Open Access Published by De Gruyter April 14, 2021

Ehrenamt in den Öffentlichen Bibliotheken Österreichs

Volunteering in Austria’s Public Libraries
Katharina Portugal

Zusammenfassung

Das öffentliche Bibliothekswesen in Österreich wird mehrheitlich von ehrenamtlichen BibliothekarInnen getragen. So sind über 80 % der MitarbeiterInnen in den Öffentlichen Bibliotheken in Österreich ehrenamtlich tätig. Dabei zeigen sich große – sich nur geringfügig ändernde – Unterschiede in den einzelnen Bundesländern. Dieser Beitrag erläutert die Struktur der österreichischen Bibliothekslandschaft, zeigt die Bestrebungen zur Professionalisierung durch Aus- und Fortbildungen des Büchereiverbandes Österreichs und präsentiert an einem Best-Practice-Beispiel das Engagement ehrenamtlicher BibliothekarInnen.

Abstract

The majority of public libraries in Austria are run by volunteer librarians. More than 80 percent of the staff in public libraries in Austria are volunteers. There are large – only slightly changing – differences in the individual federal provinces. This article explains the structure of the library landscape in Austria and shows the efforts towards professionalisation through training and further education of the Austrian Library Association and presents the commitment of volunteer librarians with a best practice example.

1 Bibliothekslandschaft Österreich

Wenn man über die Öffentlichen Bibliotheken in Österreich[1] spricht, spricht man automatisch auch über das Ehrenamt. Mehr als 80 % der BibliotheksmitarbeiterInnen sind ehrenamtlich tätig und prägen demnach die Bibliothekslandschaft in Österreich mehrheitlich. Aber zuallererst ein Blick auf die Zahlen der Bibliothekslandschaft in Österreich: Die Öffentlichen Bibliotheken Österreichs präsentieren ihre Leistungen durch jährliche, standardisierte statistische Angaben,[2] die vom Büchereiverband Österreichs (BVÖ) zur „Statistik öffentlicher Bibliotheken Österreichs“ zusammengefasst und veröffentlicht werden. Alle hier präsentierten Zahlen beziehen sich auf die Statistik Öffentlicher Bibliotheken aus dem Jahre 2019.

Das Öffentliche Büchereiwesen in den neun Bundesländern zeigt große Differenzen auf, die auf das Engagement und die finanzielle und fachliche Förderung der (Stadt-)Gemeinden, sonstiger Träger und das Land zurückzuführen sind. Im Verlauf der Jahre wurde deutlich, dass diese Unterschiede sich kaum verändern. Mit der Büchereilandkarte[3] bietet der Büchereiverband Österreichs die Möglichkeit, die Situation der Öffentlichen Bibliotheken in den Bundesländern und Bezirken miteinander zu vergleichen: Es wird beispielsweise der Versorgungsgrad, der Anteil der BenutzerInnen oder die Entlehnungen und Medien pro EinwohnerIn aufgeschlüsselt (s. Abb. 1).

Abb. 1 Versorgungsgrad 2019 (nach Bezirken)

Abb. 1

Versorgungsgrad 2019 (nach Bezirken)

Der Versorgungsgrad gibt an, wie viel Prozent der Bevölkerung in ihrer Heimatgemeinde eine Öffentliche Bibliothek vorfinden. In 974 Gemeinden (46,5 % von 2 096 Gemeinden) gibt es keine Öffentliche Bibliothek. Je mehr EinwohnerInnen eine Gemeinde hat, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es eine Bibliothek gibt. Fast 70 % der 822 Gemeinden mit weniger als 1 500 EinwohnerInnen verfügen über keine Bibliothek. In den Gemeinden mit 5 000 bis 10 000 EinwohnerInnen sind es nur mehr 10,8 % ohne Bibliothek. In den Gemeinden über 10 000 EinwohnerInnen gibt es nur mehr eine Gemeinde ohne Bibliothek (1,3 %). Die höchsten Werte sind neben Wien in Salzburg und Vorarlberg zu finden.

