Open Access Published by De Gruyter April 14, 2021

Projektbericht: Erfahrungen mit bürgerschaftlichem Engagement in der Stadtbibliothek Aachen am Beispiel der „Dialog in Deutsch“®-Gesprächsrunden für Zugewanderte

Project Report: Experiences with Civic Engagement in the Aachen City Library Using the Example of the ‘Dialogue in German’® Discussion Groups for Immigrants
Anne Lohe

Zusammenfassung

Die Stadtbibliothek Aachen hat seit 2015 mit den Gesprächsgruppen „Dialog in Deutsch“® (DiD)1 ein ehrenamtlich getragenes niederschwelliges Projekt für Zugewanderte in den laufenden Betrieb integriert, das sich am Modell der Bücherhallen Hamburg orientiert. Das Beispiel illustriert das Potenzial für die Weiterentwicklung von einer traditionell aufgestellten Stadtbibliothek zu einem mit anderen Bildungsträgern vernetzten Kulturzentrum. Zugleich zeigt es Herausforderung und Chancen für Öffentliche Bibliotheken bei der Einbindung ehrenamtlichen Engagements angesichts eines offensichtlichen gesellschaftlichen Bedarfs an Integrationsarbeit. Abschließend beleuchtet ein Blick auf die aktuelle Situation in 2020 die Beeinträchtigung des DiD-Projekts durch die Coronapandemie.

Abstract

Based on the model of the Hamburg public libraries, the Aachen City Library has integrated the discussion groups ‘Dialogue in German’® (DiD), a low-threshold project for immigrants, into its day-to-day operations since 2015. The example illustrates the potential for further development from a traditionally positioned municipal library to a cultural centre networking with other educational institutions. Regarding the obvious social need for integration work, the project shows challenges and opportunities for public libraries to integrate voluntary work. Finally, a look at the current situation in 2020 deals with the impact of the Covid-19 pandemic on the DiD project.

[1]Aachen ist eine internationale Universitätsstadt mit Menschen aus über 150 Nationen und, schon aufgrund ihrer Lage im Dreiländereck, multikulturell geprägt. Diese Vielfalt ist für das Zusammenleben in der Stadtgesellschaft Chance und Herausforderung zugleich. Während es „Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache“ sowie Integrationsmaßnahmen in der Erwachsenenbildung und der sozialen Arbeit schon lange gibt, haben sich bis in die 2010er-Jahre hinein die allermeisten Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland auf die Bereitstellung von Sprachkursen und ausländischen Zeitungen beschränkt. Erst in den letzten Jahren wurden vielerorts aktive Deutschlern-Treffpunkte eingerichtet.

Einer davon ist das Projekt „Dialog in Deutsch“, kurz DiD, in der Stadtbibliothek Aachen. Über die Erfahrungen, Schwierigkeiten und Perspektiven im Zusammenhang mit „Dialog in Deutsch“ am Standort Aachen wird anhand folgender Fragen berichtet: Wie wurde das neue ehrenamtliche Projekt in bestehende institutionelle Strukturen implementiert? Welche Voraussetzungen tragen zum Gelingen dieses Projektes bei? Wie gestaltet sich die Rollenverteilung zwischen Haupt- und Ehrenamt? Sind veränderte Einstellungen gegenüber dem bürgerschaftlichem Engagement erkennbar?

Steckbrief Stadtbibliothek Aachen



Stadtbibliothek Aachen, NRW, 258 000 Einwohner, unmittelbar grenzend an die Niederlande und Belgien.



Bibliothekssystem: 1 Zentralbibliothek, 1 Bücherbus, 2 Stadtteil-bibliotheken, 4 ehrenamtlich geführte Nebenstellen.

Personal (Stand 2019): 60 hauptamtliche Personen mit einem Vollzeit-Äquivalent von 45,65 dazu 48 ehrenamtliche Personen, davon 17 bei „Dialog in Deutsch“®, letztere mit umgerechnet 0,25 Vollzeit-Äquivalenten.

