Open Access Published by De Gruyter April 14, 2021

Gebautes Gemeinwohl?

Über die unterschätzten Analogien von Bibliothek und öffentlichem Raum

Built for Common Good?
On the underestimated analogies between library and public space
Robert Kaltenbrunner

Zusammenfassung

Welche Parallelen und Analogien bestehen zwischen den Sphären Stadtentwicklung und Bibliotheken? Als zentraler Bezugspunkt zur Beantwortung dieser Frage dient der Begriff des „öffentlichen Raums“. Der Autor untersucht Verbindungslinien, Ähnlichkeiten und wechselseitige Effekte und nähert sich dem Thema in sechs Thesen, die auf Entwicklungstendenzen im öffentlichen Raum fokussieren, aber jeweils einen Bezug zum Bereich der Bibliotheken herstellen.

Abstract

What parallels and analogies exist between the spheres of urban development and libraries? The concept of “public space” serves as a central reference point for answering this question. The author examines connecting lines, similarities and reciprocal effects and approaches the topic in six theses, which focus on developmental tendencies in public space, but each of which establishes a reference to the field of libraries.

Der vorliegende Beitrag zeichnet den Vortrag nach, der im Februar 2020 auf der Konferenz „Chancen 2020“ gehalten wurde.[1] Die Konferenz, die vom Bibliotheksdienstleister ekz.bibliotheksservice gemeinsam mit dem Berufsverband Information Bibliothek (BIB) und dem Deutschen Bibliotheksverband (dbv) organisiert wurde, stand unter dem Motto „Zukunft sichern“. Die Veranstalter haben ganz bewusst den Blick von außen auf die Frage nach der Zukunft der Bibliotheken gesucht. Der folgende Beitrag, aus Sicht eines Stadtplaners verfasst, betrachtet die Wechselwirkungen zwischen öffentlichem Raum und Öffentlicher Bibliothek.

In seinem so epochalen wie urbanistisch grundierten Roman „Mann ohne Eigenschaften“ hielt Robert Musil hellseherisch fest, dass man sich grundsätzlich in einem „dauerhaften Stoff von Häusern, Gesetzen, Verordnungen und geschichtlichen Überlieferungen“ bewegt. Die Bindungen und Verbindlichkeiten, die von einem gegebenen städtischen Kontext ausgehen, sind nach wie vor beträchtlich. Dabei stellen im Lebensalltag Stadtteil und Kiez die wohl wichtigste Ebene dar, um das urbane Miteinander zu organisieren. Zwar mögen Menschen heute gesellschaftlich über ihre Teilhabe an Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Politik und Familie integriert werden – woran die Stadtgestalt auf den ersten Blick einen eher marginalen Anteil hat. Aber es gibt Personengruppen, die aufgrund fehlender sozialer und materieller Ressourcen in ihrer Mobilität stark eingeschränkt sind, und für die somit das Quartier eine wesentliche gesellschaftliche Teilhabechance bedeuten kann. Und dies gilt grundsätzlich auch für Bibliotheken – zumal, wenn man sie als das begreift, was sie ihrem Wesen nach sind: nämlich integraler Bestandteil von Stadtquartieren.

Städtebau und Stadtpolitik, die eine wahrhafte Urbanität fördern wollen, müssen stark indirekt arbeiten, z. B. in den öffentlichen Raum und die Vitalisierung polyzentraler Strukturen (Bibliotheken, Schwimmbäder etc.) investieren. Qualitäten, die landläufig den Eigenschaften „europäischer Städte“ gutgeschrieben werden, sind hier wichtig: ein funktionierender öffentlicher Nahverkehr und viele, am besten gewachsenen Zentren, in denen Bildungs-, Kultur- und Freizeitangebote, Betreuungs-, Gesundheits- und Serviceleistungen schnell erreichbar sind. Für die städtische Bevölkerung sind kurze Wege entscheidend. Stadtgestalt, Freiraumqualitäten und Aufenthaltsmöglichkeiten in öffentlichen Räumen sind ganz offensichtlich ein weiteres Plus. Diverse Studien[2] belegen, dass der Aufenthalt in öffentlichen städtischen Räumen – um sich zu treffen, um Freizeitaktivitäten nachzugehen, oder einfach, um zu sehen und gesehen zu werden – gegenüber dem Rückzug in die eigene Wohnung an Häufigkeit, Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit gewonnen hat. Also: Wer das Leben in der Stadt stärken will, der muss für eine adäquate Infrastruktur und urbane Umgebungsqualitäten sorgen. Dabei gilt:

„Auch wenn ‚Raumprogramme‘ für sich genommen außerstande sind, Defizite und Beschädigungen im städtischen Leben zu beseitigen, so können sie doch strategisch eingesetzt werden. Der Stadtraum lässt sich ‚inszenieren‘. Das Medium der Stadtgestalt und des Bildes ermöglicht es, nach den Interessen der Akteure Bedeutungen zu schaffen.“[3]

Im Folgenden soll in der Art einer kleinen Versuchsanordnung nachgezeichnet werden, welche Parallelen und Analogien zwischen den Sphären Stadtentwicklung und Bibliotheken existieren. Als zentralen Bezugspunkt dient dafür der Begriff des „öffentlichen Raums“. Haben diese beiden Bereiche überhaupt etwas miteinander zu tun? Wenn ja: Was könnten die Verbindunglinien, Ähnlichkeiten, wechselseitigen Effekte sein? Es sei hier eine Annäherung in sechs Thesen versucht. Sie fokussieren zwar auf Entwicklungstendenzen im öffentlichen Raum, doch wird jeweils ein Bezug zur Welt der Bibliotheken hergestellt.

