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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter July 2, 2021

Evidence-based Human and Social Sciences: Forschungsunterstützung durch systematische Literaturrecherche in den Human- und Sozialwissenschaften

Evidence-based Human and Social Sciences: Research Support through Systematic Literature Research in the Human and Social Sciences
Andreas Ledl

Zusammenfassung

Dieser Artikel möchte für die wachsende Bedeutung von systematischen Übersichtsarbeiten in den Human- und Sozialwissenschaften und die diversen Möglichkeiten der Unterstützung solcher Studien von bibliothekarischer Seite sensibilisieren. Er schildert die Entwicklung systematischer Übersichtsarbeiten in den letzten zehn Jahren, analysiert, welche Rollen dabei Fachreferent*innen bzw. Information Specialists zufallen können und gibt Empfehlungen, welchen konkreten Beitrag die Berufsgruppe der wissenschaftlichen Bibliothekar*innen für solche Forschungsprojekte leisten kann.

Abstract

This article aims to raise awareness of the growing importance of systematic reviews in the human and social sciences and the various ways in which libraries can support such studies. It describes the development of Systematic Reviews over the last ten years, analyses which roles can be played by subject librarians and information specialists and gives recommendations on the concrete contribution that the professional group of academic librarians can make to such research projects.

1 Einleitung

Forschungsunterstützung (research support) ist eines der neuen Buzzwords im wissenschaftlichen Bibliothekswesen. Darunter werden Dienstleistungen zu Themen wie Wissenschaftskommunikation, Open Access, Open Science, Bibliometrie, Informations- und Forschungskompetenz, Forschungsdatenmanagement, wissenschaftliche Integrität, Multimedia, wissenschaftliche Kooperation und nicht zuletzt auch Systematic Reviews subsumiert.[1] 2009 prognostizierten Petra Hätscher und Steffen Wawra, in zehn Jahren werde „aktive Forschungsunterstützung [...] Routine sein“.[2] Nach Ablauf der angesetzten Dekade kann man konstatieren, dass sich diese These in vielen Bereichen bewahrheitet hat. Institutionelle Repositorien gehören an Universitätsbibliotheken mittlerweile ebenso zur Standardausstattung wie Angebote zum Forschungsdatenmanagement. Ganz zu schweigen von der im Hype-Cycle auf dem produktiven Plateau angekommenen Vermittlung von Informationskompetenz, deren innovativer Stern langsam verblasst – heute ist Digital Literacy angesagt. Hinsichtlich synthetisierender Forschungsmethoden stellt sich die Lage allerdings weit weniger selbstverständlich dar, jedenfalls wenn man von der (Bio-)Medizin und den Gesundheitswissenschaften absieht. Dort wurde z. B. die Dienstleistung „Systematische Literaturrecherche“ der Bibliothek der Medizinischen Fakultät Mannheim schon 2013 als Leuchtturmprojekt beschrieben, da man „seit einigen Jahren einen erhöhten Bedarf an umfassender Beratung zu komplexen Literaturrecherchen“[3] feststellte. Dieser Bedarf ist mittlerweile auch in den Human- und Sozialwissenschaften spürbar angekommen. Allerdings fällt die Reaktion der wissenschaftlichen Bibliotheken darauf deutlich zaghafter aus als in der evidenzbasierten Medizin (EBM), wo sich inzwischen ganze Teams von „Information Specialists“ um nichts anderes mehr kümmern und aufgrund der steigenden Anforderungen sogar fachspezifische, zertifizierte Aus- und Weiterbildungskurse für das Bibliothekspersonal gefordert werden.[4]

2 Evidence-based Human and Social Sciences (EBHSS)

Ein Indiz für die wachsende Bedeutung von Systematic Reviews[5] in den Human- und Sozialwissenschaften[6] und damit auch die Notwendigkeit von Forschungsunterstützung in den entsprechenden Fächern ist der 2019 an der Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaften der KU Leuven (Belgien) veranstaltete, dreitägige, internationale Workshop „Systematic Reviews of Quantitative and/or Qualitative Evidence“.[7] Bezeichnenderweise wurde er von der „Methodology of Educational Sciences Research Group“ sowie der „Social Research Methodology Group“ in Verbindung mit der „Cochrane Qualitative Research and Implementation Methods Group“ organisiert. Einerseits zeigt sich dadurch, dass systematische Übersichtsarbeiten längst „keine exklusive Methode der EBM mehr“ sind, andererseits – durch die Beteiligung von Cochrane –, dass „das Thema jedoch nach wie vor vom Paradigma der EBM“[8] dominiert wird.

Systematische Übersichtsarbeiten, von denen es neben den bekannteren Systematic Reviews und Meta-Analysen noch viele weitere Typen[9] gibt, unterscheiden sich vom klassischen Literature oder Narrative Review durch ihr transparentes und reproduzierbares methodisches Vorgehen, das u. a. beabsichtigt, möglichst alle relevanten Evidenzen zu einer Fragestellung zu finden und in die Analyse und Beantwortung einzubeziehen. Dieser Anspruch auf Vollständigkeit bei der Identifikation von Primärstudien erfordert vielfältige Suchinstrumente und komplexe Suchstrategien.

