Werner Arnold

Graham Jefcoate (Ed.) (2017): A Catalogue of English Books Printed before 1801 Held by the University Library at Göttingen. Comp. by Gusti Grote and Sabine Eschenburg. With the assistance of Günter Kükenshöner. Part 4 (Acquisitions and Archival Records), Vol. 1 (Books printed before 1701. Books printed between 1701 and 1800: A–E), Vol. 2 (Books printed between 1701 and 1800: F–Z). Hildesheim, Zürich, New York: Olms-Weidmann.

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De Gruyter | Published online: April 11, 2018

Die beiden Bände bilden den abschließenden Teil des großen Katalogs zur Erschließung der englischen Bestände der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, die die umfangreichste Sammlung englischer Bücher der Frühen Neuzeit (bis 1800) außerhalb des englischen Sprachbereichs besitzt (ca. 17 000 bibliografische Einheiten). Spiritus rector des Projekts ist Bernhard Fabian, der die drei ersten 1987–1988 erschienenen Teile (7 Bände) herausgegeben hat. Die bibliografischen Bearbeiter waren seinerzeit Graham Jefcoate, Karen Kloth und Marie-Luise Spieckermann. Der jetzt 30 Jahre später vorgelegte Teil 4 in zwei Bänden verzeichnet die Titel, zu denen im Archiv der Bibliothek Material zur Erwerbung vorliegt, also Provenienzen, Lieferanten und Erwerbungsdaten überliefert sind. Ergänzend wurden Unterlagen des Staatsarchivs Hannover sowie der Nachlass des anglophilen Georg Christoph Lichtenberg herangezogen.

Der Katalog wird durch die Auswertung der einschlägigen Quellen zu einem Dokument über den Aufbau der Bibliothek als Forschungsinstitution und über die bei diesem Aufbau leitenden Wissenschaftsinteressen, über Privatsammlungen, die in die Universitätsbibliothek übernommen wurden sowie über die am Aufbau beteiligten Buchhändler (und deren Leistungsfähigkeit) in Deutschland, den Niederlanden und vor allem in London.

Die bibliografische Beschreibung nach den ESTC-Regeln umfasst Kurztitel mit Erscheinungsort und -jahr, dazu die Daten zur Provenienz (Provenance) und zum Ankauf (Purchase). Da Angaben des Ankaufs häufig Aufschluss über Provenienzen geben, ist die Unterscheidung zwischen Provenance und Purchase fließend. Die Zählung der Titel reicht bis zur Nummer 9 666, dabei blieben die Nummern 2 186–2 999 aus projektbezogenen Gründen unbesetzt.[1]

Die Nummern 1–2 185 verzeichnen die vor 1701 erschienenen Bücher und 3 000–9 666 diejenigen des Zeitraums 1701–1800. Die Titel werden durch einen Index der an der Erwerbung beteiligten Personen (Provenienzen, Buchhändler, Lieferanten) erschlossen. Zusätzlich ist eine Liste der bei den Ankäufen ausgewerteten Auktionskatalogen beigefügt worden.

Der Bestand dokumentiert zunächst die Beziehungen zwischen England und der Universität Göttingen, die in der Personalunion zwischen dem Königreich und dem Kurfürstentum ihre politische Basis hatten. Generell ist er ein Beispiel für einen intensiven Kulturtransfer von der Insel auf den Kontinent, in geringerem Maße aber auch von Deutschland nach England. Graham Jefcoate hat das in einer umfangreichen Untersuchung dargelegt, die den deutschen Buchhandel primär in London behandelt und im Zusammenhang mit der Arbeit am „English Short Title Catalogue“ (ESTC) entstanden ist.[2] Die Universitätsbibliothek selbst hat immer mit diesem Pfund gewuchert[3] und für die Anglistik ist die englische Literatur in Göttingen die substantielle Basis für die Erforschung der Literaturbeziehungen.[4]

