Anna Bohn and Moritz Mutter

Video-Streaming in Bibliotheken – vom Pilotprojekt zum internationalen Publikum

Film in Bibliotheken und internationale Marktentwicklung

De Gruyter | 2020

Zusammenfassung

Angesichts der disruptiven Veränderungen auf dem Filmmarkt stellt sich für Bibliotheken die Herausforderung, digitale Angebote des Online-Zugangs zu Filmen per Video-Streaming zu entwickeln. Ziel ist, die filminteressierte Nutzerschaft nicht zu verlieren, den Bildungsauftrag wahrzunehmen und soziale Teilhabe zu sichern. Der Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins mit der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) entwickelte gemeinsam mit Partnern aus der Filmindustrie in Pionierarbeit neue Video-Streaming-Angebote für Bibliotheken. Im Rahmen des Projekts Digitale Welten des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB), zu dem die ZLB gehört, konnten zwei Video-Streaming-Angebote erfolgreich starten: Audio Visual Access, abgekürzt AVA in Kooperation mit der reelport GmbH, Köln, und co-finanziert durch das Creative Europe Media-Programm der EU-Kommission, sowie filmfriend in Kooperation mit der filmwerte GmbH, Potsdam. Dank des wachsenden Netzwerks teilnehmender Bibliotheken sind die Video-Streaming-Angebote AVA und filmfriend inzwischen für ein überregionales und internationales Publikum mit Bibliotheksausweis zugänglich.

1 Film in Bibliotheken und internationale Marktentwicklung

Bibliotheken haben sich seit Aufkommen des Home-Video-Markts als Orte des freien Zugangs zu Filmen etabliert. Sie erfüllen Aufgaben der Filmbildung und Filmvermittlung für ein breites und sehr diverses Publikum. Information und Wissen werden in wachsendem Umfang audiovisuell vermittelt, die audiovisuellen Inhalte dabei zunehmend online als Video-Stream konsumiert.

Motivation und zugleich Anlass für die Projekte des Online-Zugangs zu Filmen boten die überaus rasanten medientechnologischen Entwicklungen und disruptiven Veränderungen auf dem internationalen Filmmarkt, die Bibliotheken vor neue Herausforderungen stellen. Die Analyse der allgemeinen Markentwicklung zeigte im internationalen Vergleich einen starken Anstieg von Video-Streaming-Dienstleistungen bei gleichzeitigem Rückgang der Verkaufszahlen von Kaufvideos.[1] Insbesondere jüngere Nutzer sichten vermehrt Filme per Video-Stream und besitzen teilweise kein Abspielgerät mehr für Trägermedien. Zudem sind auf private Nutzung zielende Video-Streaming-Angebote des In- und Auslands u. a. aus lizenzrechtlichen Gründen nicht ohne Weiteres auf Bibliotheken in Deutschland übertragbar. Ein Grund hierfür ist u. a., dass Lizenzen für Filme in der Regel zeitlich und räumlich befristet vergeben werden.

Es stellte sich daher die Notwendigkeit für Bibliotheken, neue digitale Angebote des Online-Zugangs zu Filmen per Video-Streaming zu entwickeln, um die filminteressierte Nutzerschaft nicht zu verlieren, den Bildungsauftrag wahrzunehmen und soziale Teilhabe zu sichern.

2 Filmbibliothek der Zentral- und Landesbibliothek Berlin im Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins

Die Filmbibliothek (Cinemathek)[2] der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB)[3] ist eine der größten frei zugänglichen Filmsammlungen im deutschsprachigen Raum und bietet einen internationalen und vielsprachigen Bestand von Filmen und Serien zu allen Fachgebieten, die mit Bibliotheksausweis ausgeliehen werden können. Die ZLB begann ab 2015 gemeinsam mit Partnern aus der deutschen Filmwirtschaft, Video-Streaming-Angebote speziell für Bibliotheken zu entwickeln, zunächst für Sichtungsplätze in den beiden Standorten der ZLB.

