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Publicly Available Published by De Gruyter March 28, 2017

Stadtbücherei Hilden – Bibliothek des Jahres 2016

Claudia Büchel EMAIL logo

Zusammenfassung

„Der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) verleiht der Stadtbücherei Hilden den Preis ‚Bibliothek des Jahres 2016‘. [...] Mit [ihr] wird eine Bibliothek geehrt, die sich in den letzten Jahren konzeptionell völlig neu aufgestellt hat. Das Kundeninteresse immer im Mittelpunkt der Arbeit, sie durchläuft mittels eines zertifizierten Qualitätsmanagement-Systems einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess. [...] Die Stadtbücherei Hilden ist in ihrer digitalen Kommunikation und Ausstattung vorbildlich.“ (Auszug aus der Urkunde des dbv am 23. Oktober 2016)Die langjährige Zusammenarbeit mit örtlichen Schulen und Kindertageseinrichtungen, die Einbindung von Ehrenämtlern, ein umfangreiches Veranstaltungsangebot, gezielte Angebote für Flüchtlinge und ein engagiertes und motiviertes Team sind weitere Erfolgsfaktoren.

Abstract

“The Hilden Public Library received the Library of the Year 2016 award by the Deutsche Bibliotheksverband (dbv), the German Library Association. [It] is honored as a library which has revised its concept constantly during the last years. With a focus on the users’ interest The Hilden Public Library has been continuously improving its working processes via a certified quality management system. [...] It is a role model in matters of digital communication and facilities.” (excerpt from the dbv’s October 23, 2016 certificate) Long-term cooperation with local schools and nurseries, the involvement of volunteers, a considerable range of activities and events, specific offers for refugees and the commitment of a dedicated and motivated team are further success factors.

1 Stadtbücherei Hilden – Qualität zahlt sich aus

Mit einem Schrank und 391 Bänden wurde die Stadtbücherei Hilden im Kreis Mettmann am Sonntag, 5. Januar 1913, im Hintergebäude einer Schule eröffnet. Doch nachdem der Anfang etwas schwer war, kann man inzwischen auf eine über 100-jährige qualitätsvolle Tradition zurückblicken. Die Staatliche Büchereikommission besichtigte am 31.08.1951 die Hildener Stadtbücherei. Direktor Mevissen, Leiter der Kommission zur Untersuchung des damaligen Standes des Büchereiwesens, sagte, dass Hilden einen guten Klang im Büchereiwesen habe und man die Stadt deshalb besuche. Noch heute betreut die Bibliothek als schulbibliothekarische Arbeitsstelle alle Mini-Bibliotheken in den zwölf Grundschulen.

Seit 2009 ist die Bibliothek der 56 000 Einwohnerstadt in direkter Nachbarschaft zu Düsseldorf Mitglied im Management-Verbund der Öffentlichen Bibliotheken in den Regierungsbezirken Düsseldorf und Köln. Das 15-köpfige motivierte und engagierte Bibliotheksteam um Leiterin Claudia Büchel hat 2013/2014 ein Qualitätsmanagement-System eingeführt, das 2015 durch den TÜV-Süd nach ISO 9001:2008 zertifiziert wurde. In diesem Rahmen wurden alle Aufgaben von den Mitarbeiterinnen schriftlich fixiert und halfen bei der Einarbeitung neuer Kolleginnen.

Und davon gab es viele in den vergangenen Jahren, denn neun Schwangerschaften innerhalb von sechs Jahren führten zu einigen Veränderungen im Team. Doch auch Fortbildung wird groß geschrieben in der Stadtbücherei Hilden. Zwischen 40 und 60 Stunden jährlich bildet sich jeder Mitarbeiterin in den verschiedensten Bereichen fort.

So passt auch der wichtigste Aspekt des Qualitätsmanagements, das Kundeninteresse in den Arbeitsmittelpunkt zu stellen, genau zur Stadtbücherei Hilden. Um die Kundeninteressen in Erfahrung zu bringen, werden Befragungen (auch zu Einzelthemen) und Feedbackzettel eingesetzt. Die Auswertung erfolgt systematisch. Durch die Bibliotheksleitung wurde 2014 erstmalig ein Marketingkonzept entwickelt, das jährlich aktualisiert wird. Teil des Konzeptes sind ein Bestandsprofil sowie ein Veranstaltungskonzept, das von den Mitarbeitenden selbst aktualisiert wird.

Abb. 1: Team, ©Klaus Helmer
Abb. 1:

Team, ©Klaus Helmer

Die Arbeit mit einem Qualitätsmanagement-System beinhaltet immer einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP), d. h., bestehende Tätigkeiten werden kritisch beleuchtet und hinterfragt. Dieser Verpflichtung geht die Stadtbücherei Hilden sehr gewissenhaft nach und hat in den zurückliegenden Jahren die Bibliothek konzeptionell völlig neu aufgestellt.

