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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter December 8, 2020

Streaming für Forschende

Desiderata aus Sicht des Fachinformationsdienstes für Kommunikations-, Medien- und Filmwissenschaft

Streaming for Researchers
Desiderata from the Perspective of the Specialised Information Service for Communication, Media and Film Studies
Sebastian Stoppe

Universitätsbibliothek Leipzig, Beethovenstr. 6, D-04107 Leipzig

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Zusammenfassung

Der Beitrag erörtert die Entwicklung des Video-Streaming-Marktes und die Bedeutung für Öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken. Dabei geht er auch auf die Spezialisierung bestimmter Anbieter ein. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Streaming von AV-Medien vor allem für Öffentliche Bibliotheken ein wertvolles Zusatzangebot für Nutzende darstellt, für wissenschaftliche Bibliotheken hinsichtlich der Dauerhaftigkeit, Zitierfähigkeit und Nachnutzbarkeit von Ressourcen noch wesentliche Fragen ungelöst bleiben.

Abstract

The paper discusses the development of the video streaming market and its importance for public and academic libraries. It also deals with the specialization of certain providers. In summary, it can be said that streaming of AV media is a valuable additional service for users, especially for public libraries, but for academic libraries essential questions regarding the persistence, citation and subsequent use of resources remain unsolved.

1 Einleitung

Audiovisuelle Medien stellen für die Medienwissenschaft im Allgemeinen und die Fernseh- und Filmwissenschaften im Besonderen Primärquellen dar. Spätestens seit dem Aufkommen von YouTube im Jahre 2005 und erst recht mit dem Boom der (kommerziellen) Video-Streaming-Dienste, aber auch durch den Ausbau der öffentlich-rechtlichen Mediatheken müsste man eigentlich von goldenen Zeiten der Medienwissenschaft sprechen – waren Primärquellen doch nie so einfach zugänglich wie heute. Jedoch treten mit der einfachen Zugänglichkeit neue Probleme zutage. Der folgende Beitrag möchte aus Sicht des Fachinformationsdienstes für Kommunikations-, Medien- und Filmwissenschaft „adlr.link“ Desiderata aufzeigen und diskutieren.

2 Audiovisuelle Medien als Primärquelle für die Medienwissenschaft

Die Zugänglichkeit der Primärquellen stellte die Medienwissenschaft von Beginn an vor Herausforderungen. Im Gegensatz zu Primärquellen etwa in der Literaturwissenschaft sind Filme und Fernsehsendungen (zumindest in ihrer ursprünglichen Form) fluide. Sie sind zwar nicht nur im unmittelbaren Moment vorhanden, wie das bei Theater- oder Musikdarbietungen der Fall ist (und was deren Wissenschaften ebenfalls vor Herausforderungen stellt). Gleichwohl sind ihre Trägermedien nicht ohne technische Hilfsmittel lesbar, wie das beim Buch der Fall ist. Ihrer Rezeption bedarf es einer kontinuierlichen Wiedergabe des Mediums, um den Inhalt erfassbar zu machen. Hier sind die Filmwissenschaftler lange Zeit im Vorteil gewesen: Ein Film braucht zwar eine technische Projektion (im Normalfall das Dispositiv Kino, wie wir es kennen), konnte aber bereits zu früheren Zeiten angehalten, zurückgespult und immer wieder betrachtet werden.[1] Vorausgesetzt, die Filmstudios hatten ordentlich geführte Archive und besaßen den Willen, ihre Produktionen zu bewahren, so blieben Filme auch nach ihrer Kinozeit verfügbar und damit für die Forschung zugänglich.

Die Fernsehwissenschaft hatte es dagegen ungleich schwerer. In den Anfangsjahren des Fernsehens wurde live gesendet – und damit versendete sich auch das Programm wie eine Theateraufführung. Bis zum Aufkommen der professionellen Magnetaufzeichnung (MAZ) in den 1960er-Jahren waren damit viele Fernsehsendungen für immer verschwunden und der Forschung entzogen, es sei denn, sie wurden parallel auf Film aufgezeichnet. Dies geschah aufgrund der hohen Kosten jedoch nicht für jede Sendung, wenngleich etwa die Krönung Elizabeth II. ein Paradebeispiel für diese Form der Archivierung des frühen Fernsehens darstellt. So ist es nicht verwunderlich, dass auch die Produktionsarchive der Fernsehsender keineswegs eine vollständige Überlieferung ihrer Vergangenheit vorweisen können.

