Vera Brantl

Berta Zuckerkandl – Netzwerkerin der Wiener Moderne: Über die Sammlungen Emile Zuckerkandl an der Österreichischen Nationalbibliothek

Berta Zuckerkandl – Networker of Viennese Modernism: About the Emile Zuckerkandl Collections at the Austrian National Library

Accessible
De Gruyter | Published online: April 11, 2018

Zusammenfassung

Berta Zuckerkandl war durch ihre journalistische Arbeit eine bedeutende und einflussreiche Protagonistin der Wiener Moderne. Mit ihrem Salon stand die jüdische Intellektuelle zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zentrum eines weitverzweigten literarischen, künstlerischen und gesellschaftlichen Netzwerks, das von den Nationalsozialisten zerstört wurde. Berta Zuckerkandls Nachlass, der von ihrem Enkel Emile aufbewahrt wurde, konnte von der Österreichischen Nationalbibliothek in Etappen erworben werden.

Abstract

Berta Zuckerkandl’s journalistic work made her an important and influential protagonist of Viennese Modernism. At the beginning of the 20th century, the Jewish intellectual and salonière was at the centre of a wide-ranging literary, artistic, and social network that was destroyed by the National Socialists. Berta Zuckerkandl’s estate, which was kept by her grandson Emile, was acquired in stages by the Austrian National Library.

1 Die Sammlungen Emile Zuckerkandl an der Österreichischen Nationalbibliothek: Allgemeines und Ankaufsgeschichte

Die Österreichische Nationalbibliothek konnte 2016 die Bestände des Literaturarchivs um bedeutende Materialien zu Leben und Werk der Journalistin und Salonière Berta Zuckerkandl erweitern. Es handelt sich um die Sammlung Emile Zuckerkandl 3. Sie umfasst neben Originalmanuskripten von Berta Zuckerkandl auch Briefe prominenter Persönlichkeiten aus der österreichischen Kulturszene sowie außergewöhnliche Lebensdokumente und Fotos aus dem familiären Umfeld. Die aus insgesamt 27 Archivboxen und einer umfangreichen Nachlassbibliothek bestehende Sammlung ergänzt nicht nur die bereits 2012 und 2014 erworbenen Nachlassmaterialien zu Berta Zuckerkandl, sondern ist auch die umfangreichste der drei Sammlungen.

Emile Zuckerkandl wurde 1922 in Wien geboren und war Berta Zuckerkandls einziger Enkel. Die beiden verband eine besonders innige Beziehung und so kam es, dass er über viele Jahre mit Leidenschaft und Akribie zahlreiche Dokumente aus dem Besitz seiner Großmutter zusammentrug bzw. von ihr geschenkt bekam.

Als die beiden 1938 aus Österreich fliehen mussten, war Berta bereits 74 Jahre alt. Sie starb am 16. Oktober 1945 in Paris. Ihr Nachlass hat die Zeit von Flucht und Emigration glücklicherweise überdauert. Emile Zuckerkandl wurde ein namhafter Naturwissenschaftler, der mit seiner Frau Jane in Amerika und Frankreich lebte. Er starb 2013 in Kalifornien. In seiner bereits seit Jahrzehnten leer stehenden Wohnung in Montpellier wurden, nach Hinweisen der Provenienz-Forscherin Ruth Pleyer, weitere wertvolle Materialien zu Berta Zuckerkandl entdeckt. Diese konnten nun ebenfalls von der Österreichischen Nationalbibliothek erworben werden. Der Ankauf wurde durch eine großzügige Spende der Familie Felsövanyi ermöglicht und steht dabei im Kontext einer komplexen Restitutionsgeschichte eines Klassikers der Moderne; es handelt sich um das

Abb. 1 Berta und Emile in der Wohnung des Schauspielers Hugo Thimig, Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien (LIT), B. Zuckerkandl/Sammlung Emile Zuckerkandl 3, Sign.: 438/L33/1

Abb. 1

Berta und Emile in der Wohnung des Schauspielers Hugo Thimig, Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien (LIT), B. Zuckerkandl/Sammlung Emile Zuckerkandl 3, Sign.: 438/L33/1