1 Ausprägungen des ehrenamtlichen Engagements in der Stadtbibliothek Aachen

Ehrenamtliches Engagement hat sowohl in der Stadt Aachen als auch in der Stadtbibliothek eine lange Tradition[2] mit unterschiedlichen Funktionen. Die Variationsbreite ist groß und reicht von voll in den Bibliotheksbetrieb integrierten Modellen bis zu punktuellen, projektbezogenen Tätigkeiten. Im Folgenden wird nur das Ehrenamt in der Stadtbibliothek beschrieben, nicht das Engagement des Fördervereins.[3] In den Nebenstellen der Stadtbibliothek Aachen sind seit Jahrzehnten rein ehrenamtliche Teams im Einsatz – unter Koordination einer hauptamtlichen Bibliothekarin aus der Zentralbibliothek. Sie leiten quasi als „Allrounder“ die Nebenstellen oder sind im Publikumsdienst und in Lesefördermaßnahmen tätig. Die Zusammensetzung des Medienbestandes verantworten die dortigen Teams weitestgehend selbstständig. Dieses ehrenamtliche Engagement ist typischerweise langjährig und über die Personen in den Stadtteilen verwurzelt.

In der Zentralbibliothek und in den Stadtteilbibliotheken wiederum findet ehrenamtliche Arbeit in unterstützender Form im Veranstaltungsbereich statt. Je nach individuellen Voraussetzungen und Aufgabenbereichen sind Intensität und zeitlicher Umfang des persönlichen Einsatzes – von festen wöchentlichen Einsätzen bis hin zu punktuellen Engagements übers Jahr – unterschiedlich.

Hinsichtlich der Aufwandsentschädigungen für ehrenamtliche Tätigkeiten bestehen historisch gewachsene Unterschiede: Das Ehrenamt in den Nebenstellen wird mit einer geringfügigen Ehrenamtspauschale[4] honoriert, hingegen gibt es für Vorlese-Aktivitäten, Mitarbeit bei Kreativ-Events oder Sprach-Lern-Angeboten Büchergutscheine oder eine ideelle Wertschätzung.

Bei aller Uneinheitlichkeit gibt es drei gemeinsame Prämissen für die Realisierung von bürgerschaftlichem Engagement in der Stadtbibliothek Aachen: Die Aufgaben sind von Aufgabenbereichen der hauptamtlich Beschäftigten deutlich abgrenzt. Es gibt für die Ehrenamtlichen hauptamtliche Ansprechpartnerinnen, die ohne Ausbildung zum Ehrenamtsmanager, lediglich durch die Praxis in die Funktion hineingewachsen sind. Schließlich besteht eine schriftliche Vereinbarung zwischen den Freiwilligen und der Stadtbibliothek Aachen.

2 „Dialog in Deutsch“® in der Stadtbibliothek Aachen – von der Idee bis zur Umsetzung

Über das Projekt „Dialog in Deutsch“® ist ausgiebig in der Fachpresse berichtet worden.[5] In den Bücherhallen Hamburg haben die 2010 begonnenen, ehrenamtlich geleiteten Gesprächsrunden sich rasch zu einem nachgefragten Angebot entwickelt. Das Projekt richtet sich an Erwachsene mit Migrationshintergrund, die in der Regel an einem Integrationskurs teilgenommen haben und Deutschkenntnisse trainieren wollen. Im Fokus der Treffen steht, die deutsche Alltagssprache zu fördern und anzuwenden. Aus Sicht der Öffentlichen Bibliotheken bietet das niederschwellige Angebot einen gesellschaftlich sinnvollen und notwendigen Anlass, sich mehr und mehr als Bildungspartner einzubringen. Entsprechend hat das Projekt in weiteren deutschen Städten Nachahmer gefunden.[6]

3 Adaption und Implementierung als Lizenznehmer

Als Schlüsselerlebnis kann der Herbst 2015 gelten, als sich gesellschaftlich die Herausforderung stellte, aufgrund steigender Zuwandererzahlen kurzfristig Hilfsangebote zusammenzustellen. Aufgrund der bereits bestehenden praktischen Erfahrungen einer Bibliotheksmitarbeiterin mit den DiD-Gesprächsrunden und im Freiwilligenmanagement sowie der zugesagten Unterstützung durch die Bibliotheksleitung wurde die Entscheidung getroffen, das Konzept auf Aachen zu übertragen. Eine strategische Entscheidung, denn ein neues Projekt bringt zwangsläufig Unruhe in bestehende institutionelle Strukturen.

