BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter April 14, 2021

Augustynowicz, Christoph; Frimmel, Johannes (Hrsg.): Der Buchdrucker Maria Theresias: Johann Thomas Trattner (1719–1798) und sein Medienimperium. (Buchforschung. Beiträge zum Buchwesen in Österreich, Band 10). Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2019. 173 S., Illustrationen, fest gebunden. ISSN 1562-9279, ISBN 978-3-447-11235-2. 54,– €

Peter Vodosek

Wenn einer der bedeutendsten Künstler auf dem Gebiet der Buchillustration, nämlich Daniel Chodowiecki (1726–1801) mit seinem Kupferstich von 1781, betitelt „Wercke der Finsternis oder Beytrag zur Geschichte des Buchhandels in Deutschland“, die Nachdrucker anprangert, wenn ferner der Wiener Dichter und Buchhändler Aloys Blumauer (1755–1798) sie als eine Meute beißwütiger Hunde satirisch bloßstellt, wird man unwillkürlich an Johann Thomas (Edler von) Trattner (1719–1798) erinnert.[1] Die Epitheta ornantes „Magnat der Nachdrucker“, „hemmungsloser Ausbeuter der ausländischen Literatur“ oder die „Personifizierung des österreichischen Nachdrucks“ charakterisieren diese umstrittene, aber ungewöhnlich erfolgreiche und faszinierende Persönlichkeit jedoch nur unter einem Aspekt. Zwar haben sich Disziplinen wie die Buch-, die Kultur- und die Wirtschaftsgeschichte in zahlreichen Forschungsarbeiten mit ihm beschäftigt, jedoch wie Johannes Frimmel in der Einleitung des anzuzeigenden Tagungsbandes feststellt, fehlt bis heute über ihn und seine Aktivitäten eine Monografie, das heißt eine systematische Darstellung auf der Grundlage aller verfügbaren Quellen und Archivalien, die heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Die einschlägigen Arbeiten von Hermine Cloeter (1952) und Ursula Giese (1961) liegen länger als ein halbes Jahrhundert zurück, wobei die Erstere zwar als grundlegend bezeichnet, die Letztere aber als unzuverlässig kritisiert wird.[2]

Dieser Sammelband, der zum 300. Geburtstag Trattners erschienen ist, vereinigt die Vorträge einer Tagung, die im Dezember 2017 am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien veranstaltet wurde. Der Herausgeber Christoph Augustynowicz ist Professor an diesem Institut, Johannes Frimmel wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Buchwissenschaft der Ludwig-Maximilian-Universität in München und kann auf ein umfangreiches Œuvre buchwissenschaftlicher Publikationen verweisen.

Wenn Trattner bereits im Titel als Herr über ein Medienimperium angesprochen wird, ist dies ein durchaus zutreffender übergreifender, noch dazu aktueller Begriff für seine Unternehmungen: Druckereien, Buchhandlungen, eine Schriftgießerei sowie verlegerisches Engagement (insbesondere durch Nachdruck). Sie nahmen imposante Ausmaße an und erstreckten sich zwischen 1748 und 1798 über die gesamte Habsburger Monarchie. Wenn das Böhmische Gubernium 1775 konstatierte, dass Trattner „auf ein jedem Land höchst schädliches monopolium abziele“ (S. 107), er also eine Marktbeherrschung anstrebe, lag es mit dieser Einschätzung durchaus richtig. Der Vergleich mit aktuellen Usancen liegt nahe. Das eben Gesagte gilt vor allem für die habsburgischen Erbländer. Wie Portmann (S. 115) aber festhält, „stellte sich die Lage des Buchhandels in den Territorien des Alten Reiches deutlich anders dar“, wo sich die Auswirkungen besonders im Nachdruck zeigten. Wie ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt, geht der Band weit über eine Hommage für das Geburtstagkind Trattner hinaus. Er deckt die angesprochenen Themen sowohl geografisch (Triest, Böhmen, Ungarn, Galizien, die Erblande im engeren Sinn und zum Teil das Reich) wie thematisch angemessen ab.