Auch das Publikationsaufkommen von Studien des Typs Systematic Review stieg in den letzten zehn Jahren kontinuierlich an, weil es angesichts des immensen Forschungsoutputs immer schwieriger wurde, den Überblick zu behalten oder verlässliche Aussagen zu treffen. Die Formel lautet also, dass sich mit der „Zunahme an empirischen Studien [...] auch der Bedarf an [...] Meta-Analysen“[10] erhöht. Das Deutsche Internationale Institut für Pädagogische Forschung (DIPF) kann exemplarisch für den aktuellen Trend in den Human- und Sozialwissenschaften stehen, Akteuren in herausgehobenen Positionen (hier im Bildungswesen) evidenzbasierte Entscheidungshilfen zur Verfügung zu stellen:

„Um Verantwortlichen in Bildungspolitik, -administration und -praxis Entscheidungen auf der Grundlage von empirisch erarbeitetem Wissen zu ermöglichen, bereitet das DIPF die Vielfalt der vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse für die verschiedenen Entscheidungsträger in Form von Systematic Reviews (systematische Übersichtsarbeiten) anwendungsorientiert auf. Sie zeichnen sich durch hohe Aussagekraft, wissenschaftliche Qualität und Steuerungsrelevanz aus. Entscheidend für ihre Qualität ist, dass alle relevanten Forschungsergebnisse einbezogen, bewertet und wissenschaftlich fundiert strukturiert werden, bevor sie in die Bilanz einfließen.“[11]

Der wachsende Bedarf an Evidence-based Human and Social Sciences, welche die Wirksamkeit von Interventionen durch die besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse absichern, Theorien empirisch überprüfen oder Forschungsdesiderate zu Tage fördern sollen, ist auch anhand von Recherchen in für die einzelnen Disziplinen

Tab. 1

Dokumentation der in den Datenbanken angewandten Suchabfragen

DatenbankSuchstring[12]
HumanwissenschaftenAPA PsycINFO (Psychologie)

[Ovid, Advanced Search]
(“systematic review” or “meta analy*” or “scoping review” or “rapid review” or “meta ethnograph*” or “systematic search” or “systematized review” or “mixed studies review” or “mixed methods review” or “mapping review” or “systematic map” or “evidence synthesis” or “integrative review”).ti. or (“0830” or “1200” or “1300”).md. or (“Systematic Review” or “Meta-Analysis”).mh.
ERIC (Erziehungswissenschaft)

[Ovid, Advanced Search]
(“systematic review” or “meta analy*” or “scoping review” or “rapid review” or “meta ethnograph*” or “systematic search” or “systematized review” or “mixed studies review” or “mixed methods review” or “mapping review” or “systematic map” or “evidence synthesis” or “integrative review“).ti.
SPORTDiscus (Sportwissenschaft)

[EBSCOHost, Advanced Search]
TI(“systematic review” OR “meta analy*” OR “scoping review” OR “rapid review” OR “meta ethnograph*” OR “systematic search” OR “systematized review” OR “mixed studies review” OR “mixed methods review” OR “mapping review” OR “systematic map” OR “evidence synthesis” OR “meta synthe*” OR “integrative review“) OR ZU(“systematic reviews (medical research) ” OR “meta-analysis” OR “meta-synthesis“)
SozialwissenschaftenCommunication & Mass Media Complete (Kommunikations- und Medienwissenschaft)

[EBSCOHost, Advanced Search]
TI(“systematic review” OR “meta analy*” OR “scoping review” OR “rapid review” OR “meta ethnograph*” OR “systematic search” OR “systematized review” OR “mixed studies review” OR “mixed methods review” OR “mapping review” OR “systematic map” OR “evidence synthesis” OR “meta synthe*” OR “integrative review”) OR ZU (“systematic reviews (medical research)” OR “meta-analysis” OR “meta-synthesis”)
Political Science Complete (Politikwissenschaft)

[EBSCOHost, Advanced Search]
TI(“systematic review” OR “meta analy*” OR “scoping review” OR “rapid review” OR “meta ethnograph*” OR “systematic search” OR “systematized review” OR “mixed studies review” OR “mixed methods review” OR “mapping review” OR “systematic map” OR “evidence synthesis” OR “meta synthe*” OR “integrative review”) OR ZU(“systematic reviews (medical research)” OR “meta-analysis meta-synthesis”) OR DE(“META-analysis”)
SocINDEX (Soziologie)

[EBSCOHost, Advanced Search]
TI(“systematic review” OR “meta analy*” OR “scoping review” OR “rapid review” OR “meta ethnograph*” OR “systematic search” OR “systematized review” OR “mixed studies review” OR “mixed methods review” OR “mapping review” OR “systematic map” OR “evidence synthesis” OR “meta synthe*” OR “integrative review”) OR ZU(“systematic reviews (medical research)” OR “meta-analysis” OR meta-synthesis)
Social Sciences Citation Index (SSCI)

[Web of Science Core Collection, Title]
((“systematic review” OR “meta analy*” OR “scoping review” OR “rapid review” OR “meta ethnograph*” OR “systematic search” OR “systematized review” OR “mixed studies review” OR “mixed methods review” OR “mapping review” OR “systematic map” OR “evidence synthesis” OR “meta synthe*” OR “integrative review”))
MedizinMEDLINE ALL (Medizin)