2 Trägerschaft

Grundsätzlich sind Errichtung und Betrieb von Öffentlichen Bibliotheken freiwillige Leistungen der jeweiligen Träger.[4] 47,7 % der Öffentlichen Bibliotheken stehen in alleiniger Trägerschaft von Gemeinden, 26,7 % sind in Trägerschaft mehrerer Institutionen. In geringerem Maße sind auch kirchliche Einrichtungen (16,3 %) sowie der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) und die Arbeiterkammer (AK) mit 2,9 % als Träger aktiv. „Sonstige Träger“ (6,3 %) sind meistens Vereine. Tendenziell sind Bibliotheken in Trägerschaft der (Stadt-)Gemeinden oder in kombinierter Trägerschaft größer als solche in Trägerschaft der Kirche, des ÖGB oder der AK. Die sieben größten Bibliotheken in den sechs Städten mit mehr als 100 000 EinwohnerInnen liefern mit 43,9 % der Entlehnungen und 40,7 % der Besuche einen großen Anteil an den österreichweiten Zahlen.

3 Hauptberuf und Ehrenamt

Zwei unterschiedliche Organisationsformen kennzeichnen die Öffentlichen Bibliotheken: Einerseits gibt es hauptberuflich geführte Öffentliche Bibliotheken – mehrheitlich größere Einrichtungen und in Städten sowie mittleren Gemeinden zu finden. Hauptberufliche BibliothekarInnen sind in Öffentlichen Bibliotheken angestellt und beziehen ihr Haupteinkommen aus dieser Tätigkeit.

Andererseits gibt es ehrenamtlich[5] oder nebenberuflich betreute Büchereien, wodurch ein dichtes Netz an Bibliotheken in kleineren Gemeinden sowie ländlichen Gebieten gewährleistet wird. Ehrenamtliche BibliothekarInnen sind jene BibliothekarInnen, die für ihre Arbeit in der Bibliothek keine regelmäßige Vergütung erhalten. Als nebenberufliche BibliothekarInnen werden all jene eingestuft, die für ihre Tätigkeit in der Bibliothek Entgelt beziehen, deren Tätigkeit in der Bibliothek aber nur Teilbereich einer Hauptbeschäftigung ist. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Angestellter/eine Angestellte neben der Hauptbeschäftigung im Gemeindeamt auch die Bibliothek betreut.

Erwähnenswert ist auch die Geschlechterverteilung bei den BibliotheksmitarbeiterInnen: 87,1 % der MitarbeiterInnen sind Frauen und 12,9 % sind Männer.

Tab. 1:

Anzahl und Anteil hauptberuflich geführter Bibliotheken

Standorte MitarbeiterInnen
ehrenamtlich nebenberuflich hauptberuflich
Ehrenamtlich oder nebenberuflich 1 117 8 158 399 0
Hauptberuflich 274 761 246 868
Summe 1 391 8 919 645 868
Standorte MitarbeiterInnen
ehrenamtlich nebenberuflich hauptberuflich
Ehrenamtlich oder nebenberuflich 80,3 % 91,5 % 61,9 % 0,0 %
Hauptberuflich 19,7 % 8,5 % 38,1 % 100,0 %
Summe 100,0 % 100,0 % 100,0 % 100,0 %

Die 274 hauptberuflich geführten Bibliotheken sind in ihren Gemeinden für mehr als die Hälfte der EinwohnerInnen Österreichs zuständig, sie liefern einen großen Teil der Leistungsdaten und umfassen 19,7 % der Standorte: Es entfallen auf sie mehr als die Hälfte der Medien, BenutzerInnen und Besuche sowie drei Viertel der Entlehnungen. In den letzten Jahren kann ein Anstieg des Einsatzes ehrenamtlicher MitarbeiterInnen, auch wenn die Bibliotheken hauptberuflich geführt werden, beobachtet werden. Umgekehrt wird in bisher ausschließlich ehrenamtlichen Teams häufiger eine Person hauptberuflich angestellt.

