Dagmar Härter

Bibliothek im Wandel: Die (Weiter-)Entwicklung der Bereichsbibliothek Medizin der SUB Göttingen als Lern-, Arbeits- und Kommunikationsort von 2013 bis heute

The Changing Library – the Medical Library of the SUB Göttingen as a place to study, to work and to communicate and its development from 2013 until today

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De Gruyter | Published online: April 11, 2018

Zusammenfassung

Der digitale Wandel und das veränderte Nutzerverhalten stellen Bibliotheken schon seit längerer Zeit vor völlig neue Herausforderungen. Traditionelle Arbeits- und Aufgabenbereiche verlieren an Bedeutung bzw. entfallen, dafür kommen andere Tätigkeiten hinzu, auf die das Personal teilweise erst vorbereitet werden muss. Wie man es mit einem immer kleiner werdenden Mitarbeiterpool dennoch schaffen kann, die Bibliothek weiterhin als attraktiven Lern-, Arbeits- und Kommunikationsort zu erhalten und auszubauen, zeigt dieser Erfahrungsbericht exemplarisch am Beispiel der Bereichsbibliothek Medizin in Göttingen.

Abstract

Digital change and new user requirements present a great challenge for scientific libraries and librarians. Traditional workflows and assignments have become less needed or superfluous, new library staff abilities and skills are required. But it is possible to maintain and develop the role of the library as an attractive place for learning, working and communicating, as this article shows using the Medical Library at the Göttingen State and University as an example.

1 Einleitung

Gerade im natur- und lebenswissenschaftlichen Bereich macht sich der digitale Wandel schon seit vielen Jahren überdeutlich bemerkbar. Die Umstellung des gedruckten Zeitschriftenbestandes auf e-only sowie verändertes Nutzerverhalten (Lernen in Arbeitsgruppen, Bedarf und Einfordern von Arbeitsplätzen mit hochwertiger technischer Ausstattung, Möglichkeit zu ruhigem Arbeiten, aber auch zur entspannten Kommunikation) macht eine Umstrukturierung und Neuausrichtung wissenschaftlicher Bibliotheken „von der Bibliothekarsbibliothek zur Nutzerbibliothek“[1] und weg von der ehrfurchtgebietenden „Halle des Wissens“[2] notwendig, um weiterhin ein attraktiver Ort für alle Nutzergruppen zu bleiben.

Tiefgreifende Veränderungen und teilweise auch komplette Neuaufstellungen von Arbeits- und Organisationsbereichen sind durchzuführen, um „eine hohe Arbeits- und Aufenthaltsqualität von Bibliotheken als physischem Raum“[3] zu gewährleisten, für die Fakultät ein lohnender Arbeitsort und wichtiger Partner und Dienstleister zu bleiben und sich so weiterhin als „Serviceeinrichtung profilieren zu können, die einen kleinen, aber wesentlichen Beitrag zum Erfolg der Hochschule beiträgt, zu der sie gehört“.[4]

2 Entwicklung seit 2011

In der Bereichsbibliothek Medizin (BBM) der SUB Göttingen wurde der erste Schritt dazu bereits 2011 getan, als die Bibliothek, die seit den 1970er-Jahren im Gebäude der Universitätsmedizin (UMG) untergebracht ist, mit Studiengebühren im Nutzerbereich grundlegend umgebaut, renoviert und saniert wurde. Die Studierenden hatten bei der Planung ein gewichtiges Mitspracherecht und so konnte die Bibliothek räumlich ziemlich genau an die Bedarfe der Hauptnutzergruppe angepasst und entsprechend umgestaltet werden.