[Ovid, Advanced Search]
(“systematic review” or “meta analy*” or “scoping review” or “rapid review” or “meta ethnograph*” or “systematic search” or “systematized review” or “mixed studies review” or “mixed methods review” or “mapping review” or “systematic map” or “evidence synthesis” or “meta synthe*” or “integrative review”).ti. or (“Systematic Review” or “Meta-Analysis”).sh. or (“systematic review” or “meta analysis”).pt.

repräsentativen, bibliografischen Fachdatenbanken ablesbar. Für den Untersuchungszeitraum 2009–2019 wurden am 24. November 2020 die in Tab. 1 aufgeführten Datenbanken durchsucht.

Vergleicht man punktuell die Werte von 2009 und 2019, haben systematische Übersichtsarbeiten in der Kommunikations- und Medienwissenschaft um den Faktor 1.68, in der Erziehungswissenschaft um den Faktor 2.51, in der Soziologie um den Faktor 2.74, in der Politikwissenschaft um den Faktor 3.38, in der Psychologie um den Faktor 3.56 und in der Sportwissenschaft um den Faktor 4.04 zugenommen. In absoluten Zahlen bedeutet das einen Anstieg von 77 auf 129 Publikationen in der Kommunikations- und Medienwissenschaft, von 163 auf 409 Publikationen in der Erziehungswissenschaft, von 258 auf 708 Publikationen in der Soziologie, von 29 auf 98 Publikationen in der Politikwissenschaft, von 1 614 auf 5 752 Publikationen in der Psychologie und von 390 auf 1 576 Publikationen in der Sportwissenschaft (vgl. Abb. 1). Zu beachten ist, dass die Psychologie 2009 bereits deutlich mehr systematische Übersichtsarbeiten aufweist als alle anderen Fächer zusammen und auch in der Sportwissenschaft der Sockel an Publikationen dieser Art höher ist als in den übrigen Fächern. Beide haben – das dürfte wohl die Erklärung sein – jedenfalls in Teilen Berührungspunkte mit der Medizin, die wie zu erwarten mit einem Faktor von 4.99 bzw. einer Output-Steigerung von 6 505 Studien 2009 auf 32 441 Studien 2019 den rasantesten Zuwachs erlebte. Führt man die gleiche Suche allerdings im Social Sciences Citation Index (SSCI) von Web of Science durch, ergibt sich mit einem Sprung von 1 330 Studien 2009 auf 10 101 Studien 2019 relativ sogar ein höherer Zuwachs-Faktor von 7.59 (vgl. Abb. 2).

Abb. 1 Systematische Übersichtsarbeiten pro Jahr nach Disziplin und Fachdatenbank (2009–2019)

Abb. 1

Systematische Übersichtsarbeiten pro Jahr nach Disziplin und Fachdatenbank (2009–2019)

Abb. 2 Systematische Übersichtsarbeiten pro Jahr in MEDLINE und dem SSCI (2009–2019)

Abb. 2

Systematische Übersichtsarbeiten pro Jahr in MEDLINE und dem SSCI (2009–2019)

Auch wenn man die Anzahl an systematisierenden Publikationen jeweils ins Verhältnis zur Gesamtzahl an Publikationen setzt, lässt sich in allen stellvertretend durch einzelne Datenbanken untersuchten Disziplinen eine zunehmende Relevanz nachweisen (vgl. Tab. 2). In der Medizin beträgt der Anteil systematischer Übersichtsarbeiten im Vergleich zur in MEDLINE indexierten Jahresproduktion 2019 2.62 %, ausgehend von 0.83 % 2009. Insgesamt ist der Output von 2009 (785 446) bis 2019 (1 240 018) kontinuierlich um den Faktor 1.58 angewachsen, während systematisierende Publikationsformate um den Faktor 4.99 zugenommen haben. In den human- und sozialwissenschaftlichen Datenbanken ist, mit Ausnahme des SSCI, die Gesamtzahl der Publikationen von 2009 bis 2019 jedoch stabil geblieben oder sogar gesunken. Dieser Trend zeigt sich besonders in der Psychologie, wo Systematic Reviews 2019 3.62 % aller in PsycINFO nachgewiesenen Dokumente ausmachten, deutlich mehr als in MEDLINE. Gemessen an dem Aufwand, den die evidenzbasierte Medizin für den Aufbau bibliothekarischer Infrastruktur rund um Systematic Reviews seit Jahren betreibt, besteht in der Psychologie wohl der akuteste Handlungsbedarf. Auch im SSCI liegt der Anteil der systematischen Übersichtsarbeiten 2019 mit 2.44 % im Bereich von MEDLINE, gefolgt von SPORTDiscus (2.00 %), SocINDEX (1.15 %), ERIC (1.08 %), Communication & Mass Media Complete (0.60 %) und Political Science Complete (0.22 %). In jeder der herangezogenen Datenbanken wächst die Zahl systematischer Übersichtsarbeiten stärker (+) als die Gesamtzahl der Publikationen, welche fast überall rückläufig ist (-). In PsycINFO beträgt das Verhältnis 3.56 (+) zu 0.97 (-), in SPORTDiscus 4.04 (+) zu 0.72 (-), in SocINDEX 2.74 (+) zu 0.89 (-), in ERIC 2.51 (+) zu 0.89 (-), in Communication & Mass Media Complete 1.68 (+) zu 0.67 (-), in Political Science Complete 3.38 (+) zu 0.66 (-), im SSCI 7.59 (+) zu 1.47 (+).