1 Die mediatisierte Öffentlichkeit wird die räumlich erfahrbare nicht ersetzen – und sie wird auch nicht als Ersatz empfunden

Es ist einmal prophezeit worden, dass die Menschen in Zukunft vorwiegend vor Bildschirmen und unter Datenhelmen hocken, um sich in einer bloß virtuellen Realität, auf Daten-Autobahnen und im Cyberspace, nicht mehr körperlich, sondern nur noch fiktiv zu tummeln. Allerdings hat sich diese Prophezeiung bislang als wenig tragfähig erwiesen. Die Repräsentation verschiedener gesellschaftlicher Gruppen vollzieht sich zwar weitgehend in Innenräumen; man nutzt die modernen Massenmedien, und längst hat sich eine neue Öffentlichkeit im Cyberspace etabliert. Aber nicht nur Ansprachen, Konzerte, Feste usw. finden noch draußen statt. Auch bestimmte Ansprüche auf öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung verlangen geradezu nach auffälliger Kundgabe im öffentlichen Raum, z. B. durch Demonstrationen, Sportveranstaltungen, Streiks, Ausstellungen und dergleichen. Der öffentliche Raum ist nach wie vor eine Bühne, auf der gesellschaftliche Konflikte artikuliert und vorgetragen werden. Plätze, Fußgängerzonen, Straßen und Parks sind Orte personaler Selbstdarstellung und Inszenierung.

Das hat handfeste Gründe: Wir leben in einer institutionell hochgradig verregelten Welt. Einer Welt, die so mit Vorschriften, Normen, Richtsätzen, Geboten und Verboten zugestellt ist, dass Straßen und Plätze fast die einzigen Orte sind, die jedermann zur Verfügung stehen, um sich (mehr oder weniger) außerhalb dieses Regelwerks zu verhalten und zu äußern, um spontanen Handlungen nachzugehen. Das Zur-Schau-Stellen von Luxus und Extravaganz gehört genauso dazu wie das Bekenntnis zu einer vom Mainstream abweichenden Lebensweise, ob als Skinhead oder Hippie. Wenn es um ‚Öffentlichkeit‘ geht, dann auch um die Zwanglosigkeit des Rahmens, innerhalb dessen sich Kontakte ergeben (können). Gerade die Bandbreite des Möglichen ist nach Auffassung des Stadtsoziologen Hans Paul Bahrdt das eigentlich Spannende an der ‚urbanen‘ Situation. „Trotz aller Kasuistik erlaubter Themen kann sich aus der Frage nach dem Weg ein Flirt entwickeln.“[4] Im öffentlichen Raum befriedigt man nach wie vor das Bedürfnis, zu sehen und gesehen zu werden. Er ist der Ort gesellschaftlicher Teilhabe.

Gleichwohl, und dem nicht widersprechend, gibt es vielerlei Zumutungen, die das Dasein in der Stadt prägen. Gerade deshalb freilich braucht es die Arena des ‚öffentlichen Raums‘, weil sie das Trainingsgelände für unseren gesellschaftlichen Alltag abgibt. Denn das Verhältnis von individueller Handlungsautonomie und sozialer Ordnung wird, auch heute, auf der städtischen Bühne austariert. Umgekehrt nützt das plakative Versprechen von der res publica wenig, wenn es einen Ort bloß zur touristischen, zur weichgespülten Sonntagsöffentlichkeit verurteilt. Öffentliche Räume entstehen durch Nutzungen. Deshalb stellt sich die Frage, welche Nutzungen werden durch bestimmte Planungen, Infrastrukturen und Bauten erzeugt? Und welche Nutzungen lassen andere – andersgeartete – Räume zu?

Gibt es einen Bezug zur Welt der Bibliotheken?

Die Soziologie kennt den Begriff des ‚Dritten Ortes‘. Öffentliche Plätze, die neben der eigenen Wohnung (erster Ort) und dem Arbeitsplatz (zweiter Ort) aufgesucht werden. Cafés, Vereine, Konzertsäle – und Bibliotheken. Ray Oldenburg, auf den der Begriff zurückgeht, definierte ihn als ein Zuhause fern der eigenen Wohnung, an dem nicht verwandte Menschen zueinander in Beziehung treten.[5] Unverbindliche Stätten der Begegnung also. Aber sehr wichtig, um dem schwindenden Gemeinsinn in den modernen Gesellschaften entgegenzuarbeiten.

Es ist unübersehbar, dass das Internet die Öffentlichkeit weltweit verändert hat. Doch wie stellen sich diese Veränderungen im Alltag dar? Mit Blick auf die ‚arab rebellion‘ vor einigen Jahren in Tunesien, Libyen und Ägypten meinte etwa der Medientheoretiker Evgeny Morozov: „Wer glaubt, dass die Netzwerke rein virtuell und spontan waren, weiß einfach nichts über die jüngste Geschichte des Cyber-Aktivismus in Nordafrika und dem Nahen Osten.“[6] Die von den Medien ausgerufene „Facebook-Revolution“ entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Basisbewegung in der wirklichen Welt, die sich des Internets als Instrument bedient. Sie braucht stets den realen Raum. Und deshalb ersetzt das Internet auch keineswegs die Bibliotheken.

