Open Access Published by De Gruyter April 14, 2021

Bibliotheken in der Pandemie

Zukunftsforschung – die Zukunft proaktiv gestalten

Libraries in the Pandemic
Future Foresight as a Tool to Proactively Shape the Future
Julia Korthals, Tobias Seidl and Cornelia Vonhof

Zusammenfassung

Die aktuelle Situation, in der sich die Welt einer Pandemie ausgesetzt sieht, zeigt einmal mehr, dass sich die Zukunft nicht vorhersagen lässt. Zukunftsforschung bietet Bibliotheken jedoch die Chance, zukünftige Folgen der Pandemie besser einzuschätzen, sich auf möglicherweise eintretende Ereignisse vorzubereiten und bereits heute Strategien für morgen zu entwickeln. Der folgende Beitrag präsentiert verschiedene Methoden der Zukunftsforschung und gibt Antwort darauf, was Zukunftsforschung für Bibliotheken leisten kann. Zudem werden Trends aus Zukunftsreports vorgestellt, die sich momentan am Horizont der Bibliothekswelt andeuten.

Abstract

Once again, the current situation in which the world is facing a pandemic shows that the future is unpredictable. Foresight offers libraries methods for a better assess regarding the future consequences of the pandemic, to prepare themselves for eventuated events, and to develop today strategies for the future. The following article presents various methods of foresight and provides answers to the question what foresight can do for libraries. It also presents various trends of future reports which are currently foreshadowing on the horizon of the library world.

1 Bibliotheken in der Pandemie

Die aktuelle Situation, in der sich die Welt einer Pandemie ausgesetzt sieht, zeigt einmal mehr, dass sich die Zukunft nicht vorhersagen lässt. Unerwartete Ereignisse können auf einmal alles verändern – auch die Bibliotheksbranche befindet sich derzeit in einem Ausnahmezustand.

Viele Einrichtungen traf das Coronavirus unvorbereitet und stellte sie in den letzten Monaten vor große Herausforderungen: Zunächst wurden im sogenannten „Lockdown“ Schließungen der Bibliotheken veranlasst, viele Mitarbeiter/-innen wurden ins Homeoffice geschickt, bestehende Dienstleistungen für Bibliotheksnutzer/-innen mussten ausgesetzt, eingeschränkt und/oder umstrukturiert werden. Die schnelle Entwicklung kreativer Ideen war notwendig, um wichtige Services auch weiterhin für die Nutzer/-innen anbieten zu können. Verstärkt hat sich der Trend zu digitalen Angeboten, die den Online-Zugriff auf Informationen und E-Ressourcen von zuhause ermöglichen. Darüber hinaus erfolgten beispielsweise die Zusammenstellung und Lieferung von Medienpaketen vor die Haustür, die Ausgabe von „Books to Go“ vor Ort, erweiterte Scan-Dienste, das zeitweise Aussetzen von Mahngebühren, die automatische Verlängerung von Ausleihen sowie Online-Schulungen und Online-Veranstaltungen.[1] Schrittweise erfolgte in den letzten Monaten die eingeschränkte Wiedereröffnung der Einrichtungen. Jedoch mussten Hygienekonzepte zum Schutz von Besuchern und Personal entwickelt und streng eingehalten werden. In der Universitätsbibliothek Tübingen wurden zum Beispiel Maßnahmen wie eingeschränkte Öffnungszeiten und die Zutrittserlaubnis für begrenzte Personenanzahlen mit Universitätschipkarte oder Bibliotheksausweis sowie deren zeitgleicher Zugang über ein Ampelsystem mit Kontaktdatenspeicherung reguliert. Der eingeschränkte Normalbetrieb erfordert zudem die Reduzierung der Anzahl an Arbeitsplätzen, das Tragen von Mund-Nase-Bedeckungen, die Einhaltung von Sicherheitsabständen, regelmäßige Reinigung und Belüftung sowie das Anbringen von Spuckschutzwänden an den Theken.[2] Das Eintreten der „zweiten Welle“ seit Winter 2020/21 zeigt deutlich, wie fragil und dynamisch die Pandemiesituation ist.