Tab. 2:

Anteil in Prozent (AT) der Systematischen Übersichtsarbeiten (SÜ) an der Gesamtzahl (GZ) der pro Jahr in den Datenbanken nachgewiesenen Publikationen

200920102011201220132014
PsycINFOGZ: 163500

SÜ: 1614

AT: 0.99 %
GZ: 166892

SÜ: 1922

AT: 1.15 %
GZ: 175643

SÜ: 2377

AT: 1.35 %
GZ: 185349

SÜ: 2630

AT: 1.42 %
GZ: 191828

SÜ: 3110

AT: 1.62 %
GZ: 195924

SÜ: 3582

AT: 1.83 %
Comm. & Mass Media CompleteGZ: 31764

SÜ: 77

AT: 0.24 %
GZ: 28778

SÜ: 86

AT: 0.30 %
GZ: 28445

SÜ: 71

AT: 0.25 %
GZ: 27378

SÜ: 66

AT: 0.24 %
GZ: 25870

SÜ: 70

AT: 0.27 %
GZ: 25686

SÜ: 80

AT: 0.31 %
ERICGZ: 42598

SÜ: 163

AT: 0.38 %
GZ: 45932

SÜ: 189

AT: 0.41 %
GZ: 46230

SÜ: 239

AT: 0.52 %
GZ: 50551

SÜ: 232

AT: 0.46 %
GZ: 42749

SÜ: 204

AT: 0.48 %
GZ: 34304

SÜ: 171

AT: 0.50 %
MEDLINEGZ: 785446

SÜ: 6505

AT: 0.83 %
GZ: 824219

SÜ: 7701

AT: 0.93 %
GZ: 877146

SÜ: 9326

AT: 1.06 %
GZ: 942666

SÜ: 12037

AT: 1.28 %
GZ: 997060

SÜ: 14752

AT: 1.48 %
GZ: 1044560

SÜ: 17594

AT: 1.68 %
Political Science CompleteGZ: 66801

SÜ: 29

AT: 0.04 %
GZ: 62357

SÜ: 23

AT: 0.04 %
GZ: 58408

SÜ: 25

AT: 0.04 %
GZ: 55009

SÜ: 45

AT: 0.08 %
GZ: 51330

SÜ: 37

AT: 0.07 %
GZ: 51843

SÜ: 47

AT: 0.09 %
SocINDEXGZ: 69218

SÜ: 258

AT: 0.37 %
GZ: 67689

SÜ: 270

AT: 0.40 %
GZ: 66017

SÜ: 329

AT: 0.50 %
GZ: 62614

SÜ: 403

AT: 0.64 %
GZ: 65891

SÜ: 516

AT: 0.78 %
GZ: 65659

SÜ: 506

AT: 0.77 %
SPORTDiscusGZ: 118235

SÜ: 390

AT: 0.33 %
GZ: 113411

SÜ: 444

AT: 0.39 %
GZ: 114039

SÜ: 561

AT: 0.49 %
GZ: 112102

SÜ: 761

AT: 0.68 %
GZ: 108813

SÜ: 856

AT: 0.79 %
GZ: 109367

SÜ: 1104

AT: 1.01 %
SSCIGZ: 226730

SÜ: 1330

AT: 0.59 %
GZ: 244366

SÜ: 1636

AT: 0.67 %
GZ: 256152

SÜ: 2018

AT: 0.79 %
GZ: 272677

SÜ: 2496

AT: 0.92 %
GZ: 277623

SÜ: 2974

AT: 1.07 %
GZ: 281209

SÜ: 3671

AT: 1.31 %
20152016201720182019
PsycINFOGZ: 201451

SÜ: 4133

AT: 2.05 %
GZ: 191202

SÜ: 4540

AT: 2.37 %
GZ: 174977

SÜ: 4659

AT: 2.66 %
GZ: 192619

SÜ: 5813

AT: 3.02 %
GZ: 158740

SÜ: 5752

AT: 3.62 %
Comm. & Mass Media CompleteGZ: 24098

SÜ: 101

AT: 0.42 %
GZ: 24530

SÜ: 105

AT: 0.43 %
GZ: 24910

SÜ: 115

AT: 0.46 %
GZ: 25017

SÜ: 143

AT: 0.57 %
GZ: 21347

SÜ: 129

AT: 0.60 %
ERICGZ: 35666

SÜ: 200

AT: 0.56 %
GZ: 40999

SÜ: 235

AT: 0.57 %
GZ: 42793

SÜ: 307

AT: 0.72 %
GZ: 42538

SÜ: 395

AT: 0.93 %
GZ: 37730

SÜ: 409

AT: 1.08 %
MEDLINEGZ: 1089728

SÜ: 20382

AT: 1.87 %
GZ: 1115001

SÜ: 22232

AT: 1.99 %
GZ: 1125598

SÜ: 24587

AT: 2.18 %
GZ: 1166765

SÜ: 27281

AT: 2.34 %
GZ: 1240018

SÜ: 32441

AT: 2.62 %
Political Science CompleteGZ: 50684