Neben dem bereits beschriebenen primären Ziel, Menschen mit geringen Deutschkenntnissen besser für die Alltagskonversation zu befähigen, versprach sich die Stadtbibliothek davon, neue Benutzer*innen für den Lernort Bibliothek anzuwerben. Die Stadtbibliothek ist seit jeher auch ein gut frequentierter Aufenthaltsort und hält ein differenziertes Angebot an Medien in analoger wie digitaler Form vor.

Von Anfang an wurde festgelegt, dass sich die Stadtbibliothek Aachen mit lokalen Akteuren der Integrationsarbeit vernetzen würde und die Gesprächsrunden als integraler Bestandteil der Veranstaltungsangebote auf Dauer angelegt sein sollten. Die Bibliothek stellt personell, finanziell und organisatorisch die notwendige Infrastruktur zu Verfügung. Finanziert wird DiD in Aachen mit Mitteln des Fördervereins der Stadtbibliothek, mit Landesmitteln aus dem Integrationsprogramm „Komm-an-NRW“ sowie aus Bordmitteln.

Die Übertragung der Projektverantwortlichkeit ging einher mit Stellenanteilen im Umfang von bis zu 7,5 Prozent einer Vollzeitarbeitskraft für die Koordination der Ehrenamtlichen. Die Aufgabe bestand und besteht darin, die Rolle der ehrenamtliche Moderator*innen klar zu definieren und mit dieser Tätigkeitsbeschreibung ein geeignetes Team aufzubauen und zu begleiten. Geschult werden sollte in erster Linie durch Dozent*innen von außen. Die Bücherhallen Hamburg stellten unter Verweis auf den bestehenden Markenschutz ihr Konzept, ausgewählte (Schulungs-)Unterlagen und Know-how zur Verfügung. Außerdem wurde eine erfahrene DiD-Gruppenleiterin aus Hamburg zum persönlichen Erfahrungsaustausch eingeladen.[7] Bis heute besteht mindestens einmal jährlich auf hauptamtlicher Ebene ein Kontakt zu den Bücherhallen mit gegenseitigem Informationsaustausch.

Nach Prüfung der lokalen Gegebenheiten ergaben sich für Aachen folgende Rahmenbedingungen: In Ermangelung von Gruppenräumen finden die kostenlosen Gesprächsrunden während der Öffnungszeiten der Bibliothek im Publikumsbereich statt. Die Teilnahme ist unabhängig vom Besitz eines Bibliotheksausweises möglich. Empfohlen wurden Moderations-Tandems, um eine verlässliche Durchführung bei personellen Engpässen oder großem Zulauf sicherzustellen. Bei einer Infoveranstaltung der Aachener Volkshochschule gemeinsam mit dem städtischen Büro für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement entstanden erste Kontakte zu interessierten ehrenamtlichen Moderatoren und Moderatorinnen.

Mit ihnen wurde, wie stets, ein persönliches Kennenlerngespräch geführt. Darin erläutert die Stadtbibliothek das Konzept und lotet gemeinsam mit den Interessenten die Eignung aus. Häufig muss darauf hingewiesen werden, dass DiD kein Unterricht ist und ein direkt messbarer Lernerfolg nicht zuletzt aufgrund der täglich wechselnden Zusammensetzung der Teilnehmer*innen nicht möglich ist. Moderator*innen müssen sich auf sehr heterogene Gruppen einstellen. Zudem sind die Sprachstände und Interessen divers. Dies erfordert Offenheit, Empathie und Flexibilität, die nicht jede/r Bewerber*in mitbringt.

Diejenigen, die sich dafür begeistern lassen, sind gemeinwohlorientiert motiviert. Dabei wird eine Ehrenamtsvergütung nicht als ausschlaggebend empfunden, eine sinnvolle Tätigkeit dagegen schon.[8] Ergänzend zur allgemeinen Grundsatzvereinbarung über ehrenamtliche Tätigkeit bei der Stadt Aachen wird mit DiD-Ehrenamtlichen eine gesonderte Vereinbarung abgeschlossen.[9] Ehrenamtliche der Stadtbibliothek können auf zahlreiche Angebote anderer städtischen Weiterbildungs- und Integrationseinrichtungen zurückgreifen.

Die ehrenamtlichen Mitarbeitenden berichten unisono, dass Moderatoren*innen und Teilnehmer*innen wechselseitig voneinander lernen und ihnen der persönliche Austausch viel bedeutet. Die Freiheit, selbst aktiv mitzugestalten, sei es durch eigene Themenvorschläge oder durch das Ausprobieren unterschiedlichster Methoden, trägt zur persönlichen Zufriedenheit bei und hält die Gruppen lebendig.