Es ist ein bemerkenswertes Faktum, dass die Politik, wie hier die Hannoversche Landesregierung, den Aufbau einer Bibliothek so sehr ins Zentrum ihrer kulturpolitischen Aktivitäten rückte und durch hohe Finanzmittel sowie Spitzenpersonal nicht allein unterstützte, sondern in den ersten Jahrzehnten auch leitete. Die Investitionen wurden mit dem Wirtschaftsfaktor begründet, den die Universität für den ökonomisch schwachen Süden des Kurfürstentums Hannover als innovative Institution einnehmen sollte. Der Erfolg des Unternehmens hing eng mit der Kontinuität der handelnden Personen zusammen. An ihrer Spitze stand Gerlach Adolph v. Münchhausen, Minister in Hannover, Kurator der Universität und als Kammerpräsident für die Finanzen zuständig, was für die Universität ein starker Vorteil war. Münchhausen war der Initiator von Universität und Bibliothek.

Für die Buchbeschaffung in London und von London aus waren die Universitätsreferenten (Vater und Sohn) Georg Friedrich und Ernst Brandes, dessen Biografie Carl Haase vorgelegt hat,[5] sowie als ihre Nachfolger Wilhelm Philipp und Georg August Best (Vater und Sohn) zuständig. Neben Büchern besorgten die Bests auch Luxusgüter und führten auf diese Weise die Tradition der Agenten des 17. Jahrhunderts fort.

Jefcoate hat den Erwerbungsprozess in einem eigenen Essay im Rahmen der Einleitung beschrieben („Göttingen University Library and the Acquisition of Books from London in the Eighteenth Century“, XXI–XXXVIII). Neben den genannten Vertretern der Regierung in Hannover und London, die erheblichen Einfluss ausübten, steuerte für die Bibliothek den Bestandsaufbau primär ihr Direktor Christian Gottlob Heyne, der als Gelehrter und Bibliothekar ein vergangenheitsbewusster und zukunftsorientierter Wissenschaftsmanager war, auch wenn dieser Begriff natürlich nicht zeitgemäß ist. Persönliche Verbindungen – Heyne war Schwiegersohn G.F. Brandes’, dessen Sohn und Amtsnachfolger Ernst hatte bei Heyne studiert – erleichterten die Kooperation und die allmähliche Übergabe der Budgetverantwortung von der Regierung auf den Bibliotheksdirektor.

Ohne die leistungsfähigen Londoner Buchhändler hätte das Projekt natürlich keinen Erfolg haben können. Die zentrale Funktion unter ihnen nahm für Neuerwerbungen und Antiquariatshandel Thomas Osborne ein, nach seinem Tod wurden John Ridley und seine Nachfolger die wichtigsten Partner für die Göttinger Bibliothek. Über das Register kann die Erwerbungsfrequenz der Händler für einzelne Jahre verfolgt und die Bücher können ihnen zugeordnet werden, so dass sich Profile ihrer Leistungen erstellen lassen. Bei zahlreichen Preisangaben der Bücher sind auch Hinweise auf die zusätzlichen Kosten, wie Verpackung und Transport, enthalten, so dass ein Eindruck von den ökonomischen Gesichtspunkten des Geschäfts vermittelt wird.

Als um 1770 die Grundlage des Bestands durch antiquarische Ankäufe gelegt war, konnte Heyne sein oft bewundertes umfassendes Konzept der Erwerbung von Neuerscheinungen realisieren. Sein Verständnis des Begriffs „English books“ war universal und umfasste neben Werken in englischer Sprache Bücher aller Sprachen und Autoren, die in England gedruckt wurden (darunter auch unerwartete Namen wie Christian Knorr von Rosenroth, Nr. 1 225, und Quirinus Kuhlmann, Nr. 1 230) sowie Schriften englischer Autoren, die außerhalb Englands veröffentlicht wurden: Als Beispiel sei auf den mittelalterlichen Theologen Alcuin (Nr. 42–45) verwiesen, den Berater Karls des Großen und die zentrale Persönlichkeit seiner Hofschule. Heyne hat nach dem zukünftigen Verständnis einer Nationalbibliothek gekauft und einen Bestand auf hohem Niveau geschaffen, der Voraussetzungen für die Forschung schuf und für die Universitätsangehörigen Diskursmöglichkeiten eröffnete. Die Universität Göttingen sollte eine Institution frei von Zensur sein und die Bibliothek bot die Infrastruktur für die Freiheit der Recherche und des Schreibens.

