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Publicly Available Published by De Gruyter December 3, 2019

Bewegung am Lernort: Ein stromerzeugendes Fahrradergometer in der Philologischen Bibliothek der Freien Universität Berlin

Exercise at Learning Space: An Electricity-Generating Bicycle Ergometer in the Philological Library of the Freie Universität Berlin
  • Janet Wagner

    B. A. Bibliotheksmanagement, Freie Universität Berlin, Philologische Bibliothek, Habelschwerdter Allee 45, D-14195 Berlin

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Zusammenfassung

Bewegungsfördernde Geräte wie Laufband, Schreibtischfahrrad oder stromerzeugende Räder können vor, während oder nach intensiven Lernphasen genutzt werden, um Konzentration zu steigern, sich zu bewegen und eine stimulierende Lernumgebung in der Bibliothek schaffen.

Der Lernort Bibliothek ist bedeutsam für das Lernen, die Lehre und die Forschung. Neben moderner Infrastruktur und bequemen, flexiblem Raummobiliar können bewegungsfördernde Geräte am Lernort Motivation & Bewegung für die Studierenden bewirken. In einer mehrwöchigen Teststellung mit verschiedenen Standorten wurde ein stromerzeugendes Fahrrad in der Philologischen Bibliothek aufgestellt.

Abstract

Exercise-enhancing devices such as treadmills, desk bicycles or power-generating wheels can be used before, during or after intensive learning phases to increase concentration, exercise and create a stimulating learning environment in the library.

The learning space of the library is important for learning, teaching and research. In addition to modern infrastructure and comfortable, flexible room furniture, movement-enhancing devices at the learning location can provide motivation and movement for the students. A power-generating bicycle was set up in the Philological Library in a test position lasting several weeks at various locations.

Schlüsselwörter: Bewegung; Lernort; Bibliothek

Der Lernort Bibliothek ist bedeutsam für das Lernen, die Lehre und die Forschung. Die Literaturversorgung, Informationsbeschaffung und Informationsberatung gehen einher mit der Bereitstellung von physischen und virtuellen Angeboten zum Lernen und dem damit verbundenen Aufenthalt in der Bibliothek. Hohe Aufenthaltsqualität und zeitgemäße Raumausstattungen sind wichtige Schlüsselqualitäten von Bibliotheken.

Neben einer modernen Infrastruktur und flexiblem Raummobiliar können bewegungsfördernde Geräte eine stimulierende Lernumgebung für Studierende bieten.

Lernverhalten und Lernbedürfnisse der verschiedenen Zielgruppen in Bibliotheken bedingen neue Ideen für die Raumnutzung, für konzentriertes und erfolgreiches Lernen und nicht zuletzt auch für die Steigerung der Aufenthaltsqualität in den Bibliotheksräumen. „Bibliotheken im 21. Jahrhundert müssen einladend und attraktiv, aber auch zweckmäßig, flexibel, integriert, transparent und nachhaltig sein.“[1]

In meiner Bachelorarbeit bin ich der Frage nachgegangen, welche bewegungsfördernden Angebote am Lernort Bibliothek Motivation, Konzentration und Bewegung für Studierende bereithalten können. Offenkundig dabei ist der Ansatz, dass die Bibliothek aktiv einen Beitrag gegen das überdurchschnittlich lange Sitzen der Studierenden leisten kann, ohne dass diese das Lernen unterbrechen müssen. Im Arbeits- und Studienalltag ist die Wahrnehmung über den hohen täglichen Zeitanteil von sitzenden Tätigkeiten noch immer gering. Es fehlt am Lernort Bibliothek an aktiven Angeboten, sich während des Lesens und Lernens aktiv bewegen zu können. Mehr Bewegung vor, während oder nach intensiven Lernphasen kann motivieren und die eigene Konzentration steigern. Die Aufstellung bewegungsfördernder Geräte bedarf keiner Befragungsstudien zu Erwartungen und Wünschen der Studierenden an den Lernort des 21. Jahrhunderts. Es ist im Sinne des niederländischen Architekten Aat Vos die Überraschung, das Unerwartete in Bibliotheken, was langfristig zu einem positiven Imagebild führen kann. „An attractive third place is tailored to the needs of its users. It also knows how to surprise.“[2] Schreibtischfahrräder in einem Lerngruppenraum, ein Laufband in einer Ecke des Lesesaals oder stromerzeugende Fahrradergometer verteilt in den Bibliotheksräumen – die niederschwellige Benutzung dieser Geräte ist ein großer Vorteil, um geplante Teststellungen oder konkrete Angebote zeitnah und ohne große Probleme umzusetzen.