„Bildnis Gertrud Loew“ von Gustav Klimt. Das 1902 entstandene Gemälde war bis 1939 im Besitz der Porträtierten Gertrud Loew, der Tochter des Sanatoriumbesitzers Anton Loew. Sie war in zweiter Ehe mit dem ungarischen Industriellen Elemer Baruch von Felsövanyi verheiratet.[1] Das Gemälde gelangte, wie auch andere Klimt-Werke aus ihrem Besitz, nach der Flucht der Familie vor den Nazis schließlich in den Besitz des Filmregisseurs und Sohns von Gustav Klimt Gustav Ucicky, nach dessen Tod 1961 in jenen seiner Witwe Ursula Ucicky. Während drei Klimt-Gemälde an jüdische Sammler restituiert werden konnten, blieb das „Bildnis Gertrud Loew“ bei Ursula Ucicky und wurde 2013 in die von ihr gegründete „Gustav Klimt Wien 1900 Privatstiftung“ überführt.[2] Gertruds Sohn Anthony hatte sich jahrelang vergeblich um das Bildnis seiner Mutter bemüht. Schließlich kam es zu einer Einigung der der Felsövany Erben und der Klimt-Foundation. Fünf Klimt-Zeichnungen wurden an die Felsövanyi-Erben restituiert, das Gemälde „Bildnis Gertrud Loew“ wurde am 24. Juni 2015 bei Sotheby‘s in London versteigert und der Erlös geteilt. Die restituierten Klimt-Zeichnungen sind derzeit im Rahmen einer großen Ausstellung zur Wiener Moderne im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek zu sehen (Abschnitt 4). Einen Teil ihres Anteils spendeten die Felsövanyi-Erben der Österreichischen Nationalbibliothek und ermöglichten dadurch den Ankauf der 3. Zuckerkandl- Sammlung. Die Materialien wurden im Literaturarchiv geordnet, sachgemäß aufbewahrt und nach den Regeln zur Erschließung von Nachlässen und Autografen (RNA) bearbeitet.

2 Berta Zuckerkandl: Lebensstationen und Wirkungsbereiche

Mit publizistischer Tätigkeit und gesellschaftlichem Leben war die 1864 in Wien geborene Bertha Szeps (später nennt sie sich Berta) von Beginn an konfrontiert. Sie wuchs im liberalen Umfeld einer assimilierten jüdischen Familie des Wiener Bürgertums auf: Ihr Vater war der einflussreiche Zeitungszar Moriz Szeps, Chefredakteur des Neuen Wiener Tagblattes, ihre Mutter Amalie war die Schwester des Feuilletonisten Sigmund Schlesinger.[3] Bildung hatte im weltoffenen Hause Szeps einen hohen Stellenwert. Diese ermöglichte Moriz Szeps nicht nur seinen beiden Söhnen Julius und Leon, sondern auch seinen drei Töchtern Sophie, Berta und Ella, indem er private Hauslehrer für sie engagierte. 1878 erfolgte die Übersiedlung der Familie Szeps in ein Palais in der Liechtensteinstraße und damit in eine Gegend angesehener Wiener Bürger, die (noch) nicht „Ringstraßenformat“[4] erreicht hatten.