„Was aber bedeutet Bibliothek heute? Wer etwa die wunderbar offene und leutselige Stadtbücherei von Amsterdam erlebt hat, ahnt, warum inzwischen auch in der Stadtteilbibliothek München-Pasing eine Espressomaschine steht. Büchereien wandeln sich zu Wohlfühlorten, auch wenn Kritiker darauf verweisen, dass sie immer noch weniger bildungsfernen Familien dienen als bürgerlichen Bildungsfreunden zur Selbstvergewisserung.“[7]

Bibliotheken stellen ein räumlich verdichtetes Informationsangebot dar. Sie sind sinnlich erfahrbar, es gibt andere „Suchende“, es gibt ein Gemeinschaftserlebnis – und damit gewisse Analogien zum öffentlichen Raum.

2 Der öffentliche Raum wird zunehmend uneinheitlich und hybrid

Man hört den Begriff ‚öffentlicher Raum‘ und denkt unmittelbar an jene Piazzas und Plätze, die man aus Italien oder Spanien kennt: Klare räumliche Fassung, erkennbar historisch und gewachsen, immer etwas los. Die Wirklichkeit jedoch sieht anderes aus: Einerseits blendet man den Verkehr aus, der die meisten Räume dominiert, aber auch die diffusen Stadträume, also etwa der öffentliche Raum in Gewerbegebieten oder in Einfamilienhaussiedlungen, der wohl eher eine Art Restraum ist. Andererseits sieht man es dem Raum heute oftmals nicht mehr an, ob er öffentlich ist oder nicht. Beispiel Ernst-August-Platz vor dem Hauptbahnhof in Hannover: Er ist heute sehr populär, nachdem er vor einigen Jahren umgebaut und neu gestaltet wurde. Er hat an Attraktivität und Aufenthaltsqualität gewonnen. Aber er ist nun zum großen Teil im Eigentum der Deutschen Bahn. Das sieht man nicht unmittelbar. Aber man merkt es daran, dass die Obdachlosen und die Trinkerszene sich nur hinter den Straßenbahngleisen aufhalten. Denn auf der anderen Seite gilt das Hausrecht. Was heißt das? Der öffentliche Raum steht im Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen und ökonomischen Interessen: als Identitätsraum, politischem Raum, Standortfaktor, als Aufenthalts- oder Erlebnisraum, als Verkaufs- und Schauraum.

Aber auch die wachsende Individualisierung findet hier ein zentrales Forum, um sich ändernde Interessen neu auszuhandeln. Die Techno- und die Rapper-Szene, die Jünger von Le Parcours, Skater und Party-People: Sie suchen sich ihre Räume. Und sie verändern sie dann jeweils – durch Flashmobs etwa, aber auch mittels Verabredung zum Tangotanzen.[8] Insofern ist der öffentliche Raum auch ein Spiegel der Gesellschaft und deshalb sagt er etwas über unseren gegenseitigen Umgang: Hier sind wir nicht ‚Allein‘. Wir können nicht selbst entscheiden, was wir sehen wollen, was passieren kann. Sondern wir teilen uns diesen Raum und diese Entscheidungen mit den anderen. Und müssen auch aushalten, dass wir an diesen Orten selber öffentlich sind. Der öffentliche Raum ist also auch Ort des Widerspruchs zwischen verschiedenen Ansprüchen.

Parallelen zur Welt der Bibliotheken?

Es ist vermutlich eine weit verbreitete Vorstellung, dass eine Bibliothek aus Regalen, Magazinen und mit Staub bedeckten Büchern besteht. Dagegen hat sich längst eine kleine Revolution vollzogen. Monumentale, oftmals historische Lesesäle ziehen täglich große Besuchermassen an, aber daneben hat sich eine moderne, ausgiebig genutzte Wissenswelt etabliert. Bibliotheken zeigen sich als vielfältiger Lernort, an dem es nicht mehr um Karteikästen, sondern WLAN-Verbindungen geht. Sie bieten, im Sinne von Jeremy Rifkin, sowohl Zugang als auch Zugriff:

„In dieser Welt hat nichts Bestand. In einer Ökonomie, deren einzige Konstante der Wandel ist, macht es wenig Sinn, bleibende Werte anzuhäufen [...] Netzwerke treten an die Stelle der Märkte, Verkäufer und Käufer werden zu Anbietern und Nutzern, und was bislang käuflich war, wird ‚zugänglich‘. Zugang, Zugriff, ‚Access‘ sind die Schlüsselbegriffe des anbrechenden Zeitalters.“[9]