Neben dem eigentlichen Raum mit einer modernen Infrastruktur und einer nutzungsfreundlichen Umgebung kann somit das Angebot von stromerzeugenden Fahrrädern charakteristisch sein und die Nutzer damit überraschen. Jonas Fansa stellt heraus, wie mit unerwarteten Angeboten unter Umständen auch ein Alleinstellungsmerkmal für den Lernort Bibliothek erreicht werden kann. „[D]er physische Raum ein entscheidendes Element der Bibliothek ist und er bewusst gestaltet werden sollte, weil er charakteristische Alleinstellungsmerkmale besitzt, die von seinen Nutzern nach wie vor geschätzt und gesucht werden“.[3] Bei der Neugestaltung von Lernorten können bewegungsfördernde Geräte zusätzlich einen positiven Einfluss auf die Lernerfolge bei den Studierenden nehmen.

In der Philologischen Bibliothek der Freien Universität Berlin wurde im Rahmen einer Teststellung Anfang 2019 ein stromerzeugendes Fahrradergometer der belgischen Firma WeWatt für die Studierenden aufgestellt. Es wurden verschiedene Standorte in der Bibliothek getestet, ein Meinungsbild via Tablet und fünf kurzen Fragen wurde eingeholt. Das Ergebnis war eindeutig: Die dauerhafte Anschaffung des Fahrradergometers wurde gewünscht.

Abb. 1 
        IPad-Umfrage
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IPad-Umfrage

Beim Radeln kann gleichzeitig das mobile Endgerät aufgeladen werden. Diese nachhaltige Ladefunktion ist neben der Bewegung ein Bonus, der zu einem persönlichen, positiven und nachhaltigen Erlebnis zur eigenen Stromerzeugung führt. Das selbständige Tun wird angeregt und gefördert. Kurze, leichte Bewegungseinheiten beim Lesen oder während einer Lernpause fördern die Bewegung, den Studierenden wird die Möglichkeit geboten, Sitzpositionen zu ändern und ggf. den Kopf frei zu bekommen, nach intensiven Lern- oder Lesephasen.

Die Philologische Bibliothek hat das WeWatt Rad nunmehr erworben. Das dauerhafte Angebot von Bewegung am Lernort unterstützt eine anregende und moderne Lernumgebung für die Studierenden. Das Rad steht unweit der Einzelarbeitsplätze an einer nicht ganz so präsenten Stelle, da die Studierenden eher ungesehen das Rad nutzen möchten. Das Strampeln ist sehr leise und wirkt nicht störend im Lesesaal.

Im anglo-amerikanischen Raum sind bewegungsfördernde Geräte in Bibliotheken nicht neu. Erfahrungen von Bibliotheken mit bereits ausgestatteten Lernräumen in denen Schreibtischfahrräder und/oder Laufbänder genutzt werden, können bei der Entscheidungsfindung für eigene Anschaffungen hilfreich sein.

Inspirierend und empfehlenswert ist der Beitrag von Mary Ellen Nolan: „Bikes in the library: pedaling for health, literacy, and green power“. Die Öffentliche Bibliothek „New Hanover Country Public Library“ in North Carolina agiert in einer aktiven Rolle, vor allem Jugendlichen im Rahmen gesundheitlicher Prävention Bewegung in der Bibliothek anzubieten. „So far, this has been a very popular experiment with the library system's younger patrons. Public libraries can create healthier communities with programs, events, and information, digital inclusivity and health literacy.“[4]

Obgleich die Förderung von Bewegung primär den Gesundheitserhalt ansprechen soll, das generelle Ziel, Bibliotheksbesuchern während ihres Aufenthalts Bewegung anzubieten, gilt für alle Zielgruppen und Bibliothekstypen gleichermaßen. „New ways to engage users, and to get them to think about exercise, health, and movement.“[5]

FitDesk bikes wurden an der Clemson Universität in der Cooper Library in South Carolina für Studierende aufgestellt. Die dortige Psychologie-Professorin June Pilcher erarbeitete eine Studie über die Effekte von Bewegung auf einem Rad während des Lernens.