Abb. 1 EG Medizinbibliothek

Abb. 1

EG Medizinbibliothek

Die Bibliothek steht ca. 3 500 Medizinstudierenden und ca. 1 700 Wissenschaftlern der UMG zur Verfügung und bietet auf ca. 4 500 qm verschiedene „ausdifferenzierte“[5] Arbeitsbereiche, angefangen bei einem Learning Resources Center, einem Computer-Pool für Studierende, dessen Rechner mit unterschiedlicher – auch spezieller – Software ausgestattet sind. Des Weiteren gibt es einen Lounge-Bereich mit verschiedenen bequemen Sitz- und Entspannungsmöbeln, einem großzügigen Gruppenarbeitsbereich, dessen Tische jeweils über einen PC samt dazugehörigem großen Monitor verfügen, bis hin zu Ruhe- und Stillarbeitsplätzen im ersten Obergeschoss, sogenannten ‚Lernboxen‘, wo die Nutzer ohne störende Rede- oder Geräuschkulisse lernen können. Der übrige Bereich der BBM ist ebenfalls für Gruppenarbeit ausgerichtet. Die Nutzer dürfen sich austauschen und Gespräche führen oder auch ihre Arbeitsergebnisse an mobilen Whiteboards diskutieren.

Mitte 2013 bekam die BBM eine neue Leitung. Damit verbunden war die Anforderung, die Bibliothek in enger Abstimmung mit der Fakultät sowohl als physischen als auch virtuellen Raum weiter zu entwickeln.

Dies war die Rahmenbedingung für verschiedene kleinere und größere Projekte, die letztendlich als ein Großprojekt zu verstehen sind, um den Lern- und Arbeitsort Medizinbibliothek Göttingen in seinen Services zu modernisieren, um die Studierenden als die zukünftigen Wissenschaftler von morgen, aber natürlich auch Forschende und Lehrende der Universitätsmedizin so optimal wie möglich unterstützen zu können.

Als einer der allerersten Schritte wurde der Kontakt zur Fachschaft Humanmedizin wieder intensiviert, um die Bedarfe der Nutzer konkret abfragen zu können. In persönlichen Gesprächen kristallisierte sich schnell der Wunsch nach Ausweitung der Öffnungszeiten von 22 auf 24 Uhr unter der Woche heraus, was dann relativ zeitnah über einen Antrag auf Finanzierung aus Studienqualitätsmitteln realisiert werden konnte, sodass die BBM seit Oktober 2014 montags bis freitags von 8 – 24 Uhr öffnet, am Wochenende von 8 – 22 Uhr. Ab 16 Uhr und am Wochenende wird die Leihtheke dann von studentischen Mitarbeitern in Teilzeit besetzt, die mittlerweile alle über Studienqualitätsmittel finanziert werden.

Der zweite Schritt bestand darin, die dunkle, bollwerkartige alte Ausleihtheke auszutauschen und gegen eine in hellem Holz gehaltene, viel einladender wirkende niedrige Informationstheke zu ersetzen, die Öffnungen zum Nutzerbereich hat und mit einem in den Nutzerbereich integrierten Beratungsplatz für Literaturrecherche und Literaturverwaltung versehen ist. Dies konnte aus SUB-Eigenmitteln finanziert werden.

Dann mussten zunächst verschiedene andere Punkte geklärt werden, um mit dem Umstrukturierungsprozess fortzufahren:

  1. Welche Angebote und Services gibt es in anderen medizinischen Fachbibliotheken?

  2. Welche personellen Veränderungen sind nötig (und möglich), um erforderliche Dienstleistungen effizient anbieten zu können?

  3. Wie könnte man mit möglichst wenig Aufwand nicht mehr benötigte Bürofläche umwidmen?

Dabei war von Anfang an enorm wichtig, Partner für die verschiedenen Vorhaben zu gewinnen, um eine stabile Finanzierung zu gewährleisten.

