Open Access Published by De Gruyter April 14, 2021

„Ist jetzt alles wieder normal?“ Ehrenamtliche Mitarbeit in der Stadtbibliothek Melle in Zeiten der Coronapandemie

Eine Zwischenbetrachtung

“Is Everything Back to Normal Now?”–Voluntary Work in the Melle Public Library in Times of the Corona Pandemic
An interim review
Ulrike Koop

Zusammenfassung

Der Artikel beschreibt den Umfang und die Organisation ehrenamtlicher Mitarbeit in einer Mittelstadtbibliothek sowie deren (bisherige) Veränderung durch die Coronapandemie.

Abstract

The article describes the scope and organization of voluntary work in a medium-sized public library and how it has changed (so far) due to the corona pandemic.

Basierend auf langjähriger Tradition engagieren sich seit fast zwanzig Jahren Ehrenamtliche in der Stadtbibliothek Melle (Niedersachsen). Die Coronapandemie hat die Gewohnheiten und das Gefüge in der Stadtbibliothek abrupt verändert. Im Folgenden werden der Umfang und die Organisation ehrenamtlicher Arbeit in der Stadtbibliothek Melle dargestellt. Diese Darstellung basiert im Wesentlichen auf einem Vortrag für die Jahrestagung der AG der Freundeskreise.[1] Im Anschluss werden die bisherigen Veränderungen durch die Coronaepidemie beschrieben. Die Darstellung und die Einschätzungen basieren größtenteils auf den langjährigen Erfahrungen der Autorin als Leiterin der Stadtbibliothek Melle.

1 Ehrenamtliche Mitarbeit in der Stadtbibliothek Melle

Die Stadt Melle ist eine größere Mittelstadt im südlichen Kreis Osnabrück. Im Projekt „Wegweiser-Kommune“ der Bertelsmann-Stiftung wird sie zu dem Typ 1 „Stabile ländliche Städte und Gemeinden“ gezählt. Mit 603 von 2 900 Kommunen ist dies die größte Gruppe.[2]Vor der Coronapandemie waren der Schuldenstand und die Arbeitslosenquote unterdurchschnittlich, ansonsten ist die Stadt unauffällig.

Der Vorläufer der Stadtbibliothek Melle wurde 1870 gegründet. Am 1. Mai 2020 hätte die Stadtbibliothek das 150-jährige Jubiläum feiern können. Die Leitung der Stadtbibliothek erfolgte traditionell ehrenamtlich meist durch Lehrer, Rektoren, aber auch Polizisten. Nach langjährigem Ringen, maßgeblich vorangetrieben durch einen eigens zu diesem Zweck gegründeten Förderverein, erfolgte 2001 eine grundlegende Neuausrichtung der Bibliothek. Umzug, Neueinrichtung und Umstrukturierung bildeten einen Meilenstein in der Bibliotheksgeschichte. Das Bibliothekskonzept sah eine umfangreiche ehrenamtliche Mitarbeit unter – erstmalig – hauptamtlicher fachlicher Leitung vor.[3] Die Stadtbibliothek Melle hat sich in den Folgejahren zu einer sehr stark genutzten Einrichtung entwickelt, die in der Stadtgesellschaft, der Verwaltung und Lokalpolitik weithin anerkannt ist.

