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Publicly Available Published by De Gruyter December 3, 2019

All you can read – Ein ambitioniertes Leseprojekt

All You Can Read – An Ambitious Reading Project
Nina Santner

Kantonsschule Baden, Mediothek, Seminarstr. 3, CH-5400 Baden, Schweiz

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and Melanie Sigg

Kantonsschule Baden, Mediothek, Seminarstr. 3, CH-5400 Baden, Schweiz

Zusammenfassung

Im Projekt Lesejahr.ch lesen Schüler und Lehrer an Schweizer Mittelschulen um die Wette. Sie können dabei entweder viel lesen oder schlau lesen, damit punkten und Preise gewinnen. Das Projekt der schulinternen Mediotheken macht das Lesen cool und sichtbar. Denn Lesefreude und Orientierung in der Medienwelt sind in Zeiten von Twitter und Instagram nach wie vor wichtige Ziele für anspruchsvolle Schulen.

Abstract

Lesejahr.ch is an attractive reading contest for Swiss high school students and teachers. They can either read a lot or read smartly to score points and win prizes. The project, initiated by the school libraries, makes reading cool and visible. In times of Twitter and Instagram, encouraging students to read for pleasure and teaching them to handle the media sensibly are very important goals for any good school.

1 Einleitung

Das Überangebot an neuen Medien verleitet zur Annahme, dass Jugendliche immer weniger lesen würden. Doch ist dem wirklich so? Die Mediothek der Kantonsschule Baden, einer Schweizer Mittelschule für 16- bis 19-Jährige (mit den Bildungslehrgängen Gymnasium, Wirtschafts- und Informatikmittelschule), wollte es genauer wissen. Nach mehreren Jahren, in denen sich die Mediothek auf digitale Projekte wie Filmstreaming und E-Books konzentriert hatte, besann sie sich auf ihre Wurzeln – dem Sammeln von Büchern und der Leseförderung. Während eines Jahres sollte letzteres wieder einmal im Vordergrund stehen mit einem innovativen Projekt, das dem Lesen zu mehr Sichtbarkeit und Coolness verhilft. Es sollte ein spielerischer Wettbewerb analog zu Antolin[1] auf Primarschulstufe entstehen. Geplant wurde er zunächst an der Kantonsschule Baden für das Schuljahr 2018/19. Zuerst wurden der Wettbewerb gestaltet, die Webseite erstellt und die Preise organisiert. Bald darauf konnte die Kantonsschule Wohlen als Partnerschule bzw. als Konkurrentin gewonnen werden.

Leseförderungsprojekte sind je länger je wichtiger, weil sich heute viele Gymnasiasten und Mittelschüler mit YouTube-Videos auf Prüfungen vorbereiten. Um später an den Hochschulen zu bestehen und informationskompetent durch den Alltag zu gehen, brauchen sie jedoch auch eine hohe Lesekompetenz. Lesefreude und Orientierung in der Medienwelt sind wichtige Ziele für eine anspruchsvolle Schule. Weil aber lange und anspruchsvolle Texte in Konkurrenz zu Twitter und Instagram stehen, schenken die beiden Kantonsschulen dem Lesen dem Projekt Lesejahr besondere Aufmerksamkeit.

Im Unterricht spielt das Lesen für Kantonsschüler an Schweizer Gymnasien natürlich nach wie vor eine große Rolle. Im Laufe ihrer Schulzeit müssen sie zahlreiche Bücher für den Unterricht lesen. Allein mit dieser Lektüre können sie im Lesejahr schon Punkte sammeln. Und wer in der Freizeit zusätzlich liest, hat umso höhere Chancen auf einen Preis. Durch den Wettbewerb werden Schüler nicht nur dazu motiviert, mehr zu lesen, er fördert außerdem den Austausch über Literatur: Die Schüler machen sich Gedanken zu ihrer eigenen Lektüre, sehen, was andere gelesen haben und geben sich gegenseitig Tipps. Sie können auch an Lesungen teilnehmen, sich mit Autoren austauschen und Literatur hautnah miterleben. Kurz: Durch das Lesejahr sollte an beiden Schulen ein hoch ansteckendes Lesefieber ausbrechen.