Bibliothek ist aber auch ein (Lern-)Ort, den man freiwillig aufsucht und der nicht auf lehrgangsartiges Wissen und eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe festgelegt ist. Darin liegt ihre große Chance. Sie können zur Verankerung der Menschen in ihrer Stadt, in ihrem Stadtteil beitragen. Sie bieten ein kommunikatives Milieu, wo man auch „allein unter Menschen" sein kann. Exemplarisch sei hier auf die Zentralbibliothek in Seattle hingewiesen, von der einmal behauptet wurde, sie trage den Namen ‚öffentliches Gebäude‘ mit einer Berechtigung, die kaum einen anderen Bau zukomme. Der renommierte niederländische Architekt und Urbanist Rem Koolhaas hat mit der 2004 eröffneten Public Library in Seattle den Bautypus der Bibliothek gleichsam neu erfunden: „Dieser Raum ist performativ im Sinne seiner Bewegungsaffinität, reflexiv im Sinne des ‚interaktiven Aspekts‘, wie ihn Terence Riley beschreibt. Damit wird eine neue Theatralik des Innenraums gefasst, der sich in seinem Charakter verändert und Züge des öffentlichen Raums annimmt.“[10] Koolhaas hat hier einen Ort geschaffen, an dem sich wirklich alle Bevölkerungsgruppen – von der Kunstzeitschrift lesenden älteren Dame bis zum jungen Obdachlosen – begegnen, sich unweigerlich gegenseitig wahrnehmen, ohne sich zu stören.

3 Der öffentliche Raum hat keine zeitlose Bedeutung – aber eine grundlegende

Folgt man Hannah Arendt, dann hat sich seit der Antike das Verhältnis von Öffentlich und Privaten in sein Gegenteil verkehrt. Holzschnittartig lässt sich dies wie folgt zusammenfassen: Die Polis sah in der Öffentlichkeit noch einen Ort, der frei war von den Banalitäten alltäglicher Verrichtungen, die zur Aufrechterhaltung des Lebens notwendig sind. Derartige Dinge hatten in der Verborgenheit des Privaten zu geschehen und waren nur dort von Interesse. Der öffentliche Raum hingegen eröffnete dem Einzelnen die Möglichkeit, etwas von Bedeutung zu erschaffen, das jenseits der Unbeständigkeit des Alltäglichen lag und damit potenziell von öffentlichem Interesse und im Idealfall gar von bleibender Bedeutung für nachfolgende Generationen war. „Mit anderen Worten, der öffentliche Raum war gerade dem Nicht-Durchschnittlichen vorbehalten, in ihm sollte ein jeder zeigen können, wodurch er über das Durchschnittliche hinausragte.“[11] Mit dem Siegeszug der modernen Gesellschaft hingegen, mit dem Prozess der Vergesellschaftung selbst, so Arendt, kehrt sich dieses Verhältnis um. Die flüchtigen Banalitäten des Alltäglichen bestimmen die Öffentlichkeit, während selbstständiges Denken und Handeln gewissermaßen zur Privatangelegenheit werden. Sofern sie überhaupt noch einen Platz in der Gesellschaft haben.

Ansprüche und Bedürfnisse sind nicht statisch, nicht ein für alle Mal festgeschrieben. Somit ändert sich auch das Verständnis eines Raums. Manche Orte waren vor einiger Zeit zentrale Treffpunkte, heute sind sie es nicht mehr. Ohnehin hat man nun ganz andere Möglichkeiten, etwas zu tun oder irgendwo hinzugehen, als früher. Man erinnere sich nur daran, was vor zwanzig oder dreißig Jahren das Bild des öffentlichen Raums prägte, was damals völlig hip war: Musikschüler stellen sich in eine Nische und klimperten mit der Gitarre oder spielten Saxophon, selbstberufene Künstler fertigen Skizzen und Zeichnungen, Kunsthandwerker verkaufen selbstgemachten Schmuck, in den Wohngebieten wurden die ersten Straßenfeste durchgeführt. Heute dagegen dominieren In-Line-Skates oder andere In-Sportarten, Grillen im Park, es gibt einen gewissen Exhibitionismus, mit dem unübliche Kleidungspräferenzen oder Tattoos, Schweine oder Krokodile als Haustiere vorgeführt werden. Neu ist, dass privateste Tätigkeiten wie das Sonnenbaden, das Schminken, natürlich das mobile Telefonieren und das Arbeiten am Laptop zu quasi öffentlichen Angelegenheiten geworden sind.

Neu ist auch die Inanspruchnahme der öffentlichen Straßenräume, Plätze, Promenaden und Parkanlagen zum gemeinsamen „fernsehen“. Public Viewing ist seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hip. Und wer weiß, was wir in Zukunft nicht noch alles im öffentlichen Raum machen werden. Insofern muss er nicht auf Dauer angelegt sein. Langlebigkeit, Sicherheit und Stabilität mögen als Werte gelten, an denen sich Stadtplanung und Architektur auch weiterhin orientieren. Aber sie sind es nicht allein und sie können schnell zu verlogenen Mythen werden. Der urbane öffentliche Raum ist kein zeitloser Gegenstand. Er ist vielmehr ein Prozess, in dem sich Raum- und Sozialfiguren korrespondierend verändern. Er hat aber konstituierende Prinzipien – und hier ergibt sich tatsächlich eine Parallele.