Angesprochen fühlen sich in erster Linie Personen, die einen eigenen Migrationshintergrund haben oder in binationalen Partnerschaften leben. Manche verfügen über Auslandserfahrung. Überdies haben sich die meisten von ihnen mit ehrenamtlicher Zusammenarbeit im Integrations- und Zuwandererbereich auseinandergesetzt und zum Beispiel Patenschaften übernommen oder in Integrationsprogrammen mitgewirkt.

Derzeit besteht das Moderator*innenteam aus 17 Personen, darunter zwei Männer. Fast alle haben einen akademischen Abschluss und verfügen über pädagogische Vorkenntnisse.[10] Derzeit ist mehr als die Hälfte von ihnen nicht mehr erwerbstätig.

Viele von ihnen sind bereits seit 2015/16 dabei, was die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt erleichtert. Neue Moderator*innen durchlaufen inzwischen nach dem Kennenlernen ein internes Hospitationsprogramm, in dem sie für sich schauen können, ob dieses Ehrenamt für sie das richtige ist und ihnen das Konzept zusagt. Erst wenn sie und die Tandem-Partner davon überzeugt sind, folgt nach dieser Probezeit eine feste Einsatzplanung. Inzwischen stoßen neue Mitarbeiter*innen über das Portal des kommunalen Ehrenamtsbüros[11] oder durch Empfehlungen von praktizierenden Ehrenamtlichen hinzu. Offensichtlich ist es attraktiv, sich bei DiD zu engagieren, denn es existiert eine Warteliste.

Nach einer ersten Teambildungsphase folgten Einführungsschulungen zu organisatorischen[12] und inhaltlichen Fragen wie Themenfindung sowie Moderations- und Fragetechniken in multikulturellen und -nationalen Gruppen. Angesprochen wurden auch der Umgang mit möglichen Störungen sowie die Abgrenzung zu rechtlichen Fragen zum Aufenthalt oder Hilfe bei Behördengängen.

Zwischen den Ehrenamtsteams und der hauptamtlichen Projektverantwortlichen finden in Aachen mindestens zweimal pro Jahr Austauschtreffen statt, in denen reflektiert wird, inwieweit sich die Bedürfnisse der Teilnehmer*innen verändert haben und ob Bedarf an zusätzlichem Materialien, an organisatorischen Änderungen oder an gezielten Fortbildungen besteht.

Der von der Stadtbibliothek gesetzte Rahmen ist im Vergleich mit dem der Bücherhallen Hamburg deutlich ausbaufähig. Insgesamt lassen räumliche und zeitliche Bedingungen kaum Flexibilität und Nachfrageorientierung zu. Es ist festgelegt, dass DiD-Gruppentreffen nur während der 35 Öffnungsstunden pro Woche und mit einer Stunde am Tag angeboten werden sollen. Bei großem Zulauf wird die Gruppe einmal geteilt, so dass pro Öffnungstag maximal zwei Gruppen parallel stattfinden können. Die jeweiligen Teams legen zudem die Zeiten der Treffen fest. Eine Ausweitung der Gruppenzeiten ist ohne zusätzliche Gruppenräume nicht möglich, obwohl die Nachfrage das Angebot übertrifft und auch in personeller Hinsicht gedeckt werden könnte.

Die DiD-Koordinatorin ist im laufenden Betrieb ansprechbar und informiert in regelmäßigen Rundbriefen. Die Ehrenamtsteams untereinander verständigen sich in Whatsapp-Gruppen und halten engen Kontakt. Oft geht es hierbei um die Arbeitsteilung zur Vorbereitung der nächsten Stunde, um Vertretungsdienste. Nicht selten auch zu gemeinsamen Unternehmungen, denn es festigt sich innerhalb der Gruppe zusehends der Zusammenhalt.