2 Methoden der Zukunftsforschung

Zukunftsforschung dient der systematischen Exploration möglicher, wahrscheinlicher und gewünschter Zukünfte. Aus Zukunftsbildern kann Orientierungswissen für Entscheidungs- und Strategieprozesse der Gegenwart gewonnen werden.[3] Bibliotheken werden in die Lage versetzt, ihre Zukunft aktiv mitzugestalten, indem sie Methoden der Zukunftsforschung für ihre zu erkundenden Fragestellungen anwenden. Hierfür steht ein vielfältiger Methodenkanon (mit Abwandlungen und Mischformen) zur Verfügung. Die Methodenauswahl muss daher jeweils an die Aufgabenstellung beziehungsweise an die konkrete Problemstellung angepasst werden. In der Zukunftsforschung werden insbesondere Expertenbefragungen, Szenario-Techniken oder Kreativmethoden breit eingesetzt. Diese Methoden werden nachfolgend jeweils anhand von Beispielen vorgestellt.

2.1 Delphi-Befragung

Die Delphi-Befragung zählt zu den Expertenbefragungen. Benannt wurde diese Methode nach dem Orakel von Delphi, das in der Antike um Rat für die Zukunft befragt wurde.[4] Bei der Delphi-Befragung als Methode der Zukunftsforschung handelt es sich um eine Form der strukturierten Gruppenkommunikation, in der Meinungen von Expert/-innen systematisch erfasst werden. Dabei können vier Ziele und damit Typen der Delphi-Befragung unterschieden werden: Die Experten/-innen (1) generieren neue Ideen, (2) bestimmen einen zuvor unklaren Sachverhalt, (3) sammeln verschiedene Meinungen oder (4) gelangen zu einem Konsens.[5]

Der Ablauf der Delphi-Befragung erfolgt in mehreren Runden. Kooperationsbereite und fachkompetente Experten/-innen werden in einem schriftlichen Verfahren mittels eines standardisierten Fragebogens nach ihren Einschätzungen zum Forschungsinteresse befragt. Der anonyme Rücklauf nach dieser ersten Befragungsrunde wird aufbereitet und anschließend den Experten/-innen für eine nächste Runde zusammen mit einem angepassten Fragebogen zur Verfügung gestellt. Die Experten/-innen können nun basierend auf den Auswertungsergebnissen ihre Meinungen gegebenenfalls korrigieren und erneut eine Einschätzung abgeben. Nach der Analyse der Rückläufe der zweiten Runde erfolgen gegebenenfalls noch weitere Wiederholungsrunden bis zum Erreichen eines festgelegten Abbruch- oder Konsenskriteriums. Am Ende wird der gesamte Befragungsverlauf ausgewertet, die Ergebnisse werden präsentiert und zur Diskussion gestellt.[6]

Die Delphi-Befragung ist eine klassische Methode der Zukunftsforschung, die sich auch für den Bibliotheksbereich eignet, vor allem, wenn Erkenntnisse über längere Zeiträume gewonnen werden sollen. So wurde die Delphi-Befragung in Kombination mit Experteninterviews in einer von 2007 bis 2008 durchgeführten Studie mit 32 Experten/-innen zur zukünftigen Entwicklung von E-Books an wissenschaftlichen Bibliotheken angewendet.[7] Als weiteres Beispiel führte Becker eine szenario-basierte Delphi-Studie zur Funktion von Wissensmanagement in Öffentlichen Bibliotheken mit je 24 Expert/-innen aus Deutschland und Großbritannien durch.[8]

Es kann festgehalten werden, dass die Delphi-Methode für die Bibliotheksbranche geeignet ist, um in strukturierter Form Expert/-innenansichten zu Zukunftsfragen, aber auch zur Pandemieentwicklung und deren Folgen für Bibliotheken einzuholen. Eine Schwierigkeit bei der Anwendung dürfte jedoch die Identifizierung von Experten/-innen zur Coronathematik darstellen.