Von den 1 185 Öffentlichen Bibliotheken (ohne Sonderformen, Zweigstellen und Onleihe-Verbünden) haben 823 (69,5 %) ausschließlich ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Nur 148 (12,5 %) Öffentliche Bibliotheken haben gar keine ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Bei den übrigen Bibliotheken sind sowohl ehrenamtliche als auch hauptberufliche MitarbeiterInnen zu finden. Im Bereich der Pfarrbibliotheken ist das Ehrenamt überdurchschnittlich stark: 201 von 203 Pfarrbibliotheken sind rein ehrenamtlich betreut. Bei Trägerkombinationen mit Beteiligung der Pfarrei sind es 277 von 328 (84,5 %). Aber auch im Bereich der kommunalen Bibliotheken ist das Bild nicht viel anders: 312 von 456 Bibliotheken (68,4 %) werden nur von ehrenamtlichen MitarbeiterInnen betreut.

Ein Blick auf die fachbibliothekarische Ausbildung zeigt: Von den 8 919 ehrenamtlichen BibliothekarInnen haben 17,9 % eine abgeschlossene bibliothekarische Ausbildung. Bei den 645 nebenberuflich tätigen Personen liegt der Anteil bei 28,2 %. Bei den 868 hauptberuflichen BibliothekarInnen ist der Anteil mit 62,7 % am höchsten.

Die Arbeit der Ehrenamtlichen ist österreichweit nicht normiert, weswegen man auch keine allgemeingültigen Aussagen zu Aufgaben, Arbeitsbedingungen oder Struktur treffen kann. Wie auch bei der Ausstattung und Errichtung der Bibliotheken ist die Organisation Sache der Länder beziehungsweise Träger und weicht stark voneinander ab. Aufgrund der unterschiedlichen Trägerschaft bei Bibliotheken wird beispielsweise auch die Versicherung der Ehrenamtlichen unterschiedlich gehandhabt. Für ehrenamtlich tätige Personen in Bibliotheken in kommunaler Trägerschaft existiert keine automatische oder gesetzliche Haftpflichtversicherung. Ehrenamtliche MitarbeiterInnen in Bibliotheken in kirchlicher Trägerschaft sind über den Ecclesia-Versicherungsdienst versichert.

Um eine österreichweite Qualität der Bibliotheksservices zu fördern, setzt der Büchereiverband Österreichs unter anderem auf umfassende Aus- und Fortbildungsangebote.

4 Professionalisierung durch Ausbildung

Damit BibliothekarInnen den Arbeitsplatz professionell gestalten können und die Bibliothek zu einem attraktiven Ort für NutzerInnen aller Altersgruppen wird, ist der Büchereiverband Österreichs überregional für die Aus- und Fortbildung von BibliothekarInnen zuständig.[6] Die Kurs- und Aufenthaltskosten für BibliothekarInnen an Öffentlichen Büchereien werden vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport und vom Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb) getragen.

Der Büchereiverband Österreichs bietet zwei Ausbildungsformen für BibliothekarInnen an, die in Öffentlichen Bibliotheken tätig sind: die Ausbildung für ehrenamtliche und nebenberufliche BibliothekarInnen, seit 2019 mit neuem Curriculum und die berufsbegleitende Ausbildung für hauptamtliche BibliothekarInnen, deren neues Curriculum seit 2016 in Kraft ist. Teilnahmevoraussetzung für beide Ausbildungslehrgänge ist eine etwa einjährige Praxis in einer Öffentlichen Bibliothek vor Ausbildungsbeginn.

Ab 2017 widmete sich der Büchereiverband Österreichs der Modernisierung und Aktualisierung der Ausbildung für ehrenamtliche und nebenberufliche BibliothekarInnen.[7] Der Entwicklungsprozess der Arbeitsgruppe wurde von Prof. Ute Krauß-Leichert (Hochschule für Angewandte Wissenschaften HAW Hamburg) begleitet. Der Ausbildungslehrgang ist bei der Weiterbildungsakademie Österreich (wba)[8] mit 11 ECTS (wba) akkreditiert. Die dreiwöchige Ausbildung, die im Regelfall innerhalb von 1,5 Jahren absolviert wird, ist als Grundausbildung konzipiert. Anschließend können zur Vertiefung einzelner Themenbereiche Fortbildungskurse besucht werden. Bevor die Ausbildung begonnen wird, unterzeichnet die/der TeilnehmerIn sowie der/die Bibliotheksverantwortliche eine Lernvereinbarung.[9] Hier wurden praktische Tätigkeiten der Bibliotheksarbeit den einzelnen Modulen zugeordnet, um eine Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis zu schaffen. Ziel ist es, dass KollegInnen die während der Ausbildung vermittelten Inhalte auch betreut in der Praxis anwenden, um eine nachhaltige Ausbildung zu gewährleisten. Das Modell eines „Learning Agreements“ wurde 2016 bereits erfolgreich in der Ausbildung für hauptamtliche BibliothekarInnen eingeführt.

