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Publicly Available Published by De Gruyter December 1, 2018

Editorial

Andreas Brandtner ORCID logo EMAIL logo , Andreas Degkwitz ORCID logo and Cornelia Vonhof ORCID logo

Die Feststellung, dass Bibliotheken ausgeprägten und nachhaltigen Veränderungen ausgesetzt sind, ist mittlerweile zu einem Gemeinplatz geworden. Die digitale Transformation hat die Welt der Daten, der Information, des Wissens und der Medien revolutioniert. Massiv betroffen von den häufig rasanten und teilweise disruptiven Veränderungen sind sämtliche Organisationen, die am Informationsmarkt und für die Wissensgesellschaft aktiv sind. Dazu zählen an prominenter Stelle wissenschaftliche und öffentliche Bibliotheken und natürlich auch ihre Trägerinstitutionen wie Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Kommunen. Nicht nur Forschung, Lehre und Studium basieren zusehends auf digitalen Medien und finden vermehrt in virtuellen Räumen statt, sondern auch der private Umgang mit Medien erfolgt tendenziell elektronisch auf den entsprechenden – zumeist mobilen – Endgeräten.

Unser Themenschwerpunkt Bibliotheksmanagement als Management von Veränderung setzt bei dieser allseits bekannten sowie diskursiv geteilten Konstellation an und verfolgt einige Konsequenzen, die sich daraus für eine zukunftsorientierte Organisationsentwicklung unserer Bibliotheken ergeben. Denn Bibliotheken sind zwar einerseits den Veränderungen ihrer Umwelten ausgesetzt, müssen sich allerdings andererseits – wenn sie langfristigen Erfolg anstreben – selbst verändern. Bibliotheksmanagement wird somit fundamental zum Management organisatorischer Veränderungen. Die hier versammelten Beiträge gehen dieser organisatorischen Grundreflexion in mehreren Richtungen nach. Das Hauptaugenmerk liegt auf der digitalen Transformation und ihren Auswirkungen auf Organisationsentwicklung, Strategie, Personalentwicklung, Kompetenzmanagement, Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie evidenzbasiertes Management.

Als allgemeiner Einstieg in das Thema führt Dirk Baecker ein systemtheoretisch fundiertes Verständnis von Organisation und Management vor, das der digitalen Transformation der modernen Buchdruckgesellschaft in eine „nächste“ Computergesellschaft entspricht. An die Stelle mechanischer Managementsysteme tritt ein organisches postheroisches Management, das eine agile Produktentwicklung in heterarchischen Netzwerkstrukturen organisationalen Handelns unterstützt. Im Anschluss daran geht Simone Fühles-Ubach der Frage nach, welche Rolle Bibliotheken und ihre Strategien im Gesamtkontext ihrer Träger spielen. In einer empirischen Untersuchung werden Strategiepapiere europäischer Bibliotheken auf ihre Verbindung zur jeweiligen Trägerorganisation hin untersucht. Die Studie basiert auf der Grundannahme, dass nicht nur „embedded“ oder „liaison librarians“ gebraucht werden, sondern auch im Zentrum der Organisation verankerte „embeddded libraries“. Das Verhältnis zwischen Universitäten und ihren Bibliotheken thematisiert Hubertus Neuhausen mit Bezug auf die digitale Transformation. Dabei geht er zuerst darauf ein, was Digitalisierung von Hochschulen in Bezug auf Forschung, Lehre, Studium und Infrastruktur bedeutet und wie weit dieser Prozess vorangeschritten ist. In der Folge richtet sich der Blick darauf, welchen Ort Universitätsbibliotheken in den sich digitalisierenden und digitalisierten Hochschulen einnehmen und welche organisatorischen Veränderungen infolge dessen notwendig sind. Ein Fallbeispiel liefert Marc van den Berg. In seinem Beitrag adressiert er die aktuelle Entwicklung der Niederländischen Nationalbibliothek / Koninklijke Bibliotheek angesichts der digitalen Transformation und der neuen Rolle der Bibliothek für das öffentliche Bibliothekswesen in den Niederlanden. Beschrieben wird ein Change-Prozess, der durch die Fusion mehrerer bibliothekarischer Einrichtungen ausgelöst wurde und der die wesentlichen Organisationsebenen umfasste: Organisationsstruktur, Organisationskultur, Strategie, Management und Kompetenzen. Schließlich setzt Petra Düren mit ihren Ausführungen auch bei dem massiven Wandel an, dem sich Bibliotheken ausgesetzt sehen. Um diesen bewältigen zu können, müssen sich Bibliotheken zu lernenden Organisationen entwickeln, das heißt, nicht nur auf neue Anforderungen von außen reagieren, sondern aktiv und kreativ die eigene Zukunft gestalten, indem sie ihre Fähigkeiten kontinuierlich erweitern. Hierzu ist Wissensmanagement notwendig.