Die Bibliothek dient hier nicht nur als Lernort, sondern zugleich auch als Forschungsstätte. „I want to help people see that we can study and work while moving at a slow pace.“[6] Es geht um leichte Bewegung, die weder einen Trainingseffekt besitzen, noch den eigentlichen Sport ersetzen soll.[7] Spätere Auswertungen Pilchers führten zu Empfehlungen, FitDesks bikes dauerhaft in Bibliotheken für Studierende aufzustellen. Der oft auftretende Müdigkeitsanfall während langer und konzentrierter Lernphasen kann mit Bewegung gestoppt werden. „If students are already in the library studying, they go ahead and use it,“ Pilcher sagte: „I encourage students that are falling asleep to get on the FitDesk.“[8]

Ideal wären Bewegungsangebote in Seminarräumen und auf dem gesamten Universitätsgelände. „Pilcher said she is impressed with the Bike Desk and its stability, and over time she hopes to move the FitDesk around to random places on campus that are more available to students. For example, she said she hopes one day there will be a bike where students might just be sitting or waiting for class to start.“[9]

Diese Aussage betont das Ausprobieren von lernfördernden Geräten in verschiedenen Lernumgebungen. Die Bibliothek als Vorreiter eines solchen Angebots kann damit eine aktive Rolle in der Gestaltung von Lernräumen einer Hochschule einnehmen.

Es sollte vielfältige Möglichkeiten in Bibliotheken geben, um „Bewegung & Lernen“ am Lernort anzubieten. Die Inspirationen können vermehrt an öffentlichen Orten und Plätzen gesucht werden, denn Lernen findet vielerorts und stetig statt. Die Bibliothek als Unterstützer für Lernmotivation: Diese Rolle klingt nicht nur zeitgemäß, sie ist es auch und sollte stets bewusst gezeigt werden.

„Stimmige Gesamtpakete mit gut ineinandergreifenden Features sorgen für Begeisterung bei den Nutzern – oder, um mit Andrew McDonald zu sprechen – den ‚Oomph‘- oder ‚Wow‘-Effekt gibt es auch im Kleinen [...]. Damit kann gut gemachte Bibliotheksgestaltung auch zum Alleinstellungsmerkmal oder wenigstens zu einem wichtigen Marketingaspekt werden.“[10]

Fansa fasst es prägnant zusammen: Das Gesamtpaket ist entscheidend. Bewegungsfördernde Geräte sind ein Feature von vielen, die die Attraktivität und den Aufenthalt am Lernort Bibliothek steigern können.

Abb. 2 
        Stromerzeugendes Lesefahrrad
Abb. 2

Stromerzeugendes Lesefahrrad

Über den Autor / die Autorin

Janet Wagner

B. A. Bibliotheksmanagement, Freie Universität Berlin, Philologische Bibliothek, Habelschwerdter Allee 45, D-14195 Berlin

Literaturverzeichnis

Chant, Ian (2013): Fit for the library: Clemson students study on bikes. Clemson psych professor to analyze results in study of exercise and learning. In: Library Journal, 12–13.Search in Google Scholar

Fansa, Jonas (2009): Bibliotheksdesign. zur gestalterischen Verantwortung im bibliothekischen Raum. In: Bibliotheken bauen und ausstatten, hg. v. Petra Hauke u. a., Bad Honnef, 218–27.Search in Google Scholar

Fansa, Jonas (2012): Die Bibliothek als physischer Raum. Die Bibliothek als Ort. In: Handbuch Bibliothek. Geschichte, Aufgaben, Perspektiven, hg. v. Konrad Umlauf u. a., Stuttgart, Weimar, 40–70.10.1007/978-3-476-05185-1_4Search in Google Scholar

FitDesk Bike Desk (2016): A healthy way to study. In: UWIRE Text, 1.Search in Google Scholar

Latimer, Karen (2014): Architektur für den Zugang: Bibliotheksräume im 21. Jahrhundert neu denken. In: Formierungen von Wissensräumen. Optionen des Zugangs zu Information und Bildung, hg. v. Olaf Eigenbrodt u. a. (Age of access? Grundfragen der Informationsgesellschaft, Bd. 3), Berlin, Boston, Mass., 37–49.Search in Google Scholar

Nolan, Mary Ellen (2015): Bikes in the Library. Pedaling for Health, Literacy, and Green Power. In: Journal of Consumer Health on the Internet, (19), 265–70.Search in Google Scholar

Vos, Aat (2017): How to create a relevant public space. Rotterdam.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2019-12-03
Erschienen im Druck: 2019-11-30

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 29.2.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/bfp-2019-2069/html
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