Die Ausbildung ist in 9 Module unterteilt, die sich folgenden Themen und inhaltlichen Schwerpunkten widmen:[10]

  1. 1.

    Bestandsarbeit: Kennzahlen, Bestandsaufbau, Buch- und Medienmarkt, Erwerbung, Medienerschließung, Medienkunde

  2. 2.

    Öffentlichkeitsarbeit: Veranstaltungsarbeit, Pressearbeit, Marketing (inklusive Social-Media-Marketing)

  3. 3.

    Sozialkompetenz und Teamarbeit: Kommunikation, Teamarbeit und Konfliktmanagement

  4. 4.

    Zielgruppen: Zielgruppendefinition, spezifische Angebote für unterschiedliche Zielgruppen

  5. 5.

    Bibliothek als Dienstleister: Recherche, Leitsystem, Beratung, Informationskompetenz

  6. 6.

    Bibliothek und Gesellschaft: Bibliotheksanalyse, Kommunikation mit dem Träger, Bibliotheksgeschichte

  7. 7.

    Digitale Dienste und Anwendungen: E-Medien, Bibliotheksprogramme, Gestaltung der Webseiten für Bibliotheken

  8. 8.

    Bibliotheksmanagement: Gebühren und Gebührenordnung, Jahresmeldung (Daten für die Statistik Austria), Bau, Einrichtung, Erhalt, rechtliche Grundlagen

  9. 9.

    Projekt: Projektmanagement, Präsentationstechniken, Vorstellung der Projekte der TeilnehmerInnen

Für alle Module gibt es detaillierte Beschreibungen. Diese umfassen Informationen zu organisatorischen Aspekten des Moduls, etwa der Dauer oder der Kurswoche. Außerdem halten die Modulbeschreibungen die Inhalte der jeweiligen Module mit den daraus folgenden Kenntnissen, Fertigkeiten und Kompetenzen fest. Im Zentrum steht, was die Lernenden am Ende des Lernprozesses können sollen. Die Lernergebnisse werden als Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen gelistet. Allein 2020 (Stand Ende September) haben bereits 100 Personen Kurse der ehrenamtlichen und nebenberuflichen Ausbildung besucht und 59 BibliothekarInnen die Ausbildung abgeschlossen.

Tab. 2

KursteilnehmerInnen und AbsolventInnen der Ausbildung für ehrenamtliche BibliothekarInnen[11]

KursteilnehmerInnen 2018 2019 2020[12]
Ehrenamtliche Ausbildungen (bifeb) 249 257 100
AbsolventInnen 2018 2019 2020[13]
Ehrenamtliche und nebenberufliche BibliothekarInnen 97 101 59

Zusätzlich zu Ausbildungsmöglichkeiten gibt es zahlreiche Fortbildungsveranstaltungen. Bei der Organisation des Fortbildungsangebots werden aktuelle Schwerpunkte und Trends des Bibliothekswesens berücksichtigt. Dabei werden die BibliothekarInnen laufend mit entsprechendem Know-how versorgt. Eine abgeschlossene bibliothekarische Ausbildung und die Tätigkeit in einer Öffentlichen Bibliothek ist Voraussetzung, um Fortbildungskurse zu belegen, diese werden im bifeb St. Wolfgang angeboten. Regelmäßig ergänzt wird das Fortbildungsangebot durch Kurse in den Bundesländern. Diese stehen unabhängig vom Abschluss einer Ausbildung allen BibliothekarInnen offen, die in Bibliotheken arbeiten, deren Träger Mitglied beim Büchereiverband Österreichs ist. Bewährte Veranstaltungsreihen sind beispielsweise die Leseakademie, die sich in eintägigen Workshops der Literaturvermittlung und Leseanimation widmet, oder Herbstlese(n), eine Veranstaltungsreihe in deren Rahmen Neuerscheinungen der Belletristik sowie der Kinder- und Jugendliteratur vorgestellt werden.