Zu Beginn stand eine Marktsichtung und Evaluierung bestehender Video-Streaming-Angebote im Vergleich mit Nutzernachfrage und Ausleihstatistiken durch Dr. Anna Bohn (ZLB). Als Vorbilder dienten u. a. die Portale alleskino,[4] das EU-Projekt European Film Gateway[5] und die Online Animation Library[6] (OAL), ein Projekt, bei dem die Stadtbibliothek Stuttgart mit dem Internationalen Trickfilm-Festival Stuttgart (ITFS) kooperiert. Als eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen einem Filmfestival und der lokalen öffentlichen Bibliothek inspirierte insbesondere die Online Animation Library die Projekte zum Aufbau von Video-Streaming-Angeboten in Bibliotheken. Die Online Animation Library des Internationalen Trickfilm-Festivals Stuttgart entstand in Zusammenarbeit der Stadtbibliothek Stuttgart und bietet die Möglichkeit, mehrere tausend Animationsfilme zu sichten. Das Projekt gibt den Nutzern der Stadtbibliothek Stuttgart Zugang zum umfangreichen Archiv des Internationalen Trickfilm-Festivals Stuttgart. Die Firma reelport zeichnete sowohl bei dem EU-Projekt European Film Gateway als auch bei der Online Animation Library für den Aufbau der technischen Infrastruktur verantwortlich, so konnte auf Anfrage von Anna Bohn von der Filmbibliothek der ZLB der Kontakt zu reelport geknüpft werden, der 2016 zu einer Zusammenarbeit mit der ZLB bei der Einwerbung von Fördergeldern im Media-Programm der Europäischen Kommission führte.

Ein weiteres Vorbild war das von der Filmwerte GmbH Potsdam entwickelte kommerzielle Video-Streaming-Portal alleskino.de. Judith Galka (ZLB) vermittelte 2015 den Kontakt zwischen der Filmwerte GmbH und der Filmbibliothek der Zentral- und Landesbibliothek Berlin sowie dem Servicezentrum des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins. Dem eigentlichen Start der Pilotprojekte ging eine mehrjährige Phase der Marktanalyse, Sondierungsgespräche, Anbahnung von Kontakten und Entwicklung von Konzepten und Angeboten voraus. Der Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins mit der Zentral- und Landesbibliothek schritt mit der Entwicklung neuer Video-Streaming-Angebote gemeinsam mit Partnern aus der Filmindustrie als Pionier auf dem Markt der Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland mutig voran.[8]

Im Rahmen des Projekts Digitale Welten des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins[7] (VÖBB), zu dem die ZLB gehört konnten zwei Video-Streaming-Angebote in Pionierarbeit entwickelt wurden: Audio Visual Access („audiovisueller Zugang“, abgekürzt AVA) und filmfriend. Die Projekte starteten 2017 erfolgreich als Pilotprojekte und konnten 2019 weiter ausgebaut werden.

Abb. 1 Das Video-Streaming-Portal filmfriend im VÖBBhttps://voebb.filmfriend.de/.

Abb. 1

Das Video-Streaming-Portal filmfriend im VÖBB[8]

3 filmfriend – Filme und Serien mit Bibliotheksausweis streamen

Das Portal filmfriend[9] wurde von der Potsdam-Babelsberger Firma filmwerte GmbH[10] (CEO Andreas Vogel) in enger Zusammenarbeit mit der ZLB und weitergehend dem VÖBB als Pilotprojekt für den Zugang zu Filmen in Bibliotheken per Video-Streaming entwickelt[11] (Abb. 1).

Das Projekt setzte sich zum Ziel, ein attraktives Filmangebot mit modernem werbefreien Design zu bieten. Das Portfolio beinhaltet Produktionen aus den Bereichen Spielfilm und Dokumentation, die sich eines guten Zuschauerzuspruchs in den Kinos erfreuten. In der Rubrik KIDS für Kinder und Jugendfilm sind neben Filmen auch Serien abrufbar. Eine Besonderheit der Bibliotheks-Angebote gegenüber kommerziellen Video-Streaming-Dienstleistern ist der Schutz personenbezogener Nutzerdaten. Bei filmfriend werden Nutzerdaten nur anonymisiert übertragen. 2017 startete das Angebot zunächst als Pilotprojekt im VÖBB[12] und wurde 2019 stark ausgebaut.