Erschwert wird die Situation dadurch, dass es im Gegensatz etwa zu Frankreich in Deutschland bis heute keine Pflichtexemplar-Regelung für audiovisuelle Medien auf nationaler Ebene gibt und diese – im Gegensatz etwa zu Tonträgern – auch explizit vom Sammelauftrag der Deutschen Nationalbibliothek ausgenommen sind.[2] So haben Forschende heute zwar die Möglichkeit, dass sie im Bereich des öffentlich-rechtlichen Fernsehens eine Vielzahl an Sendungen in den Mediatheken vorfinden, diese aber zumeist nur in einem engen Zeitfenster verfügbar sind und in der Regel nicht zum Download zur Verfügung stehen.[3]

Erst mit der flächendeckenden Verbreitung konsumentenorientierter Aufzeichnungssysteme verbesserte sich die Situation der Medienforschenden. Mit dem Aufkommen von Betamax 1974 und schließlich dem sich durchsetzenden Video Home System (VHS) 1976 gab es die Möglichkeit, auch privat Fernsehsendungen (und damit nicht zuletzt auch Filme) aufzuzeichnen und zu archivieren. So entstanden in den Universitäten bis in die heutige Zeit vielfach „Institutsmediatheken“, die fortan (oft unter fraglichen urheberrechtlichen Bedingungen) für Forschung und Lehre genutzt wurden. Gleichzeitig entdeckten die Filmhersteller die neuen Möglichkeiten der Technik: Der Home-Video-Markt entstand und hatte beiderseitigen Nutzen. Die Filmhersteller ergründeten damit neue Vermarktungspotenziale ihrer Produktionen jenseits der Kino- und/oder Fernsehverwertung. Die Konsumenten konnten nun – analog zu Büchern – eine eigene Sammlung ihrer Lieblingsfilme aufbauen. Und die Forschenden hatten nun in vielen, jedoch längst nicht allen Fällen, einen einfachen Zugriff auf ihre Primärquellen.[4]

3 Audiovisuelle Medien in Bibliotheken

Spätestens in dieser Phase wurden audiovisuelle Medien auch ein Thema für Bibliotheken, wenngleich das Verhältnis zunächst ein ambivalentes war: Diese Medienform schien nicht ganz zu passen zu Einrichtungen, die sich dem Sammeln und Bewahren von textlichen Medien verschrieben haben.[5] Dies drückt sich nicht zuletzt dadurch aus, dass diese Medien lange Zeit in der Katalogisierung geradezu negiert worden sind. Erst 1996 erschien etwa eine RAK-Ausgabe für „Nichtbuchmaterialien“[6] und selbst 2015 bei der Einführung von RDA standen die Besonderheiten der Katalogisierung von AV-Medien nicht im Fokus.[7] Außerdem entstanden mit Videotheken kommerziell orientierte Marktteilnehmer, die den Konsumenten gegen Entgelt Videokassetten und später DVDs vermieteten.

Nichtsdestotrotz erweitern viele (zunächst vornehmlich Öffentliche) Bibliotheken ihren Sammelauftrag und nehmen seit einigen Jahrzehnten audiovisuelle Medien in ihre Bestände auf. Dabei lag zu Beginn ein besonderer Fokus auf Filmwerke abseits des Mainstreams, auf genau diejenigen Filme, die durch Videotheken nicht (gewinnbringend) vermarktet werden konnten.[8] „Einige Bibliotheken, darunter die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, haben bedeutende Filmsammlungen aufgebaut und sind darüber hinaus Pflichtexemplar-Empfänger von audiovisuellen Medien. Sie sammeln und erschließen die audiovisuellen Überlieferungsträger. So sind in Deutschland bedeutende Filmsammlungen in Bibliotheken entstanden, die einer breiten Öffentlichkeit freien Zugang zum Filmerbe bieten und auch Bedeutung als Kulturerbe erlangt haben.“[9] Dies bringt den Vorteil, dass diese Medien dauerhaft und – gerade bei Nischenbeständen – im Gegensatz zu privaten Sammlungen öffentlich zugänglich sind. Die Überprüfbarkeit von Forschungsergebnissen wird dadurch in manchen Fällen überhaupt erst möglich. Bei Öffentlichen Bibliotheken verschiebt sich der Fokus aufgrund ihres Sammelauftrags in die Richtung, dass Nutzenden hier ein größeres Angebot zur Bildung und Unterhaltung geboten werden kann. Tatsächlich zählen die audiovisuellen Medien in diesem Segment zu den am stärksten nachgefragten Beständen.[10]