2.2 Szenario-Methode

Die Szenario-Methode ist auf die Konstruktion von Zukunftsszenarien ausgerichtet. Es gilt das Prinzip, dass sich – von der Gegenwart ausgehend – einzelne Schlüsselfaktoren, die den Forschungsgegenstand beeinflussen, in mehrere Richtungen entfalten können. Je weiter man sich auf der Zeitachse in Richtung Zukunft bewegt, desto mehr Raum für alternative Entwicklungsmöglichkeiten der Faktoren eröffnet sich.[9] In der Szenario-Methode werden daher systematisch mehrere, alternative Entwicklungswege für bestimmte Schlüsselfaktoren aufgezeigt und gebündelt als zukünftige Situationen, den sogenannten Szenarien, beschrieben.[10] Die Szenario-Methode umfasst verschiedene Techniken, die je nach Zielsetzungen zum Einsatz kommen und sich in der Ausgestaltung der methodischen Schritte oder Phasen unterscheiden.[11] Unterschieden werden können Trendextrapolationen, systematisch-formalisierte und kreativ-narrative Szenario-Techniken.

Kosow und Gaßner stellen ein Vorgehen in fünf Phasen vor. In der ersten Phase wird das zu betrachtende Szenario-Feld thematisch, zeitlich und geografisch näher bestimmt.[12] In Phase zwei werden Schlüsselfaktoren, die hierbei eine zentrale Rolle spielen, mithilfe von Trendreports, Konferenzbeiträgen, Fachartikeln, Expertenbefragungen oder in Workshops identifiziert. Als nächster Schritt erfolgt eine vertiefte Analyse der zuvor ausgewählten Schlüsselfaktoren. Jeder einzelne Schlüsselfaktor wird daraufhin analysiert, welche Zukunftsausprägung vorstellbar ist. Aus diesen alternativen Pfaden werden in Phase vier die stärksten und wahrscheinlichsten Möglichkeiten ausgewählt und als Grundlage zur Szenario-Generierung verwendet. Die Szenarien werden nun als fiktive Erzählungen im Präsens beschrieben.[13] Die letzte Phase fünf, die optional ist, dient der weiteren Verarbeitung der erstellten Szenarien, nämlich dem Szenario-Transfer. Mithilfe der Szenarien können mögliche Veränderungen frühzeitig erkannt, bewertet und interpretiert werden.[14]

Auch die Szenarien als Methode der Zukunftsforschung wurde im Bibliothekssektor bereits erfolgreich eingesetzt. So wurden im Rahmen einer Bachelorarbeit[15] Szenarien für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der bibliothekarischen Auskunft entwickelt.[16] Becker wendet in der oben bereits erwähnten Dissertation einen Methodenmix aus Szenario-Technik und Delphi-Befragung an.[17] Der IFLA-Trendreport von 2013 verknüpft Szenarien mit Bibliotheksidealen und liefert hierzu regelmäßige Ergänzungen.[18] Ramirez beschreibt in diesem Kontext die Bedeutung von Szenarien für Bibliotheken wie folgt: „Scenario planning offers a powerful tool for testing assumptions, exploring the interrelation between trends, and developing strategies that put institutions and sectors in a better position to face the future.“[19]

Die Verwendung der Szenario-Technik als einer Methode der Zukunftsforschung lässt zusammengefasst den bewussten Blick auf mögliche zukünftige Auswirkungen der Pandemie zu und kann bibliothekarischen Einrichtungen eine bessere Vorbereitung auf diese Zukünfte ermöglichen.