„Lesen ist gefährdet. Von neuer Technologie und alter Ignoranz.“[2]

Abb. 1 
          Kickoff Lesejahr in Baden am 4.9.2018. Fotograf: Fabian Wyttenbach
Abb. 1

Kickoff Lesejahr in Baden am 4.9.2018. Fotograf: Fabian Wyttenbach

Abb. 2 
          Kickoff Lesejahr in Wohlen am 22.8.2018. Fotograf: Lukas Leuenberger
Abb. 2

Kickoff Lesejahr in Wohlen am 22.8.2018. Fotograf: Lukas Leuenberger

2 Lesefieber gegen Leseknick

Ein weiterer Anlass für die Lancierung des Lesejahrs war unter anderem der Leseknick zu Beginn des Jugendalters.[3] Die James-Studie 2018 stellt fest, dass die Freizeitbeschäftigung „Bücher lesen“ mit zunehmendem Jugendalter abnimmt. In der James-Studie untersucht die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften die Aktivitäten und das Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen in der Schweiz im Zweijahresrhythmus. Darin geben 45 % der 12- und 13-Jährigen an, dass sie täglich oder mehrmals pro Woche lesen. Bei den 18- und 19-Jährigen sind es nur noch 14 %. Ältere Jugendliche lesen dafür mehr Gratis- und Online-Abozeitungen als jüngere (s. Abb. 3).

Abb. 3 
          Freizeit medial nach Altersgruppen
Abb. 3

Freizeit medial nach Altersgruppen

Nichtsdestotrotz ist das Lesen eine beliebte Freizeitbeschäftigung von Jugendlichen in der Schweiz. So steht es an vierter Stelle der beliebten Freizeitaktivitäten, die man alleine macht. Beliebter sind nur die Nutzung audiovisueller Medien (596 Nennungen), Sport (519) und Gamen (343). Lesen und Musik hören sind mit je 307 Nennungen gleich auf.[5] Je höher das formale Bildungsniveau ist, umso mehr lesen Jugendliche regelmäßig Bücher (Untergymnasium 55 %, Sekundarschule 28 %, Realschule 18 %).[6] Gute Voraussetzungen also, um dem Lesejahr richtig Schwung zu verleihen.

Bis heute ist dem Lesejahr-Team[7] kein vergleichbares Projekt anderer Bibliotheken oder Schulen bekannt. Gewisse Anregungen aus der Literatur über das Lese- und Freizeitverhalten von Jugendlichen haben aber Eingang ins Lesejahr gefunden, beispielsweise in die zu erfüllenden Wettbewerbsaufgaben.[8] Auch dem Vorlesen − das im Schulalltag häufig keinen Platz findet, aber zur Lese- und Literaturkompetenz Jugendlicher beiträgt[9] − wollte man mit Veranstaltungen mehr Raum geben.

Wichtig war zudem, dass die Mediothekarinnen in ihrer Überzeugung bestärkt wurden, dass „leseanimierende Verfahren dazu bei[tragen], habituelle Einstellungen und Praktiken zum Lesen bei [...] Jugendlichen auszubilden und diese dem anspruchsvollen Ziel einer Teilhabe an der Gegenwartskultur ein Stück weit näher zu bringen.“[10] Ein Aspekt, den auch Keller-Loibl und Brandt unterstreichen.[11]

Rosebrock und Nix betonen, dass Jugendliche im Allgemeinen motivierter lesen, wenn sie das nicht nur „für sich“ tun, sondern an den Lesepraktiken anderer teilnehmen und sich über Gelesenes austauschen können.[12] Wenn Freunde gerne lesen, so ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass man selbst der Lektüre ebenfalls einen Platz im Alltag einräumt.[13] Dieser Aspekt ist in die Konzeption der Webseite eingeflossen, indem z. B. die Meinungen anderer zu den gelesenen Büchern angesehen werden können. Zum Beweis, dass ein Buch wirklich gelesen worden ist, musste man einen kurzen, aber persönlichen Kommentar zum Buch verfassen. Dieser diente anderen wiederum als Empfehlung.[4]