2017 wurde der Betreiberfirma von filmfriend zusammen mit dem VÖBB der Innovationspreis Berlin Brandenburg in der Kategorie „Sonderpreis Soziale Innovation“ verliehen. Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, Ph.D. zitierte aus der Begründung der Jury:

„Die Gesellschaft droht zu zerfallen in voneinander abgeschottete sprachliche, kulturelle und soziale Räume. [...] Ansätze, die sich entschieden gegen diese Entwicklung stemmen, finden sich auch unter den Einreichungen. Die Jury sieht darin eine soziale Innovation: Sie öffnet Türen, die sonst verschlossen blieben.“[13]

Das Portal filmfriend, ursprünglich als Pilotprojekt im Land Berlin gestartet, erreicht mittlerweile eine Nutzerschaft in Öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken und zählt im Mai 2020 bereits 168 teilnehmende Bibliotheken in Deutschland und der Schweiz. Ab Juni 2020 werden 15 weitere Bibliotheken an den Start gehen, darunter mit Linz auch die erste Bibliothek aus Österreich.

4 Arthouse- und Kurzfilme im Portal AVA „Audio Visual Access“

Das Projekt AVA konnte mit Co-Finanzierung des Creative Europe Media-Programms der EU-Kommission 2016 erfolgreich in verschiedenen europäischen Ländern starten. Das Programm Kreatives Europa ist das Rahmenprogramm der Europäischen Kommission zur Unterstützung der Kulturbranche und des audiovisuellen Sektors.

Abb. 2 Das Video-Streaming-Portal AVA im VÖBB

Abb. 2

Das Video-Streaming-Portal AVA im VÖBB

Das Portal AVA[14] ist als Public-Private-Partnership mit der Firma reelport als Projektleiter sowie Filmfestivals aus acht europäischen Ländern als Partnern konzipiert, die jeweils mit lokalen Öffentlichen Bibliotheken kooperieren (Abb. 2). Mithilfe des von reelport (CEO Tilman Scheel) unter Mitarbeit der ZLB erarbeiteten Förderantrags gelang es 2016/2017 und 2018/2019, Drittmittel im Media-Programm der Europäischen Kommission im Bereich Audience Development[15] für das Pilotprojekt einzuwerben.[16] Bei der Antragsstellung brachte Anna Bohn von der ZLB die filmbibliothekarischen Aspekte in das Konzept ein. In dem Bereich Publikumsentwicklung (Audience Development) des Programms Kreatives Europa geht es darum, Interesse an europäischen audiovisuellen Werken zu wecken und diese einem breiteren Publikum leichter zugänglich zu machen. Öffentliche Bibliotheken sind aufgrund ihres Bildungsauftrags, ihrer Rolle für die Film- und Medienbildung und ihrer breiten und sehr diversen Nutzerschaft attraktive Partner für den nachhaltigen Zugang zur Vielfalt europäischen Filmschaffens und zur Vermittlung von Filmkompetenz. Angesichts des weit gespannten Netzes Öffentlicher Bibliotheken und damit verbunden ihrer großen Reichweite bilden Bibliotheken in Verbünden potentiell eine bedeutende Marktmacht.

Das Internationale Kurzfilmfestival interfilm Berlin[17] (Festivalproduzent/Geschäftsführer: Alexander Stein, Verleih: Patrick Thülig) firmierte als Partner des Projekts in Berlin. Das Angebot startete im Mai 2017 zunächst auf drei Monate befristet innerhalb der Räumlichkeiten der ZLB. Durch den 2018 geschlossenen Vertrag mit dem VÖBB-Servicezentrum im Rahmen des durch das Land Berlin geförderten VÖBB-Projekts Digitale Welten (Projektleiter: Dr. Moritz Mutter) und die weitere Co-Finanzierung durch die EU konnte das Angebot inhaltlich erweitert und im Design der Plattform vollständig überarbeitet ab Dezember 2018 per Remote Access für alle Berliner mit Bibliotheksausweis des VÖBB verfügbar gemacht werden.[18] Seit Dezember 2019 ist das Angebot an Filmen stark ausgebaut.