Als 17-jähriges Mädchen wurde Berta zunehmend in die Angelegenheiten ihres Vaters einbezogen, besonders als dieser begann, mit Kronprinz Rudolf zu verkehren. Sie notierte dazu Folgendes: „Seitdem Vater mit dem Kronprinzen in Verbindung getreten ist, bin ich seine vertrauliche Sekretärin geworden.“[5] Für den Thronfolger war die Presse eine wichtige Institution, die bei großen Unternehmungen stets beigezogen werden sollte,[6] und er verfasste selbst unter Pseudonym zahlreiche Artikel in Moriz Szeps‘ Blatt. Die politischen Ansichten der beiden Männer deckten sich weitgehend, etwa in Bezug auf die Einschätzung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck. Beide sahen die Notwendigkeit einer selbstbewussten Habsburgermonarchie und die Gefährdung des Friedens in Europa durch eine österreichisch-preußische Allianz.[7] Moriz Szeps war zudem stets um gute diplomatische Beziehungen zu Frankreich bemüht und mit dem späteren französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau bekannt. Den Deutschnationalen unter der Führung von Georg von Schönerer war Szeps‘ Zeitung ein Dorn im Auge. Aufgrund eines Ehrenbeleidigungsprozesses, der von dem radikalen Antisemiten Schönerer angezettelt wurde, musste Szeps im Herbst 1885 sogar ins Gefängnis.[8] Das Ende der liberalen Ära, welches spätestens mit der Wahl Karl Luegers zum Wiener Bürgermeister 1897 gekommen war, bedeutete für das aufgeklärte jüdische Bürgertum, zumindest an den liberalen Ideen festzuhalten und ihre Prinzipien zu verteidigen. Dies geschah über die großen Zeitungen. Bildung und Kunst waren ihr wichtigster Ausdruck, die gleichermaßen Religionsersatz und Quelle der humanistischen Werte geworden waren.[9]

Berta Zuckerkandl wurde stark durch die politische Haltung ihres Vaters geprägt, sie hatte immer die Interessen Österreichs verfolgt, war eine bedingungslose Pazifistin und zeitlebens frankophil. Die Frankophilie ging in der Generation von Szeps‘ Töchtern jedoch weit über das Politische hinaus. Berta verliebte sich in die französische Kunst und Sophie in Paul Clemenceau, den bedeutend jüngeren Bruder Georges Clemenceaus. Durch die Heirat von Sophie am 26.12.1886 wurde die Bindung zu Frankreich endgültig besiegelt. Berta heiratete im selben Jahr den Anatomen Emil Zuckerkandl (1849–1910), den sie in ihrem Elternhaus kennenlernte. Emil Zuckerkandl war ein herausragender Wissenschaftler und engagierte sich auch für die Zulassung von Frauen zum Hochschulstudium. Seine Frau unterstützte er stets in ihrem Kampf für die Moderne. Berta und Emil lebten bis zu seinem frühen Tod 1910 in einem Haus in der Nußwaldgasse in Wien Döbling. 1895 kam ihr Sohn Fritz auf die Welt. Neben Personen aus dem akademischen Umfeld ihres Mannes wie Julius Wagner-Jauregg und Richard Krafft-Ebing gehörten auch der Schauspieler Alexander Giradi, den Berta schon seit Jugendtagen kannte, Walzerkönig Johann Strauß und der Schriftsteller Hermann Bahr zu den Gästen ihres ersten Salons. Der Wortführer der Literatengruppe Jung-Wien beeinflusste sie mit seiner Konzeption einer künstlerischen Moderne und begleitete sie besonders zu Beginn ihrer journalistischen Tätigkeit.[10] Berta Zuckerkandl begann sich zunehmend mit Kunst und Kunstindustrie zu befassen und zählte bald Gustav Klimt, Koloman Moser und Josef Hoffmann zu ihrem engeren Freundeskreis. Sogar der Sezessionsgedanke wurde erstmals in Berta Zuckerkandls Salon ausgesprochen, der bald zu einem Forum für den Ideenaustausch der künstlerischen Moderne avancierte. Berta Zuckerkandl wurde zur Vorkämpferin für die Sezessionisten, vermittelte ihnen etwa Kontakte aus der französischen Kunstwelt und schrieb im Feuilleton-Teil der Wiener Allgemeinen Zeitung über die neuen Kunstströmungen. Einer ihrer größten journalistischen Erfolge wurde die Verteidigung von Gustav Klimt in der Affäre rund um seine Deckengemälde für die Aula der Universität Wien.