Dass nun mit der Verfügbarkeit von Breitband-Internetzugängen und dem Aufkommen von kommerziellen Video-Streaming-Diensten auch Bibliotheken in diesem Markt verstärkt aktiv werden, ist grundsätzlich zu begrüßen. Analog zum Ausbau von E-Book-Beständen ermöglicht das Video-Streaming-Angebot einen einfachen und schnellen, dazu vor allem örtlich ungebundenen Zugang zu Medien – unabhängig davon, ob dies eher der Bildung und Unterhaltung (Öffentliche Bibliotheken) oder eher der Forschung (wissenschaftliche Bibliotheken) dient. Bibliotheken können es sich schlichtweg nicht leisten, diesen Markt nicht zu bedienen. Längst ist Video-Streaming ein alltägliches Geschäft: „41 Prozent der Bevölkerung nutzen auf Basis der Tagesreichweite Inhalte des medialen Internets“,[11] also den Konsum von audiovisuellem Material in Mediatheken, Videoportalen und bei Streaming-Anbietern. Im Bereich der 14- bis 29-Jährigen sind es sogar 78 Prozent, die mediale Angebote online nutzen.[12] Insofern ist man es „als Nutzerin und Nutzer einer Öffentlichen Bibliothek [...] mittlerweile gewohnt, einen nicht unbeträchtlichen Teil des medialen Angebotes der Bibliothek in digitaler Form nutzen zu können.“[13]

4 Dynamischer Markt

Der Video-Streaming-Markt ist ein junger und damit dynamischer Markt, allein im kommerziellen Bereich konkurrieren in Deutschland über 40 verschiedene Anbieter.[14] Hier sind als Marktführer vor allem Netflix, Prime Video und Disney+ zu nennen, daneben kommen noch Anbieter wie DAZN oder Sky, die ihren Fokus verstärkt auf die Übertragung von Live-Events wie Sport legen. Hinzu treten die Angebote der öffentlich-rechtlichen Mediatheken, der Mediatheken der Privatsender (wie z. B. TV Now und Joyn) und Portale wie YouTube, die einen kostenfreien, jedoch oftmals mit Werbung monetarisierten Zugang zu Content bieten.

Zu diesen Anbietern gehören ebenfalls verschiedene Streaming-Anbieter, die sich von Beginn an auf den Vertrieb ihres Contents durch Bibliotheken spezialisiert haben wie etwa AVA, Filmfriend,[15] Kanopy, Medici.tv oder Proquest Academic Video Online.[16]

Alle diese Anbieter produzieren eigene Inhalte und/oder lizenzieren Inhalte von anderen Rechteinhabern, was dazu führt, dass zum einen ein erheblicher Rechercheaufwand nötig ist, um festzustellen, ob und wo ein Filmwerk im Video-Stream zur Verfügung steht. Zum anderen bringt die Vielzahl an Anbietern die Bibliotheken in die missliche Lage, für ein tatsächlich umfassendes Angebot auch Inhalte mehrerer Video-Streaming-Anbieter gleichzeitig zu lizenzieren. Nur dann wird „der Bibliotheksausweis als ein ‚Sesam, öffne dich!‘ zum Streaming eines umfangreichen Angebots an Filmen“[17] eben nicht mehr Zukunftsmusik sein.

Aus Sicht speziell von Forschenden ist die Situation dennoch nicht eine befriedigende. Wenngleich die Lizenzierung von Video-Streaming-Angeboten durch Bibliotheken einen großen Schritt bedeutet und Vorteile wie der ortsungebundene Zugang und die Unabhängigkeit von bestimmten Abspielgeräten nicht von der Hand zu weisen sind, gibt es speziell für wissenschaftliche Bibliotheken weitere Anforderungen an ihren Bestand und gerade auch für Primärquellen, an denen (unter Umständen für längere Zeit) geforscht werden sollen: Die Vielfalt der Anbieter, die Frage nach einem dauerhaften Zugang und die Möglichkeit von Kopien können in diesem Kontext problematisch werden.