SÜ: 57

AT: 0.11 %
GZ: 50707

SÜ: 45

AT: 0.09 %
GZ: 48029

SÜ: 68

AT: 0.14 %
GZ: 45632

SÜ: 54

AT: 0.12 %
GZ: 43775

SÜ: 98

AT: 0.22 %
SocINDEXGZ: 63586

SÜ: 589

AT: 0.93 %
GZ: 58922

SÜ: 520

AT: 0.88 %
GZ: 58010

SÜ: 578

AT: 1.00 %
GZ: 59307

SÜ: 622

AT: 1.05 %
GZ: 61621

SÜ: 708

AT: 1.15 %
SPORTDiscusGZ: 103396

SÜ: 1154

AT: 1.12 %
GZ: 97739

SÜ: 1225

AT: 1.25 %
GZ: 90591

SÜ: 1307

AT: 1.44 %
GZ: 86940

SÜ: 1399

AT: 1.61 %
GZ: 78629

SÜ: 1576

AT: 2.00 %
SSCIGZ: 294832

SÜ: 4247

AT: 1.44 %
GZ: 323442

SÜ: 5331

AT: 1.65 %
GZ: 338131

SÜ: 6649

AT: 1.97 %
GZ: 362337

SÜ: 8055

AT: 2.22 %
GZ: 414449

SÜ: 10101

AT: 2.44 %

Systematische Übersichtsarbeiten als Forschungsmethode in den Human- und Sozialwissenschaften sind also „state-of-the-art“[13] und bedürfen der Unterstützung durch bibliothekarische Dienstleistungen. Von Strukturen des Research Supports, wie sie in der evidenzbasierten Medizin vorherrschen, sind die betroffenen Disziplinen aber noch ein gutes Stück entfernt.

3 Welche Rolle kommt wissenschaftlichen Bibliothekar*innen bei der Unterstützung von systematischen Übersichtsarbeiten zu?

Systematic Reviews und verwandte Methoden bieten wissenschaftlichen Bibliothekar*innen eine einmalige Gelegenheit, ihre Expertise in Forschungsgruppen einzubringen. Noch dazu müssen Bibliothekar*innen dafür gar nicht mehr zwingend proaktiv an die Forschenden herantreten, denn die fragen die Dienstleistung mittlerweile ihrerseits verstärkt bei den Bibliotheken nach.[14] Bereits etablierte Beziehungen zu den Instituten/Fakultäten im Sinne des Liaison- bzw. Embedded-Librarian-Konzepts erleichtern selbstverständlich die Kontaktaufnahme. Im sozialwissenschaftlichen Standardwerk zu Forschungssynthese und Meta-Analysen findet sich z. B. die explizite Aufforderung, die Suchstrategie vorab mit einem*einer wissenschaftlichen Bibliothekar*in zu diskutieren, vor allem bezüglich Tipps zu möglichen Rechercheinstrumenten.[15] Die strategische Ausgangssituation könnte besser nicht sein, denn es gibt einen tatsächlichen Bedarf, ja es gehört in diesem methodischen Genre zur guten wissenschaftlichen Praxis, mit Bibliothekar*innen zusammenzuarbeiten. Eventuell fällt eine systematische Übersichtsarbeit im Peer-Review-Verfahren eines Journals sogar durch, weil kein*e Bibliothekar*in einbezogen wurde. Vermehrt werden Systematic Reviews auch als Masterarbeiten durchgeführt[16] und die Betreuungspersonen vermitteln ihre Studierenden zur Entwicklung oder Besprechung der Suchstrategie an Bibliothekar*innen.