Und so kam es 2014 zum ersten Kooperationsprojekt zwischen Bibliothek, Gleichstellungsbüro, Gebäudemanagement und Fachschaft Humanmedizin bei der Planung eines in die Bibliothek integrierten großzügigen Eltern-Kind-Bereichs samt buchbarem Büro und Wickel-/Stillraum für junge Eltern. Diese haben so die Möglichkeit bekommen, zusammen mit ihren Kindern die Bibliothek zu nutzen, ohne andere Personen zu stören. Dafür standen mehrere zu diesem Zeitpunkt leerstehende Büros zur Verfügung. So wurde ein äußerst ansprechender Arbeits- und Aufenthaltsbereich für Eltern mit Kindern geschaffen, der aus Studienqualitätsmitteln sowie Geldern aus verschiedenen Sonderforschungsbereichen finanziert und im November 2015 eröffnet und eingeweiht wurde.[6]

Ziel dieses Projektes war es, Raum für eine Nutzergruppe bereitzustellen, die bisher überhaupt nicht im Fokus stand, obwohl die medizinische Fakultät die zweitgrößte Gruppe der Studierenden mit Kind an der Universität Göttingen stellt. Inzwischen erfreuen sich die Räumlichkeiten großer Akzeptanz und werden regelmäßig genutzt – mit steigender Tendenz.

Abb. 2 Eltern-Kind-Bereich

Abb. 2

Eltern-Kind-Bereich

Diverse Fortbildungsreisen und -veranstaltungen lieferten Impulse und Ideen für weitere Angebote, die nach und nach in der BBM etabliert wurden: Parallel zum Ausbau und zur Umgestaltung des physischen Raumes erfolgte der Aufbau von Kursangeboten zu Literaturrecherche und Literaturverwaltungsprogrammen. Innerhalb weniger Monate konnten Face2Face-Kurse zur Recherche in medizinischen Fachdatenbanken, speziell für PubMed, angeboten werden, gefolgt von Kursen zu den Literaturverwaltungsprogrammen Endnote und Zotero, die seither ein gern angenommenes Angebot der Bibliothek sind und auch von Beschäftigten der UMG besucht werden. Darüber hinaus werden diese Kursangebote mittlerweile auch als Online-Selbstlerndokumente bereitgestellt.

In Kooperation mit der Gruppe „Elektronisches Publizieren“ der SUB Göttingen und in Zusammenarbeit mit verschiedenen Abteilungen der Universitätsmedizin sowie weiteren universitätsnahen Organisationen und Einrichtungen werden in der UMG regelmäßig Informationsveranstaltungen zum Thema Open Access und Forschungsdatenmanagement durchgeführt. Die Leitung der Bibliothek fungiert dabei als Koordinatorin und Mitorganisatorin dieser Veranstaltungen, die sich mittlerweile verstetigt haben und zweimal im Jahr zum Fortbildungs- und Informationsangebot der UMG gehören.

Im Jahr 2014 gab es in der BBM als größtem Standort der Gruppe der Naturwissenschaftlichen Bereichsbibliotheken (Forst, Medizin, Physik) der SUB Göttingen insgesamt 7 Mitarbeiter im klassischen Tagesdienst zwischen 8 und 16 Uhr mit einem Stundenumfang von ca. 5,75 VZÄ. Im Zuge der Umstrukturierungsphase war ein neues Personalkonzept erforderlich und damit verbunden auch ein unvermeidlicher Personalabbau. Dieser wurde aber sozialverträglich durchgeführt, indem betroffene Mitarbeiter in anderen Einsatzorten beschäftigt werden konnten, sodass letztlich alles zur Zufriedenheit der Beteiligten umgesetzt werden konnte. Heute sind immer noch insgesamt 7 Mitarbeiter im Tagesdienst der BBM beschäftigt, aber nur noch 3 gehören zum bibliothekarischen Fachpersonal im Umfang von 3 VZÄ, zusammen mit 4 studentischen Mitarbeitern in Teilzeit mit insgesamt 20 Wochenstunden.

Zusammen mit den 17 studentischen Mitarbeitern des Randzeitenteams, das nach 16 Uhr und am Wochenende eingesetzt wird, verfügt die BBM bei 108 Öffnungsstunden an sieben Tagen in der Woche über insgesamt 25 Mitarbeiter, entsprechend ca. 7,6 VZÄ. Dabei obliegt den drei Personen des Stammpersonals die Aufsicht über das Tagesgeschäft, studentische Mitarbeiter führen Rückstellarbeiten und einfache unterstützende Tätigkeiten durch und sind ansonsten zum großen Teil für die Besetzung der Ausleihtheke/der Eingangskontrolle und der Verbuchungstätigkeiten während der langen Öffnungszeiten zuständig.