Im Folgenden werden einige Aspekt ehrenamtlicher Mitarbeit nur ansatzweise behandelt. Die Stadt Melle war vor der Gemeindegebietsreform ein Landkreis. Daraus ergibt sich immer noch eine starke Identität der heutigen Stadtteile. Sichtbar auch darin, dass in den Stadtteilen acht Bibliotheken – fünf kommunale und drei Katholische Öffentliche Büchereien – unterhalten bzw. maßgeblich unterstützt werden. Diese Bibliotheken bilden mit der Stadtbibliothek Melle als größtem Bibliotheksstandort kein Bibliothekssystem und keinen Verbund. Diese Eigenständigkeit ist (politisch) gewünscht. Die Produktverantwortung liegt zwar bei der Leitung der Stadtbibliothek Melle, die damit einhergehende Ergebnis- und Ressourcenverantwortung kann jedoch praktisch nicht wahrgenommen werden, da die Rolle der Bibliotheksleitung sich auf eine auf Anforderung beratende Funktion beschränkt.[4] Das Ehrenamt in den Ortsteilbibliotheken wird hier nur am Rande behandelt. Unberücksichtigt bleiben die Honorarkräfte, die die Veranstaltungsreihe „LOSlesen – Leseförderung von Anfang an“ und die Märchenstube des Stadtmarketingvereins durchführen. Beide Veranstaltungsreihen finden in der Stadtbibliothek Melle statt und sind identitätsprägend für die Bibliothek. Nicht als offizielle Ehrenamtliche zählen Helfer und Helferinnen bei der Veranstaltungsreihe „Film-Café“, das bis zu achtmal im Winterhalbjahr stattfindet.

In der Stadtbibliothek Melle engagieren sich 25 bis 30 Ehrenamtliche. Ihr VZÄ beträgt ca. 2,50. Mit allen Ehrenamtlichen ist ein Vertrag abgeschlossen, in dem u. a. eine Aufwandsentschädigung und eine einmonatige Kündigungsfrist vereinbart sind. Obgleich im Laufe der Jahre mehrere Herren im Team waren, sind zurzeit nur Damen tätig. Die Aufnahme der ehrenamtlichen Tätigkeit geht oft mit Lebensumbrüchen einher, z. B. Eintritt in den Ruhestand, Verlust, Erwerbsunfähigkeit u. ä. Für die Stadtbibliothek ist dies eine Chance für einen Bindungsaufbau. Eine hohe Verbleibquote belegt dies: Elf Damen sind seit 2002, also seit mehr als 18 Jahren im Team. Einhergehend mit dem überwiegend langjährigen Engagement ist ein steigender Altersdurchschnitt. Betrug dieser 2004 noch 54 Jahre[5] liegt er Ende 2019 bei 65 Jahren. Eine ehrenamtliche Tätigkeit erfordert Einkommen, also einen gewissen finanziellen Spielraum, Bildung und Gesundheit.[6] Dennoch bestehen vielfach Einschränkungen durch Krankheiten oder Krankheitsfolgen bzw. Behinderungen (s. u. Coronarisikogruppen). Die Motivation für das Engagement liegt in der Regel auf sozialer Ebene: Kontakte zu knüpfen und zu pflegen sowie eine sinnvolle Aufgabe zu haben stehen im Mittelpunkt. Altruistische Motive spielen selten eine Rolle.

Die mehrmonatige Einarbeitung neuer Ehrenamtlicher erfolgt seit mehreren Jahren nach einem entsprechenden Plan. Zu den Themen gehören die Regalordnung einschließlich des dahinterliegenden Bibliothekskonzeptes und ein Einblick in den Medienmarkt, die Medienverbuchung, der Geschäftsgang mit Lieferkontrolle, technischer Bearbeitung und Fremddatenergänzung u. ä. Gesamtziel ist es, den Freiwilligen u. a. einen umfassenden Einblick zu vermitteln.

Jede Ehrenamtliche hat wöchentlich eine sogenannte „feste Schicht“ im Umfang von 3,5 Stunden. Die wöchentliche Regelmäßigkeit erleichtert die Planung für beide Seiten. Bisher war es Ziel, dienstags bis freitags in drei Schichten je zwei Personen und samstags zwei Ehrenamtliche einzusetzen, das sind 92,5 Wochenstunden. Während der Anwesenheit der Ehrenamtlichen ist immer mindestens eine hauptamtliche Kraft anwesend. In einem monatlichen Dienstplan werden vorab gemeldete Abwesenheiten berücksichtigt. Bei spontaneren Abwesenheiten müssen die Ehrenamtlichen sich selber um eine Vertretung bemühen. Viele Jahre war es üblich, dass die Ehrenamtlichen sich weitgehend selbstorganisiert gegenseitig vertreten. Eine hohe zeitliche und sachliche Verlässlichkeit ist für die Ausübung des Ehrenamtes unerlässlich. Jährliche Besprechungen und Bibliotheksbesichtigungen fördern die Gemeinschaft und informieren über Entwicklungen im Bibliothekswesen.