Durch ihre Artikel zum österreichischen Kunstgewerbe lieferte sie letztlich auch wichtige Impulse für die Gründung der Wiener Werkstätte 1903.[11] Kunsthandwerk sollte dabei wieder eine neue Bedeutung erlangen, qualitativ Hochwertiges sollte produziert werden, von einfachen Haushaltsgegenständen über Möbel und andere Einrichtungsgegenstände bis hin zum gesamten Wohnhaus sollte alles eine künstlerische Einheit bilden. Beispielhaft für so ein künstlerisches Gesamtkunstwerk war das Sanatorium Westend in Purkersdorf bei Wien, mit dessen Bau und Einrichtung Viktor Zuckerkandl, ein Schwager von Berta, Josef Hoffmann beauftragte. Auf dem Gelände des Sanatoriums wurden Villen für Mitglieder der Familie Zuckerkandl errichtet.[12]

Neben den Künstlern der Sezession zählten auch bedeutende Literaten, Schauspieler und Musiker zu ihren Salon-Gästen, zum Beispiel Gustav Mahler. Der Hofoperndirektor, der große Gesellschaften eher mied, hatte bereits in Paris mit ihrer Schwester Sophie Bekanntschaft gemacht. Der erste überlieferte Besuch bei Berta Zuckerkandl blieb ein für sein Privatleben folgenschweres Ereignis, denn an jenem Abend machte er nähere Bekanntschaft mit seiner zukünftigen Frau Alma Schindler.[13] Zwischen Berta Zuckerkandl und der späteren Alma Mahler-Werfel, die einen Salon in der Elisabethstraße führte, bestand eine enge Freundschaft, die durch Korrespondenzen belegt ist.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges ließ sich Berta Zuckerkandl als Kriegsgegnerin nicht von dem patriotischen Taumel anstecken. Sie wurde wieder journalistisch aktiv und widmete sich unter anderem dem Flüchtlingselend. Ihre pazifistischen Bestrebungen führten sie in die Schweiz – offiziell um Kulturpropaganda für Österreich zu machen. Über die Beziehungen ihrer Schwester Sophie, die mit dem damaligen französischen Kriegsminister Paul Painlevé befreundet war, versuchte sie jedoch, Möglichkeiten eines Separatfriedens zwischen Österreich und Frankreich auszuloten, und stand dabei immer unter Beobachtung von Harry Graf Kessler, dem damaligen Gesandten des Auswärtigen Amtes in Berlin (offiziell war auch er in Sachen Kulturpropaganda unterwegs).[14] Während Berta Zuckerkandls Friedensbemühungen ohne Erfolg blieben, konnte sie ihr Netzwerk um einige wichtige Literaten erweitern. Romain Rolland und Stefan Zweig wurden zu pazifistischen Mitstreitern der ersten Stunde. Sie lernte Hugo von Hofmannsthal, Fritz von Unruh und Annette Kolb kennen. Kolb war die Tochter eines deutschen Beamten und einer französischen Pianistin, mit Berta verband sie nicht nur die pazifistische Grundhaltung, sondern auch die Frankophilie.[15] 1916 bezog Berta Zuckerkandl eine Wohnung in der Oppolzergasse unweit des Wiener Burgtheaters über dem heutigen Café Landtmann im ersten Bezirk. Ihr Salon avancierte zu einem der bedeutendsten literarischen Salons in Wien. Hier verkehrten Arthur Schnitzler, Egon Friedell, Max Reinhardt, Anton Wildgans, Franz Theodor Csokor und Franz Werfel, um nur einige zu nennen.[16]

Nach dem Krieg sollten die Salzburger Festspiele die Tradition der österreichischen Kultur wieder zu neuem Leben erwecken und Berta Zuckerkandl war in die Entstehungsgeschichte involviert. In enger Absprache mit den Gründern Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal begleitete sie die Festspiele publizistisch und schrieb das Geleitwort für das erste Festspielprogramm. Berta Zuckerkandl, die seit 1923 vorwiegend im Neuen Wiener Journal publizierte, engagierte sich weiter für die österreichisch-französische Völkerversöhnung, indem sie dem österreichischen Publikum französische Autoren vorstellte und zahlreiche Theaterkritiken über Aufführungen der Comédie Française verfasste. Außerdem war sie als Übersetzerin französischer Theaterstücke tätig, darunter Werke des französischen Dramatikers Paul Géraldy, auf den sie bereits in der Schweiz aufmerksam geworden war. Für das Burgtheater bzw. Max Reinhardts Josefstädter Theater entstanden in der Zwischenkriegszeit an die 120 Übersetzungen.[17]