Der Einsatz von studentischen Teilzeitbeschäftigten führt zwar zu mehr Flexibilität bei der Besetzung der Ausleihtheke. Andererseits liegt das Kursangebot damit hauptsächlich in den alleinigen Händen und der Verantwortung der Bibliotheksleitung, da Fachpersonal kaum noch zur Verfügung steht und nur auf freiwilliger Basis mit eingebunden wird bzw. wenn dies explizit eingefordert wird.

Seit Anfang 2017 gehören Kurzpräsentationen in Form sogenannter Coffee Lectures einmal monatlich zum festen Informationsangebot der BBM. Diese Coffee Lectures gibt es für jedermann sichtbar im Foyer der Bibliothek jeweils zu einem festen Termin und zu einer festen Uhrzeit als viertelstündigen Kurzvortrag zu einem bibliotheksrelevanten bzw. medizinrelevanten Thema. Bei einer Tasse Gratiskaffee können sich Nutzer ganz zwanglos und unverbindlich entsprechende Informationen beschaffen.

Mit dem Format der Coffee Lectures möchte die Bibliothek auf sich und ihre Angebote aufmerksam machen und Neugier wecken auf mehr sowie detailliertere Informationen und überhaupt den Blick der Nutzer stärker auf die Bibliothek richten. Auch von der Fakultät werden die Coffee Lectures wahrgenommen und es konnte bereits ein Gastvortrag aus der Medizinischen Informatik der UMG eingeworben werden. Bei der Durchführung der Coffee Lectures wird die Bibliotheksleitung von einer studentischen Hilfskraft unterstützt.

Zeitgleich zum Kursangebot wurde der Ausbau des physischen Orts Bibliothek weiter vorangetrieben. Auch hier begann es im Jahr 2014 mit dem Aufbau einer inzwischen stattlichen Sammlung von qualitativ hochwertigen Körpermodellen, die in Absprache mit der Fachschaft Humanmedizin über Studienqualitätsmittel beantragt und beschafft wurden. Diese Sammlung befindet sich weiterhin im Aufbau und wird auf der Basis von Nutzerwünschen jedes Semester um ein paar Modelle erweitert. Inzwischen besteht die Körpermodellsammlung der BBM aus insgesamt 20 Körperteil-Modellen (u. a. 3 Schädel, ein Torso, Lunge, Leber, Herz, Auge, Gehörgang, Kehlkopf, Arm, Bein u. a.), die von den Nutzern ausgeliehen und innerhalb der Bibliothek an die Arbeitsplätze mitgenommen werden dürfen.

Abb. 3 Auswahl Körpermodellsammlung

Abb. 3

Auswahl Körpermodellsammlung

Die Körpermodellsammlung bildete den Anfang bei der Einrichtung einer kleinen Werkstatt, des ‚Makerspace‘ der BBM, der auf einer Bürofläche im Mitarbeiterbereich der Bibliothek entstand, der im Zuge der personellen Umstrukturierungen und nach einer kleinen Umräumaktion von wenig genutzten Beständen frei geworden war.

2016 konnten aus angesparten Eigenmitteln der Bibliothek zwei 3D-Drucker und ein 3D-Scanner erworben werden, die von Anfang an auf reges Nutzerinteresse stießen. In Anlehnung an den Makerspace der SLUB Dresden[7] sollen diese Geräte für Nutzer zur Verfügung stehen, die sich mit der Technik vertraut machen möchten bzw. sie testen und ausprobieren wollen. Und das ohne sich Gedanken um Kosten oder Material machen zu müssen. Denn den Nutzern wird lediglich der Materialpreis für das ausgedruckte 3D-Modell in Rechnung gestellt. Die 3D-Drucker der BBM verarbeiten PLA-Filament (d. h. Polylactide, ein Biokunststoff auf Maisstärkebasis). Dieses Material ist sehr leicht und wird mit 10 Cent pro Gramm abgerechnet. So können sich Nutzer ganz unproblematisch auch größere Modelle ausdrucken lassen.

