Jan-Pieter Barbian

Sven Kuttner und Peter Vodosek (Hrsg.): Volksbibliothekare im Nationalsozialismus. Handlungsspielräume, Kontinuitäten, Deutungsmuster. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2017 (= Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, Band 50), 324 Seiten, 74 €

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De Gruyter | Published online: April 11, 2018

Die Erforschung des deutschen Bibliothekswesens während der NS-Diktatur ist bis in die späten 1980er-Jahre ein „Tabuthema“ gewesen. „Zahlreiche Bibliothekare“, so Manfred Komorowski, „oft auch Belastete, lebten noch und hatten kein Interesse an einer umfassenden Aufarbeitung ihres Verhaltens im ‚Tausendjährigen Reich‘. Es wurde verschwiegen und vertuscht. Jüngere wollten älteren Kollegen nicht weh tun, nicht die eigene Karriere gefährden und schwiegen.“[1] Die Verweigerung einer selbstkritischen Auseinandersetzung betraf keineswegs nur die Wissenschaftlichen Bibliotheken, sondern nicht minder ausgeprägt auch die Öffentlichen. Deren Geschichte im Dritten Reich wurde 1986 von Engelbrecht Boese in einer bis heute gültigen Studie erstmals umfassend dargestellt.[2] Als „Meilensteine“ auf dem „dornenvollen Weg“ des Erinnerns an das dunkelste Kapitel der Geschichte des Berufsstands sind die beiden Wolfenbütteler Tagungsbände „Bibliotheken während des Nationalsozialismus“ treffend bewertet worden,[3] da sie eine große Vielfalt an Forschungsergebnissen zu Institutionen, Verbänden, bibliothekspolitischen Aspekten und den Schicksalen einzelner Bibliothekare, auch der verbannten jüdischen Berufskollegen, in den Jahren 1933 bis 1945 zusammentrugen.[4] Auf diesen Grundlagen aufsetzend widmete sich der Wolfenbütteler Arbeitskreis für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte im Rahmen von zwei Tagungen den Biografien führender Vertreter des Berufsstands: 2009[5] den wissenschaftlichen Bibliothekaren und 2015 den Volksbibliothekaren. Dabei ging es jeweils um die Fragen, welche Rolle die Bibliothekare konkret spielten, wie sie sich angesichts der Machtübernahme der NSDAP nach 1933 verhielten, welche beruflichen und persönlichen Ziele sie verfolgten, wie sie die politischen Vorgaben des NS-Staates erfüllten und wie sie selbst Einfluss auf dessen Bibliothekspolitik nahmen, was an Inhalten und wer als Person aus politischen oder rassischen Gründen ausgegrenzt wurde, aber auch wie die Karriere nach 1945 fortgesetzt und wie viel dabei aus der Zeit vor 1945 ausgeblendet wurde.

Der Beantwortung dieser Fragen setzt allerdings, wie Peter Vodosek in seiner Einführung hervorhebt (11–35), die Quellenlage enge Grenzen. Die Überlieferungen in staatlichen, Landes-, Stadt- oder Kirchenarchiven, zu denen auch die Akten der Entnazifierungsverfahren aus der Zeit nach 1945 gehören, gewähren nur selten einen umfassenden und authentischen Einblick in das Handeln der einzelnen Akteure. So kann etwa Mandy Schaarschmidt in ihrem Beitrag über „Die Entwicklung der Leipziger Städtischen Bücherhallen unter Walter Hoyer in den Jahren 1937 bis 1945“ (293–300) nur eine Ansammlung von Fakten anbieten. Die Politik Hoyers, der immerhin die Nachfolge des zwangspensionierten Walter Hofmann in der Leitung einer der damals wichtigsten großstädtischen Bibliothekssysteme und des angeschlossenen „Instituts für Leser- und Schrifttumskunde“ übernahm, ist allenfalls in Umrissen erkennbar und seine Biografie nach dem Ende der NS-Diktatur bleibt völlig im Dunkeln. Ob Hans Hugelmann (1903–1984), der von 1927 bis 1945 die Stadtbibliothek Nürnberg und von 1961 bis 1968 die dortige Volkshochschule leitete, trotz seiner NSDAP-Mitgliedschaft tatsächlich so sachorientiert blieb, wie es Christine Sauer in ihrem Beitrag darstellt (233–56), lässt sich aufgrund der im Zweiten Weltkrieg vernichteten Aktenüberlieferungen letztlich nicht mehr überprüfen. Zweifel sind allerdings angebracht, wenn man die Zahlen der „Säuberung“ des Bestands ab 1933 und den im Kontext der Kriegsvorbereitung vom NS-Regime geförderten Ausbau der Fachbuchsammlung genauer betrachtet. Das Verhalten der Pfarrer, Dekane und sonstigen Verantwortlichen der Evangelischen Kirche im Hinblick auf die Entwicklung des evangelisch-konfessionellen Bibliothekswesens, das 1934 immerhin an 4 207 Orten mit einem Bestand von 1,36 Millionen Bänden im gesamten Deutschen Reich existierte, kann von Andreas Lütjen vorerst nur am Beispiel der „Evangelischen Pfarramtsbüchereien in Württemberg 1933–1945“ (119–44) dargestellt werden. Daran wird aber immerhin zum einen deutlich, dass die politische „Säuberung“ der Bestände von pazifistischen, marxistischen und jüdischen Büchern, insofern diese bislang überhaupt vertreten waren, bereitwillig vollzogen wurde; zum anderen kämpfte die Landeskirche mit den Pfarrern in zahlreichen Gemeinden gegen die Vereinnahmung der Pfarrbüchereien zugunsten der staatlich geförderten Volksbüchereien.