Des Weiteren sind Rosebrock und Nix überzeugt, dass es nicht ausreicht, Jugendlichen, die nicht sowieso schon viel lesen, geeignete Lektüre schmackhaft zu machen, um sie zum Lesen zu animieren.[14] Viele Faktoren spielen eine Rolle für die „aktuelle Lesemotivation“ Jugendlicher, nicht zu unterschätzen sind dabei extrinsische Anteile.[15] Mit attraktiven Preisen wurde diesem Aspekt Rechnung getragen.

3 Viel lesen oder schlau lesen

Das Lesejahr an den Kantonsschulen Baden und Wohlen dauerte von September 2018 bis Mai 2019. Dabei traten Schüler, Lehrer, Angestellte und Lernende und darüber hinaus die beiden Schulen gegeneinander an. Man konnte sich einzeln oder in Gruppen von maximal fünf Personen mit dem Ziel messen, so viel wie möglich zu lesen und dabei Spaß zu haben. Pro 100 Seiten wurde einem im Wettbewerbskonto 1 Punkt gutgeschrieben. Das Ziel war es, möglichst viele Punkte zu holen, in dem man viel liest und dabei bestimmte Aufgaben erfüllt (z. B. „Lesen Sie ein Buch, das in der Zukunft spielt“ oder „Lesen Sie ein Buch, das von einer außereuropäischen Kultur handelt“). Und wer sehr viel gelesen hat – oder schlau war und über die Aufgaben viele Bonuspunkte geholt hat – konnte attraktive Preise gewinnen. Auch Kreativität wird belohnt. So gibt es z. B. besonders viele Punkte, wenn man zu einem Buch einen Trailer dreht, Fanfiction zu einem gelesenen Buch verfasst oder sich als Bookface fotografiert.

Abb. 4 
          Bookface von Elena Fiorentin. Fotografin: Berfin Yoldas
Abb. 4

Bookface von Elena Fiorentin. Fotografin: Berfin Yoldas

Geführt wird der Wettbewerb über die Webseite https://lesejahr.ch (Zugang via Gastlogin). Alle Teilnehmenden können hier ihre gelesenen Bücher eintragen, sowie den aktuellen Punktestand und die Rangliste abfragen. Die Spielregeln behandeln Grenzfälle (Gelten auch Kinderbücher? Nein. Wie zähle ich die Seiten eines E-Books? Nehmen Sie die Printversion als Vorlage. Dürfen Gruppen dasselbe Buch mehrmals eintragen? Ja, jede Person, die das Buch gelesen hat, darf es einmal eintragen).

4 Lehrer planen den Kick-Off, Schüler die Lesenacht

Offiziell gestartet wurde das Lesejahr mit einem großen Knall zu Beginn des Schuljahres. Für eine Lektion wurden alle Badener Schüler aus ihren Schulzimmern geholt und auf dem Pausenplatz versammelt, wo sie vom Spoken-Word-Künstler Simon Chen mit Poetry Slams unterhalten wurden. In Wohlen wurde ein von Kunstlehrern arrangiertes Foto – die Schülerschaft posiert mit ihren Büchern – erstellt.