2.3 Kreativmethoden

2.3.1 Zukunftswerkstatt

Unter die Kreativmethoden fällt unter anderem die Zukunftswerkstatt. Diese geht auf Jungk und Müllert zurück und bietet sich für Gruppen von Zukunftsinteressierten von 12 bis zu 25 Personen an.[20] Ein/e Moderator/-in leitet die Teilnehmenden an, die gemeinsam Ideen, Lösungen und Visionen zu der festgelegten Fragestellung entwickeln. Nach einer Vorbereitungsphase, in der sich die Gruppe gegenseitig vorstellt und der/die Moderator/-in die Regeln und den Ablauf erklärt, geht diese in die Beschwerde- und Kritikphase über. Zum derzeitigen Stand des Themas werden Kritikpunkte, Unbehagen oder Ängste festgehalten, die die Schwerpunkte der Problemlage transparent machen. In der Fantasie- und Utopiephase lassen die Teilnehmer/-innen ihrer Fantasie und Kreativität freien Lauf, um das Problem bzw. die Fragestellung zu lösen. Wunsch-, Traum-, Ideal- oder Zielvorstellungen werden dabei erzeugt. Die den Prozess abschließende Verwirklichungs- und Praxisphase dient dazu, konkrete Realisierungschancen für die Vorstellungen auszuloten, um diese praktisch umzusetzen.[21]

Die Zukunftswerkstatt bietet die Möglichkeit einer praxisnahen und partizipativen Erkundung des Forschungsinteresses. Sie eignet sich besonders als Methode für Bibliotheken, um intern in Gruppen, bestehend aus den eigenen Mitarbeitenden, kreative und vor allem umsetzbare Lösungsansätze zu entwickeln. Eine Möglichkeit in der momentanen Coronasituation wäre auch, die Zukunftswerkstatt in einer abgewandelten Version per Videokonferenz durchzuführen. Dies könnte auch gemeinsam als Online-Workshop in Kooperation mit mehreren Einrichtungen erfolgen.

2.3.2 ALA Trendcards

Speziell für Bibliotheken entwickelte das „American Library Association (ALA) Center for the Future of Libraries“ die ALA-Trendcards als weitere Kreativmethode. Diese sind in englischer Sprache frei verfügbar.[22] Das Kartenset besteht aus 28 Karten und enthält neben der Anleitungskarte 27 verschiedene Trends und die Erläuterung, inwiefern diese für den Bibliothekssektor bedeutsam sind. Die Trends sind hierbei den sieben Kategorien Gesellschaft, Technologie, Bildung, Umwelt, Politik und Regierung, Wirtschaft sowie Demografie zugeordnet. Inzwischen sind zusätzliche Erweiterungspakete der Trendcards erhältlich.

Die Trendcards können Bibliotheken als Basis dienen, um in gemeinsamer Gruppenarbeit kreative Zukunftsvorstellungen zu entwickeln. Dabei wird insbesondere das Ziel verfolgt, Trendentwicklungen nachzuvollziehen und deren Relevanz für Bibliotheken zu erkennen. Hierbei kann das Set als Mapping-Tool fungieren, um die Trends und ihre Beziehungen zueinander zu visualisieren. Ebenfalls können mithilfe von zwei Templates Gruppenübungen durchgeführt werden. Mit der Arbeitshilfe „From Futuring to Innovation“ werden innovative Ideen für Dienstleistungen, Programme, Partnerschaften etc. entwickelt und die Arbeitshilfe „A Story About the Future“ zielt auf die kreative Erstellung von Zukunftsszenarien ab.[23]

2.3.3 STEEP-Analyse

Im Gegensatz zu der bereits vorgefertigten Variante der ALA-Trendcards bietet die STEEP-Analyse ein geeignetes Vorgehen, um als Organisation selbst äußere Umwelteinflüsse und Trendentwicklungen zu identifizieren, die diese nachhaltig beeinflussen. Die Bezeichnung STEEP ist das englische Akronym für die Kategorien Society, Technology, Economy, Environment und Politics. Das Akronym ist bezeichnend für die Vorgehensweise. Zunächst werden mögliche Einflussfaktoren, die unmittelbar auf die Organisation einwirken, ermittelt und deren Relevanz bewertet. Damit ein holistischer Blick auf die momentane Situation und Zukunftstrends ermöglicht wird, werden bewusst die vorgegebenen Perspektiven eingenommen (vgl. STEEP-Kategorien). Die verschiedenen Faktoren können in Form einer Mindmap oder Tabelle zur Veranschaulichung notiert werden. Anschließend können die wichtigsten Aspekte ausgewertet und näher analysiert werden. Beispielsweise könnten diese auf Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken untersucht werden.[24]