Angesichts der insgesamt schwierigen Quellenlage ist es umso beachtlicher, was zu den Biografien einer Reihe wichtiger Akteure an Erkenntnissen gewonnen worden ist. Angela Graf widmet sich mit ihrem „Wer ein Deutscher ist, der folgt dem Ruf!“ betitelten Beitrag (37–66) Wilhelm Schuster (1888–1971). Er spielte als Vorsitzender des Verbands Deutscher Volksbibliothekare seit 1928, aber auch als Direktor der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen von 1931 bis 1934 und als Direktor der Berliner Stadtbibliothek bis 1945 eine höchst problematische Rolle. Seine „Verachtung der Republik“, sein „nationalkonservativer Soldatengeist“ und seine „Affinität zur Führerautorität“ machten Schuster zum willigen Erfüllungsgehilfen des NS-Staates im Prozess der „Gleichschaltung“ des VDV (bis hin zu dessen Auflösung 1938) und der Indienstnahme der Öffentlichen Büchereien. Darüber ließen die Zeitgenossen aus dem Berufsstand in der Bundesrepublik „einen verständnisvollen – und verzeihenden Vorhang“ fallen, wie Graf feststellt, sodass Schuster 1953 sogar an der 1949 neu gegründeten West-Berliner Bibliothekarschule als Dozent unterrichten durfte.

Auch Franz Schriewer (1893–1966), dem Uwe Danker ein fundiertes und differenziertes Porträt widmet (67–118), und Fritz Heiligenstaedt (1887–1961), auf den Ragnhild Rabius ausführlich eingeht (257–91), schlossen sich 1933 aus politischer Überzeugung dem NS-Staat an. Schriewer hatte in den Jahren 1921 bis 1933 die Grenzlandbüchereien in den ländlichen Regionen Schleswigs als deutsch-nationale Bollwerke gegen Dänemark auf- und ausgebaut, bevor er 1934 Direktor der Stadtbibliothek Frankfurt/Oder wurde und von 1935 bis 1937 die Leitung der neu gegründeten Reichsstelle für das volkstümliche Büchereiwesen in Berlin übernahm. Da sich Schriewer mit seinen Vorstellungen einer reichsweit einheitlichen Struktur des Volksbüchereiwesens im zuständigen Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung nicht durchsetzen konnte, zog er sich wieder nach Frankfurt/Oder zurück, nahm aber publizistisch weiterhin großen Einfluss. Seine Konflikte mit der NSDAP in Flensburg, die ihn 1934 zum Wechsel bewegt hatten, ermöglichten ihm 1946 die Rückkehr und die Fortsetzung seiner Karriere als Direktor der „Zentrale für das deutsche Büchereiwesen“ in Schleswig-Holstein. Heiligenstaedt, der neben seinem Hauptberuf als Lehrer 1919 die ehrenamtliche Leitung der Beratungsstelle für Volksbüchereiwesen in der Provinz Hannover übernommen hatte, schloss sich am 1. Mai 1933 der NSDAP an und schwor seine Berufskollegen auf dem Bibliothekartag in Hannover im September 1933 auf den Nationalsozialismus ein. Bis zum bitteren Ende im Mai 1945 erwies er sich in seiner Funktion als Herausgeber der amtlichen Fachzeitschrift „Die Bücherei“ und als Nachfolger Schriewers in der Leitung der Reichsstelle für das volkstümliche Büchereiwesen als „überzeugter Propagandist“ des NS-Staates. Dennoch konnte Heiligenstaedt in der Bundesrepublik ohne Probleme in den Schuldienst zurückkehren.