Politische Berührungsängste kannte Berta Zuckerkandl nicht. Sie pflegte sowohl Kontakte zu den Sozialdemokraten als auch zu den Christlich-Sozialen, ließ sich selbst aber nie parteipolitisch vereinnahmen. Ihr Interesse galt stets Österreich und bedingt durch ihre französischen Beziehungen wurde sie sowohl vom sozialistischen Außenminister Otto Bauer als auch vom christlich-sozialen Bundeskanzler Ignaz Seipel in diplomatische Missionen miteinbezogen. Bei einem Botschaftsessen machte sie auch mit dem 1934 von den Nationalsozialisten ermordeten autoritären Bundeskanzler Engelbert Dollfuß Bekanntschaft, der sogar für einige Tage im Sanatorium Purkersdorf auf Erholung war.[18]

Im März 1938, nur wenige Wochen nach dem sogenannten „Anschluss“, verließ Berta Zuckerkandl gemeinsam mit ihrem Enkel Emile mit nur zwei kleinen Koffern ihre geliebte Heimat Österreich, die sie nie wieder sehen würde. Durch die Hilfe ihres guten Freundes Paul Géraldy, der mit Berta Zuckerkandls Schwager Paul Clemenceau telefonisch Kontakt aufnahm, bekam sie für sich, ihren Enkel und ihre Schwiegertochter Gertrude Visa für Frankreich und eine Ausreiseerlaubnis. Zunächst fuhren Berta und Emile mit dem Arlberg-Express nach Paris. Gertrude, die noch vergebens versuchte, einige vermögensrechtliche Angelegenheiten in Purkersdorf zu klären, kam wenige Wochen später nach. Paris wurde für die Zuckerkandls bis zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht zur Zwischenstation ihrer Flucht. Sie fanden eine Wohnung, die sich zum Treffpunkt der deutsch-österreichischen Emigration entwickelte und Berta Zuckerkandl verfasste ihre Memoiren, die zunächst auf Deutsch und später auf Englisch erschienen.[19] Im Frühjahr 1940 musste die Familie auch aus Frankreich fliehen. Berta kam zunächst nach Bourges, wo sich die französische Kompanie, der ihr Sohn angehörte, gerade in Auflösung befand. Mutter und Sohn gelang die Flucht nur getrennt. Letztendlich schafften es alle vier nach Nordafrika und in Algier waren sie wieder vereint. Selbst im nordafrikanischen Exil blieb Berta Zuckerkandl nicht lange untätig. Ihrem Enkel Emile diktierte sie ihre Erinnerungen, die später Grundlage für ihr posthum erschienenes Buch Österreich intim wurden. Sie stellte ihr sehr persönliches Werk über Georges Clemenceau Clemenceau, tel que je l’ai connu fertig, arbeitete für eine Radiostation der Alliierten und veröffentlichte kulturpatriotische Artikel in der Zeitschrift TAM.[20] Bereits schwer krank kam die 81-Jährige gemeinsam mit ihrem Sohn Mitte September 1945 in ihre zweite Heimat Paris zurück, wo sie am 16. Oktober 1945 starb.

3 Inhaltliche Schwerpunkte und Besonderheiten in der Aufarbeitung des Archivmaterials

Die Materialien der Sammlungen Emile Zuckerkandl umfassen neben Werken, Korrespondenzen, Lebensdokumenten und Sammlungen auch noch eine umfangreiche Nachlassbibliothek aus dem Besitz Berta Zuckerkandls. Die zahlreichen Manuskripte, Briefe, Fotos, Sammlungen und Dokumente korrespondieren mit ihren verschiedenen Tätigkeitsbereichen als Salonière, Journalistin und Übersetzerin.