Regelmäßig wird außerdem ein Auffrischungskurs explizit für ehrenamtliche und nebenberufliche BibliothekarInnen angeboten, die ihre Ausbildung vor mindestens fünf Jahren abgeschlossen haben und ihr Wissen auf den neuesten Stand bringen wollen.

5 Zielstandards und Bibliotheksentwicklungspläne

Der Büchereiverband Österreichs hat 2010 gemeinsam mit dem damals zuständigen Ministerium sieben österreichweit einheitliche Zielstandards für Öffentliche Büchereien festgelegt. Die von der „Arbeitsgruppe Öffentliches Büchereiwesen“ erarbeiteten einheitlichen Standards für die Ausstattung und das Angebot betreffen sowohl die großen hauptberuflich geführten Stadtbüchereien als auch die kleinen, ehrenamtlich geführten Büchereien. Diese Zielstandards können von Bibliotheken in der Verhandlung mit Trägern herangezogen werden.[14]

Tab. 3:

Zielstandards für Öffentliche Büchereien in Österreich

Zielstandards
Ortsgröße/Einwohner (EW) Medien Erneuerung Raum Öffnungszeiten PC, Internet, Audio Personalstelle Fortbildung/Vollzeit-Äquivalent
<2 500 mind. 3 500 10 % mind. 75 m2 8 Stunden an mind. 3 Tagen Mindestens 1 Arbeitsplatz ausgebildete/r Büchereileiter/in 40 Stunden/Jahr
2 500–5 000 2/EW 10 % 30 m2/1 000 EW 12 Stunden an mind. 3 Tagen 1 Arbeitsplatz/3 000 EW 0,3/1 000 EW 40 Stunden/Jahr
Bezirks-hauptstädte & 5 000–10 000 2/EW 10 % 30 m2/1 000 EW 20 Stunden an mind. 4 Tagen 1 Arbeitsplatz/3 000 EW 0,3/1 000 EW 40 Stunden/Jahr
10 000–50 000 1–2/EW 10 % 30 m2/1 000 EW 32 Stunden an mind. 5 Tagen 1 Arbeitsplatz/3 000 EW 0,3/1 000 EW 40 Stunden/Jahr
>50 000 1–2/EW 10 % 30 m2/1 000 EW 45 Stunden an mind. 6 Tagen 1 Arbeitsplatz/3 000 EW 0,3/1 000 EW 40 Stunden/Jahr

In den Bundesländern werden strategische Maßnahmen gesetzt, um die Bibliothekslandschaft zu verbessern. Sogenannte Bibliotheksentwicklungspläne sind aktuell in Arbeit oder bereits finalisiert: im Burgenland, in Niederösterreich, Salzburg, Steiermark, Vorarlberg und Oberösterreich.[15] Darin werden unterschiedliche Ziele, Maßnahmen oder Schwerpunkte zur Qualitätssteigerung des Bibliothekswesens formuliert. Im aktuellen österreichischen Regierungsprogramm ist die Erstellung eines Bibliothekentwicklungskonzeptes ebenfalls angeführt. Ein Prozess, dem sich auch der Büchereiverband Österreichs ab 2021 widmen wird, mit dem Ziel, einen Masterplan für das österreichische Bibliothekswesen zu erstellen.

6 Best-Practice-Beispiel

Im Großen Walsertal in Vorarlberg besteht seit 2004 ein sehr erfolgreiches Bibliotheksnetzwerk aus sechs ehrenamtlich geführten Kleinbibliotheken. Durch diese Zusammenarbeit wird eine hohe Qualität an Bibliotheksservices ermöglicht. Der folgende Beitrag ist in den Büchereiperspektiven 1(20) erschienen. Er wurde von Verena Burtscher, Mitarbeiterin der Walserbibliothek Raggal, verfasst und illustriert das herausragende Engagement ehrenamtlicher BibliothekarInnen.