Die Ehrenamtlichen übernehmen Aufgaben im laufenden Bibliotheksbetrieb wie die Medienverbuchung, Einstellarbeiten und Regalkontrolle, Lieferkontrolle, technische Medienbearbeitung, Fremddatenergänzung, Bearbeitung von Löschungen bzw. Löschlisten etc. Einige Damen haben Spezialaufgaben übernommen wie die Zeitschriftenbearbeitung, Mitarbeit in der Erwerbung, Mithilfe bei Veranstaltungen, Blumenpflege. Kundenanmeldung und -beratungen etc. liegen hingegen in den Händen der Angestellten.

Um den Qualitätsstandard in der Bibliothek zu halten, ist ein hoher, dauerhafter Betreuungsaufwand nötig.[7] Trotz zahlreicher Bibliotheksbesichtigungen ist vielfach ein festes klassisches Bibliotheksbild vorherrschend. Dies wird z. B. in Diskussionen deutlich, von wem und wie die Bibliothek zu benutzen ist („Schutz der Romanleser vor jugendlichen Smartphone-Nutzern“). In der Bibliotheksverwaltung müssen Kompromisse gemacht werden, damit die Ehrenamtlichen mitarbeiten können. Der Qualitätsstandard ist dann der kleinste gemeinsame Nenner. Mit zunehmendem Alter der Ehrenamtlichen gewinnt an Bedeutung, dass die Gesundheit eine wesentliche Voraussetzung für freiwilliges Engagement im Rentenalter darstellt.[8]

Ein Beendigungsmanagement bzw. eine „Verabschiedungskultur“[9] besteht nur in Ansätzen.

Problematisch ist der steigende Altersdurchschnitt. Neue Ehrenamtliche zu gewinnen und einzubinden wird zunehmend schwieriger. Der demografische Wandel, u. a. mit längeren Zeiten der Berufstätigkeit, macht sich bemerkbar. Freiwilliges Engagement und Erwerbstätigkeit scheinen schwierig vereinbar.[10] Es zeigt sich, dass es gerade bei älteren Menschen, die sich häufig freiwillig engagieren, zu einer gewissen Zeitkonkurrenz zwischen dieser Tätigkeit und der fortgeführten Erwerbstätigkeit kommen kann.[11] Dabei steht die ehrenamtliche Tätigkeit zusätzlich zur Erwerbstätigkeit und bei Rentnern auch in „Konkurrenz“ zu anderen informellen Tätigkeiten. Rund ein Drittel der Altersrentnerinnen und Altersrentner betreuen oder beaufsichtigen eigene Kinder oder Enkel. „Junge Alte“ unterstützen vielfach noch ihre Kinder in deren Kernphase des Familienlebens, z. B. bei der Kinderbetreuung, bei Fahrdiensten etc.[12] In dieser Phase – die „jungen Alten“ bezeichnen Personen in der Nachberufsphase, um die 60–64 Jahre bis ca. 70 Jahre, die selbstständig und sehr aktiv sind[13] – ist auch das zivilgesellschaftliche Engagement in Vereinen, Initiativen u. a. hoch.[14] Zu berücksichtigen wird zukünftig eine deutliche Zunahme des Anteils von älteren Zweiverdienerhaushalten und des damit einhergehenden Wandels des Ruhestandsübergangs hin zu einem stärker paarbezogenen Prozess sein.[15]

In der Stadtbibliothek Melle ist eine sinkende Bereitschaft zu langjährigen Bindungen zu beobachten. Die ehrenamtliche Tätigkeit wird kürzer ausgeübt. Ebenso sinkt das Commitment. Das Engagement sinkt, die Bereitschaft, Vertretungen zu übernehmen oder sich bei Sonderaufgaben einzubringen, lässt nach.