Umrahmt wurde das Lesejahr mit zahlreichen Veranstaltungen: einem Workshop, wie man effizient wissenschaftliche Texte liest mit Schreibcoach Gabriela H. Venetz, Lesungen von professionellen Schriftstellern wie Arno Camenisch (Der letzte Schnee), Stefan Bachmann (The Peculiar), Gianna Molinari (Hier ist noch alles möglich, [Nomination Schweizer & Deutscher Buchpreis 2018]), Tages-Anzeiger-Karikaturist Felix Schaad sowie mit Barbara Schibli (Flechten) und der Flechtenforscherin Silvia Stofer zu einem Dialog zwischen Literatur und Biologie. Die Lesungen boten auch Gelegenheit, sich über Texte auszutauschen, sowohl mit anderen Lesern als auch mit den Autoren dieser Texte. Jeweils montags gab es eine kurze Lesung von Schülern in ihren verschiedenen Muttersprachen. Sie haben dem Publikum Wissenswertes über ihre Kultur nähergebracht. Viele Schüler haben auch die Gelegenheit ergriffen und ihre selber verfassten Geschichten vorgelesen. Im Januar fand eine Lesenacht statt, bei der es sich die Schülerschaft mit Büchern und Puzzles auch abends in der Mediothek gemütlich machen konnte. Highlight war die Multimedia-Lesung des Thrillers „Du bist mein“ von Patrick Nussbaumer mit Sound und Kunstnebel.

Abb. 5 
          Multimedia-Lesung von Patrick Nussbaumer. Fotografin: Nina Santner
Abb. 5

Multimedia-Lesung von Patrick Nussbaumer. Fotografin: Nina Santner

Ein so großes Projekt, in welches die Mediotheken mindestens 2 000 Arbeitsstunden investierten, kommt nicht ohne Kooperationen zustande. Intern haben mehrere Arbeitsgruppen von Schülern und Lehrpersonen Denkarbeit geleistet und dem Projekt zu Attraktivität verholfen. Lehrpersonen haben den Auftakt mitgeplant und interessierte Schüler haben bei der Ausgestaltung des Wettbewerbs mitgearbeitet und Empfehlungen für attraktive Wettbewerbspreise abgegeben. Eine Schülerin hat das Lesejahr-Logo kreiert und auch die Planung der Lesenacht lag zu großen Teilen in der Hand von Schülern. Fast 20 Sponsoren haben Preise beigesteuert: Eine Reise in den Europapark, Bücherbons, Eintritte in Adventure Rooms, Q-Halbtage (schulfreie Halbtage zum Lesen) oder ein Frühstück in einem beliebten Café.

Abb. 6 
          Logo des Projektes Lesejahr. Grafik: Alexandra West
Abb. 6

Logo des Projektes Lesejahr. Grafik: Alexandra West

5 Das Lesejahr zeigt Wirkung

An der Kanti Baden waren 484 Personen beim Wettbewerb eingeschrieben, das entspricht fast der Hälfte der Schülerschaft. Davon waren 185 Einzelleser, die übrigen nahmen in 71 Gruppen teil. 2/3 der aktiv Teilnehmenden waren weiblich. An der Kanti Wohlen nahmen 213 Personen teil, 89 als Einzelleser. Das entspricht einem Viertel der Schülerschaft.

An der Kantonsschule Baden wurden über 1 Million Seiten gelesen (genau: 1 007 600), an der Kantonsschule Wohlen 896 800. Der beste Einzelleser (Florian Hoffmann, Kantonsschule Baden) hat 119 Bücher gelesen, die beste Gruppe 158 (The Lumos Maximus Group, Kantonsschule Wohlen).

Von den Kategorien, die Zusatzpunkte einbrachten, wurden an der Kantonsschule Baden folgende am häufigsten genutzt: Englisch (102), Theaterstück (79), Französisch (70), Krimi/Historischer Roman (69), Fantasy/Science Fiction (59), Ein Buch mit 5 Wörtern im Titel, eine Reise als Thema (je 58), ein Buch, das man aufgrund des Covers nicht ausgesucht hätte (52), ein empfohlenes Buch (51), ein Buch, das an einem erfundenen Ort spielt oder eine Familiengeschichte (je 50). Jede Kategorie konnte nur einmal genutzt werden. Die meisten Bücher wurden freestyle (1531) eingetragen. Das heißt, dass zwar die Seiten gezählt, aber keine Zusatzpunkte mehr vergeben werden.