Für human- und sozialwissenschaftliche Bibliotheken ist es deswegen an der Zeit, einen Teil ihrer Mitarbeitenden zu Information Specialists weiterzubilden oder Personen anzustellen, welche die benötigten Kompetenzen mitbringen. Das jeweilige Vorgehen wird stark von der Einschätzung abhängen, ob es sich bei dem*der Informationsspezialist*in um ein neues Berufsbild „mit eigenen Ausbildungs- und Studiengängen“[17], oder eher eine Entwicklungstendenz z. B. innerhalb des Fachreferats handelt. Aufgrund des Tätigkeitsprofils – „Informationsspezialisten sammeln, speichern, organisieren, archivieren, suchen und verteilen gedruckte und digitale Informationen“, einschließlich der kooperativen „Durchführung von wissenschaftlichen Recherchen“[18] – soll hier die These vertreten werden, dass Fachreferent*innen potenziell exzellente Qualifikationen mitbringen, um sich in Richtung Information Specialists zu bewegen, nicht zuletzt weil sie schon heute die Schnittstelle zwischen Forschung und Bibliothek bilden. Die Transformation von dem*der „klassischen“ Fachreferent*in zum Informationsspezialisten mit dem Schwerpunkt forschungsbezogener Services wurde in den Niederlanden schon vor längerer Zeit vollzogen. Besonderer Wert wurde u. a. darauf gelegt, dass „Kenntnisse der Forschungsprozesse und Kontakte zu den Fachbereichen bereits vorliegen“.[19] Ob dies unbedingt zur Folge haben muss, künftig nur noch Absolvent*innen der eigenen Hochschule einzustellen, sei dahingestellt. Fest steht aber, dass sich der Wandlungsprozess hin zur Forschungsunterstützung nahtlos in die anhaltenden Entwicklungen „von der Bestands- zur Benutzerorientierung“[20] bzw. „from collections to connections“[21] einfügt. Für die Umsetzung der forschungsunterstützenden Maßnahmen kann eine Organisation in Teil- oder Bereichsbibliotheken hilfreich sein, wo sich Fachreferent*innen und Information Specialists als Team betrachten, dessen eine Hälfte erwirbt, erschließt und vermittelt, während die andere sich verstärkt um die wissenschaftlichen Dienstleistungen kümmert. Praktiziert wird das beispielsweise an der Bibliothek Medizin[22] und der für die human- und sozialwissenschaftlichen Fächer zuständigen Bibliothek von Roll (BvR)[23] der Universitätsbibliothek Bern. Dass sich die Bezeichnung „Informationsspezialist*in“ mit dem beschriebenen, neuen Profil dabei über die Medizin hinaus im deutschsprachigen Bibliothekswesen wohl nicht durchsetzen wird, liegt u. a. daran, dass z. B. in der Schweiz schon ein Studienabschluss bzw. Beruf gleichen Namens, jedoch mit anderen Voraussetzungen, existiert.[24]

Neben der unmittelbaren Beteiligung in Forschungsgruppen können wissenschaftliche Bibliothekar*innen ihr Knowhow auch mittels Schulungen oder Workshops auf Master-Stufe, in Graduate Schools oder Transferable-Skills-Programme einbringen. Vielerorts gibt es bereits Kurse zum Thema Systematic Reviews bzw. Meta-Analysen, doch diese nehmen hauptsächlich die Frage der Synthetisierung von heterogenen Daten in den Blick. Bezüglich der systematischen Literaturrecherche bleibt es häufig bei dem Hinweis, eine*n Informationsspezialist*in zu konsultieren. Durch Kooperationen mit Lehrenden aus Instituten oder Fakultäten können wissenschaftliche Bibliothekar*innen diesen fehlenden Baustein ergänzen, wie es z. B. in dem zweitätigen Workshop „How to conduct a systematic review in psychology“[25] an der Fakultät für Psychologie der Universität Basel der Fall ist, der von einem PostDoc der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie und dem Fachreferat Psychologie gemeinsam unterrichtet wird. Auch eine Zusammenarbeit mit Medizinbibliotheken kann lohnend sein, um interdisziplinäre Angebote aufzubauen, wie z. B. die Veranstaltung „Systematic searching methods for your publication: a researcher’s course“,[26] welche von einer Informationsspezialistin aus der Medizin und dem Fachreferenten für Psychologie an der Universität Bern durchgeführt wird und sich gleichermaßen an (Post)Docs aus der Biomedizin und den Human- und Sozialwissenschaften richtet.

Interessanterweise hat sich das Phänomen, was einst als ein Indikator für den Niedergang des Fachreferats angenommen wurde, nämlich, dass der „Wert einer vernünftigen Recherche“[27] von vielen nicht mehr erkannt werde, ins glatte Gegenteil verkehrt. Gegenwärtig herrscht Konsens darüber, dass die Qualität der Suchstrategie maßgeblichen Einfluss auf die Güte der gesamten Übersichtsarbeit hat,[28] oder anders ausgedrückt: Komplexe Datenbankrecherchen und solide Rechercheinstrumente sind wieder extrem hip!

Wissenschaftliche Bibliothekar*innen können mit Systematic Reviews aus Workshops, Schulungen, Beratungen und Auftragsrecherchen Einnahmen für ihre Institutionen generieren, die Nutzung des elektronischen Angebots wie Datenbanken, E-Journals und E-Books fördern und selbst publizieren.[29] Je nachdem wie groß der geleistete Beitrag zur systematischen Übersichtsarbeit war, sollten sie sich auch ermutigt fühlen, eine namentliche Erwähnung in der Publikation oder eine Co-Autorenschaft anzustreben.[30] Das International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE) hat hierfür Kriterien festgelegt, die auch von grossen Teilen der Human- und Sozialwissenschaften übernommen wurden.[31] Demnach muss als Autor*in angegeben werden, wer

  1. wesentlichen Anteil an der Erstellung einer systematischen Übersichtsarbeit bzw. Material dafür beschafft, analysiert oder interpretiert hat,

  2. zentrale Textpassagen z. B. im Methodenteil selbst verfasst oder überarbeitet hat UND

  3. die zu publizierende Version genehmigt hat und

  4. damit auch bereit ist, Verantwortung für alle anderen Teile der Publikation zu übernehmen.

