Open Access Published by De Gruyter April 14, 2021

Korotin, Ilse; Stumpf-Fischer, Edith (Hrsg.): Bibliothekarinnen in und aus Österreich: Der Weg zur beruflichen Gleichstellung. (BiografiA. Neue Ergebnisse der Frauenbiografieforschung, 25). Wien: Praesens Verlag, 2019. 791 S., Illustrationen, Broschur. ISBN 978-3-7069-1046-0. 47,70 €

Peter Vodosek

Die beiden Herausgeberinnen haben sich um die Frauenforschung in Österreich, insbesondere zur Frauenarbeit in Bibliotheken außerordentlich verdient gemacht. llse Karotin leitet die Dokumentationsstelle Frauenforschung am Institut für Wissenschaft und Kunst in Wien, einer außeruniversitären Forschungseinrichtung. Sie ist für das Projekt biografiA Biografische Datenbank. Lexikon österreichischer Frauen zuständig. Zeitlich noch weiter zurück reicht das Engagement von Edith Stumpf-Fischer. Sie begann ihre bibliothekarische Laufbahn 1968 an der Österreichischen Nationalbibliothek als Fachreferentin für Klassische Philologie und Archäologie. 1973 wechselte sie in das Ministerium für Wissenschaft und Forschung/Abteilung für das wissenschaftliche Bibliotheks-, Dokumentations- und Informationswesen, der sie von 1981 bis 1995 vorstand. Während ihrer Amtsführung erfuhr das wissenschaftliche Bibliothekswesen einen beachtlichen Modernisierungsschub. International bekannt wurde sie unter anderem durch ihre Arbeit in der IFLA, vor allem in der Section Education and Training. Hingewiesen sei noch auf ihre Mitautorschaft bei den beiden Bänden Österreichischer Bibliotheksbau 1 (1992) und 2 (1986).[1] Mit ihrem Eintritt in den Ruhestand begann ihre Beschäftigung mit frauenbiografischen Forschungsprojekten. Der Boden für ihre Aktivitäten wurde schon ab 1989 von der damaligen Vereinigung Österreichischer Bibliothekare (VÖB) bereitet, die eine Arbeitsgruppe Frauen initiierte, welche schließlich in die aktuelle Kommission für Genderfragen mündete.

Von 2010 bis 2014 unterstützte der Jubiläumsfond der Österreichischen Nationalbank das Forschungsvorhaben biografiA, das sich zur Aufgabe machte, am Beispiel der Berufsgruppe der Bibliothekarinnen den Weg zur beruflichen Gleichstellung von Frauen in Östereich aufzuzeigen. Edith Stumpf-Fischer war die Projektleiterin, die Programmkoordination hatte Ilse Korotin inne. Die Ergebnisse werden nun in der vorliegenden Dokumentation und in der Datenbank biografiA mit ihren über 1 000 Datensätzen präsentiert.[2]

Die Dokumentation besteht aus zwei Teilen. Der Aufsatzteil macht etwa zwei Drittel, der biografische ein Drittel des voluminösen Bandes aus. Thematisch wird ein breites Spektrum von Bibliotheken berücksichtigt: die Nationalbibliothek, wissenschaftliche Allgemeinbibliotheken, Universitäts- und Hochschulbibliotheken, Schulbibliotheken Spezialbibliotheken, Behördenbibliotheken und ebenso auch Volksbüchereien bzw. Öffentliche Bibliotheken in kommunaler oder kirchlicher und in der Trägerschaft der Arbeiterbewegung. Unter zeitlichem Aspekt wurde die bisher älteste Bibliothekarin, eine ,,Armaria“ des Frauenklosters Admont namens Adlheit aus dem 12. Jahrhundert, aufgespürt. Aus dem 17. und 18. Jahrhundert finden sich weitere Beispiele aus der Historie. Verständlicherweise beginnt der eigentliche Zeitrahmen erst mit dem Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts, denn die Professionalisierung des Berufes setzte erst verhältnismäßig spät ein. Dabei hatten Frauen bekanntlich ungleich höhere Barrieren zu überwinden als ihre männlichen Kollegen. Es ist sehr zu begrüßen, dass die Lebensläufe nicht isoliert dargestellt, sondern in der überwiegenden Anzahl der Fälle mit der Geschichte der einzelnen Bibliotheken verknüpft werden. Nur so lässt sich die Tätigkeit von Frauen in den Kontext der Professionalisierung des „Bibliothekswesens in Österreich im 20. Jahrhundert einordnen und folgerichtig interpretieren“ (S. 320).