Von 2000 bis zur Einstellung des Bibliotheksindexes im Jahre 2015 hat Hilden am einzigen Leistungsvergleich im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Die Platzierungen haben sich über die Jahre stetig verbessert und 2015 hat Hilden neben nur fünf anderen Bibliotheken dieser Größenordnung in Deutschland in allen vier Kategorien (Angebot, Nutzung, Effizienz und Entwicklung) die Spitzengruppe erreicht.

2 Zentrale Anlaufstelle in der Stadt

Seit 1994 ist die Bibliothek in einem attraktiven und modernen Gebäude untergebracht, das als Bibliotheksbau konzipiert wurde. Das Konzept sieht ein offenes und durchlässiges Haus vor. Nach 25-jähriger intensiver Nutzung war eine Renovierung erforderlich. Von 2009 bis 2012 wurden alle Etagen komplett renoviert und auch konzeptionell neu aufgestellt. Dazu zählten: Einrichtung einer großen Jugendabteilung (U-Bib) mit Lern- und Freizeitbereich, Bündelung von Angeboten für die „Generation Plus“, Ablösung der ASB durch Interessenkreise im Sachbuchbereich für Kinder und Erwachsene, Einrichtung eines Veranstaltungs- und Kleinkindbereiches in der Kinderabteilung sowie die Neugestaltung des Erdgeschosses mit Informationstheke, Erweiterung der Selbstverbuchung, Kassenautomat und Einrichtung einer Q-thek.

Alle Maßnahmen wurden als Projekte mit finanzieller Unterstützung des Landes NRW realisiert.

Die Nutzer erwartet ein heller und freundlicher Ort, der zum Verweilen im Lesecafé während der Mittagspause, als Lernort für Schüler, als Veranstaltungsort für Klein und Groß, Treffpunkt für Flüchtlinge, ihre ehrenamtlichen Helfer und darüber hinaus zum Spielen, zur Internet-, Scanner-, Drucker- und W-LAN-Nutzung und zur Medienausleihe über drei Selbstverbuchungsgeräte einlädt.

Abb. 2: Außenansicht, ©Klaus Helmer
Abb. 2:

Außenansicht, ©Klaus Helmer

3 Die Bibliothek – mein Wohnzimmer

Die größte Wirksamkeit zeigt die Zusammenarbeit mit den Schulen vor Ort. Bereits mit der Einrichtung der Schülerbüchereien in allen Hildener Schulen in den 1950er-Jahren wurde dafür ein wichtiger Grundstein gelegt. Die Kooperation wurde in den kommenden Jahrzehnten ausgebaut und durch die Teilnahme am Projekt „Medienpartner Bibliothek und Schule“ der Bertelsmann-Stiftung ab 2002 intensiviert. Seitdem gibt es schriftliche Kooperationsvereinbarungen mit allen Hildener Schulen. 2013 wurden darüber hinaus mit den Kindertageseinrichtungen ebenfalls schriftliche Kooperationen abgeschlossen.

Ehrenamtliches Engagement wird dabei in der Stadtbücherei Hilden groß geschrieben. Alle Schülerbüchereien werden seit Jahrzehnten ehrenamtlich von den Eltern der Kinder betreut.

Bereits seit sechs Jahren sind die über 30 „Lernpaten“ als Kooperationspartner der Bibliothek aktiv, die Schüler beim Lernen unterstützen und fördern, bei den Schulaufgaben helfen, ausländischen Kindern beim Erlernen der deutschen Sprache helfen und sie während ihrer Schulzeit persönlich begleiten.

Vorlesepaten unterschiedlicher Nationalitäten sind in der Bibliothek oder anderen Einrichtungen für die Stadtbücherei aktiv.

Als nachhaltig erweist sich auch die Einrichtung einer Stelle für interkulturelle Bibliotheksarbeit im Jahre 2008. Die Vernetzung mit Kulturvereinen, Initiativen und Beteiligten ist auf langfristige Zusammenarbeit ausgelegt. Darauf aufbauend konnte 2015 ein Strauß an Maßnahmen für Flüchtlinge entwickelt und ausgeführt werden.