Dass die willfährige Ausführung nationalsozialistischer Vorgaben, darunter die „Säuberung“ und Neuausrichtung der Bestände, der Ausschluss jüdischer Mitarbeiter und Leser, die Neuformierung des Berufsstands nach politischen Kriterien und die Bereitstellung der Räumlichkeiten für Propagandaveranstaltungen, keine oder bestenfalls geringe Auswirkungen auf die Karriere nach dem Ende der NS-Diktatur hatten, belegen weitere Biografien. Hiltrud Häntzschel geht auf Hermann Sauter als Direktor der Stadtbibliothek München und als Leiter der Beratungsstelle für Volksbüchereien in den Jahren 1936 bis 1942 ein (219–31). Trotz seines aktiven beruflichen und publizistischen Eintretens für den Nationalsozialismus und seines öffentlich bekundeten Antisemitismus konnte er sich aufgrund seiner Entmachtung durch das Bayerische Kultusministerium und den Gauleiter von München-Oberbayern Adolf Wagner nach 1945 als Opfer des NS-Regimes ausgeben. Von 1962 bis 1972 war Sauter Direktor der Universitätsbibliothek Mainz. Heimo Gruber verfolgt in seinem Beitrag (163–97) die „Stationen der (un)gebrochenen bibliothekarischen Karriere Hans Ruppes“ (1907–1962) als stellvertretender Leiter in der Städtischen Bücherhalle Leipzig (ab 1933), als Leiter des gesamten Büchereiwesens der Stadt Wien (ab Juli 1938), als Leiter der Staatlichen Volksbüchereistelle für den Gau Salzburg und als Leiter der Stadtbücherei Salzburg (ab Herbst 1942), in die er nach seiner „Entnazifizierung“ im Juli 1949 zurückkehren konnte. Dagegen wurde Ruppes Kollege August Zöhrer (1888–1971) im August 1945 aus dem Dienst der Stadt Linz entlassen. Wie Fritz Mayrhofer in seinem Beitrag (199–218) nachweist, sorgten die exponierte Stellung von Linz als „Führerstadt“, für die Zöhrer eine nationalsozialistische Musterbücherei aufbaute, sowie sein politisches Engagement als Gaubeauftragter für das Volksbüchereiwesen und als Gauschrifttumsbeauftragter des Amtes Rosenberg für das abrupte Karriereende – allerdings unter Anerkennung seiner Rentenansprüche.

Eine bemerkenswerte Kontinuitätslinie vom Wilhelminischen Kaiserreich über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis zur Bundesrepublik zeichnet Siegfried Schmidt nach (145–62). Über 47 Jahre lang blieb Prälat Johannes Braun (1879–1958) die bestimmende Persönlichkeit in der Führung der katholischen Büchereiorganisation „Verein vom heiligen Borromäus“. Schmidt weist nach, dass sich Braun und sein engster Mitarbeiter Albert Rumpf „durch die Betonung von Gemeinsamkeiten auf dem Gebiet der Volksbildung und der Literaturarbeit mit dem neuen Regime zu arrangieren“ wussten (150). Mehr noch: der machtbewusste Prälat überstand eine Führungs- und Finanzkrise, die ihn 1933 fast zu Fall gebracht hätte, aufgrund des Wunschs der Amtskirche nach personeller Kontinuität angesichts der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Allerdings verschärfte das Reichserziehungsministerium 1940 die bis dahin latente Ausgrenzung und Entrechtung der konfessionellen Büchereien, sodass sich Braun auf den Erhalt der Büchereizentrale in Bonn konzentrierte, mit deren Hilfe er nach 1945 das katholische Büchereiwesen in der Bundesrepublik wiederaufbauen und noch bis zum Mai 1956 dirigieren konnte.

Solitär bleibt der Beitrag von Ole Harbo, der sich Dänemark als „Fallbeispiel“ für die Bibliothekspolitik in den von Deutschland ab 1939 besetzten Ländern widmet, dabei ein zwischen Kollaboration und Widerstand changierendes Bild zeichnet (301–20). Das bislang wenig aufgearbeitete Themenfeld wäre eine eigene Tagung Wert, wobei die Quellenlage auch hier schwierig sein dürfte. Insgesamt gibt der vorliegende Sammelband wertvolle Einblicke in die Biografien der Bibliothekare, die das Öffentliche Bibliothekswesen unter der NS-Diktatur mitgeprägt haben. Insofern leistet das Buch einen wichtigen Beitrag zur Präzisierung des Mosaikbildes, das seit den 1980er-Jahren entstanden ist. Aber ob wir damit schon an einem Schlusspunkt angekommen sind, bleibt abzuwarten.

Online erschienen: 2018-4-11
Erschienen im Druck: 2018-4-4

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