Abb. 7 
          Die Wettbewerbskategorien. Screenshot vom 14. Mai 2019
Abb. 7

Die Wettbewerbskategorien. Screenshot vom 14. Mai 2019

Im Zeitalter von Film- und Musikstreamingdiensten dürfen die Schulen mit diesen Zahlen in Sachen Teilnehmeraktivierung fürs Lesen sehr zufrieden sein. Es wird nicht nur mehr gelesen als in anderen Jahren, es entstehen auch deutlich mehr Gespräche über Literatur, Lesegewohnheiten und die Leidenschaft fürs Lesen. Das Projekt hat die beiden Kantonsschulen positiv bewegt.

Zudem erhält die Mediothek durch den Lesewettbewerb ein genaues Bild davon, was die Schulangehörigen im Unterricht wie auch in der Freizeit wirklich lesen. Das ist für eine Mediothek sehr relevant, denn sie verfügt zwar über Ausleihstatistiken, aber sie hatte bisher keine Anhaltspunkte darüber, welche Medien zwar beliebt, aber nicht vorhanden sind. Die Analyse dieser Daten hilft der Mediothek, die Ausrichtung der Bibliothek künftig genauer auf die Kundschaft abstimmen zu können.

Eine Untersuchung der gelesenen Bücher hat gezeigt, wie sich das Leseverhalten von Schülern und Lehrern unterscheidet, welche Lektüre die Schülerschaft nur für die Schule liest und was in der Freizeit beliebt ist. Stellt man die Gruppen einander gegenüber, fällt vor allem eines auf: Die Schüler lesen mehr Unterhaltendes, sogenannte U-Literatur. Vor allem Romance, Fantasy und Romantasy sind hoch im Kurs, während Lehrer und Angestellte der Schule im Vergleich mehr Ernsthaftes lesen, sogenannte E-Literatur. Krimis erfreuen sich bei beiden Gruppen einiger Beliebtheit.

Die bei Schülern beliebten Titel sind mehrbändig und werden in Originalsprache (Englisch) gelesen. Erstaunlicherweise gibt es eher wenig Überschneidungen, was wohl an der großen Auswahl liegt. Einzige Ausnahme ist die Harry-Potter-Reihe von J.K. Rowling. Die Harry-Potter-Bücher sind mit Abstand die meistgelesenen Bücher im ganzen Lesejahr, abgesehen von Klassenlektüren. Trotz der Neigung zu Unterhaltungsliteratur lesen die Schüler durchaus auch E-Literatur. Bei den anspruchsvollen Werken ist allerdings unklar, ob es sich um Klassen- oder Maturalektüre handelt oder ob das jeweilige Buch in der Freizeit gelesen wurde. Handelt es sich nicht um Klassenlektüren, fällt auf, dass auch hier ein beachtlicher Teil aus dem englischsprachigen Raum stammt. Die Werke werden sowohl in Übersetzung als auch im Original gelesen. Ganz allgemein lesen die Schüler viel in englischer Sprache. Die Lehrer und Angestellten lesen mehr E-Literatur als die Schüler. Hierbei handelt es sich meistens um neuere Literatur. Im Bereich der U-Literatur kommen hauptsächlich Krimis zum Zug.

Geht man etwas genauer auf das Leseverhalten der einzelnen Personen ein, so fällt auf, dass sich viele nur in einem einzelnen Genre tummeln und dieses nur verlassen, um Bücher für die verschiedenen Aufgaben zu lesen. In vielen Fällen stellen sie dann aber fest, dass der Liebesroman, den sie sonst nicht gelesen hätten, gar nicht kitschig war oder der Krimi sehr spannend. Oft wurden auch frühere Lieblingsbücher nochmals gelesen. Die meisten Leser verlassen ihre literarische Komfortzone nur ungern.