5 Dauerhafter Zugang?

Im Gegensatz zu physischen Trägermedien, die (vorbehaltlich der Aussonderung) grundsätzlich dauerhaft in Bibliotheken zur Verfügung stehen, stellt sich bei Video-Streaming-Angeboten die Frage nach der Lizenzdauer. Ähnlich wie bei E-Book-Lizenzen erwerben Bibliotheken hier eben keine tatsächlichen Medien, die dann vollständig in ihren Besitz übergehen. Stattdessen wird eine zeitlich begrenzte Lizenz des Zugriffs auf das jeweilige Streaming-Angebot erworben. Eine weitere Einschränkung ist, dass die Anbieter selbst wiederum nur zeitlich begrenzte Lizenzen erwerben, sodass Content eben nicht dauerhaft verfügbar bleibt. In der Regel gibt es bei einer laufenden Lizenz keine Garantie auf ein stabiles Angebotsportfolio. Je nach Anbieter ist es zudem schwierig, einen Überblick über das gesamte Angebot zu erhalten. Hier sind zwar die auf Bibliotheken spezialisierten Anbieter insofern Vorreiter, dass sie komfortable Suchfunktionen für ihr Angebot vorhalten. Dies fehlt jedoch wiederum bei kommerziellen Mainstream-Anbietern. Hinzu kommt, dass die Suche nur innerhalb eines Angebots möglich ist. Nutzende fehlt es somit wesentlich an Orientierung im Streaming-Markt.[18]

Ein prominentes Beispiel im kommerziellen Marktbereich ist etwa der Markteintritt von Disney mit seinem eigenen Video-Streaming-Portal Disney+. In Folge des Starts verlängerte Disney Lizenzen seines Contents mit dem nun als Konkurrenz auftretenden Unternehmen Netflix nicht mehr. Die betroffenen Filme waren somit zwar nicht von der Streaming-Bildfläche „verschwunden“, jedoch mussten sie nun über eine weitere Anbieterlizenz zusätzlich erworben werden.

Auch bei frei zugänglichen Angeboten wie den öffentlich-rechtlichen Mediatheken ist die Verweildauer von Inhalten, wie schon angesprochen, keineswegs dauerhaft. Dasselbe gilt selbst für Eigenproduktionen von Anbietern, bei denen ebenfalls keine Garantie existiert, dass diese dauerhaft auf einer Plattform verbleiben. Erschwerend kommt hinzu, dass Nutzende bei manchen Anbietern mitunter gar keine Information erhalten, ob eine Lizenz zeitlich befristet ist und wann eine Lizenz endet. Dies mag für Nutzende Öffentlicher Bibliotheken weniger problematisch sein, wenn jene diese Angebote hauptsächlich zur Unterhaltung nutzen. Bei Forschenden kann diese Praxis jedoch weitreichenden Auswirkungen haben, etwa wenn bei langlaufenden Forschungsprojekten Teile des Untersuchungskorpus wegen auslaufender Lizenzen nicht mehr verfügbar sind. Offen ist auch die Frage, wie zukünftig sichergestellt sein kann, Forschungsergebnisse nach ihrer Veröffentlichung überprüfen zu können. Mit dem Vorhandensein von physischen Trägermedien entweder in Bibliotheken oder in Archiven ist eine Überprüfung anhand der Quelle auch noch Jahre später prinzipiell möglich. Wenn Arbeiten über z. B. Eigenproduktionen von Netflix entstehen, welche nach einigen Jahren möglicherweise nicht mehr im Video-Stream verfügbar sind und für die keine physische Ausgabe existiert, dann sind diese ursprünglichen Quellen für weitere Forschungen und für Überprüfungen nicht mehr verfügbar.

6 (Privat-)Kopien

Auch Kopien sind bei Streaming-Angeboten teilweise nur schwer zu realisieren.[19] Es ist verständlich, dass die Anbieter sich hier (gerade, weil es sich um digitale Medien handelt) gegenüber illegalen Kopien schützen möchten und dies durch striktes Digital Rights Management (DRM) realisieren. So können Inhalte von Prime Video oder Netflix, aber auch von Kanopy nur durch entsprechend ausgestattete Browser abgerufen werden. Diese Einschränkung macht es erforderlich, dass für ein Quellenstudium ein ununterbrochener Internetzugang zur Verfügung steht. Zwar versuchen Anbieter wie Netflix diesem Problem zu begegnen, indem sogenannte Offline-Streamings angeboten werden, die auch dann angesehen werden können, wenn keine Internetverbindung besteht. Jedoch bleibt eine DRM-Verschlüsselung bestehen und Nutzende müssen proprietäre Apps der Anbieter verwenden, um Zugang zu erhalten.