4 Herausforderungen bei der Implementierung und laufenden Koordination des neuen Sprachangebotes

Eine sorgfältig geplante Einführung eines solchen Projektes ist enorm wichtig. Die hauptamtlichen Mitarbeiter*innen der Stadtbibliothek wurden zunächst in einer Personalversammlung über das neue Projekt informiert. Während sich einerseits Unterstützer*innen fanden,[13] wurde das Vorhaben nicht durchgehend von allen Angestellten gut aufgenommen. Unsicherheiten, fehlende Erfahrungen mit Ehrenamtlichen, Gruppengespräche[14] im Publikumsbereich an Wochentagen, vielleicht auch (unbewusste) Vorbehalte gegenüber dem Publikum: Es gab zahlreiche Bedenken, Skepsis und diffuses Unbehagen. Bisherige Muster und Gewohnheiten standen vor Veränderungen.

Die kontroverse und ambivalente Haltung zur „Ehrenamtsproblematik“ taucht im bibliothekarischen Diskurs immer wieder auf. Es gibt genügend Beispiele, in denen hauptamtlich betriebene Bibliotheken in eine ehrenamtliche Leitung überführt wurden.[15] Möglicherweise spielt die Angst um den eigenen Arbeitsplatz hier und da eine Rolle. Obwohl innerhalb der Stadtbibliothek ein vergleichsweise großer Teil der Belegschaft gewerkschaftlich organisiert ist, kam von dieser Seite kein Widerstand.[16]

Ein Konsens kann nur durch Aufklärung und viele Gespräche an vielen Stellen erreicht werden. In Aachen konnten sich haupt- und ehrenamtliche Kolleg*innen kennenlernen, und es wurden alle Fragen ausführlich beantwortet. Schallabsorbierende mobile Stellwände entschärften die Raum- und Geräuschbelastungen. Dies führte zu einer größeren Akzeptanz des Projektes und konnte Ängste und Vorbehalte ausräumen. Geholfen hat außerdem, sich an den Leitbildern der Stadt Aachen[17] und der Bücherhallen Hamburg zu orientieren.[18]

Inzwischen haben sich die anfänglichen Vorbehalte weitestgehend aufgelöst. Haupt- und ehrenamtliche Teams arbeiten in friedlicher Koexistenz, jedoch nicht auf Augenhöhe miteinander. Man hat sich inzwischen miteinander arrangiert, aber es besteht kein Verlangen nach gemeinsamen Betriebsfesten.

Die Projektkoordination ist die Schnittstelle zwischen Bibliothek und Ehrenamtlichen und sie vertritt das Projekt intern gegenüber den Hauptamtlichen und gemeinsam mit den Moderator*innen extern. Sie sorgt für einen Ausgleich der organisatorischen, personellen und finanziellen Interessen, moderiert die Diskussion von Veränderungsprozessen und vermittelt bei Konflikten zwischen den jeweiligen Parteien. Der Kommunikationsaufwand ist erheblich, da nicht immer alle gleichzeitig und gut erreichbar sind. Manche Kolleg*innen wohnen im Nachbarland und sind damit telefonisch nicht vom Dienstapparat erreichbar. Die Abstimmungsprozesse sind lang und erfordern Diplomatie, Sensibilität und Geduld. In der Stadtbibliothek Aachen existiert bislang kein Ehrenamtsbeirat und so müssen Lösungswege abschließend durch die Bibliotheksleitung genehmigt werden.

Derzeit hat die Planstelleninhaberin einen bibliothekarischen Background, was aber zukünftig nicht so bleiben muss. Zugewanderte oder Experten aus der Sozialarbeit und dem Bereich Deutsch als Fremd- bzw. als Zweitsprache sind für die beschriebene Aufgabenstellung ebenso gut geeignet.

5 Kommunikation und Außenwirkung des Projekts

Der Hinweis auf ehrenamtliche Beteiligungsmöglichkeiten wird auf der Homepage der Stadtbibliothek erst in naher Zukunft realisiert.[19] Damit ist die Realität des gesellschaftlichen Interesses und des bürgerschaftlichen Engagements der eigenen aktiven Kommunikation deutlich voraus, denn es sind bereits weitere Ehrenamtsprojekte, wie die Einrichtung eines Repaircafés, in Vorplanung. Laufend kommen von außen Anfragen, sich in der Bibliothek ehrenamtlich einzubringen. Diese werden je nach Stichwort (Vorlesepatenschaften, DiD, allgemeine Mitarbeit und Hospitationsmöglichkeiten) intern weitergeleitet – sehr oft dabei von der DiD-Projektleitung. Eine feste Ansprechpartner*in für Fragen des bürgerschaftlichen Engagements, wie sie etwa die Bücherhallen Hamburg installiert haben, fehlt noch in der Stadtbibliothek Aachen.