Parallel dazu lancierte reelport im November 2019 das pan-europäische Portal AVA EU[19] mit 15 teilnehmenden Bibliotheken aus Portugal, Serbien, der Tschechischen Republik, Finnland, Großbritannien und Irland. Zum Mai 2020 zählt das Portal AVA 24 teilnehmende Bibliotheken bzw. Bibliotheksverbünde in acht Ländern; neben Öffentlichen Bibliotheken bzw. Bibliotheksverbünden wie dem VÖBB sind auch andere Bibliothekstypen vertreten, so z. B. die Universitätsbibliothek Bern und die Serbische Nationalbibliothek Belgrad.

Abb. 3 Filme zum Mai 1945 im Video-Streaming-Portal AVA im VÖBB

Abb. 3

Filme zum Mai 1945 im Video-Streaming-Portal AVA im VÖBB

Mit[19]Bibliotheksausweis des VÖBB online abrufbar, bietet AVA Zugang u. a. zu Kurzfilmen des Internationalen Kurzfilmfestivals interfilm Berlin und zu einer von der Filmbibliothek der ZLB kuratierten Auswahl abendfüllender Spielfilme und Dokumentarfilme des Berliner Verleihs good!movies.[20] Das kuratierte Filmangebot von AVA wird laufend weiter entwickelt. So kooperiert AVA nicht nur bei der Filmauswahl, sondern auch bei der Präsentation der Inhalte mit dem VÖBB. Auf der Plattform wurden thematische Filmsammlungen in Absprache mit der ZLB kuratiert, z. B. eine Berlinale-Kollektion passend zum Themenraum Berlinale im Februar 2019. Anlässlich des 75. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs zeigt AVA im Mai 2020 eine Auswahl von Filmen zum Thema „Mai 1945 erinnern“, darunter preisgekrönte Filme wie IDA (Polen/Dänemark 2013, Regie: Pawel Pawlikowski) oder IM NEBEL (Orig.: V TUMANE, Regie: Sergei Loznitsa) eine internationale Co-Produktion der Länder Deutschland, Russland, Lettland, Weißrussland und Niederlande aus dem Jahr 2012 (Abb. 3). Aktuell sind außerdem Filme zum Fokus Afrika und Lateinamerika oder zum Thema Zeitreisen zu sehen sowie Kurzfilme aller Genres.

Eine Besonderheit des Projekts AVA besteht in der Kooperation von Filmfestivals aus mehreren europäischen Ländern mit lokalen Öffentlichen Bibliotheken bzw. Bibliotheksverbünden. Der arbeitsteilige Workflow sieht im Falle des Video-Streaming-Portals AVA folgendermaßen aus: Die Firma reelport stellt die technische Infrastruktur für die Datenbank bereit und führt Verhandlungen mit Filmverleihern zur Lizenzierung von Filmpaketen. Ein Teil des Filmangebots wurde von der Bibliothek kuratiert: Die Filmbibliothek der ZLB evaluierte Filmlisten, auf deren Basis reelport Lizenzen bei Verleihern einholte. Auch die beteiligten Filmfestivals kuratieren Filmprogramme für das Portal, klären in direktem Kontakt mit den Filmemachern die Rechte und liefern die Metadaten zu den Filmen. Die öffentlichen Bibliotheken bzw. Bibliotheksverbünde lizensieren die Filmpakete und machen die Filme für ein breites Publikum zugänglich.[21]

5 Wie bringt eine Bibliothek bzw. ein Bibliotheksverbund Video-Streaming-Angebote an die Öffentlichkeit?

Der VÖBB hat inzwischen bei zwei Video-Streaming-Diensten – AVA und filmfriend – die Rolle des Pionierpartners übernommen. In beiden Fällen war der VÖBB mit seinen etwa 400 000 Nutzenden und 80 Standorten der erste Partner, mit dem die Angebote tatsächlich an die Endkunden gebracht wurden.