„Das ‚Netzwerk Walserbibliothek Großes Walsertal‘ wurde gegründet, um die gesamte Bevölkerung im Tal optimal mit Medien, Freizeit- und Bildungsangeboten sowie Kulturveranstaltungen zu versorgen. In den kleinen Gemeinden sind die Büchereien zudem wichtige soziale und gesellschaftliche Einrichtungen, die auch die Nahversorgung stärken.

Die ausschließlich ehrenamtlich geführten Bibliotheken bleiben für sich eigenständig, haben jedoch im Rahmen eines Kooperationsvertrages gemeinsame Qualitätsstandards und Grundaufgaben ausgearbeitet. Dies beinhaltet auch die Bündelung von Ressourcen sowie eine bibliotheksübergreifende Zusammenarbeit. Aufgaben sind eine gemeinsame, kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit, die Durchführung talweiter Veranstaltungen sowie die Erfüllung des Kultur- und Bildungsleitbildes des Biosphärenparks Großes Walsertal.

Medienvielfalt durch Schwerpunkte

Zusätzlich arbeitet das Netzwerk mit weiteren Partnerbibliotheken zusammen, wodurch das Medienangebot aus neun Bibliotheken zur Verfügung steht. LeserInnen haben die Möglichkeit, mit einem Jahresabonnement in der Stammbibliothek in allen Bibliotheken Ausleihungen zu tätigen. Eine gemeinsame Homepage bündelt das Angebot und im WebOpac kann im Medienbestand aller Walserbibliotheken und den Partnerbibliotheken recherchiert werden. Das Vertriebssystem von Medien zwischen den Bibliotheken ist in Form einer ‚Wanderbücherei‘ konzipiert und wird von den Büchereien organisiert.

Jede Walserbibliothek hat Themenschwerpunkte, zu denen sie verstärkt Medien im Bestand hat. Auf diese Weise können finanzielle Mittel gezielt eingesetzt und gleichzeitig ein vielseitiges Angebot bereitgestellt werden. Mit diesem Netzwerk stehen den 3.400 EinwohnerInnen insgesamt rund 25.000 Medien in den sechs Walserbibliotheken zur Verfügung. Die derzeit 48 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen in den Büchereien leisten aber noch mehr: vier eigenständige Jugendteams beziehungsweise die verstärkte Partizipation von Kindern und Jugendlichen in den Bibliotheken.

Jugendliche im Einsatz

Unter einem Jugendteam verstehen wir eine Gruppe Kinder und Jugendlicher, die eigenverantwortlich und selbstständig die gesamte Bibliotheksarbeit verrichtet, eigene Jugendöffnungszeiten und Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche gestaltet und in einer Öffentlichen Bibliothek völlig integriert ist. Derzeit sind über 20 Kinder und Jugendliche als junge BibliothekarInnen in den Walserbibliotheken tätig und unterstützen freiwillig unsere Arbeit. Zudem setzen sie sehr erfolgreich eigene Projekte um und sorgen für Angebote, die Kinder und Jugendliche in die Bibliothek bringen, zum Beispiel MINT-Veranstaltungen, bei denen Bibliotheken zum Forscherspace werden. Unsere Bibliotheken sollen Erfahrungsräume für Jugendliche sein, in denen Mitbestimmung, Mitwirkung, soziales Engagement und Selbstlernen eingeübt und umgesetzt werden können. Die Lesemotivation Jugendlicher wird mit diesen Jugendteams gefördert und steckt wiederum andere Jugendlichen zum Lesen und zum freiwilligen Engagement in der Bibliothek an.