Sind nicht alle vier Voraussetzungen erfüllt, wird zumindest eine Erwähnung empfohlen.[32]

Unabhängig von der konkret erbrachten Unterstützung stehen wissenschaftliche Bibliotheken heute unter einem gewissen Druck, ihren Wert für die Hochschule zu beweisen und Dienstleistungen zu erbringen, die im Einklang mit der institutionellen Ausrichtung stehen.[33] Das verstärkte Aufkommen systematischer Übersichtsarbeiten in den Human- und Sozialwissenschaften bietet dem*der wissenschaftlichen Bibliothekar*in die Chance, seine*ihre Rolle als Partner*in der Forschung wahrzunehmen, sich selbst weiterzubilden, die Unverzichtbarkeit bibliothekarischer Dienstleistungen gegenüber der Hochschulleitung zu demonstrieren – und so den neuen Erwartungen an wissenschaftliche Bibliotheken gerecht zu werden.

4 Bei welchen Schritten einer systematischen Übersichtsarbeit sollten wissenschaftliche Bibliothekar*innen konkret helfen (können)?

Forschungsunterstützung durch systematische Literaturrecherche beschränkt sich nicht auf die traditionelle Suche nach Studien allein. Als methodische Anforderung verlangen Systematic Reviews zudem, dass die durchgeführte Recherche transparent und reproduzierbar sein muss.[34] So ist z. B. das Protokollieren der geplanten Vorgehensweise von Anfang an eine sehr wichtige Aufgabe, um später in der Publikation detailliert über die unternommenen Schritte zu berichten. Das hilft nicht nur Reviewern bzw. Forschenden, das Dargelegte nachzuvollziehen, sondern auch den Autor*innen selbst, um die Studie später, in einem Folgereview, gegebenenfalls zu aktualisieren oder bias zu vermeiden. Für das Reporting steht als Teil des PRISMA Statements das Flow Diagram zur Visualisierung zur Verfügung, für Feedback von bibliothekarischer Seite kann die PRISMA Checklist herangezogen werden.[35] Das vorab angefertigte Protokoll des Systematic Reviews sollte auf Plattformen wie Open Science Framework (OSF)[36], Prospero[37], SocArXiv[38], PsyArXiv[39] oder anderen präregistriert werden. Bei der Abfassung des Protokolls assistieren entweder die Eingabemasken der Plattformen, dort werden die benötigten Angaben zu den Grundüberlegungen, der Hypothese und dem methodischen Vorgehen abgefragt. Wo das nicht der Fall ist, liefert die PRISMA-P Checklist wichtige Hinweise.[40]

Das PRISMA-Statement unterteilt den Prozess eines Systematic Reviews in vier Phasen: „Identification“, „Screening“, „Eligibility“ und „Included“. Diese Phasen müssen wissenschaftliche Bibliothekar*innen bzw. Information Specialist kennen und mindestens in die zwei ersten können sie sich qua ihrer ohnehin vorhandenen Kenntnisse einbringen. Die Entwicklung einer passenden Fragestellung für die Literaturrecherche ist ihnen z. B. bereits geläufig, mit PICO, SPIDER und SPICE (und Varianten davon) wurden spezielle Tools zum Formulieren von Forschungsfragen für systematische, qualitative bzw. quantitative Übersichtsarbeiten entwickelt.[41] Auch mit den gängigsten Suchoberflächen (Ovid, EBSCO, ProQuest) und Datenbanken (Web of Science, Scopus etc.) kennen sie sich aus, beherrschen deren Syntax (Kommandozeile!) inklusive Field Codes für Title, Abstract, Author Keywords und Subject Headings, und können – auch unter Hinzuziehung von Hilfsmitteln wie etwa der Polyglott Search des Systematic Reviews Accelerators (SRA)[42] – die Strings entweder kontrollieren (siehe PRESS[43]) oder über verschiedene Suchinstrumente hinweg anpassen. Sie wissen zudem, welche kontrollierten Vokabulare in welchen Suchinstrumenten verwendet werden, z. B. MeSH Terms in PubMed, MEDLINE, PsycINFO (neben dem eigenen Thesaurus der American Psychological Association) und Scopus (neben den Emtree Terms). Generell sind sie in der Lage, Empfehlungen zur Datenbankauswahl und Hinweise zu weiteren Literaturquellen für zusätzliche Materialien (Wissenschaftliche Suchmaschinen, Repositorien o. ä.) zu geben. Mittels Suchstrategien wie dem Citation Pearl Growing oder der Umwandlung von Stich- in Schlagwörter können sie die wichtigsten Keywords und Subject Headings für die jeweilige Suchanfrage ermitteln und stimmen diese in einem iterativen Verfahren immer wieder mit den Forschenden ab, bis der ideale String gefunden ist. Die Durchführung der Recherche in den einzelnen Datenbanken gehört ebenso zum Anforderungsprofil wie das Exportieren und Dedublieren der Referenzen in ein resp. mit einem Literaturverwaltungsprogramm (EndNote, Zotero o. ä.). Von dort sollten den Forschenden die bibliografischen Daten so aufbereitet geliefert werden, dass sie sie nur noch in ein Screening Tool (Covidence, Abstrackr, Rayyan uvm.[44]) importieren müssen und mit der Auswahl der relevanten Studien beginnen können. Schon nach dem dann folgenden Title/Abstract-Screening sind wissenschaftliche Bibliothekar*innen wieder gefragt, wenn es nämlich darum geht, die Volltexte für die vertiefte, zweite Screening-Phase zu beschaffen – die nicht immer über Literaturverwaltungsprogramme automatisch importiert werden können, sondern manchmal auch nur mit bibliothekarischem Knowhow zugänglich sind.