Als besonderen Service bietet ein Mitarbeiter des Stammpersonals der BBM Hilfe und technische Betreuung bei der Benutzung der 3D-Geräte an. In Eigeninitiative arbeitete er sich selbstständig in diese nicht immer selbsterklärende und oft auch sehr komplizierte Technik ein und bietet nun Nutzern, die selber Modelle konstruieren wollen oder selber den 3D-Scanner benutzen möchten, entsprechende Hilfe an. Die Kunden reagieren begeistert auf dieses neue Angebot, was Anfang 2017 ein weiteres Mal in der örtlichen Presse gewürdigt wurde.[8]

Wichtig war hierbei vor allem, dass die Geräte allen Nutzern zur Verfügung stehen sollten, da sie in einer Bibliothek als öffentlichem Ort aufgestellt sind, das heißt, jeder Kunde mit einer gültigen Nutzerkarte der SUB Göttingen kann diese Geräte benutzen, unabhängig davon, zu welcher Fakultät er gehört, ob er Studierender oder Mitarbeiter ist oder einer anderen Nutzergruppe angehört. Jeder soll die Möglichkeit erhalten, die neue Technik kennenzulernen.

Zur weiteren technischen Ausstattung des Makerspace gehören ein Posterdrucker, zwei Bindegeräte und ein Laminiergerät. Der Posterdrucker wurde in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Wissenschaftliche Datenverarbeitung Göttingen (GWDG, eine universitätsnahe Einrichtung, die IT-Dienstleistungen für die Universität erbringt) in der BBM aufgestellt, die auch die technische Betreuung übernimmt, wobei sich das Bibliothekspersonal um Materialnachbestellungen und einfache Wartungsarbeiten kümmert. So haben Studierende und Beschäftigte der Medizinischen Fakultät die Möglichkeit, direkt im Haus innerhalb der langen Bibliotheksöffnungszeiten Poster zu drucken und auch gleich abzuholen.

Spiral- und Thermobindungen sowie Laminierungen werden für Nutzer zum Selbstkostenpreis vom Bibliothekspersonal angefertigt. Diese Geräte wurden aus Eigenmitteln finanziert, um zusätzliche Services für die Nutzer anbieten zu können. Der Bedarf zeichnete sich im Vorfeld anhand vieler Anfragen an der Informationstheke ab.

Die Realisierung des mit Abstand größten Projekts beschäftigte die Bibliotheksleitung zwei volle Jahre lang: die Anschaffung eines virtuellen Anatomietisches.

Im Februar 2015 auf einer Fortbildungsveranstaltung in Heidelberg kennengelernt, wurde auf Initiative der BBM ein Kooperationsprojekt zwischen dem Anatomischen Institut der medizinischen Fakultät und der Fachschaft Humanmedizin daraus, dessen Finanzierung aus Studienqualitätsmitteln nach umfassenden Vorbereitungen und dem Ausarbeiten eines differenzierten Lehr- und Lernkonzepts schließlich Anfang 2017 genehmigt wurde.

Im Projektantrag „Integration bildgebender Verfahren in den Präparierkurs“ wurden zwei Anatomietische beantragt, die sich nun im Anatomischen Institut und in der Bibliothek befinden. Der Tisch in der BBM soll von den Teilnehmern des Präparierkurses mit Unterstützung von ebenfalls aus dem Projektantrag finanzierten Tutoren genutzt werden. Die Studierenden sollen daran Aufgaben bearbeiten, Übungen nacharbeiten und wiederholen können. Der Tisch soll innerhalb der langen Bibliotheksöffnungszeiten auch bis in die späten Randzeiten und am Wochenende genutzt werden dürfen und so für die Studierenden eine optimale Lernunterstützung sein. Auch hier bietet die BBM wieder die Besonderheit, dass der Tisch nicht in einem abgeschlossenen Raum steht, sondern gut für alle sichtbar im Bereich des Makerspace. Der Anatomietisch bildet den vorläufigen Höhepunkt, aber keineswegs den Abschluss des Angebots an technischer Infrastruktur, die den Nutzern in der BBM zur Verfügung gestellt wird.

