mit den Themen Schule/Erziehung und Arbeitswelten. Die dunkle Seite der neueren österreichischen Literatur wird in einem Abschnitt mit dem Titel Todesarten thematisiert, der auf Ingeborg Bachmanns großen Romanzyklus anspielt – auch ihr Gesamtnachlass befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek. Breiten Raum nimmt schließlich die Darstellung der Wiener Avantgarde ein, die vor allem durch die Wiener Gruppe repräsentiert wird. Textbeispiele von Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Konrad Bayer, Andreas Okopenko, Gerhard Rühm und Oswald Wiener – aber auch von Ernst Jandl, der sich bekanntlich nur als deren „Onkel“ fühlte – sind hier zu sehen. Abschließende Abschnitte thematisieren einerseits literarische Korrespondenzen – mit interessanten Beispielen bedeutender Briefwechsel wie etwa derjenige zwischen Alfred Kubin und seinem Verleger Reinhard Piper, der zwischen Ernst Jandl und seiner lebenslangen Gefährtin Friederike Mayröcker oder auch der zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan – andererseits unter dem Titel Schreibprozesse die unterschiedlichen Umstände und Rahmenbedingungen des Schreibens. Peter Handkes Dokumente seiner Wanderungen finden sich hier neben Josef Winklers Reisenotizbüchern, Oswald Wieners Impressionen seiner Wahlheimat Kanada oder Ludwig Wittgensteins sogenannten „Koder-Tagebüchern“ (Manuskript 183) aus Cambridge und Skjolden (Norwegen) aus den 1930er-Jahren. Die Ausstellung endet schließlich mit (wörtlich gemeinten) Abreiß-Gedichten und einer Einladung zum Weiterschreiben an die Besucher.

Ein speziell zur Ausstellung entwickeltes Tablet bietet wahlweise einen 90-minütigen virtuellen Rundgang durch die Dauerausstellung oder Hintergrundinformationen, Hörbeispiele u. a., die jeweils zu den einzelnen Stationen der Ausstellung abgerufen werden können.

5 Temporäre Ausstellungen und Veranstaltungsprogramm

Ab dem Jahr 2016 wird das Literaturmuseum in einem eigenen (dritten) Geschoß zusätzlich zur Dauerausstellung jährlich auch eine Wechselausstellung zeigen. Die erste Präsentation dieser Art wird zehn jungen österreichischen Autoren – fünf Frauen und fünf Männern – gewidmet sein, die Gelegenheit bekommen, ihre eigene schriftstellerische Arbeit in innovativer Weise vorzustellen.

Das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek versteht sich vor allem als lebendiger kultureller und sozialer Treffpunkt für alle Literaturinteressierten. Ein vielseitiges Veranstaltungsprogramm wird dazu dienen, dass das Museum nicht nur als Erinnerungsort wahrgenommen wird, sondern auch als Ort der Begegnung und des Gesprächs.

Dazu wurden folgende Veranstaltungsreihen konzipiert:

  • Reden vom Schreiben. Autorinnen und Autoren im Gespräch: In Kooperation mit der Grazer Autorenversammlung werden regelmäßig zwei Schriftsteller zur Vorstellung und Diskussion ihres Werkes eingeladen. 2015 sind u. a. Clemens Berger, Marie-Thérèse Kerschbaumer, Robert Schindel und Josef Winkler zu Gast.

  • In den Vorlesungen zur österreichischen Literatur kommen namhafte Germanisten aus dem In- und Ausland zu Wort.

  • Die Archivgespräche – die bereits bisher als Veranstaltungsreihe des Literaturarchivs bestanden – werden insbesondere an bereits verstorbene Autoren erinnern bzw. Themen aus archivalischer Perspektive aufgreifen.

  • Eine besondere Attraktion bietet die Reihe Das Museum geht ins Kino in Kooperation mit dem benachbarten Filmarchiv Austria und dem Metropol-Kino. Gezeigt werden literaturaffine Filme unter anderem zum Thema Kafka geht ins Kino (Dezember 2015).

Zusätzlich wird auch die Kooperation mit Schulen durch spezielle Vermittlungsangebote gesucht.

6 Ausblick

Österreich kann auf ein reiches literarisches Erbe verweisen. Namen wie Franz Kafka, Robert Musil, Ödön von Horvath, Ingeborg Bachmann, die Wiener Gruppe, Ernst Jandl, Thomas Bernhard, Peter Handke und viele andere haben die österreichische Literatur weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. In der Öffentlichkeit ist dieses reiche literarische Erbe freilich noch nicht entsprechend präsent. Zweck des Literaturmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek ist es, der österreichischen Literatur ein sichtbares öffentliches Zeichen zu setzten, ein Zeichen allerdings, das nicht bloß stereotype Österreich-Klischees reproduziert, sondern eine kritische Reflexion der österreichischen Kulturgeschichte im Spiegel ihrer Literatur ermöglichen soll, in all ihren mühevollen Versuchen der Identitätsfindung, ihren vielfältigen übernationalen Verflechtungen sowie ihren komplexen gesellschaftlichen und politischen Bezügen.

Gerade Schriftsteller zeigen oft ein besonderes Maß an Sensibilität und kritischem Misstrauen gegenüber ihrem eigenen Land – und ernten dafür häufig offene Anfeindung und Schmähung. Erst nach ihrem Tod erwartet sie meist der Aufstieg zum gefeierten Nationaldichter – siehe etwa Thomas Bernhard. Dabei ist es doch gerade ihre schonungslose Selbstkritik, die jedem Land so dringend Not tut, um einen quasi angeborenen Hang zu Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit zu überwinden. Auch dafür soll das neue Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek stehen.

„Es ist die Literatur, die das Bild eines Landes bestimmt, gerade indem sie allen fertigen Bildern mit Hartnäckigkeit und sanfter Gewalt widerspricht.“ (Peter Handke)

Published Online: 2015-11-27
Published in Print: 2015-12-1

© 2015 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 3.0 License.