Um die Leistungsfähigkeit der Bibliothek trotz nachlassenden ehrenamtlichen Engagements zu gewährleisten, ist seit mehreren Jahren die Umstellung auf RFID-gestützte Medienverbuchung und -sicherung geplant. Bisher musste die Umstellung mehrfach wegen fehlender personeller Ressourcen verschoben werden. Der Beginn der Medienkonvertierung sollte – mit tatkräftiger Unterstützung der Ehrenamtlichen – eigentlich 2020 beginnen.

Den Nachteilen und Schwierigkeiten gegenüber steht, dass es nur durch die Mithilfe der Ehrenamtlichen möglich ist, Öffnungszeiten von 35 Wochenstunden anzubieten.[16] Dazu kommen noch Sonderöffnungszeiten, z. B. an Offenen Sonntagen, Stadtfesten etc. Rund ein Drittel der verfügbaren Gesamtarbeitszeit wird durch Ehrenamtliche erbracht.

Der Erfolg der Bibliothek basiert maßgeblich auf dem Engagement der Ehrenamtlichen. In der Folge sind drei zusätzliche Stellen geschaffen worden.[17] Der Personalschlüssel wurde von 1,75 VZÄ (2001), auf 4,8 VZÄ/5 Personen (2020) erhöht.

Das Alter wird als vielfältiger Lebensabschnitt mit großem Potenzial u. a. für die Gesellschaft betrachtet.[18] Die Ehrenamtlichen bringen zusätzliches Fachwissen und Interessen mit in den Bibliotheksalltag. Die externen Impulse bereichern die Bibliothek und vermindern einen Tunnelblick. Da viele Ehrenamtliche parallel zur oder kurz nach Beendigung der Berufstätigkeit ihre Tätigkeit aufnehmen, kommt der Bibliothek ein Reichtum an Berufserfahrung zugute. Den Ehrenamtlichen gemeinsam ist ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Ein Zitat illustriert den Spagat zwischen Verantwortung im Beruf und im Ehrenamt: „Ich arbeite verantwortungsbewusst, aber nicht mehr verantwortlich.“ Die Ehrenamtlichen wollen in der Bibliothek arbeiten, sie müssen es nicht. Da sie neben der ehrenamtlichen Tätigkeit viele andere soziale und gesellschaftliche Kontakte haben, sind sie in besonderer Weise Botschafter der Bibliothek.

2 Coronapandemie

Während der Coronapandemie hat sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Engagement in der Nachbarschaft, im Gesundheitssystem, in der Pflege oder auf die Versorgung von armen oder obdachlosen Menschen gerichtet.[19] Das freiwillige Engagement in vielen Kultur- und Bildungseinrichtungen war dagegen schlagartig nicht mehr möglich.

Gemäß einer Allgemeinverfügung des Landes Niedersachen vom 16.03.2020 mussten ab diesem Zeitpunkt die Bibliotheken sofort geschlossen bleiben.

Die Kommunikation mit den Ehrenamtlichen basiert auf persönlichen Kontakt. Dieser Kommunikationsweg war plötzlich abgeschnitten. Nicht alle Ehrenamtlichen sind per E-Mail zu erreichen. Die Nutzung von Messenger-Diensten ist auf dienstlichen Geräten nicht gestattet bzw. nicht möglich. Telefonate mit allen Ehrenamtlichen bergen die Gefahr uneinheitlicher Informationsweitergabe. Zudem ist der Zeitaufwand sehr hoch, was gerade in der ersten Zeit der Schließung kaum leistbar war. Gegen Serienanrufe sprach auch eine gewisse Anrufkultur oder -konvention. Telefonanrufe mit allen Ehrenamtlichen wurden von der Leitung bisher im Wesentlichen bei der Überbringung von eiligen, unaufschiebbaren personellen Nachrichten geführt.