Abb. 3: Angebote Flüchtlinge, ©Klaus Helmer
Abb. 3:

Angebote Flüchtlinge, ©Klaus Helmer

Zitat von Ali Bagdach, einem Flüchtling in Hilden: „Wir sind zu fünft in einem kleinen Zimmer untergebracht. Ich möchte lernen und entspannen, die anderen wollen nur Party machen. Die Bibliothek ist mein Wohnzimmer. Dort fühle ich mich wohl, kann lernen und Zeit verbringen. Ich kann niemanden zu mir einladen. Deshalb lade ich alle zu mir in die Bibliothek ein und treffe mich dort mit ihnen.“

4 Immer auf der Suche nach neuen Ideen

Bereits 2003 wurde die automatisierte Medienausleihe und -rückgabe eingeführt. Seit 2008 ist die Medienverbuchung für Kunden ausschließlich über die Selbstverbucher möglich. Mit den frei werdenden Personalstunden wurde eine Erweiterung der Öffnungszeiten realisiert.

Die Q-thek wurde 2013 zur Präsentation von Endgeräten (E-Book-Readern, Tablets, Smartphones) eingerichtet. Allen Besuchern des Hauses stehen die Geräte zum Ausprobieren zur Verfügung. 15 bereits bespielte E-Book-Reader können entliehen werden. Seit 2014 kann im gesamten Gebäude freies W-LAN genutzt werden.

Abb. 4: Q-thek, ©Verena Wamser
Abb. 4:

Q-thek, ©Verena Wamser

Ausleihbar sind auch Regenschirme für Schlechtwettertage, Medientrolleys zum Transport der Medien nach Hause, Geburtstagskisten für Prinzessinnen, Piraten und Zirkusfans sowie Erzählkoffer zu bekannten Kinderbüchern.

2015 wurden, aus aktuellen Anlass, die Angebote für Flüchtlinge ausgebaut: der Medienbestand um Bildwörterbücher, Sprachkurse und Verständigungshilfen erweitert, der Bereich „Leichte Sprache“ eingeführt, Medienboxen zusammengestellt sowie Flyer in verschiedenen Sprachen zum Verteilen in Flüchtlingsunterkünften und sonstigen Stellen entwickelt. Speziell für die Integrationskurse der VHS wurden besondere Führungen entwickelt und eine App zur individuellen Bibliotheksführung erarbeitet. Mit „Speak Easy“ wurde ein neues wöchentliches Veranstaltungsangebot für Flüchtlinge und ehrenamtliche Betreuer etabliert. Im aktuellen Jahr werden die Services weiter ausgebaut, z. B. mit der Einführung von Filmnachmittagen und der Durchführung einer „Interkulturellen Woche“.

5 Die Bibliothek im Wandel

Die Presselandschaft in Hilden hat sich in den zurückliegenden drei Jahren deutlich verändert. Gab es ursprünglich drei lokale Tageszeitungen mit eigenen Redaktionen, so werden sie jetzt alle von einer Redaktion beliefert. Damit ist es für die Stadtbücherei grundsätzlich schwieriger geworden, in den lokalen Printmedien berücksichtigt zu werden.

Durch die Teilnahme am Partnerbibliotheksprogramm der Initiative „Lernort Bibliothek“ des Landes NRW, ergab sich ab 2013/2014 die Möglichkeit, an Coachings im Bereich der Sozialen Medien teilzunehmen. Die durch namhafte Coaches durchgeführten Fortbildungen für das gesamte Bibliotheksteam wurden bis einschließlich 2014 fortgesetzt. Nach dem Start mit einem Facebook-Auftritt kamen bald der Blog „Leseoase“, YouTube und Twitter hinzu. Seit Ende 2015 wird ein Instagram-Account betrieben und im Laufe des Jahres 2016 wurde WhatsApp eingeführt.

In die Social-Media-Aktivitäten der Bibliothek sind alle Mitarbeiterinnen eingebunden. Für die Betreuung von Facebook und Twitter gibt es eine „Community“-Gruppe. Ihr gehören aktuell acht Personen an, die sich die Aufgaben nach einem Zeitplan aufteilen.

Die Stadtbücherei Hilden hat in den vergangenen 15 Jahren immer wieder mit Großveranstaltungen auf sich aufmerksam gemacht. Bis 2009 waren es die jährlich stattfindenden Einschulungspartys für I-Dötzchen und ihre Familien, die regelmäßig mehrere Hundert Teilnehmer anlockten.

Abb. 5: Veranstaltungen, ©Klaus Helmer
Abb. 5:

Veranstaltungen, ©Klaus Helmer

Seit Einführung der NRW-weiten Aktion „Nacht der Bibliotheken“ beteiligt sich die Hildener Bibliothek daran. Die wechselnden Mottos werden in thematischen Großveranstaltungen umgesetzt, die regelmäßig von über 500 Personen besucht werden. 2013 berichtete der Radiosender „1Live“ live über die Veranstaltung.

Online erschienen: 2017-3-28
Erschienen im Druck: 2017-4-1

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 31.1.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/bfp-2017-0017/html
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