Wenn wir uns nun dem ersten Teil zuwenden, hatte der Rezensent unter den 21 unterschiedlich langen Beiträgen von etwa 10 bis knapp 60 Seiten die Qual der Wahl. Einige wenige Kapitel mit übergreifenden Themen, die nicht einzelnen Bibliotheken oder Bibliothekstypen gewidmet sind, sollen hier aufgelistet werden:

  1. Das Amt der Bibliothekarin in Frauenklöstern: eine Spurensuche von den Anfängen bis zu den Klosteraufhebungen unter Joseph II. im Gebiet des heutigen Österreich (Ingrid Roitner)

  2. Weibliche Bibliothekarstätigkeit um 1900. Eine Spurensuche im „Adressbuch der Bibliotheken der Oesterreich-ungarischen Monarchie" (Christine Kanzler)

  3. Bibliothekarinnen im Exil. Ein Überblick (Susanne Blumesberger)

  4. In Bewegung. Bibliothekarinnen in der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare VÖB (Barbara Unterberger)

  5. Bibliothekarinnen und die EDV-Anwendung. Klischee und Wirklichkeit. EDV­Expertinnen an der Österreichischen Nationalbibliothek und an österreichischen Universitätsbibliotheken (Sigrid Reinitzer)

  6. Frauen in der bibliothekarischen Ausbildung (Heidi Zotter-Straka)

  7. Die Bibliothekarin in der österreichischen Literatur und im Film (Gerda Königsberger)

Nach der Lektüre dieses ersten Teiles ist man überrascht über die Fülle der Details und die Ergebnisse der Recherchen, die überdies in lesbare Texte eingebracht wurden. Die Informationen über den mühsamen Weg zur beruflichen Gleichstellung erweitern den bisherigen Kenntnisstand und regen hoffentlich zu weiteren Forschungen an. An dieser Stelle soll ergänzend darauf hingewiesen werden, dass der von Eduard Reyer (1849–1914) im Jahr 1897 gegründete Verein „Central-Bibliothek“ in Wien ein Netz von Volksbibliotheken aufgebaut hat, das auf seinem Höhepunkt die größte kontinentale Volksbibliothek darstellte. Ganz wesentlich waren an dem Erfolg die Bibliothekarinnen beteiligt. Ab der Gründung bis 1903 wurden ausschließlich Frauen, insgesamt 40, eingestellt. Die operative Leitung lag in den Händen von drei Schwestern. Reyer wurde übrigens im März 1900 vom „Österreichischen Verein für Bibliothekswesen“, dem Vorläufer der VÖB, wegen seiner „aufopfernden Tätigkeit" zum Ehrenmitglied ernannt.[3]

Ohne das Verdienst der Autorinnen zu schmälern, sollen doch einige Unebenheiten angesprochen werden, so wenn die Genderproblematik Blüten treibt. Gibt es andere als „weibliche Bibliothekarinnen“? Oder ist es nicht eindeutig genug z. B. von Hermine Weinberger zu sprechen, so dass ein „Frau“ Hermine Weinberger verwendet werden muss, um das Geschlecht kenntlich zu machen? Männer stehen so gut wie immer „nackt“ da, will heißen ohne den Zusatz „Herr“. Über die Klassifizierung Rainer Maria Rilkes als „altösterreichischer Schriftsteller“ hätte er sich selbst vermutlich gewundert, wenn man bedenkt, dass er den Großteil seines Lebens an Orten wie München und Berlin, Worpswede, Paris, Duino und Muzot verbracht hat.

Weit weniger enthusiastisch stimmt der zweite, biografische Teil. Formal wäre es wünschenswert gewesen, die einzelnen Texte stärker einer einheitlichen Struktur zu unterwerfen, die, gegliedert nach Herkunft, Verwandtschaften, Lebenspartnerinnen, Kinder, Ausbildungen, Werke in Ansätzen vorhanden ist. Ihre Länge ist sehr unterschiedlich, was bei Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Quellen verständlich ist, oft aber nur der Auskunftsfreudigkeit der Interviewten geschuldet sein dürfte. Dass in einem Einzelfall eine „Auswahl“ der Werke an die zehn Seiten in Anspruch nimmt, ist überzogen, auch wenn man bedenkt, dass teilweise auch ganz darauf verzichtet wird. Ferner zeigt sich ein methodisches Problem. Zweifellos kann man bei Zeitzeugen im Sinn von Oral History auf Unterredungen, Interviews und Auskünfte nicht verzichten. Nicht selten hört man aber aus berufenem Mund den Satz „Der Zeitzeuge ist der natürliche Feind des Historikers“. Wer selbst an Oral-History-Projekten beteiligt war wie der Rezensent, weiß worauf er anspielt. Man muss kein Schelm sein und Arges dabei denken. In den vorliegenden Fällen handelt es sich oft nur um eine Dokumentation des nicht Wissenswerten oder um allzu Persönliches. Muss eine Kollegin als „mütterlich-froh“ oder „fraulich-heiter“ beschrieben werden oder dass eine Kollegin sich einen Pagenkopf als äußeres Zeichen zulegte (würde man wohl mitteilen, dass ein Kollege sich einen Bart wachsen ließ)? Es ist natürlich schön, wenn eine Kollegin gern Tennis spielt, wieder mit Klavierspielen begonnen hat oder in einem Chor singt. Muss man aber erfahren, dass eine Kollegin sehr mit dem Rektor befreundet ist, „innige“ Beziehungen unterhält oder liebevoll (wie sonst?) den Vater pflegt, auf gesunde Ernährung achtet, die Schwester „Private“ ist oder die Enkelin am Burgtheater? Was trägt es zur beruflichen Gleichstellung bei, wenn in der Wohnung die Wände mit Büchern bedeckt sind oder wenn rühmend hervorgehoben wird, man glaubt es kaum, jemand „auf die Benutzer zugeht“. Aus Letzterem müsste man geradezu schließen, dass es die anderen nicht tun.