Trotz der enormen geleisteten Arbeit, aber ohne offiziellen Bildungsauftrag spielt das Ehrenamt in der Stadtbibliothek Aachen sowohl in der externen Darstellung wie in der innerbetrieblichen Wahrnehmung noch eine untergeordnete und unterrepräsentierte Rolle.

Extern wurde das Projekt von Anfang an gut aufgenommen – sowohl von der Zielgruppe als auch von den sonstigen Akteuren der Integrationsarbeit. Vor dem Start sind Informationsmaterialien breit unter Multiplikatoren wie Sprachschulen, Wohlfahrtsverbänden, Migrantenselbsthilfegruppen sowie kommunalen Einrichtungen gestreut und ist über Presse und Social Media informiert worden. Nach gut sechs Monaten Vorlauf starteten die ersten Gesprächsgruppen und wurden aufgrund großer Nachfrage kurze Zeit später ausgeweitet.

Tab. 1 Überblick

Tab. 1

Überblick

Die Teilnehmer*innen kommen aus unterschiedlichen Erdteilen, Ethnien, Religionen, Kulturen, Sprachen, Altersstufen, Berufen und Bildungsschichten. Das Durchschnittsalter liegt zwischen 35 und 40 Jahren. Die meisten von ihnen leben bereits länger in Deutschland. Geflüchtete, die erst kurz in Deutschland leben und kaum über Deutschkenntnisse verfügen, sind deutlich unterrepräsentiert. Es nehmen etwas mehr Herren als Damen an den Gesprächsrunden teil. Dies liegt vor allem daran, dass mehr Männer als Frauen zuwandern und Eltern kaum Kinderbetreuungsangebote finden.[20]

Bereits wenige Monate nach dem Start wurde das Projekt von Bürgern für den jährlichen Integrationspreis der Stadt Aachen vorgeschlagen. Diese Tatsache unterstreicht sowohl den Bedarf als auch die wertschätzende Wahrnehmung von außen. Seit 2018 ist das Projekt ein Baustein des Integrationskonzeptes der Stadt Aachen. Außerdem hat das kommunale Büro für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement das DiD-Ehrenamtshandbuch der Stadtbibliothek als Empfehlung für neue Ehrenamtsinitiativen übernommen. In Aachen wie in Nordrhein-Westfalen spielt das Thema Ehrenamt eine große Rolle. Die Stadt Aachen vergibt jährlich einen Ehrenamtspreis und im Kommunalwahlkampf 2020 machte sich eine Partei für die Unterstützung des Ehrenamtes stark. Das Thema hat über die Jahre hinweg gesellschaftlich eine deutlich positivere Konnotation erfahren, was auf einen Paradigmenwechsel schließen lässt.[21] Es dominiert ein pragmatischer und entspannter Umgang mit dem Thema. Befürchtungen, Ehrenamt ersetze Hauptamt, ist unter den gezeigten Voraussetzungen unbegründet. Ganz im Gegenteil, Ehrenamt schafft auch immer wieder Hauptamt.

Die ehrenamtlichen Moderator*innen sind die tragende Säule und das Gesicht des Projektes. Sie leisten einen wichtigen Beitrag für eine gelingende Integrationsarbeit. Sie haben gleich mehrere Funktionen als Multiplikatoren, nämlich in die Gesprächsgruppen hinein, aber auch nach außen, indem im persönlichen Umfeld von ihrer Arbeit erzählen und sich damit zum überzeugten und überzeugenden Botschafter des Projekts machen. Dies führt dazu, dass sich neue potenzielle Ehrenamtler*innen angesprochen fühlen oder Teilnehmer*innen hinzukommen.

Insgesamt hat sich das Projekt, zumindest vor der Pandemie, fest etabliert und ist ein positives Beispiel der Zusammenarbeit verschiedenster Akteure. Mit dem Projekt verzahnt sich die Stadtbibliothek Aachen mit den anderen Weiterbildungsangeboten und wird so zum interkulturellen Bildungspartner.