Anlass zu einigen Kontakten oder Gesprächen boten zum einem die – in diesem Jahr per Post verschickten – Aufmerksamkeiten zu Ostern und zum anderen die per E-Mail versandte Erinnerung an das entfallene Bibliotheksjubiläum. Die Gestaltung des Informationsflusses muss jedoch insgesamt als überwiegend nicht gelungen angesehen werden.

Einige Ehrenamtliche hatten vorgeschlagen, während der Schließungszeit Sonderaufgaben wie Bestandsumstellungen und Umsystematisierungen, die schon lange anhängig sind, zu übernehmen. Diese Angebote mussten abgelehnt werden, da die Stadtverwaltung strenge Limitierungen in Bezug auf Personalanwesenheiten gesetzt hatte.[20] Unter dem Aspekt der Bindung an die Bibliothek und Motivation war diese notwendige Zurückweisung kontraproduktiv.

Mit Inkrafttreten der Niedersächsischen Verordnung zum Schutz vor Neuinfektionen mit dem Coronavirus am 20.04.2020 waren die angeordneten Bibliotheksschließungen aufgehoben.[21] Nach fünf Wochen Schließung durfte die Stadtbibliothek Melle ab dem 21. April wieder für das Publikum öffnen. Kurz gesagt, besteht das Hygiene-Konzept aus den vier Säulen: Abstand, Alltagsmasken, Hygiene, Lüften. Die Öffnungszeiten wurden schrittweise von zunächst zwölf Wochenstunden über 24 Wochenstunden auf die regulären 35 Wochenstunden erweitert. Erst der Einsatz der Ehrenamtlichen ab dem 30.06.2020 ermöglichte diese regulären Öffnungszeiten. Alle Veranstaltungen wurden mindestens bis zum Ende der niedersächsischen Sommerferien abgesagt. Die Ortsteilbibliotheken, die vollständig ehrenamtlich betreut werden, waren zwölf Wochen bis zum 14.06.2020 geschlossen. Bei der Schließung und den Planungen zur Wiederöffnung der Ortsbibliotheken, einschließlich der Erstellung und Umsetzung der Hygiene-Konzepte, fand eine intensive Beratung und Unterstützung durch die Stadtbibliothek statt. Der Umfang dieser Kontakte ist in der bisherigen Zusammenarbeit beispiellos.

Bei den Planungen und Überlegungen, wann und unter welchen Bedingungen die Ehrenamtlichen in der Stadtbibliothek Melle wieder eingesetzt werden können, steht der Schutz vor einer Infektion im Mittelpunkt. Von 25 Ehrenamtlichen gehören 21 zu Risikogruppen – aufgrund von Alter, schweren Vorerkrankungen, als Betreuende etc., zumindest im Hinblick auf den Einsatz im direkten Publikumskontakt.

Zum Zweiten bestand die Befürchtung, dass sich Ehrenamtliche während der langen Zwangspause umorientieren oder neue Schwerpunkte setzen, da sich die Bindung löst. Tatsächlich war die Coronapause der Auslöser für vier Kündigungen des ehrenamtlichen Engagements. Die Unterbrechung machte diesen Ehrenamtlichen deutlich, dass andere Schwerpunkte wichtiger (geworden) sind oder dass die Arbeit weniger vermisst wurde als vermutet.