Der Prozess der Entwicklung eines Angebots besteht im Wesentlichen aus drei Schritten, die im Folgenden am Beispiel von filmfriend genauer nachgezeichnet werden sollen:

  1. 1.

    Vertragsverhandlungen und Verteilung der Zuständigkeiten und Aufgaben zwischen den Partnern,

  2. 2.

    Tests der Funktionalität der Portale inkl. Authentifizierung gegenüber dem Bibliothekssystem (Library Management System, LMS),

  3. 3.

    Start des Angebots und Öffentlichkeitsarbeit.

Im Grunde handelt es sich bei der Geschäftsbeziehung zwischen den Partnern um einen Dienstleistungs- und Lizenzvertrag, bei dem die Firmen zum einen die technische Dienstleistung des Betriebs der Web-Plattformen bereitstellen und zum anderen Lizenzen von Filmen einkaufen, die wiederum von den Endkunden genutzt werden. Bei den Filmen von AVA hatte der VÖBB zudem ein weitgehendes Auswahlrecht über die Filme selbst. Bei filmfriend wird der Bestand eher zentral durch die Betreiberfirma ausgewählt, wobei auch hier indirekte Einflussmöglichkeiten bestehen, vor allem über Medienwünsche, die sowohl von Endkunden als auch von den beteiligten Bibliotheken eingebracht werden.

Durch die Position als Pilotpartner wurden dem VÖBB bei filmfriend größere Mitgestaltungsmöglichkeiten bei der technischen und visuellen Ausgestaltung der Portale eingeräumt, als es bei nachfolgenden Bibliotheken der Fall gewesen sein mag. Im Prozess des Tests der filmfriend-Plattform wurden in Zusammenarbeit der Partner zahlreiche große und kleine Anpassungen an das Frontend, die Usability und die funktionalen Elemente des Portals durchgeführt. Dazu ist eine ständige verdichtete Kommunikation zwischen den Partnern in Form von Meetings und Supporttickets nötig, die in Richtung des Startdatums immer weiter zunimmt.

Am 12. Juli 2017 startete filmfriend im Rahmen einer Pressekonferenz des Deutsche Bibliotheksverbands e.V. (dbv) und der ZLB. Durch die exponierte Stellung als Pilotpartner für das erste Bibliotheks-Filmstreaming-Angebot konnten sowohl die Firma Filmwerte als auch der VÖBB in der Folge ein gesteigertes Interesse der Presse verzeichnen, vor allem in Form von Interviewanfragen und Pressemeldungen in Berliner Medien, aber auch deutschlandweit.

Abb. 4 VÖBB Werbekampagne zu digitalen Angeboten 2017

Abb. 4

VÖBB Werbekampagne zu digitalen Angeboten 2017

Im November 2017 machte der VÖBB mit einer für Bibliotheksverhältnisse groß angelegten Werbekampagne weiter aufmerksam auf seine digitalen Angebote, unter anderem auf filmfriend (Abb. 4). Durch die Kampagne konnte eine starke Steigerung der Nutzungszahlen der digitalen Angebote sowie eine große Zahl an neuen Nutzenden erreicht werden. Seit 2016 ist es im VÖBB möglich, sich online anzumelden, wobei die Nutzenden dann bis zur Vorlage eines Personalausweises nur die digitalen Angebote abrufen können. Dadurch hat der VÖBB inzwischen über 16 000 Nutzende, die (bislang) ausschließlich die digitalen Angebote nutzen. So erschließen sich für die Bibliotheken des Verbunds neue Zielgruppen. Denn angesichts der kostenpflichtig auf dem Markt verfügbaren kommerziellen Streaming-Dienste für Musik und Film ergibt sich für Bibliotheken auch ein neuer Auftrag, soziale und digitale Teilhabe zu ermöglichen: Ein Abonnement bei kommerziellen Film- und Musikstreaming-Diensten kostet jeweils ca. 80–120 Euro pro Person und Jahr, ein Bibliotheksausweis des VÖBB zwischen 0 und 10 Euro.