Die STEEP-Analyse kann Bibliotheken beispielsweise in Workshops dazu verhelfen, relevante Trends zu identifizieren und eine bewusste Wahrnehmung von Trends und deren Wechselwirkungen bei den Teilnehmenden zu schaffen. Chancen und Risiken können anhand der entstehenden Übersicht besser erkannt und mögliche Maßnahmen daraus abgeleitet werden. Die gesammelten Informationen können anschließend auch als Ausgangslage für weitere Zukunftsmethoden fungieren (z. B. Szenario-Technik).

3 Aktuelle Trends und Entwicklungen

Zukunftsforschung nimmt immer das Umfeld näher unter die Lupe: Welche Trends deuten sich aktuell im Bibliotheksbereich an? Wie reagieren Bibliotheken auf Pandemieentwicklungen und bereiten sich auf ihre Zukunft vor? Um Informationen zu diesen und ähnlichen Fragen zu gewinnen, stehen Bibliotheken eine Reihe von Trendreports, Erfahrungsberichten oder Umfragen zur Verfügung. Innerhalb Deutschlands wurde zum Beispiel die Vernetzungsaktion #wirbibliotheken des deutschem Bibliotheksverbands (dbv) und der Stadtbibliothek München in einem Blogformat gestartet, mit deren Hilfe sich Bibliotheken zu ihren Coronaerfahrungen austauschen können.[25] Der jährlich aktualisierte IFLA-Trendreport gibt Einblicke in sich anbahnende Entwicklungen[26] und berichtet in regelmäßigen Updates über „COVID-19 and the Global Library Field“.[27] Die ALA informiert auf ihrer Webseite über die möglichen kurz- und langfristigen Auswirkungen der Coronapandemie für die Gesellschaft und die Bibliotheken.[28] Zudem liefern weitere Reports speziell auf Bibliotheken zugeschnittene längerfristige Zukunftsprognosen, die bereits vor der Coronapandemie entstanden sind: Unter anderem der ARUP Foresight Report[29] sowie die „Library Edition“ des Horizon-Reports von 2017.[30] Letzterer wurde von 2015 bis 2017 als internationaler Trendbericht für Bibliotheken publiziert, jedoch nicht mehr fortgeführt.[31]

Aus den genannten Informationsquellen wurden zentrale Themenfelder ausgewählt, die im Folgenden näher beschrieben werden. Die Bedeutung dieser Themenfelder für Bibliotheken wird, bedingt durch die Coronapandemie, in naher Zukunft weiter zunehmen.

3.1 Digitalisierung

Schon vor der Ausbreitung des Coronaviruses deutete sich eine zunehmende Verlagerung von Bibliotheksservices in den virtuellen Raum an. Bibliotheken haben den grundsätzlichen Auftrag, Informationsfreiheit zu garantieren. „Doch haben sich Verfügbarkeit von und Zugriff auf Informationen drastisch gewandelt, weswegen Bibliotheken ihrer Zweckbestimmung, freien und ungehinderten Zugang eines jeden Bürgers zu Bildung und Information zu gewährleisten, auf andere Arten nachkommen müssen als bisher.“[32] Durch Internet und Suchmaschinen wurde eine exponentiell wachsende Menge an Informationen auf Knopfdruck verfügbar. Damit einhergehend wuchsen die Erwartungen von Bibliotheksnutzer/-innen, schnell, einfach und kostenlos Zugriff auf Informationen zu erhalten. Umso größer ist deren Unverständnis, dass digitale Medien aufgrund von Verlagslizenzen nicht mehrmals gleichzeitig ausgeliehen werden können. Nun hat sich dieser Trend zur digitalen Informationsbeschaffung während der Krise verstärkt, da sehr viele Nutzer/-innen in der Pandemie von zuhause aus den Zugang zu Informationen oder Lesestoff benötigen und die analoge Medienausleihe nicht möglich war.[33] Aus Sicht der Direktion der Münchner Stadtbibliothek beschrieb Katrin Schuster das daraus resultierende Problem in ihrem Blogbeitrag zur Vernetzungsaktion des deutschem Bibliotheksverbands (dbv) #wirbibliotheken wie folgt:

„Noch immer gibt es keinen für alle tauglichen Entwurf für ein zeitgemäßes Urheberrecht, das sowohl den Erlösmodellen als auch der Informationsfreiheit wirklich gerecht wird. Ein Problem, das von der Pandemie in mehrfacher Hinsicht verschärft wurde: Buchhandlungen haben Umsatzeinbrüche zu verkraften, während Bibliotheken den Bedarf an eBooks bei weitem nicht mehr decken konnten.“[34]

Es lässt sich schlussfolgern, dass durch die Pandemie das Thema Digitalisierung von Bibliotheksangeboten und die damit in Zusammenhang stehenden Urheberrechts- und Lizenzierungsfragen der Onleihe und vor allem auch Finanzierungsfragen, immens an Bedeutung gewinnen werden.

3.2 Neue Technologien

Im engen Zusammenhang mit dem Aspekt der Digitalisierung steht der Trend zum Einsatz von neuen Technologien, die die Arbeitswelt und somit auch die Informationswirtschaft nachhaltig verändern werden. In der Pandemiezeit hat sich die Abhängigkeit von Technologien, ob privat oder bei der Arbeit, beispielsweise in Form von Videokonferenzen, Streaming-Diensten oder sozialen Medien, gesteigert. Durch die erforderliche physische Distanzierung stieg zudem die Nachfrage nach kontaktlosen Technologien. In anderen Ländern werden bereits verstärkt Roboter, selbstfahrende Autos oder Drohnen eingesetzt, um persönliche Kontakte zu reduzieren.[35]

Partielle oder vollständige Prozessautomatisierung könnte das bibliothekarische Personal in bestimmten Aufgabenbereichen wie der Katalogisierung, Systematisierung, Indexierung bis hin zur Auskunft oder bei Magazintätigkeiten unterstützen.[36] Es stellt sich demnach die Frage, ob Bibliotheken in Zukunft vermehrt in kontaktlose Technologien wie Expertensysteme, Sprachassistenten, Chatbots, Roboter oder weitere KI-basierte Anwendungen investieren werden und ob sich dieser Trend durch das Virus beschleunigen könnte.[37]

3.3 Offenheit

Bibliotheken sind Orte, die im Normalfall allen Menschen offenstehen. Sie werden als sogenannter „Dritter Ort“ angesehen, Orte zwischen Zuhause und dem Arbeitsplatz, an denen sich Besucher/-innen aufhalten können. Sie sind Orte der sozialen Begegnung, der Gespräche, des Diskurses, des Lernens und der Ideenfreiheit. Diese Eigenschaften und Möglichkeiten der Bibliothek können nicht ausschließlich im virtuellen Raum abgebildet werden. Zwar werden durch erweiterte digitale Angebote, wie digitale Veranstaltungsformate, die Aufstockung von elektronischen Medien und verstärkte Präsenz in den sozialen Medien, Lösungen gefunden, um den Bedürfnissen der Nutzer/-innen weitgehend gerecht zu werden, doch birgt dies auch die Gefahr, dass bei zunehmender Digitalisierung Personen ohne Internetzugang, ohne erforderliche Fertigkeiten und technisches Equipment ausgeschlossen werden.[38]

Zusammengefasst beschränken strenge Restriktionen für den Gesundheitsschutz, Einlassregulierungen und physische Distanzierung das Prinzip der Offenheit von Bibliotheken. Zum Schutz aller darf nicht gegen diese notwendigen Vorgaben und Empfehlungen verstoßen werden. Dies gilt auch bei eingeschränkten Wiedereröffnungen für den Publikumsverkehr. Wie können sich Bibliotheken aber dennoch ihre Offenheit bewahren? Wie können sie ohne einen oder mit einem nur teilweise begehbaren realen Standort den Nutzer/-innen Unterstützung bieten? Hierfür kreative Lösungen zu finden wird die zentrale Herausforderung der kommenden Monate und Jahre sein.