Eine umfangreiche Briefsammlung dokumentiert ihr weitverzweigtes literarisch-künstlerisches Netzwerk, zeigt aber auch ihre politischen und kulturellen Verbindungen nach Frankreich. Unter den Korrespondenzpartnern finden sich bedeutende Literaten wie Peter Altenberg, Rainer Maria Rilke, Felix Salten, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig oder Ödön von Horváth und Joseph Roth. Briefe von Koloman Moser, Otto Wagner und Josef Hoffmann zeigen ihr publizistisches Engagement für die Wiener Sezession und ein neues Kunstgewerbe. Ihre politischen Verbindungen werden durch Briefe von Otto Bauer und Ignaz Seipel sichtbar. Aber auch das politische Netzwerk ihres Vaters Moriz Szeps ist durch Korrespondenzen in den Sammlungen belegt. Neben Briefen von Georges Clemenceau ist ein weiteres Highlight ein zwölf Seiten langer Brief von Kronprinz Rudolf an den Journalisten, der mögliche alternative Beziehungen des Habsburgerreiches zu Deutschland und Frankreich zum Inhalt hat.

Berta Zuckerkandls vielfältige Verbindungen in die österreichische Kultur- und Theaterszene sind durch Briefe von Max Reinhardt, Hugo Thimig, Rosa Albach-Retty und Alexander Giradi belegt. Eine Vielzahl der Briefe wurde von Emile Zuckerkandl in einem kleinen Koffer, der Flucht und Emigration überdauerte, aufbewahrt.

In der Nachlassbibliothek von Berta Zuckerkandl befinden sich zahlreiche Bücher mit Widmungen berühmter Autoren, darunter von Arthur Schnitzler, Peter Altenberg und Hugo von Hofmannsthal, aber auch von Paul Géraldy und anderen französischen Dramatikern, die Berta Zuckerkandl ins Deutsche übersetzte. Ihre Verbindungen in die französische Kunstwelt sind unter anderem durch ein gewidmetes Buch von Auguste Rodin sowie durch einen Brief von Maurice Ravel belegt. Beide lernte sie im Salon ihrer Schwester in Paris kennen.

Abb. 2 Brief von Kronprinz Rudolf an Moriz Szeps (Seite 1), LIT, B. Zuckerkandl/Sammlung Emile Zuckerkandl 2, Sign.: 424/B4

Abb. 2

Brief von Kronprinz Rudolf an Moriz Szeps (Seite 1), LIT, B. Zuckerkandl/Sammlung Emile Zuckerkandl 2, Sign.: 424/B4

Besondere Objekte aus der Gruppe der Lebensdokumente sind die Hochzeits- bzw. Verlobungsbücher von Berta Zuckerkandl und ihrer Schwester Sophie von 1886. Diese enthalten gebundene Sammlungen von Gratulationsschreiben, Glückwunschtelegramme und Visitenkarten von Personen aus dem gesellschaftlichen und intellektuellen Umfeld der Familien Szeps, Zuckerkandl und Clemenceau. Das Spektrum reicht dabei von Journalisten über Burgschauspieler und Opernsänger bis hin zu Reichsratsabgeordneten und Wissenschaftlern. Zu den wahrscheinlich prominentesten Gratulanten zählen Kronprinz Rudolf, Johann Strauß sowie die Burgschauspielerinnen Charlotte Wolter und Katharina Schratt. Die Bücher sind sehr aufwendig gestaltet. Das Hochzeitsbuch von Berta Zuckerkandl hat einen Einband aus rotem Samt, auf dem Buchdeckel befinden sich die Initialen von Berta und Emile.