Ehrenamtliche Mitarbeit organisieren

Die Herausforderungen ehrenamtlicher Büchereiteams liegen darin, die Fähigkeiten sowie die sozialen und beruflichen Kompetenzen der MitarbeiterInnen zu erkennen und gezielt in die Bibliotheksarbeit einzubauen, damit sie angemessen zur Geltung kommen und alle Aufgaben optimal erledigt werden können. Dabei ist hinderlich, dass Ehrenamtliche selbst bestimmen, wann sie auf welche Weise und in welchem Ausmaß in der Bibliothek tätig sein wollen. Dies erfordert eine gute Organisation durch die Bibliotheksleitung und personelle Reserven, um auf kurzfristige Personalausfälle reagieren zu können. Es muss darauf geachtet werden, dass die Motivation erhalten bleibt und Ideen sowie persönliche Wünsche berücksichtigt werden. Wertschätzung und Anerkennung spielen bei Ehrenamtlichen eine zentrale Rolle. Zudem ist die Zusammensetzung des Teams von besonderer Bedeutung für eine funktionierende und qualitativ hochwertige Bibliotheksarbeit. Auch eine intensive Kommunikation zwischen allen Ehrenamtlichen ist zu gewährleisten, weshalb monatliche Teamsitzungen stattfinden und eine ausgeprägte Feedbackkultur wichtig ist.

Unseren Ehrenamtlichen bietet sich ein flexibles und vielseitiges Betätigungsfeld, in dem sie ihre Leidenschaft für Medien ausleben und weitergeben können. Jeder findet den eigenen Interessen entsprechende Aufgaben, die Freude bereiten. Es macht Spaß, andere vom Lesen zu begeistern und mit Menschen aller Altersgruppen in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen. Jede Walserbibliothek hat auch ausgebildete Bibliothekarinnen im Team, die die Qualitätsanforderungen einer Bibliothek sicherstellen.

Herausforderungen und Mehrwert

Für die Bibliothek besteht der Mehrwert ehrenamtlicher MitarbeiterInnen darin, Menschen mit einer gemeinsamen Leidenschaft zum Lesen und mit verschiedenen Talenten und Fähigkeiten zu bündeln und damit Vielfalt und Kreativität in die Bibliotheksarbeit zu bringen. So unterschiedlich unsere LeserInnen sind, so unterschiedlich sind auch unsere Teams und Bibliotheken. Vielfalt wertschätzend leben, ist das Erfolgsrezept!

Wir sind oft auch mit dem Vorwurf konfrontiert, dass ehrenamtlich geführte Bibliotheken eine Anstellung von hauptamtlichen BibliothekarInnen verhindern würde. Tatsache ist, dass unsere Büchereien in unseren Kleingemeinden schlichtweg nicht existieren würden. Da es aber nicht wenige Menschen gibt, die unsere Leidenschaft für Bücher, Medien und das Lesen teilen, leisten wir gerne einen wertvollen Beitrag zur Leseförderung.

Der große Nachteil eines ehrenamtlichen Netzwerkes ist, dass es laut den derzeitigen Förderungsbestimmungen für Netzwerke keine Möglichkeit gibt, an finanzielle Mittel zu kommen, da lediglich Personalkosten förderungswürdig sind. Und trotzdem ... wir lieben es, gemeinsam etwas zu bewirken und das gesellschaftliche Leben in unseren Gemeinden zu bereichern.“[16]

Literaturverzeichnis

Bibliotheksentwicklungspläne. In: Büchereiperspektiven, 2 (19), 44–45. Verfügbar unter www.bvoe.at/epaper/2_19. Search in Google Scholar

Burtscher, Verena (2020): Ehrenamtliches Netzwerk. In: Büchereiperspektiven, 1 (20), 18–19. Verfügbar unter www.bvoe.at/epaper/1_20. Search in Google Scholar

Stieber, Martin (2020): Statistik öffentlicher Bibliotheken. In: Büchereiperspektiven, 1 (20), 52–55. Verfügbar unter www.bvoe.at/epaper/1_20. Search in Google Scholar

Tretthahn, Susanne (2018): Alles neu. In: Büchereiperspektiven, 3 (18), 44–45. Verfügbar unter www.bvoe.at/epaper/3_18. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2021-04-14
Erschienen im Druck: 2021-04-26

© 2021 Katharina Portugal, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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