3.4 Privatsphäre und Datenschutz

So viele positive und nützliche Einsatzgebiete durch das Internet und durch neue Technologien prinzipiell denkbar sind, steht dem jedoch immer die Frage nach Datenschutz und Privatsphäre gegenüber. Dass Unternehmen und teilweise auch Regierungen inzwischen eine Vielzahl von Daten sammeln, digitales Verhalten beobachten und dabei zunehmend Erkenntnisse über einzelne Personen gewinnen können, ist uns allen bewusst. Ein umfassendes persönliches Profil über Präferenzen, Interessen und wahrscheinliche zukünftige Handlungsweisen kann immer einfacher erstellt werden.[39] Durch die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) sind Rechtmäßigkeit der Datenverarbeitung sowie geeignete Konzepte und Maßnahmen zum Schutz des allgemeinen Persönlichkeitsrechts gesetzlich geregelt. Innerhalb dieser Datenschutzanforderungen misst etwa die deutsche Corona-Warn-App per Bluetooth den Abstand und die Kontaktdauer zwischen Personen, tauscht dabei diese Informationen durch anonymisierte Zufallscodes aus und warnt, wenn Kontakt zu nachweislich infizierten Personen bestand. Rückschlüsse auf die Identität oder Standorte der Anwender/-innen sind hierbei nicht möglich.[40] Weltweit gesehen wird allerdings nicht überall das Recht auf Privatsphäre gewahrt. So macht beispielhaft Amnesty International darauf aufmerksam, dass manche Regierungen die gesundheitliche Bedrohungslage durch Corona nutzen, um Überwachungstechnologien einzusetzen. Unter anderem werden GPS-Tracking, Körpertemperatur-Scanner oder Gesichtserkennungstechnologien genutzt.[41] Das könnte bedenkliche Auswirkungen auf den individuellen Datenschutz und das Vertrauen in Technologien haben.

Für Bibliotheken gehört die Wahrung der Privatsphäre und der Datenschutz zu den Grundwerten. Wie können sich Bibliotheken diese Werte im Angesicht von Tracking- und Big-Data-Technologien langfristig erhalten? Bibliotheken könnten in Zukunft als unabhängige Instanzen für die Preisgabe von persönlichen Informationen sensibilisieren und wertvolle Aufklärungsarbeit leisten, welche Eingriffe in Bezug auf das Menschenrecht auf Privatsphäre verhältnismäßig sind. Praktisch könnten beispielsweise Schulungen und Informationsmaterial Hilfestellung bei der Verwaltung von Privatsphäreeinstellungen auf Webseiten o. ä. bieten.

4 Fazit: Was kann Zukunftsforschung für Bibliotheken leisten?

In einer von Unsicherheit gezeichneten Welt, die gegen ein Virus ankämpft, dessen Folgen momentan nicht absehbar sind, kann Zukunftsforschung ein wichtiges Instrument für Bibliotheken zur Krisenbewältigung sein. Die Welt ist durch die Coronapandemie disruptiven Veränderungen ausgesetzt, auf die auch Bibliotheken flexibel reagieren müssen. Aber selbst wenn man Corona ausblenden würde: Das stetige Beobachten von Trendentwicklungen ist unabdingbar, um diese als Basis für die weitere Zukunftsplanung nutzen zu können. Die dargestellten Trends bieten Bibliotheken demnach einen ersten Ansatz sowie einen Anreiz, um eigenständig Zukunftsforschung zu betreiben. Hierfür können bibliothekarische Einrichtungen aus den verschiedenen vorgestellten Methoden der Zukunftsforschung auswählen, um ihre Zukunft in die Hand zu nehmen. Dafür sind durchaus Kombinationen aus mehreren Methoden denkbar, um relevante Entwicklungen zu identifizieren, zu analysieren, zu bewerten und um letztlich zu handeln.

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Online erschienen: 2021-04-14
Erschienen im Druck: 2021-04-26

© 2021 Julia Korthals et al., publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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