Und auch kurz vor Einreichung des Manuskripts stellen sich den Autor*innen häufig Fragen, die Information Specialists beantworten können sollten. Nach dem Screening-Prozess, evtl. der statistischen Auswertung der gefundenen Daten und dem Verfassen des Artikels liegt der Zeitpunkt der Literaturrecherche meist schon etwas länger zurück. Deshalb ist das Interesse groß, die Suche noch einmal durchzuführen, um möglichst auch die neuesten Artikel mit einzubeziehen. Wie aber kann man die Treffermengen so einschränken, dass wirklich nur Ergebnisse aus dem infrage stehenden Zeitraum ergänzt werden können und die Arbeit nicht wieder von vorne beginnt? Und wie müssen die Suchstrings in der Publikation nachgewiesen werden, damit sie, wie oben erwähnt, transparent und möglichst einfach – am besten per copy & paste – reproduzierbar sind? Möglicherweise ist auch noch gar nicht klar, bei welchem Journal das Manuskript eingereicht werden kann oder soll, so dass Publikationsberatung erforderlich ist. Und schließlich ergeben sich thematische Anknüpfungspunkte zu Open Access, Bibliometrie und der Verbreitung von wissenschaftlichen Publikationen über die klassischen Kanäle hinaus.

Dieser kurze Abriss mit wenigen Beispielen soll einerseits zeigen, welche vertieften Kenntnisse zur Durchführung systematischer Übersichtsarbeiten notwendig sind, andererseits aber auch verdeutlichen, wie nah die erforderlichen Kompetenzen dem Berufsbild wissenschaftlicher Bibliothekar*innen kommen. MA-Studierende, Doktorierende oder Forschende verfügen meist nicht über die notwendige, detaillierte Erfahrung, um die geschilderten Schritte selbst durchzuführen – oder sie suchen, wie in der einschlägigen Literatur empfohlen – von vornherein den engen Kontakt mit ihren Ansprechpartner*innen in der Bibliothek und integrieren sie als Teil des Forschungsteams in ihr Projekt. Dort übernehmen Bibliothekar*innen dann Funktionen und Aufgaben, die ihnen typischerweise (noch?) nicht zugeschrieben werden.

5 Fazit

Es wurde versucht darzulegen, wie wichtig es für human- und sozialwissenschaftliche Fächer bzw. Bibliotheken im deutschsprachigen Raum ist, analog zur Medizin Strukturen der Forschungsunterstützung hinsichtlich systematischer Übersichtsarbeiten aufzubauen. In den USA haben erste Universitätsbibliotheken bereits begonnen, als Antwort auf die wachsende Bedeutung von Systematic Reviews in den empirischen Sozialwissenschaften explizit Dienstleistungen für Forschende aus nichtmedizinischen Disziplinen anzubieten. Unter den „Evidence Synthesis Consultants“ der Cornell University Library befindet sich deshalb auch ein „Applied Social Sciences Librarian“,[45] und die Publikationsliste der Fachreferentin für Sozialwissenschaften der Minnesota University Libraries zeugt jüngst von reger Beschäftigung mit Systematic Reviews und Meta-Analysen.[46] Mit der Campbell Collaboration[47] existiert ein internationales sozialwissenschaftliches Forschungsnetzwerk, das ähnlich wie Cochrane systematische Übersichtsarbeiten fördert – jedoch zur evidenzbasierten Beurteilung der Wirksamkeit sozialer Interventionen. Die hauseigenen „Campbell Systematic Reviews“[48] sind eine Open-Access-Zeitschrift mit Peer Review, die eine Art methodisch strengen Gold-Standard[49] gegenüber anderen, als weniger verlässlich erachteten Studien etablieren soll. Auf der Homepage der Campbell Collaboration bzw. dem eigenen YouTube-Kanal[49] werden außerdem Ressourcen zu einzelnen Schritten der Durchführung von Systematic Reviews zur Verfügung gestellt.[50] Für wissenschaftliche Bibliotheken sind die Zeiten sehr günstig, um näher an die Forschung zu rücken und sie durch den Aufbau von Beratungsdienstleistungen im Bereich systematischer Übersichtsarbeiten zu unterstützen.[51] Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass sich der Blick der Fächer, Institute, Fakultäten, Hochschulen und Universitäten auf ihre Bibliotheken und Bibliothekar*innen dadurch völlig verändern wird. Hoffen wir, dass dieser Perspektivwechsel nicht weitere zehn Jahre dauert und sich folgende Einsicht durchsetzt: „we were lucky enough to have an information specialist who not only attended the systematic review workshop jointly with us, but also played an integral part in setting up the search string“.[52]

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Online erschienen: 2021-07-02
Erschienen im Druck: 2021-07-01

© 2021 Andreas Ledl, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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