Ordnung des Raums – Ordnung des Wissens

Zumindest ihrem Anspruch nach sind Bibliotheken für die Ewigkeit gebaut. Doch Ewigkeit ist nicht dasselbe wie Endlosigkeit. Daher sollten Bibliotheken keine bloße Akkumulation von Wissensbeständen sein, die endlos erweitert und ergänzt werden. Vielmehr begründen sie überhaupt erst das Wissen, das über den Tag hinaus überliefert werden kann. Das Wissen steckt nicht in den Büchern, um in die Regale gestopft zu werden, sondern entsteht durch die Ordnung, welche die Bibliothek ihm verleiht. Signatursysteme, Karteien und Schlagwortkataloge sind seine Konstitutionsformen.

„Denn erst seine materielle Organisation macht Wissen unabhängig von der begrenzten Aufnahmefähigkeit des Einzelnen und im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar. Indem es sich an begehbaren Orten manifestiert, kann es gar von mehreren Menschen geteilt werden, und die einsame Tätigkeit des Lesens wird zur sozialen Beschäftigung.“[12]

Der Kulturphilosoph Walter Benjamin spricht in diesem Zusammenhang nicht nur den Zauber des physischen Buches an, sondern auch eine bestimmte Art von Erinnerung: keine willentliche, sondern eine, die an Zufall, Erwerbungsgeschichten bestimmter Bücher, an das „dialektisch gespannte Dasein des Sammlers zwischen den Polen der Ordnung und der Unordnung“ gekoppelt ist. Die Bibliothek als „Gehäuse“, dessen „Baustein“ die Bücher sind. Als unbestreitbar darf jedoch die Koppelung von Erinnertem an Physisches gelten, unzweifelhaft speichert der Raum etwas in seiner Dimensionalität und seinem geheimen Potenzial, der den Blick leitet, fixiert, den Gedächtnisspeicher stimuliert und aktiviert.[13]

Auf etwas Weiteres sei hingewiesen: Die Bibliotheken haben längst begonnen zu lernen, dass sie sich nicht länger stumm in der Selbstverständlichkeit ihres Daseins einrichten können, sondern sich auf der kulturpolitischen Bühne artikulieren müssen. Wenn man bedenkt, dass die 10 000 deutschen Bibliotheken jährlich 200 Millionen Besuche verzeichnen – die Kinos bringen es auf 146, die Fußballstadien nur auf 17 Millionen –, dann ist sogar vorstellbar, dass diverse gesellschaftliche Probleme irgendwo zwischen Büchern einer Lösung zugeführt werden.

4 Der öffentliche Raum ist nicht nur durch Privatisierung bedroht, sondern auch durch ästhetische Überinstrumentierung

Man rufe sich das Sony-Center am Potsdamer Platz in Berlin vor Augen – oder ähnliche Orte, wie es sie inzwischen ja überall gibt. Malls und Einkaufsgalerien in privater Hand geben hinsichtlich Ausstattung, Materialien und Pflege einen Standard vor, dem man für den öffentlichen Raum zu folgen sucht. Was positiv klingt, birgt jedoch die Gefahr, dass indirekt der Funktionsverlust des verbleibenden öffentlichen Raums verstärkt wird. Denn dieser kann mit den privatisierten Bereichen – schon wegen seiner schieren Menge – nicht konkurrieren: Es sinkt das Interesse, sich in ihm aufzuhalten, er verliert als Kommunikationsraum an Bedeutung, wird schleichend hässlich und unattraktiv, verkommt zum Rückzugsort für ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen. Diese Entwicklungen schaukeln sich gegenseitig auf. Je unattraktiver der klassische Stadtraum wird, desto eher wird er gemieden, desto größer wird die Nachfrage nach geschützten geschlossenen oder inszeniert-öffentlichen Räumen.

Hier scheint der Blick auf den größeren Zusammenhang angebracht: Einer Stadt, die noch keine Marke ist, die noch kein ‚Branding‘ hat, fällt es schwer, ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Image und Ruf bekommen so einen bedeutenden Anteil an ihrer strategischen Konkurrenzfähigkeit. Das Stadtmarketing geht immer häufiger den Weg zur „Ereigniskultur“. In der breiten Palette dieser temporären Ereignisse hat die Inszenierung der öffentlichen Räume inzwischen einen festen Platz. So weit, so gut. Fatal jedoch ist eines: Im Bestreben, ihr Marken-Image zu verbessern, konzentrieren sich viele Städte mehr auf die Werte und Emotionen, die die Kunden und Bürger mit dem ‚Produkt‘ verbinden, als auf deren Qualität selbst. Da alle Orte mit ununterscheidbaren Massenprodukten überschwemmt werden, versuchen Städte, gleichsam sich selbst zu individualisieren – aber eben alle auf die (fast) gleiche Weise, in bewährten Schablonen. Hauptsache damit wird ein bestimmter Lifestyle befördert oder ein – wahlweise cooles, vorzugsweise behagliches – Image propagiert. Abgezielt wird auf ein Prestige, das durch Exklusivität entsteht.

Gibt es Analogien in der Welt der Bibliotheken?