Weitere Hinderungsgründe für eine Fortsetzung der freiwilligen Tätigkeit könnten kurz- oder mittelfristig die Beanspruchung bei der Betreuung/Pflege oder finanzielle Zwänge sein: Tagespflegen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen sind bzw. waren geschlossen, z. T. länger als viele andere Einrichtungen. Während im öffentlichen Gespräch hauptsächlich Kitas stehen, werden diese Einrichtungen kaum beachtet. Die Pflege und Betreuung wird auf oft weibliche Angehörige zurückdelegiert. Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit der Ehrenamtlichen oder deren häuslicher Gemeinschaft in Folge der Coronakrise könnten die Aufnahme einer bezahlten Erwerbsarbeit oder einen Minijob wichtiger werden lassen als eine ehrenamtliche Tätigkeit. Ein Ehrenamt muss man sich (finanziell) leisten können.

Für die Ehrenamtlichen, die ihre Tätigkeit i. d. R. hochmotiviert wieder aufgenommen haben, ergaben sich unerwartete Schwierigkeiten und Belastungen. Beispielweise wurde unterschätzt, dass die akustische Verständigung durch die Infektionsschutzwand an der Verbuchungstheke und Masken erheblich erschwert ist. Besonders bei Senioren mit einer altersbedingten (leichten) Schwerhörigkeit treten vermehrt Probleme durch Missverständnisse auf.

Im Alltagsleben gibt es i. d. R. keine Erinnerungsanker für bibliothekarische Tätigkeiten. Bekannt ist daher, dass schon bei der mehrmonatigen Einarbeitung oder bei längeren Krankheiten/Urlauben, Regelungen, z. B. zur Regalordnung oder im Kundenservice, vergessen oder schlecht erinnert werden. Dieses Problem wurde auch durch die lange Coronapause der Ehrenamtlichen aufgeworfen und führte zu einem deutlich erhöhten Betreuungs- und Gesprächsbedarf. Es ist ein hohes Reflexionsvermögen und Selbstbewusstsein erforderlich, um zu erkennen und anzusprechen, dass Abläufe etc. nicht mehr erinnert werden oder prophylaktisch durchzugehen sind. Die Notwendigkeit der Wiedereinarbeitung nach längerer Abwesenheit fördert nicht die Motivation.

An der Ausleihtheke wäre es sinnvoll gewesen, dass hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen nebeneinander arbeiten, um einen Blick auf die Verbuchung zu haben bzw. schnell um einen Blick gebeten zu werden. Mit der Arbeit auf Distanz fehlt diese Möglichkeit der Rückversicherung für die Ehrenamtlichen.

Um die Mindestabstände für Mitarbeiter und Bibliothekskunden einzuhalten, musste ein Verbuchungsplatz abgebaut werden. Da nur noch ein Verbuchungsplatz genutzt werden kann, hat das Arbeitstempo zur Vermeidung von Warteschlangen an Bedeutung gewonnen. Ungewohnt und frustrierend für viele Ehrenamtliche ist diese Betonung der Geschwindigkeit bei der Medienverbuchung. Zwar ist dieser Aspekt eigentlich nicht neu, aber die Relevanz in der jetzigen Situation deutlich höher. Zudem greifen die Hauptamtlichen früher ein, um Schlangenbildungen schnell abzuarbeiten. Die Akzeptanz dieser Maßnahmen ist oft gering, da die Unterschiede nicht gesehen werden. Als hilfreich hat sich erwiesen, zu kommunizieren, dass in der Phase der reduzierten Öffnungszeiten und großem Publikumsandrang über drei Stunden hinweg bis zu 2 300 Verbuchungen getätigt wurden (durchschnittlich 11–12 Medien pro Minute).

Das Arbeiten auf Distanz ist ungewohnt und von den Ehrenamtlichen auch nicht gewollt. Zum Teil sind langjährige Gewohnheiten, z. B. des Hand-in-Hand-Arbeitens, nicht mehr möglich. Auch fehlen Kommunikationsmöglichkeiten, da im Thekenbereich aufgrund der räumlichen Enge nur eine Ehrenamtliche arbeiten darf. Die Möglichkeiten, Kontakte mit anderen Ehrenamtlichen oder Kunden zu pflegen, ist jedoch ein wichtiger Motivator für die freiwillige Tätigkeit.