Für die Bibliothek – gedacht als zentrales Archiv des Wissens und der Wissenschaften – wurden auf Auktionen auch Bestände aus wichtigen Privatsammlungen Göttinger Professoren und Gelehrter anderer Städte erworben. Der Katalog enthält eine Liste der ausgewerteten deutschen und englischen Auktions- und Buchhändlerkataloge zwischen 1735 und 1811. Unter ihnen befinden sich bekannte Namen: Zacharias Konrad v. Uffenbach (1735), Johann Peter Ludewig (1745), Johann Matthias Gesner (1764), Hermann Samuel Reimarus (1769), Georg Christian Gebauer (1773–1774), Johann Arnold Ebert (1795) und Georg Christoph Lichtenberg (1799) u. a.m. Über die Register lassen sich Bestandsprofile dieser privaten Sammlungen erstellen, die den Einfluss englischer Kulturtradition und wissenschaftlicher Erkenntnisse auf den Kontinent belegen. Am auffälligsten tritt dabei Lichtenbergs Bibliothek hervor, die 1799 versteigert wurde. Sie umfasste ca. 4 000 Bände aus den Disziplinen Mathematik, Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften, von denen Heyne 163 Werke erstand. Unter ihnen gehören über 50 % zu den „English books“, zumeist Abhandlungen zu speziellen Themen, die den hohen Stand der englischen Forschung in Naturwissenschaften und Technik zeigen und dokumentieren, dass sich Lichtenbergs Bibliothek auf diesem Niveau befand. Er hat bereits zu Lebzeiten Bücher an die Universitätsbibliothek gegeben und verkauft, die insgesamt 306 Werke aus seiner Sammlung besitzt.[6]

Den Kontext zwischen Buchbesitz und Soziologie der Leser erschließen die Provenienzen, die nicht nur die Wanderung der Bücher zeigen, sondern auch einen Einblick in die Lektüreinteressen sozialer Gruppen ermöglichen. Beispiel: John Lockes „Essay concerning human understanding“ in der lateinischen Übersetzung: „De intellectu humano“, Lipsiae 1709 (Nr. 6 674) wurde 1711 in Jena von Johann Wilhelm Carl Dumpff gekauft, der Magistrat in Sachsenberg und Pagen-Hofmeister beim Herzog von Sachen-Gotha-Altenburg war. 1712 gehörte das Buch Wilhelm Andreas Kellner (1694–1744), der als Arzt und fürstlicher Rat in Eisenach lebte und 1728 Mitglied der Leopoldina wurde. 1793 gelangte es schließlich in den Besitz des damals sechzehnjährigen Carl Friedrich Gaus, des späteren Direktors der Sternwarte Göttingen. Die Katalogbände können detaillierte Forschungen zu den wechselseitigen Beziehungen zwischen Buch- und Wissenschaftsgeschichte eröffnen. Einzelne Provenienzen geben auch Rätsel auf, die der Lösung harren. So Nr. 5 534: „Minutes of the evidence taken at the trial of Warren Hastings“ [London] 1788–95 soll laut Namensindex aus der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel stammen, hat aber im Katalog die zutreffende Provenienz: „Ernst Duke of Cumberland“ und gehörte in die Fideikommissbibliothek Ernst Augusts von Cumberland. Es stellt sich die Frage, wann dieses Buch nach Göttingen gelangt ist, denn die Fideikommissbibliothek wurde erst 1970/71 verauktioniert. Auch diese Frage wird sich klären lassen.

Abschließend lässt sich sagen, dass der Katalog ein ausgezeichnetes Instrument für Bibliografie und Forschung ist, dem der Rezensent eine intensive Nutzung wünscht.

Online erschienen: 2018-4-11
Erschienen im Druck: 2018-4-4

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