In einer Folge der Comic-Serie „Die Simpsons“ empfiehlt die quicke Marge ihrem begriffsstutzigen Ehemann Homer, beider vereinsamte Eltern doch „in den Lesesaal einer Bibliothek zu bringen, wo sie Zeitschriften für ältere Menschen lesen“ könnten. Diese Szene verrät dreierlei. Zum einen, dass Bibliotheken unverändert als Ort der Information gelten. Dann, dass sie zwischenmenschlichen Kontakt ermöglichen. Und drittens, dass die Institution Bibliothek mit ‚Altsein‘ assoziiert werden kann. Letztere Assoziation ist freilich etwas irreführend: Während im öffentlichen Diskurs vom Untergang des Buches die Rede ist, als stünde er unmittelbar bevor, sind in den letzten zwei-drei Jahrzehnten mehr Bibliotheken gebaut worden als je zuvor.

Und das nicht ohne Grund: Es bedarf offenbar der Aura der Bibliothek als einer gebauten Ordnung des Wissens. Zugleich stellen sie, im bessere Fall, so etwas wie ein Community Center dar, einen Treffpunkt jenseits aller ökonomischen Zielrichtung als Gegenmodell zur Shopping Mall, der vielerorts die Aufgabe der Freizeitgestaltung übertragen worden ist. Tatsächlich geht es ja nicht nur um Information: Der Besuch einer Bibliothek ist mehr als ein zweckrationaler Vorgang. Er hat auch etwas mit gesellschaftlicher Teilhabe zu tun. Viele Beispiele zeigen, was um das Lesen herum inszeniert werden kann. Allerdings sind es vielleicht gar nicht die events, die spektakulären Ereignisse, auf die es ankommt, sondern manchmal einfach die menschliche, anregende, spannende Begegnung, der angenehme Aufenthalt, die Möglichkeit zum Rückzug, die Qualität des Angebots.

5 Die Dialektik von öffentlichem und privatem Raum geht über in eine Dialektik wechselhaft besetzter Orte

Der französische Ethnologe Marc Augé hat von einer Verwandlung von Orten in „Nicht-Orte“ gesprochen.[14] Nicht-Orte sind Räume, die den Verlust von Ortsqualitäten an und durch sich selbst zum Ausdruck bringen. Es sind Orte ohne Eigenschaften. Sie sind überall gleich – bzw. ihre Verschiedenheit ist nur mehr äußerlich. Man findet diese Nicht-Orte vorzugsweise in der Peripherie, an Autobahnabfahrten, Ausfallstraßen, Flughäfen, an Haltepunkten von Hochgeschwindigkeitsbahnen. Gerade an solche Orte hat sich beispielsweise die Techno-Szene gern begeben. Als Untergrundbewegung reklamierte sie eine eigene Öffentlichkeit. Sie spürte Niemandsländer auf, die semantisch unbelastet sind: Durchgangsräume, Brachen, Autobahnunterführungen, aufgelassene Industrieareale – Orte des Nichts. Offensichtlich gibt es neue Aneignungsformen, die nicht einen öffentlichen Ort besetzt, sondern ein Niemandsland in einen öffentlichen Ort verwandelt (und sei es temporär). Attraktiv sind solche Orte vermutlich, weil sie nichts und niemand repräsentieren, keine Macht und keinen Besitz. Generell muss man sehen: Unsere Gesellschaft splittet sich in unübersichtliche Teilöffentlichkeiten, die sich immer weniger über Politik, Diskurse, Bildung oder Soziales, dafür immer mehr über Bilder und Rituale, über Moden, Konsumverhalten, Lifestyles, Sport und Musik definieren. Aber auch diese Gruppen ‚brauchen‘ ihr Territorium. Sie suchen bestimmte Räume auf, artikulieren in ihnen ihre (wie auch immer geartete) Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, prägen sie mit ihrem Zeichen-, Symbol und Repräsentationssystem.

Nach wie vor gibt es viele gute Gründe, den öffentlichen Raum als Ort zu sehen, in dem etwa Heranwachsende sich spielerisch an gesellschaftliche Bedingungen herantasten, ihre eigene Wirkung testen und dabei Grenzen ausloten. Andererseits besagen diverse sozialwissenschaftliche Untersuchungen, dass es damit nicht weit her ist: Vielerorts fühlen sich Nutzer des öffentlichen Raums immer mehr durch Menschen und Dinge gestört, die eigentlich dort Platz haben müssten, wenn die Stadt als Ort der Differenz und Diversität gelten soll. In der Konsequenz bedeutet das: Die eigentliche Aufgabe des öffentlichen Raums liegt darin, die Verhaltensregulierung und die urbane Öffentlichkeit wieder miteinander zu verbinden.

Es gibt eine mittelbare Querverbindung zur Welt der Bibliotheken

Müsste nicht die Bibliothek der Zukunft ein Ort sein, der sich selbstbewusst von anderen unterscheidet, der darauf vertraut, dass die unmittelbare Begegnung mit dem gedruckten Buch – nicht nur, aber besonders – für Kinder gerade dadurch wieder ein Erlebnis wird, weil sonst schon so viel hinter dem allgegenwärtigen Display passiert? Schließlich stell die Bücherei ja eine Art Mikrokosmos dar: „Heute stehen die Konzepte der introvertierten und der extrovertierten Bibliothek gleichberechtigt nebeneinander. Neben den abschirmenden, Konzentration und Einkehr fördernden Typus ist das offene, transparente „Warenhaus der Datenvermittlung“ getreten. [...] [Es gibt] wohl keine menschliche Tätigkeit, die sich in der Bibliothek nicht ausüben ließe, vom Essen und Schlafen bis zum Küssen und Morden.“[15]

Angesichts der Zahl der Neuerscheinungen und lieferbaren Bücher und überhaupt in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt nimmt das Bedürfnis nach Orientierung und Beratung zu. Aber es gibt keine einfachen, für alle gültigen Antworten. Außerdem heißt es: 90 Prozent dessen, was in Büchern zu finden ist, seien Irrtümer, Umwege, Sackgassen, Hoffnungen und Meinungen. Und noch immer sei die Wissenschaft auf glückliches Finden angewiesen, das sich eher zufällig am Regal einstellt. Schon deshalb sind Bibliotheken bis auf Weiteres unverzichtbare Orte gesellschaftlicher Kommunikation. Manche haben sogar durchgehend geöffnet.