6 Nachhaltig und zukunftsrelevant

Die Kantonsschule Baden will den Wettbewerb in vier Jahren, wenn sich die Schülerschaft erneuert hat, erneut durchführen. Insofern ist die geleistete Arbeit nachhaltig. Gerne gibt die Projektleitung das Konzept und als Lizenz auch die Webseite weiter an andere Bibliotheken. Es können alle gleichartigen Institutionen, die den Wettbewerb im selben Jahr durchführen, gegeneinander antreten. Einige Schweizer Schulen haben Interesse angemeldet, das Projekt ebenfalls durchzuführen. Die Webseite www.lesejahr.ch wurde so konzipiert, dass sie leicht an die Bedürfnisse anderer Institutionen, zum Beispiel durch veränderte Aufgaben, angepasst und übernommen werden kann. Über den Gastzugang können sich Interessierte einen Einblick verschaffen. Das Projekt eignet sich besser für Schulen und Hochschulen, deren Angehörige über eine gleich lautende Email-Domain (z. B. @kanti-baden.ch) verfügen. Für öffentliche Bibliotheken müsste die Webseite stärker angepasst werden.

Die Zukunftsrelevanz des Projekts liegt darin, dass die alte Kulturtechnik des Lesens in einem stark umkämpften Markt um Aufmerksamkeit gepflegt und als cool positioniert werden kann. Die Bibliothek erhält so wertvolle Daten und Erkenntnisse über das Leseverhalten ihrer Kundschaft. Das Projekt Lesejahr ist innovativ und hat einen Lese-Sog an den Schulen ausgelöst. Es stärkt zudem die Wertschätzung für kulturelle Leistungen.

Mit dem Lesejahr haben die Angehörigen der beiden Kantonsschulen ein besonderes Schuljahr erlebt. Sie haben gemeinsam die Leidenschaft für Bücher zelebriert, Neues kennengelernt und gemerkt, dass Lesen durchaus auch Spaß machen kann. Das Lesejahr hat die anfängliche Annahme, dass Jugendliche angesichts der grenzenlosen digitalen Zerstreuungsmöglichkeiten mit weniger Leidenschaft lesen, deutlich widerlegt.

Über die Autoren

Nina Santner

Kantonsschule Baden, Mediothek, Seminarstr. 3, CH-5400 Baden, Schweiz

Melanie Sigg

Kantonsschule Baden, Mediothek, Seminarstr. 3, CH-5400 Baden, Schweiz

Literaturverzeichnis

Bertschi-Kaufmann, Andrea (2007): Offene Formen der Leseförderung. In: Lesekompetenz, Leseleistung, Leseförderung. Grundlagen, Modelle und Materialien, hg. v. Andrea Bertschi-Kaufmann, 165–75. Seelze-Velber: Klett Kallmeyer.Search in Google Scholar

Bucheli, Claudia (2016): Buchtrailer erstellen mit Schüler_innen. Verfügbar unter https://www.medienpaedagogik-praxis.de/2016/10/25/buchtrailer-erstellen-mit-schueler_innenSearch in Google Scholar

Hartung, Manuel J. (2017): Lesen, nur lesen! In: Die Zeit, 17.11.2017, 1.Search in Google Scholar

Keller-Loibl, Kerstin; Brandt, Susanne (2015): Leseförderung in öffentlichen Bibliotheken. Berlin: De Gruyter Saur.10.1515/9783110337013Search in Google Scholar

Rosebrock, Cornelia; Nix, Daniel (2010): Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Leseförderung. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.Search in Google Scholar

Süss, Daniel; Waller, Gregor; Suter, Lilian; Bernath Jael, Külling Céline; Willemse, Isabel; Süss, Daniel (2018): JAMES − Jugend-, Aktivitäten-, Medien-Erhebung Schweiz. Ergebnisbericht zur JAMES-Studie 2018. Zürich: ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Verfügbar unter https://www.zhaw.ch/storage/psychologie/upload/forschung/medienpsychologie/james/2018/Ergebnisbericht_JAMES_2018.pdf.Search in Google Scholar

Westermann Gruppe (2019): Antolin. Verfügbar unter https://www.antolin.de.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2019-12-03
Erschienen im Druck: 2019-11-30

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 7.12.2022 from frontend.live.degruyter.dgbricks.com/document/doi/10.1515/bfp-2019-2076/html
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