Die Aufstellung dieses High-Tech-Gerätes stellte das Personal vor ganz besondere Herausforderungen, was Benutzung und Bedienung angeht, die aber alle mit großem Eifer, überdurchschnittlichem Engagement und viel Eigeninitiative angehen. Denn das Stammpersonal der BBM wird von den Lehrenden des Anatomischen Instituts kollegial in alle Planungen mit einbezogen und führt nach einem gemeinsamen Einführungstraining bereits während der vorlesungsfreien Zeit im August und September 2017 Kurzdemonstrationen für interessierte Nutzer am Anatomietisch durch.

Ab Oktober 2017 werden die Anatomietische offiziell in der Lehre eingesetzt und in den regulären Tages- und Studienbetrieb überführt.

Ein weiteres Kooperationsprojekt befindet sich derzeit noch in der Planung, soll aber zum Jahresende 2017/Anfang 2018 umgesetzt werden: Dabei handelt es sich um die Bereitstellung von Lernsoftware, die für Studierende auf den Bibliotheksrechnern zugänglich gemacht werden soll.

An der UMG arbeitet die Abteilung Medizindidaktik und Ausbildungsforschung schon seit einiger Zeit an der Entwicklung von EMERGE, einer virtuellen Notaufnahme mit einprogrammierten Fällen, mit denen Studierende den Ernstfall in einer Notaufnahmesituation simulieren können und üben sollen, schnell die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Serious Games sind bereits auf dem Weg, fester Bestandteil in Ausbildung und Lehre zu werden[9] und auch in der BBM sollen sie mittelfristig zum regulären Angebot gehören.

Die Bemühungen, stets auf Nutzerbedürfnisse einzugehen und der mittlerweile enge Kontakt zur Fachschaft Humanmedizin und zu verschiedenen Einrichtungen innerhalb der UMG zeitigen Erfolg: Die Bibliothek ist seit diesen Veränderungen stark in der Wahrnehmung der Fakultät und in der Akzeptanz der Studierenden gestiegen, was sich u. a. in einer rund zehnprozentigen Steigerung der Nutzungszahlen in 2016 manifestierte.[10]

Inzwischen kommen Studierende auch selbstständig auf das Personal der Bibliothek zu, um Anmerkungen und Vorschläge zur weiteren Verbesserung der Arbeits- und Lernsituation zu machen. So wurde z. B. auf Initiative von Nutzern eine Büchertauschbörse innerhalb des Lounge-Bereichs der Bibliothek eingerichtet, wo auch in Zeiten des digitalen Wandels noch gedruckte Bücher gelesen werden.

Auch die Anschaffung von Sitzbällen – zunächst in geringer Stückzahl, um das Feedback abzuwarten – erfolgte auf Vorschlag der Fachschaft. Völlig eigenständige Vorhaben der Studierenden wie z. B. die Einrichtung eines „Parkuhrensystems“ an den Einzelarbeitsplätzen, um die stundenlange Reservierung der Sitzplätze ohne Personenbelegung einzudämmen, fand in enger Abstimmung mit der Bibliotheksleitung statt und wird nicht einfach ohne Kommunikation mit dem Personal umgesetzt. Dieser Austausch mit den Nutzern ist belebend und fördert die Weiterentwicklung des Ortes Bibliothek zusätzlich, was in schnelllebigen Zeiten des Wandels umso wichtiger ist, damit der Anschluss an aktuelle Befindlichkeiten und Bedürfnisse nicht verlorengeht und rechtzeitig – auch schon im Kleinen – auf neue Bedarfe reagiert werden kann.