Andererseits verschlüsseln Anbieter wie etwa die öffentlich-rechtlichen Mediatheken ihre Inhalte grundsätzlich nicht. Hier ist es prinzipiell möglich, durch Auslesen der Video-URL eine Kopie der Streaming-Datei auf dem eigenen Gerät anzulegen bzw. werden manche Inhalte ganz offiziell auf den Seiten der Mediatheken zum Download angeboten. So ist es insbesondere Forschenden möglich, einen Offline-Untersuchungskorpus anzulegen.

7 Desiderata aus Sicht von Forschenden

Wo liegen die Potentiale zur Verbesserung der Streaming-Angebote speziell im Bereich der Wissenschaft? Im Wesentlichen lassen sich drei Punkte ausmachen:

  1. Transparenz der InhalteEin einfacher Zugang zu elektronischen Ressourcen sollte in Bibliotheken dadurch realisiert werden, dass Anbieter standardmäßig Metadaten ihres Angebots zur Verfügung stellen. Im Bereich der E-Books wird dies von praktisch allen Anbietern so gehandhabt, sodass Bibliotheken diese Daten in ihre Kataloge übernehmen können und Nutzende einen einfachen und transparenten Zugang zu den Inhalten erhalten. Video-Streaming-Anbieter, die sich auf Bibliotheken spezialisiert haben, bieten ebenfalls häufig bereits Metadaten an. Gerade im Bereich der Mainstream-Anbieter wie Netflix oder Prime Video sollte es jedoch möglich sein, spezielle Angebote für Bibliotheken zu schaffen und dementsprechende Metadaten zur Verfügung zu stellen. Dies beseitigt das Problem einer aufwändigen Recherche, bei welchem Anbieter welcher Content verfügbar ist, wenn alle Metadaten unter einer Bibliothekskatalogsoberfläche durchsuchbar sind. Letztlich sollten sich die öffentlich-rechtlichen Mediatheken dieser Problematik annehmen und Bibliotheken entsprechend aufbereitete Daten zur Verfügung stellen. Der Fachinformationsdienst „adlr.link“ weist bereits jetzt die jeweils aktuellen Bestände der öffentlich-rechtlichen Mediatheken in seinem Katalog nach, sodass hier bequem und einfach nach Sendungen recherchiert werden kann und aus dem Katalog direkt ein direkter Zugang zu den jeweiligen Mediatheksseiten und den Videodateien besteht (Abb. 1). Doch fehlen ausführliche Angaben zu den jeweiligen Ressourcen seitens der Sender, sodass die Datenqualität eingeschränkt bleibt (Abb. 2). Verbunden mit der Bereitstellung von Metadaten wäre die Vergabe von persistenten Identifikatoren für audiovisuelle Medien sinnvoll. Gerade im Hinblick auf die Zitierfähigkeit erhöht dies die Akzeptanz bei Forschenden, wenn diese bei Quellen auf einen persistenten Identifier verweisen können.

Abb. 1 Ergebnisliste nach einer Suche über Mediatheksinhalte in „adlr.link“
Abb. 1

Ergebnisliste nach einer Suche über Mediatheksinhalte in „adlr.link“

Abb. 2 Detailanzeige der Metadaten und Zugangsmöglichkeiten von Mediatheksinhalten in „adlr.link“
Abb. 2

Detailanzeige der Metadaten und Zugangsmöglichkeiten von Mediatheksinhalten in „adlr.link“