6 Eine monokausale Verbindung zwischen Öffentlichkeit und Gestaltung gibt es nicht

Im Begriff der Offenheit und Transparenz, wie ihn moderne Architekten verstanden, steckt ein Widerstreit zwischen Architektur als Realität und Architektur als Symbol. Offene Grundrisse und Raumgrenzen sind eine Sache – doch die Offenheit sozialer Strukturen ist etwas völlig anderes. Gleichwohl ist Gestaltung von zentraler Bedeutung. Auch wenn sie mitunter mit dem Vorwurf belegt wird, man rede der Ästhetisierung der Alltagswelt das Wort. Sie lenke ab von sozialen, ökonomischen, politischen, ökologischen und anderen Problemen und verschleiere und verstärke kritikwürdige Strukturen. Das ist barer Unsinn.

Zudem muss an dieser Stelle auf einen weiteren zentralen Aspekt hingewiesen werden: Erst die Erinnerungen an entsprechende Handlungserfahrungen, an Geschichte des gelebten Raums, die sich assoziativ und situativ im Symbol mit dem konkreten Realraum verschmelzen müssen, befördern eine städtische Gemeinsamkeit im öffentlichen Raum. Was das heißt, veranschaulicht der Soziologe Alfred Lorenzer am Beispiel eines städtischen Cafés: „Jeder Cafétier weiß, wie er sein Café einrichten muß, um das Publikum anzuziehen, das er anzuziehen wünscht. Er wird den Ort so gestalten, daß sich ein bestimmtes Publikum wohlfühlt. [...] Die Gemeinsamkeit, die hier Kommunikation herstellt, ist im Ort vorkonstruiert. Und das heißt: dieses Publikum, das sich hier um ein Gemeinsames gebildet hat, fühlt sich wohl, weil es an diesem Ort sich darstellen kann – und schon in der baulichen Gestalt diese Darstellung vorfindet.“[16] Freilich ist das alles andere als ein Patentrezept, zumal wenn das intendierte Publikum ausbleibt.

Die den urbanistischen Diskurs derzeit dominierenden Leitbilder – die „Europäische Stadt“, die „Stadt der kurzen Wege“ oder auch die „soziale Stadt“ – sind zunächst einmal idealistisch-normative Setzungen, die in der Regel aus theoretischen Überlegungen der Planer resultieren und nicht unbedingt mit dem praktischen Alltagsverhalten der Menschen übereinstimmen. Deren Medium ist der Plan oder die Karte – womit das Problem bereits Kontur gewinnt:

„Ähnlich wie die Sprache, abstrahiert damit auch die Karte vom realen Stadtraum, und zwar, indem sie ihn von dem darin befindlichen Leben bereinigt: Straßen ohne Autos, Plätze ohne Menschen und Fußgängerzonen ohne Fußgänger. Stadtraum ohne Geräusche, Gerüche, Anmutungsqualitäten, Stadtraum objektiv und abstrakt, generalisierbar und allgemein verbindlich, kanonisiert.“[17]

Es mag durchaus sein, dass der Verlust an sinnlich-ästhetischen Raumqualitäten von vielen Menschen als Mangel empfunden wird. Dieses Defizit lässt eine Nachfrage und damit einen entsprechenden Markt entstehen. Beliefert wird er von einer neuartigen Orte-Industrie, die von dem Bedürfnis nach urbanen Atmosphären profitiert. Haben wir es mit einem Paradox zu tun? Mit dem Faktum der Enteignung des öffentlichen Raums in Gestalt seiner Reinszenierung?

Dies sei dahingestellt. Doch grundsätzlich gilt: Man kann nicht nicht gestalten. Wohl aber ignorieren, welche Auswirkungen Gestaltung auf die Lebensweisen von Menschen haben kann. Stadtgestaltung ist mehr und grundsätzlich anderes als das Spielen mit Räumen, Licht und Farbe. Denn sie ist immer auch konkreter Eingriff in die Alltagswelt. Wenn der öffentliche Raum, wenn insbesondere Plätze nur noch als „gute Stube“ der Stadt betrachtet und entsprechend möbliert und herausgeputzt werden, dann läuft das den eigentlichen Zwecken zuwider. Und wenn postuliert wird, Öffentlichkeit baulich-räumlich zu gestalten, ist Vorsicht geboten: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass plakative Versprechen von Öffentlichkeit einen Ort zur touristischen Sonntagsöffentlichkeit verurteilen.