3 Fazit

Die Erfahrungen der letzten vier Jahre haben gezeigt, wie wichtig es ist, sich mit anderen Fachbibliotheken zu vernetzen und dortige Services kennenzulernen. Eine unschätzbare Hilfe war und ist dabei die Mitarbeit der Bibliotheksleitung in der AG Medizinisches Bibliothekswesen e.V. (AGMB), einer Organisation für Medizinbibliothekare im deutschsprachigen Raum, die 1970 in Köln gegründet wurde. Die Teilnahme an den Jahrestagungen[11] der AGMB und neuerdings die Mitarbeit der Bibliotheksleitung im Vorstand des Vereins gewährleistet einen ständigen und engen Kontakt und Austausch mit den Kollegen anderer Medizinbibliotheken.

Von den Nutzern wird es aber ebenso rege und erfreut angenommen, wenn mutig auch einmal eigene Wege beschritten und Angebote etabliert werden, die vielleicht innerhalb der Fakultät nicht im Fokus standen.

Wie in vielen anderen Universitätsbibliotheken steht auch die SUB Göttingen und mit ihr die Bereichsbibliothek Medizin vor der großen Aufgabe, diese Herausforderungen „mit Personal umzusetzen, das [...] aufgrund traditioneller Ausbildungsinhalte oft erst nach umfangreichen Weiterentwicklungsmaßnahmen über die erforderlichen digitalen Kompetenzen verfügt“.[12]

Deshalb ist es unverzichtbar, die Mitarbeiter von Anfang an in die Veränderungsprozesse mit einzubeziehen und immer wieder zu selbstständigem Handeln, Eigeninitiative und offensivem, optimistischem Angehen neuer Aufgaben zu ermutigen und diese einzufordern. Genauso wichtig ist Transparenz in der Kommunikation innerhalb des Teams, damit nicht der Eindruck entsteht, dass sich die Leitung abkoppelt und niemanden in die Entscheidungsprozesse einbezieht. Kein Mitarbeiter darf das Gefühl bekommen, nicht mitgenommen zu werden, überflüssig oder im schlimmsten Fall überfordert zu sein und es kann durchaus ein längerfristiger Prozess werden, bis alle ihre neue Position in einem sich stetig ändernden Arbeitsbereich gefunden haben.

Dabei zeigt sich auch eine Verlagerung der klassischen Bibliotheksarbeiten hin zu viel mehr technischem Service, der zu leisten ist, angefangen bei einfacher Problembehebung an den neuen Multifunktionsgeräten bis hin zu schwierigen Betreuungsarbeiten von High-Tech-3D-Equipment.

Die Erfahrungen zeigen aber auch, dass viele Mitarbeiter – gerade in langjährigen Beschäftigungsverhältnissen – Veränderungen im Alltagsgeschäft durchaus positiv gegenüberstehen, sich gerne in Neues einarbeiten und bereitwillig neue Verantwortlichkeiten übernehmen.

Mindestens ebenso wichtig ist der Aufbau einer funktionierenden Kommunikation in die Fakultät, der über möglichst viele Wege abgedeckt sein muss.

So erreicht man fleißige Bibliotheksnutzer nach wie vor über die klassischen Plakataufsteller direkt vor Ort, die auf Angebote und Neuerungen hinweisen, aber auch die Entwicklung eines elektronischen Newsletters, der einmal im Monat an alle Studierenden und wissenschaftlich Beschäftigten der UMG verschickt wird, hat sich zu einem wichtigen Informationskanal entwickelt.

Außerdem wird die Homepage der SUB und der UMG, die Facebookseite sowie das Intranet der UMG für Werbung und Information genutzt.

Das Bibliotheksteam der BBM blickt gespannt und zuversichtlich in die Zukunft. Ideen für weitere Projekte gibt es immer und wenn wir weiterhin eng mit den Nutzern zusammenarbeiten und attraktive, adäquate Dienstleistungen anbieten können, wird die Bibliothek als Ort in seinen verschiedenen Bedeutungen weiterhin bestehen bleiben und ausgebaut werden können.

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Online erschienen: 2018-4-11
Erschienen im Druck: 2018-4-4

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