6 Neustart ohne digitale Transformation

Wie bereits berichtet, ist die Bindung an dieses Ehrenamt sehr groß. Bislang lagen die meisten Gründe für ein Ausscheiden darin, dass sich die jeweiligen Lebenssituationen verändert haben, sei es durch Familiengründung, Stellenwechsel oder Umzug. Manchmal waren auch gesundheitliche Gründe ausschlaggebend. Seit der Coronapandemie hat sich die Situation völlig verändert: Die DiD-Treffen finden seit dem 13. März 2020 noch nicht wieder statt. Erst der Lockdown, dann die laufend geänderten Coronaschutzbestimmungen erschweren es, einen Neustart verlässlich zu planen.

Die Bücherhallen Hamburg haben eine pragmatische Lösung gefunden und innerhalb kurzer Zeit ihre DiD-Ehrenamtlichen digital geschult, so dass sie über ZOOM virtuelle Gesprächstreffen anberaumen konnten. Sie konnten dabei auf die Kooperation eines weiteren Ehrenamtsprojektes zählen. Die Bücherhallen Hamburg zeigen damit, was grundsätzlich alles denkbar und möglich ist. Vor Ort in Aachen war dies aber nicht übertragbar. Bei einem Treffen unter den Moderator*innen wurde das Beispiel intensiv diskutiert. Einer grundsätzlichen offenen Haltung der Mehrheit des Teams stand der Mangel an technischem Equipment, an Lizenzen und an Schulungskapazitäten gegenüber.[22] Die Aachener DiD-Treffen werden weiterhin analog und im direkten persönlichen Austausch stattfinden. Bei einem Neustart ist allerdings die Niederschwelligkeit bedroht. Eine Begrenzung der Teilnahmezahlen, die Einhaltung des mit der Arbeitssicherheit und Arbeitsmedizin der Stadt Aachen abgestimmten Hygienekonzeptes und die Erhebung der Kontaktdaten erschweren die Umsetzung. Hinzu kommt der Umstand, dass ein Teil der Ehrenamtlichen zur Risikogruppe gehört und vorsichtiger geworden ist. Einige werden eine Zeit lang pausieren. Andere mussten sich durch tiefgreifende Veränderungen im Berufsleben (z. T. auch Verlust der Arbeit) umorientieren. Manche haben sich in der Zwischenzeit ein anderes Ehrenamt gesucht. Es zeichnet sich ab, dass nicht mehr alle Moderator*innen wie gewohnt zur Verfügung stehen werden. Kurzfristig auf die Warteliste zurückzugreifen ist wegen des Vorlaufs einer Grundqualifizierung schwierig.

Es kommt also zwangsläufig zu einer Zäsur innerhalb des Projektes, was für alle Seiten nicht einfach ist. Die Treffen sollen erst zeitgleich mit anderen Veranstaltungsangeboten der Stadtbibliothek Aachen wegen des empfohlenen Mindestabstandes zwischen Personen in deutlich geringem Maße als bisher wiederaufgenommen werden. Obwohl der Bedarf drängt, benötigt ein abgestimmtes Vorgehen zeitlich einen Vorlauf. Das Projekt, das unter anderem als Teil einer Willkommenskultur gestartet ist, bewegt sich derzeit auf schwankendem Boden. Die Konsequenzen, die sich durch den Ausfall der Treffen und die absehbare Reduzierung ergeben, sind noch schwer abzuschätzen.

7 Ausblick

Verfolgt man die veränderten Einstellungen zum Ehrenamt in der Gesellschaft[23] und die fachlichen Entwicklungen im Bereich des Öffentlichen Bibliothekswesens, so bleibt festzustellen, dass sich im Laufe der Jahre die gleichen Tendenzen abzeichnen.

Der Anteil an ehrenamtlich Tätigen steigt nicht nur in Aachen,[24] sondern allgemein vor allem in Bibliotheken mit einem großen Anteil an hauptamtlichen Beschäftigten. Gleichzeitig jedoch finden auf der bundesdeutschen Bühne der jährliche Bibliothekartag beziehungsweise der Bibliothekskongress, potenziell geeignete Plattformen für gegenseitigen Austausch, weiterhin fast völlig ohne ehrenamtlich Tätige statt. Damit bleiben Chancen für ein besseres Verständnis zwischen Haupt- und Ehrenamt und gegen eine Einstufung von Ehrenamtlichen als Mitarbeitenden zweiter Klasse leider noch ungenutzt.

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Online erschienen: 2021-04-14
Erschienen im Druck: 2021-04-26

© 2021 Anne Lohe, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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