Abb. 3 Brief von Kronprinz Rudolf an Moriz Szeps (Seite 12), LIT, B. Zuckerkandl/Sammlung Emile Zuckerkandl 2, Sign.: 424/B4

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Brief von Kronprinz Rudolf an Moriz Szeps (Seite 12), LIT, B. Zuckerkandl/Sammlung Emile Zuckerkandl 2, Sign.: 424/B4

Neben diesen besonderen Lebensdokumenten beinhalten die Sammlungen auch umfangreiche Fotomaterialen. Diese reichen von Schnappschüssen über selbstgestaltete Fotoalben von Emile Zuckerkandl bis hin zu professionellen Porträts der berühmten Fotoateliers von Madame d’Ora und Franz Löwy. Insbesondere von Sophie Clemenceau sind zahlreiche Porträts erhalten.

Einen Teil der Korrespondenz der dritten Sammlung bildet die Familienkorrespondenz zwischen Berta, ihrem Enkel Emile und ihrer Schwiegertochter Gertrude. Gertrude Zuckerkandl war die Tochter des Psychoanalytikers Wilhelm Stekel, der eng mit Sigmund Freud zusammenarbeitete. In der Sammlung findet sich ein Schreiben von Stekel, welches an Schriftsteller gerichtet ist, und worin er sie bittet, ihm für sein neues Werk Die Träume der Dichter Auskunft über ihre Träume zu geben. Die Antwortschreiben von Schriftstellern und Künstlern wie etwa Peter Rosegger, Emil Ertl, Wolfgang Madjera, Heinrich Lilienfein, Jehudo Epstein oder Anton Karlinsky sind ebenfalls erhalten geblieben und eine wichtige empirische Grundlage für eines von Stekels Hauptwerken.

Abb. 4 Hochzeitsbuch von Berta Zuckerkandl (Ausschnitt), LIT, B. Zuckerkandl/Sammlung Emile Zuckerkandl 3, Sign.: 438/L1

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Hochzeitsbuch von Berta Zuckerkandl (Ausschnitt), LIT, B. Zuckerkandl/Sammlung Emile Zuckerkandl 3, Sign.: 438/L1

Ein großer Teil der Sammlungen deckt die Zeit des Exils ab. In der ersten Sammlung befindet sich Berta Zuckerkandls sogenannter „Fluchtbericht“, den sie im nordafrikanischen Exil verfasste, eingeklebt in einem Tagebuch von Emile Zuckerkandl. Es war ihr Enkel Emile, der sie überredete, die traumatischen Erlebnisse ihrer Flucht aus Frankreich zu Papier zu bringen. Weitere bedeutende Dokumente aus der Exilzeit sind die sogenannten „Cahiers“ Berta Zuckerkandls aus der dritten Sammlung. Es handelt sich dabei um 60 Schulhefte mit handschriftlichen Notizen und Abschriften, die Grundlage für ihr Erinnerungsbuch Österreich intim waren. Da die Themen der einzelnen Hefte zum Teil in direktem Zusammenhang mit den Kapiteln im Buch stehen, wurden diese nicht als Konvolut sondern einzeln katalogisiert, um diese Inhalte besser sichtbar zu machen. In der zuletzt von der Österreichischen Nationalbibliothek erworbenen Sammlung befinden sich außerdem einige Reisedokumente von Berta Zuckerkandl, darunter ihr Adressbuch mit prominenten Exiladressen von Alma Mahler-Werfel, Thomas Mann und Paul Géraldy und zahlreiche Briefe an ihren Enkel Emile.

Ein weiteres Highlight der dritten Sammlung sind 27 Tagebücher von Emile Zuckerkandl, die von 1931 bis in die Exilzeit der 1940er-Jahre reichen. Sie decken somit eine Zeitspanne von fast 15 Jahren ab, sind von großer kulturhistorischer Relevanz und zeigen zugleich die Bildungsgeschichte eines Kindes aus großbürgerlich-jüdischer Familie. Außerdem sind sie ein Zeugnis der innigen Beziehung Emiles zu seiner Großmutter, die seine vielseitigen Interessen und Begabungen immer gefördert hat. Die Tagebücher von Emile Zuckerkandl korrespondieren mit drei Autografenbüchern aus der zweiten Sammlung. Angeregt durch die vielfältigen Kontakte seiner Großmutter begann Emile, Autogramme berühmter Personen zu sammeln; er berichtet davon immer wieder in seinen Tagebüchern. Bei der archivarischen Aufarbeitung und Katalogisierung der Tagebücher mussten mehrere Faktoren berücksichtigt werden. Aus konservatorischer Sicht handelt es sich dabei um sensibles Material, weil sich darin viele lose sowie eingeklebte, eingeheftete bzw. zum Teil mit Stecknadeln befestigte Materialien befanden. Emile Zuckerkandl hat in seine Tagebücher Opern- und Theaterkarten, Programmhefte, Briefe, Postkarten, Fotos und Zeitungsausschnitte integriert. Zunächst galt es, diese als Gesamtkunstwerke in ihrer individuellen Form, Einzig