Ein Faktor für die Zufriedenheit mit dem ehrenamtlichen Engagement entsteht auch durch die persönlichen Kontakte der Ehrenamtlichen untereinander bei der Arbeit. Die Coronaregeln erfordern jedoch Abstand und Einzelarbeit. Einzelarbeit in Büros wurde bislang z. T. explizit abgelehnt („alleine bin ich schon zu Hause“, „dann kann ich ebenso zu Hause arbeiten“ u. ä.). Negative Auswirkungen auf die Zufriedenheit sind spürbar.

Die Nutzung der Stadtbibliothek hat noch nicht wieder das Niveau der Vor-Corona-Zeit erreicht. Weniger Publikumsbetrieb und weniger Einsatz an der Verbuchungstheke lässt die freiwillige Arbeit scheinbar weniger wichtig erscheinen. Einige Ehrenamtliche messen die Notwendigkeit ihrer Mitarbeit (nur) am Dienst an der Verbuchungstheke. Die Übernahme anderer Tätigkeiten ist eine Beschäftigung, wenn keine Kunden zu bedienen sind. Mit weniger Verbuchung(splätzen) scheint die eigene Anwesenheit beliebiger zu sein und die Wichtigkeit der zuverlässigen und verbindlichen Anwesenheit wird angezweifelt. Langjährige Vereinbarungen zu Vertretungen werden ignoriert. Gleichzeitig sinkt die Bereitschaft, sich gegenseitig zu vertreten.

Auf der anderen Seite stehen Ehrenamtliche, die gerade durch die coronabedingten Veränderungen besonders motiviert sind und gern die Bibliothek aufsuchen. Durch die Reduktion sozialer Begegnungen und kultureller Angebote entstehen Zeitfenster, die gern mit der freiwilligen Tätigkeit gefüllt werden. Die Folgen der sozialen Einschränkungen können so gemildert werden.

Die ehrenamtliche Tätigkeit lebt davon, dass diese Freude bereitet. Motivation und Sinnstiftung ergeben sich u. a. durch die Zufriedenheit und die Freude an der Tätigkeit. Die Ehrenamtlichen haben sozusagen die „Kündigung immer dabei“. Diese Motivation wird durch die Coronaregeln (Abstand, Einzelarbeit) teilweise negativ beeinflusst. Die Relevanz der ehrenamtlichen Tätigkeit deutlich zu machen, ist zurzeit eine zentrale Führungsaufgabe. Sollte es zu Mittelkürzungen für zivilgesellschaftliches Engagement in der Nach-Corona-Phase kommen, wird es umso wichtiger sein, dass die öffentlichen Verwaltungen die Wertschätzung ausdrücken.[22]

3 Ausblick

Bereits seit 2013 ist die Stadtbibliothek bestrebt, die Medienverbuchung und -sicherung auf RFID-Technologie umzustellen. Stand zunächst der Ersatz einer abgängigen Mediensicherung im Vordergrund, ist in den Folgejahren die Reaktion auf die Veränderungen des ehrenamtlichen Engagements das Hauptargument geworden. Aus internen Dokumenten sind die Argumentationslinien ersichtlich:

Ausgangssituation und Handlungsbedarf für die Einführung der RFID-Technologie:

  1. 1.

    Veränderung des ehrenamtlichen Engagements:

    • Bereitschaft zu und Dauer des ehrenamtlichen Engagements sinkt

    • bei gleichzeitig steigender Komplexität der Anforderungen

    • bei z. Zt. 22 Ehrenamtlichen sind die Hälfte 70 Jahre und älter

  2. 2.

    Steigende Anforderungen an Serviceleistungen (s. u.) im Zuge von Digitalisierung und unter Berücksichtigung des demografischen Wandels

  3. 3.