Diese kritischen Anmerkungen sind keineswegs maliziös gemeint, sondern entspringen der Sorge, dass durch derartige Details bzw. Formulierungen klischeehafte Vorurteile sozusagen wieder durch die Hintertür eingeführt werden. Frauen sind nun einmal mütterlich, liebevoll, heiter und froh. „Wer aber [...] hat das warme Gefühl und Mitfühlen können, die rasche leicht bewegliche Phantasie, den strebsamen Geist, das lebhafte Pflichtgefühl von der Natur selbst als ureigenste Gaben mitbekommen: Die Frau“. ,,Das starke persönliche Empfinden der Frau, ihre leichte Anpassungsfähigkeit, ihr praktischer Blick und ihre schnelle Auffassungsfähigkeit machen sie von Natur aus für diese Arbeit befähigt; dazu kommt, daß das mütterliche Gefühl, das in jeder Frau, auch der jüngsten, schon steckt, [...] leichter das Vertrauen der Leute gewinnt“, so las man schon 1907 und 1908 aus der Feder von Frauen.[4] Wenn Frauen diese wunderbaren Eigenschaften angeblich bereits von der Natur geschenkt erhalten haben, die Männer offensichtlich nicht, warum sie dann noch besser entlohnen?

Aber im Ernst, es ist selbstverständlich, angesichts eines Themas wie berufliche Gleichstellung die Besoldungs- bzw. Einstufungsproblematik mit ihren lange Jahre hindurch geradezu himmelschreienden Benachteiligungen – unter anderem kein gleicher Lohn für gleiche Arbeit – anzusprechen und in jedem Einzelfall anzuprangern. Ob aber jede Veränderung in den Amtstiteln oder Berufsbezeichnungen penibel nachgewiesen werden muss, ist anzuzweifeln. Die Anerkennung eines zusätzlichen akademischen Titels Mag. Phil. ist insofern kaum bemerkenswert, weil aufgrund eines Gesetzes von 1971 jeder, der eine Lehramtsprüfung abgelegt hatte, auch rückwirkend berechtigt war, ihn zu führen.[5]

Besonders verdienstvoll ist, dass die Publikation bewusst auch den dunkelsten Seiten der Diskriminierung nachgeht und sie dokumentiert. Die Benachteiligung, Verfolgung, ja Ermordung aus politischen und rassistischen Gründen werden nicht ausgespart. In einer Gegenwart, in der so manche gern wieder diese Vergangenheit zu beschönigen suchen, nachdem es lange genug gedauert hat, bis man sich damit auseinanderzusetzen begann, ist dies den Autorinnen hoch anzurechnen. Dass man aber auch erfährt, wem es gelang, sich ins Exil zu retten, beruflich zu reüssieren, etwa in den USA, zeigt, welches intellektuelle und humane Kapital Österreich verlorenging.

Wenn der Rezensent mit seiner Kritik nicht hinter dem Berg gehalten hat, bedeutet dies keineswegs, dass er die Substanz des Gesamtunternehmens nicht zu würdigen weiß, vielmehr nachdrücklich zur Lektüre auffordert. Im Grunde bedauert er nur, dass eine intensivere redaktionelle Überarbeitung der Texte in Absprache mit den Betroffenen offensichtlich nicht beabsichtigt war. Sie hätte möglicherweise eine breitere Rezeption über Österreich hinaus gefördert.

Online erschienen: 2021-04-14
Erschienen im Druck: 2021-04-26

© 2021 Peter Vodosek, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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