  1. Vorübergehende vs. dauerhafte LizenzierungInsbesondere wenn Streaming-Anbieter sich auf Angebote für Bibliotheken spezialisieren, sollten Möglichkeiten der dauerhaften Lizenzierung eröffnet werden. Im E-Book-Bereich hat sich eine Vielzahl von Modellen entwickelt, um aus einem großen Angebot zielgenau denjenigen Content herauszusuchen, der benötigt wird. Dies mag für Öffentliche Bibliotheken, deren Bestandrotation mitunter größer ist, weniger interessant sein, ist aber für wissenschaftliche Bibliotheken umso wichtiger. Denkbar wären hier etwa Patron-Driven-Acquisition- oder Evidence-Based-Selection-Modelle, wo Bibliotheken innerhalb eines Lizenzzeitraums Zugriff auf das gesamte Angebot eines Anbieters haben, sich zugleich entweder zum Kauf von einzeln nachgefragten Inhalten oder zum Kauf in Höhe einer festgelegten Summe des meistgenutzten Contents verpflichten. Die erworbenen Medien müssen dann jedoch dauerhaft verfügbar sein, was ebenso – analog zu E-Books – über die Plattform des jeweiligen Anbieters geschehen kann. Der Vorteil wäre hier, dass der Forschungscommunity genau wie bei einer physischen Kopie dauerhaft Zugang zu einer Ressource gewährt wird und Bibliotheken gleichzeitig gezielt weiterhin Bestandsaufbau betreiben können, ohne nur der Mittler von zeitlich begrenzten Lizenzen zu sein.[20] Für Video-Streaming-Anbieter besteht somit die Möglichkeit, mittels DRM auch weiterhin der Erstellung illegaler Kopien entgegenzuwirken.

  2. Download von AngebotenBibliotheken und Video-Streaming-Anbieter sollten Möglichkeiten erörtern, ob im Falle von Content, bei dem eine dauerhafte Lizenzierung nicht möglich ist, stattdessen Downloads ermöglicht werden, um so eine längerfristige Nutzung durch Forschende zu erreichen. Diese lokalen Kopien müssten jedoch DRM-frei sein, um mit nicht-proprietärer Software lesbar zu sein. Natürlich greift diese Forderung erheblich in die Urheberrechte der Anbieter und Hersteller ein. Auf der anderen Seite sehen wir, dass etwa im E-Book-Bereich die Akzeptanz von E-Book-Downloads mit DRM schwierig ist. In diesen Fällen wird etwa der temporäre Download eines E-Books erlaubt, das mit spezieller Software für einen gewissen Zeitraum lesbar bleibt und sich nach Ablauf gewissermaßen selbst „zerstört“. Eine solche Möglichkeit wäre für Nutzende hinnehmbar, die den Content nur zu Unterhaltungszwecken und nur für einen bestimmten Zeitraum nutzen wollen. Wenn zu Forschungszwecken Primärquellen aus dem Video-Stream genutzt werden sollen, dann wäre zu überlegen, ob nicht diese DRM-freien Kopien zumindest als Forschungsdaten in entsprechenden Repositorien, etwa im Rahmen der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur, hochgeladen werden können. Die Repositorien sehen ausdrücklich vor, dass bestimmte Forschungsdaten für den allgemeinen Zugriff gesperrt werden können, etwa aus Gründen des Datenschutzes. Urheberrechte wären des Weiteren ein zutreffender Grund. Der Vorteil wäre, dass unabhängig von der weiteren Entwicklung eines Streaming-Portals oder der dauerhaften Zugänglichkeit von Content, zumindest die für ein konkretes Forschungsprojekt genutzten Quellen dauerhaft archiviert sind und so für spätere Überprüfungen in engen Grenzen zur Verfügung stehen.

8 Fazit

Grundsätzlich ist es zu begrüßen, dass Bibliotheken auch im aufkommenden Video-Streaming-Markt aktiv sind und entsprechende Vereinbarungen mit Anbietern treffen, die ihren Nutzenden zugutekommen. Die Entwicklung im E-Book-Segment zeigt, dass sich Urheberrechte, wirtschaftliche Interessen von Anbietern und Bedarfe von Bibliotheken keineswegs ausschließen. Diese Erfahrungen sollten Bibliotheken nun nutzen, um bei Video-Streaming-Angeboten entsprechende Desiderate besonders im Hinblick auf die Forschungscommunities anzusprechen und Lösungen zu entwickeln. Langfristig kann so dazu beigetragen werden, dass auch in der digitalen Welt möglichst viel Content langfristig erhalten und der Kern von Bibliotheksarbeit – Sammeln und Bewahren – auch im digitalen Zeitalter bestehen bleibt.

Über den Autor / die Autorin

Sebastian Stoppe

Universitätsbibliothek Leipzig, Beethovenstr. 6, D-04107 Leipzig

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Online erschienen: 2020-12-08
Erschienen im Druck: 2020-11-30

© 2020 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 30.1.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/bfp-2020-2041/html
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