Eine Parallele: die emotionale und symbolische Seite der Bibliotheken

Prima vista sind nur wenige Bauwerke so anachronistisch wie Bibliotheken im 21. Jahrhundert. Bisweilen wird versucht, die Kluft zwischen der Welt 2.0 und den Druckwerken durch ausgeklügelte Funktionsabläufe zu überwinden. Die Bibliothek wird zum Automaten, auf dessen unsichtbaren Inhalt über einen Rechner zugegriffen wird. Dadurch verschwinden die Bibliotheken als Sehnsuchtsorte, wie sie etwa in den Romanen von Umberto Eco, Robert Musil oder Haruki Murakami zu finden sind: geheimnisvolle Räume, beladen mit Erinnerung und Geschichte; Irrgärten, die jene belohnen, die sich in ihnen verlieren. Natürlich macht das Internet heute vieles bequemer, schneller, einfacher. Aber eben auch unsinnlicher, unkonzentrierter, unübersichtlicher. Die Bibliothek bietet dagegen einen abgegrenzten Wissensraum. Man kann ihn bespielen, öffnen, divers machen. Ihre eigentümliche Anziehung wird sie aber dann behaupten, wenn sie neben aller Öffnung, allem lauten Gespräch auch ihr Geheimnis bewahrt: Der zufällige Griff ins Bücherregal, der alles für immer verändern könnte.

Dass Bibliotheken auch heute noch echte Versprechungen sein können, hat der spanische Architekt Martin Lejarraga gezeigt, indem er eine wunderbare Bücherei mit Lesepark in Torre Pacheco gebaut hat. Dafür hat er den ‚Urban Intervention Award‘ 2010 gewonnen.[18] Ein anderes, aktuelles und vielzitiertes Beispiel stellt die Oodi-Bibliothek in Helsinki dar. Sie sei „ein Gebäude, das das Bedürfnis nach Geborgenheit, Zusammensein und Weltläufigkeit verbindet. Es ist Architektur für Menschen und macht unübersehbar seine Nutzer glücklich“.[19] Grundsätzlich gilt: Die Bibliothek, zumeist ein öffentlicher Bau, steht zwangsläufig für Werte, die eine Gesellschaft mit Wissen und Bildung, kulturellem Gedächtnis und dem Fluss von Information verbindet.

Soweit die Thesen. Es mag sein, dass damit noch kein belastbarer Kausalzusammenhang zwischen öffentlichem Raum und öffentlichen Bibliotheken herstellbar ist. Doch dies leistet ein Beispiel, das abschließend vorgestellt werden soll.

Eine Synthese beider Sphären: Die Bürgerbibliothek ‚Salbker Lesezeichen‘

Das Lesezeichen Salbke ist ein öffentliches Bauwerk in einem Stadtteil von Magdeburg. Nüchtern betrachtet stellt es eine Kombination aus Bücherschrank, Veranstaltungsbühne und Lärmschutzwand dar. Emphatisch gesehen ist es eine gelungene (künstlerische) Intervention in den öffentlichen Raum (karo Architekten, Leipzig). Und gesellschaftlich ist es eben das: ein wahrhaft öffentlicher Ort, der sich größter Beliebtheit im Quartier erfreut. Es gibt diverse frei zugängliche Vitrinen. Sie sind mit Büchern gefüllt, die jeder nach Belieben herausnehmen und lesen kann. Die Bücher sollen von den Nutzern dann später zurückgebracht oder durch andere Bücher ersetzt werden. Zugleich befindet sich eine überdachte Bühne auf dieser westlichen Seite. Zur Vorgeschichte: Aus dem Standort einer früheren Bücherei ist in der Nachwendezeit eine ungepflegte Brachfläche geworden; ein örtlicher Bürgerverein hat zunächst eine Freiluftbibliothek eingerichtet: d. h. aus Bierkästen wurde für zwei Tage ein temporäres, mit Büchern bestücktes Bauwerk geschaffen. Das hat soviel lokalen Zuspruch erfahren, dass dann das Gebäude verwirklicht werden konnte.[20] Das Lesezeichen Salbke darf man als Symbol für die Gestaltung und Bewältigung des Strukturwandels lesen; und es gewann nicht nur den ‚European Prize for Urban Public Space 2010‘,[21] sondern auch noch den ‚Brit Insurance Award 2011‘,[22] womit es über die Landesgrenzen hinaus für Schlagzeilen gesorgt hat.

Zum Schluss der Versuch einer kleinen Verallgemeinerung: Wir Menschen sind in unserem Verhältnis zu den neuen Medientechnologien unvermeidlich so etwas wie deren ‚Servomechanismus‘. Das heißt, um uns ihrer zu bedienen, müssen wir ihnen dienen. Jede Technologie prägt die Situation derer, die sie anwenden oder nutzen, in beträchtlichem Ausmaß. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem Raum. Sir Winston Churchill hat das folgendermaßen ausgedrückt: „Wir entwerfen zwar unsere Häuser, aber später prägen sie uns.“[23] Mit anderen Worten: Es wäre naiv zu glauben, dass öffentlicher Raum und Öffentliche Bibliotheken bald nicht mehr in enger Wechselwirkung mit uns stehen.

Literaturverzeichnis

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Online erschienen: 2021-04-14
Erschienen im Druck: 2021-04-26

© 2021 Robert Kaltenbrunner, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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