Abb. 5 Tagebuch von Emile Zuckerkandl, LIT, B. Zuckerkandl/Sammlung Emile Zuckerkandl 3, Sign.: 438/W22

Abb. 5

Tagebuch von Emile Zuckerkandl, LIT, B. Zuckerkandl/Sammlung Emile Zuckerkandl 3, Sign.: 438/W22

artigkeit und Einheit so gut wie möglich zu erhalten. Gleichzeitig sollte so viel Information wie möglich daraus gefiltert werden, um die Tagebücher zugänglich zu machen, schließlich musste die fachgemäße, dauerhafte Aufbewahrung gewährleistet werden. Für letztere war es notwendig, diverse Stecknadeln, Büroklammern und Ähnliches zu entfernen. Die dadurch lose gewordenen Materialien wurden als Beilagen zu den Tagebüchern behandelt und separat katalogisiert. Somit bleibt der direkte Zusammenhang bestehen und es entsteht gleichzeitig ein Mehrwert an Information. Auch alle in eingeklebten Kuverts befindlichen Briefe in den Tagebüchern, viele davon an oder von Berta Zuckerkandl, wurden zusätzlich als Korrespondenzen katalogisiert.

Abb. 6 Tagebuch von Emile Zuckerkandl (Ausschnitt), LIT, B. Zuckerkandl/Sammlung Emile Zuckerkandl 3, Sign.: 438/W22

Abb. 6

Tagebuch von Emile Zuckerkandl (Ausschnitt), LIT, B. Zuckerkandl/Sammlung Emile Zuckerkandl 3, Sign.: 438/W22

4 Sonderausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek

Das Jahr 2018 steht in kultureller Hinsicht ganz im Zeichen der Wiener Moderne. Anlässlich des 100. Todestages einiger der maßgeblichen Protagonisten dieser Zeit, namentlich Gustav Klimt, Koloman Moser und Otto Wagner, widmen sich in Wien zahlreiche Ausstellungen dieser Thematik. Auch das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek thematisiert die Zeit der Wiener Moderne. Im Rahmen einer Sonderausstellung[21] werden die Netzwerke von drei wichtigen Zentralfiguren dieser Zeit beleuchtet: Alban Berg, Ludwig Wittgenstein und Berta Zuckerkandl. Zahlreiche Objekte aus dem umfangreichen Nachlass von Berta Zuckerkandl können von 22. März 2018 bis 17. Februar 2019 besichtigt werden. Schwerpunkte bilden dabei ihre publizistische Tätigkeit, insbesondere ihr Einsatz für Gustav Klimt, ihre literarischen Netzwerke und ihre Rolle als Salonière. Um Leben und Werk von Berta Zuckerkandl in seiner Gesamtheit besser beurteilen zu können, widmet sich die Ausstellung außerdem ihrem politischen Engagement, ihrer Rolle als Übersetzerin und Literaturagentin und der Exilzeit. Ein umfangreicher Begleitband zur Ausstellung ist im Wiener Zsolnay-Verlag erschienen.

Literaturverzeichnis

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Szeps-Zuckerkandl, Bertha (1939a): Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte. Stockholm: Bermann-Fischer. Search in Google Scholar

Szeps-Zuckerkandl, Bertha (1939b): My life and history. New York: Alfred A. Knopf. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2018-4-11
Erschienen im Druck: 2018-4-4

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