Nach diesen stark auf Organisation und Organisationsentwicklung fokussierten Aufsätzen wendet sich die Aufmerksamkeit auf Personaleinsatzplanung und Personalentwicklung sowie Aus-, Fort- und Weiterbildung. Hier geht Wolfram Horstmann der Frage nach, ob sich wissenschaftliche Bibliotheken vor dem Hintergrund des rasanten Wandels schnell genug verändern (können). Die gegenwärtige Herausforderung besteht darin, die klassischen Bibliotheksservices weiterhin zu bedienen und zudem neue Aufgaben zu übernehmen. Am Beispiel der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen wird ein Einblick in eine strategisch gesicherte und vorausschauende Planung von Personalstruktur und Personaleinsatz gegeben. Anhand dieser Kalkulation wird das Innovationspotential der Bibliothek exemplarisch anschaulich. Klaus Gantert, Günther Neher und Frauke Schade zeigen, wie die bibliotheks- und informationswissenschaftliche Aus-, Fort- und Weiterbildung zur erfolgreichen Bewältigung der digitalen Transformation beitragen sollen. Veranschaulicht wird dabei, wie die spezifischen Hochschulen und Ausbildungseinrichtungen mit ihrer Berufungs- und Einstellungspolitik, ihren strategischen Allianzen und übergeordneten fachlichen und politischen Zusammenschlüssen sowie mit der Profilierung ihrer Studiengänge auf neue Anforderungen des Marktes und der Berufspraxis reagieren. Abschließend widmet sich Gillian Hallam der Übertragung des evidenzbasierten Managements auf den Bibliotheksbereich und gibt eine kurze Einführung in die Evidence Based Library and Information Practice (EBLIP). Der im angloamerikanischen Raum seit gut zehn Jahren verbreitete methodische Ansatz erhebt den Anspruch, angelehnt an das Konzept der evidenzbasierten Medizin, Praxisentscheidungen auf der Grundlage bestmöglicher Erkenntnisse zu treffen. Fallstudien aus wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken illustrieren den Einsatz des Modells in der Praxis.

Alle Beiträge nehmen bei der digitalen Transformation ihren Ausgang und begreifen Bibliotheken als Organisationen, die ihre weitere Entwicklung daran ausrichten müssen, wenn sie reüssieren wollen. Insofern stellen die Aufsätze Handreichungen für ein Bibliotheksmanagement als Management von Veränderung dar. Denn erfolgskritisch ist nicht nur der Befund, dass Bibliotheken enormen Veränderungen ausgesetzt sind, sondern vor allem das Engagement und die Kompetenz, die Bibliotheken organisatorisch konsequent und systematisch zu entwickeln. Und das ist noch nicht zum Gemeinplatz geworden.

Als Herausgeber des Themenschwerpunkts Bibliotheksmanagement als Management von Veränderung danken wir allen Autorinnen und Autoren, dass sie neben ihren sonstigen Verpflichtungen Zeit und Energie gefunden haben, sich unserem Fragekomplex zu widmen und seine weitere Ausarbeitung mit ihren Beiträgen zu unterstützen.

Über die Autoren

Dr. Andreas Brandtner
Prof. Dr. Andreas Degkwitz
Prof. Cornelia Vonhof
Online erschienen: 2018-12-01
Erschienen im Druck: 2018-11-28

© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 27.1.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/bfp-2018-0058/html
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