In der Einleitung stellt Johannes Frimmel zuerst die wichtigsten biografischen Fakten des 1719 in Jormannsdorf geborenen Trattner zusammen.[3] Die folgenden Beiträge lassen sich zwei Themenkomplexen zuordnen: Zum einen dem buch- und sprachgeschichtlichen sowie geografischen Kontext der Buchproduktion, zum anderen dem Phänomen des Nachdrucks. Peter Eigner (Universität Wien) befasst sich mit dem Buchdruck des 18. Jahrhunderts in Wien, wo der höfische Protegé Trattner die vorhandenen Beziehungsnetzwerke intensiv zu nutzen verstand. Zur Rolle des „transnationalen Buchdruckers“ bringt Philipp Hofeneder (Universität Graz) aus der Sicht der Translationswissenschaft Überlegungen zur Geschichte der Habsburgermonarchie ein. Guilia Delogu (Università Ca’Foscari Venedig) analysiert in ihrem englischsprachigen Aufsatz die Auswirkungen von Trattners Aktivitäten innerhalb der Netzwerke von Handel, Kultur und Information in Triest, das 1719 den Status eines Freihafens erhalten und danach einen unglaublichen Aufschwung erlebt hatte. Als multiethnische Stadt beherbergte es Menschen aus allen italienischen Staaten, vom Balkan, Deutsche, Griechen, Armenier und Juden. Hier wurden Bücher in Italienisch, Deutsch, Latein, Kroatisch und Slowenisch publiziert. In Ungarn etablierte sich Trattner in Preßburg, Pest und Temesvar, wo er nicht nur von den Liberalisierungsmaßnahmen Kaiser Joseph II. profitierte, sondern auch durch seinen Status als gebürtiger Ungar (Judit Vizkelety-Ecsedy). Weit weniger erfolgreich waren seine Bemühungen in Böhmen bzw. Prag im Unterschied zu Mähren. Vor allem für Böhmen wirkte sich die Umorientierung der Handelsbeziehungen von Ost nach West aus, das heißt, sie richteten sich stärker auf den norddeutschen Büchermarkt mit Leipzig als Buchhandelszentrum aus (Michael Wögerbauer). Besonderes Interesse darf die Untersuchung von Christoph Augustynowicz beanspruchen, in deren Mittelpunkt die Hauptstadt Galiziens, Lemberg, steht. Das erst 1772 nach der ersten Teilung Polens an die Habsburger Monarchie gefallene Königreich Galizien und Lodomerien erhielt mit der Neu- bzw. Wiedergründung der Universität Lemberg sein Bildungszentrum. Nach dem Ausgang des Mariatheresianischen Zeitalters konnte Trattner dort nicht mehr Fuß fassen, da er nicht länger mit der kaiserlichen Protektion rechnen konnte.

Den Abschluss des Bandes bilden die drei Beiträge zum Nachdruck. Nach Meinung des Rezensenten verdienen die Ausführungen von Johannes Frimmel zur Materialität des Nachdrucks erhöhte Aufmerksamkeit. Er geht auf die Vielzahl von Nachdrucken besonders beliebter Verfasser wie zum Beispiel Salomon Gesner ein. Angesichts der großen Konkurrenz zwischen den Originalverlegern und Nachdruckern nahmen Erstere in den verschiedenen Ausgaben „Verbesserungen“ vor, welche die Vollständigkeit, Typografie, Ausstattung, die Illustrationen und verständlicherweise auch den Preis betreffen konnten. Etwas aus dem Gesamtrahmen des Themas fallen die Beiträge von Simon Portmann (Universität Trier) und Jenss Eriksson (Universität Uppsala). Am Beispiel des Karlsruher Nachdruckers Christian Gottlieb Schmieder erläutert Portmann die komplexe rechtliche Situation und die Frage der Gültigkeit von Druckprivilegien im Alten Reich. Eriksson geht von den 1783 bei Trattner verlegten trigonometrisch-logarithmischen Tafeln des österreichischen Offiziers und Mathematikers Georg von Vega (1754–1802) aus und spricht so die Bedeutung Trattners als Wissenschaftsverleger an, wendet sich dann aber vor allem „dem sich wandelnden Begriff von Autorschaft in der Wissenschaft um 1800“ zu. Er führt die Entwicklung bis zum Erfinder der ersten mechanischen Rechenmaschine, Charles Babbage (1791–1871), fort.

Johann Thomas Trattner, der zeitweilig als einer der reichsten Männer der Habsburger Monarchie galt und einem Ondit zufolge „das schönste Haus, die schönste Frau und die größte Buchhandlung in Europa“ besaß, ist in der Buchwissenschaft durchaus präsent. Die Breite der in dem Tagungsband abgehandelten Themen, vor allem aber die Einbeziehung großer Teile der Habsburger Monarchie, unterstreichen noch einmal, dass Trattner ebenso wenig nur der übelbeleumundete, hemmungslose Nachdrucker und Ausbeuter ausländischer Literatur war wie der Lichtbringer der Kultur für weite Teile des Habsburgerreiches. Salopp ausgedrückt war er so etwas wie ein Vorläufer der modernen Medienzaren.

Hingewiesen sei noch auf die Wiedergabe zahlreicher Titelblätter und Kupferstiche, deren Lesbarkeit trotz starker Verkleinerung durchaus befriedigend ist. Ein Register und ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren wären wünschenswert gewesen.

Online erschienen: 2021-04-14
Erschienen im Druck: 2021-04-26

© 2021 Peter Vodosek, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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