    Elektromagnetische Sicherung ist auslaufende Technologie; Modernisierungsstau

Nutzen und Wirkungszielbeitrag des RFID-Einsatzes:

  1. 1.

    Gewährleistung der bestehenden Öffnungszeiten trotz veränderten oder verlagerten ehrenamtlichen Engagements

  2. 2.

    Serviceverbesserungen unter der strategischen Ausrichtung Stärkung der Bibliothek als sozialem Ort:

    • Ausbau der Veranstaltungsarbeit

    • Stärkung der Benutzerinformation und -beratung

    • Optimierung des Geschäftsganges

    • Serviceoptimierung bei der Medienverbuchung (Reduktion Wartezeiten, erhöhte Diskretion, ergonomischeres Arbeiten für Mitarbeiter), Einsatz von Selbstverbuchungsstationen (Rückgabe und/oder Ausleihe)

mittel- oder langfristig zusätzliche Services:

  • Rückgabeautomaten und/oder Ausleihautomaten in/vor der Bibliothek oder an anderen Orten

  • Erweiterung der Bibliotheksöffnungszeiten mit personalfreien oder -armen Zeitkorridoren (Selbstbedienung; mittel- bis langfristig), dadurch Unterstützung von Familien (Zeitplanung) und individueller Bildungsprozesse (Zeitsouveränität)

  1. 3.

    Mediensicherung: Kostenersparnis, Zukunftssicherung

Bereits 2005 wurden die Verbuchungsträger für Medien und Bibliotheksausweise von Spot-Codes auf Barcodes konvertiert. Die damaligen guten Erfahrungen mit der Konvertierung durch die Ehrenamtlichen waren Anlass, auch für die Durchführung der RFID-Konvertierung die Ehrenamtlichen einzuplanen. Die Realisierung des RFID-Projektes musste aus personellen Gründen seit Jahren verschoben werden, obgleich die Relevanz, insbes. im Hinblick auf das ehrenamtliche Engagement, zugenommen hat.

Die Umstellung auf RFID-gestützte Verbuchung wurde auf mehreren Mitarbeiterbesprechungen thematisiert. Die jährlichen Fortbildungsfahrten führen seit einigen Jahren zu Bibliotheken, die RFID einsetzen.[23] Die RFID-Einführung und damit Veränderungen im Tätigkeitsprofil sollten bzw. könnten den Ehrenamtlichen bewusst sein. Dennoch ist eine (emotionale) Bindung an die Verbuchung meist (noch) recht stark, d. h. der Sinn der eigenen Mitarbeit wird in und bei der Medienverbuchung gesehen.

Die Coronakrise mit den erzwungenen, sehr plötzlichen Veränderungen in den Tätigkeitsfeldern nimmt die Veränderungen durch die anstehende RFID-Umstellung abrupt vorweg. Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich dies auf das die Akzeptanz des RFID-Projektes auswirken wird.

Insgesamt scheinen die Veränderungen in den Möglichkeiten zur Wahrnehmung des freiwilligen Engagements für diejenigen Ehrenamtlichen unproblematischer zu sein, die vielfältigere Aufgaben z. B. im Geschäftsgang wahrnehmen oder wahrzunehmen bereit sind. Ehrenamtliche, die sich überwiegend oder nahezu ausschließlich bei der Medienverbuchung einbringen, haben größere Schwierigkeiten, sich der neuen Situation anzupassen. Ihr Verbleib wird auch davon abhängen, ob sie bereit sind, sich für neue Arbeiten zu interessieren. Aufgabe der Bibliotheksleitung wird es sein, neue Tätigkeitsfelder zu eröffnen, deren Relevanz darzustellen und die bleibende Bedeutung des Ehrenamtes zu betonen und die Ehrenamtlichen zu motivieren.

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Online erschienen: 2021-04-14
Erschienen im Druck: 2021-04-26

© 2021 Ulrike Koop, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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