6 Teilnehmeraktivierung und Vermittlung der Angebote

Die neuen Video-Streaming-Angebote wurden auf der Startseite des VÖBB-Katalogs sowie auf Social-Media-Kanälen beworben. Auf das Angebot aufmerksam machten per Twitter und Facebook sowohl die Video-Streaming-Dienstleister filmfriend @filmfriendVOD bzw. AVA @AvaLibrary, als auch die Bibliotheken des VÖBB, darunter die Stadtbibliothek Charlottenburg-Wilmersdorf @StBibCharlowilm, die Stadtbibliothek Berlin-Mitte, die Stadtbibliothek Berlin-Lichtenberg, die Stadtbibliothek Pankow @stbibpankow, die StadtbibliothekenTempelhof-Schöneberg @benoitgadogado und die ZLB @zlb_Berlin.

Moritz Mutter (Servicezentrum des VÖBB) und die Filmwerte GmbH stellten filmfriend auf dem Bibliothekartag 2018 in Berlin mit einem eigenen Stand vor. Auf dem ersten „Berliner Bibliotheksfestival – 20 Jahre VÖBB“ aus Anlass des 20. Jubiläums des VÖBB vom 15./16. September 2019 wurden in öffentlicher Vorführung Filme aus den beiden Video-Streaming-Angeboten gezeigt.

Projektvorstellungen des Portals AVA für das Publikum fanden mit den Kooperationspartnern im Haus Amerika-Gedenkbibliothek der ZLB im Rahmen der Veranstaltungsreihe FORUM FILM im Mai 2017 und im Rahmen des Themenraums Berlinale im Februar 2019 statt. Zur Einführung in die Angebote gab es Beratungen für Nutzer durch das Team Filmbibliothek der ZLB in der Veranstaltungsreihe „Gewusst wie ... in 30 Minuten“. Auf Einladung der Cataloguing Section der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) stellte Anna Bohn am 21. August 2017 das Projekt AVA in der Open Session der Sektion Katalogisierung auf dem IFLA Weltkongress der Bibliotheken WLIC2017 in Breslau vor knapp 500 Teilnehmenden aus Bibliotheken weltweit vor.[21] Auf Einladung der Kurzfilmsektion der Berlinale präsentierte sie am 16. Februar 2018 das Projekt AVA als Fallbeispiel für Video-Streaming in Öffentlichen Bibliotheken bei dem internationalen Experten-Workshop „Online Film Archive“. Der Workshop wurde von ARTE, der Botschaft von Kanada gemeinsam mit Berlinale Shorts im Rahmen der Berlinale in der Botschaft von Kanada veranstaltet und diente dem Erfahrungsaustausch zwischen Filmfestivals, Filmarchiven und weiteren Kulturerbe-Einrichtungen zu Perspektiven der Kooperation beim Online-Zugang zu Filmen. Nach Start des Video-Streaming-Portals AVA für den Zugriff mit Bibliotheksausweis von zu Hause im Dezember 2019 präsentierten Sarah Fallert (reelport) und Anna Bohn (ZLB) das Projekt auf Einladung des Internationalen Filmfestivals Tampere am 8. März 2019 beim Tampere Film Festival[22] in Finnland, und führten zu den Video-Streaming-Angeboten Gespräche in Bibliotheken in Tampere und Helsinki.[23]

7 Kooperationen und Vernetzung

Die Kooperation und Vernetzung von Angeboten mit audiovisuellen Communities wie Filmfestivals, Filmarchiven und Filmverleihern auf lokaler, nationaler, regionaler sowie internationaler europäischer Ebene ermöglicht, unter Nutzung von Synergien und Teilung von Ressourcen gemeinsam ein vielseitiges Angebot aufzubauen, das geeignet ist, die Vielfalt des europäischen Filmschaffens und auch die Vielfalt der Sprachen und Kulturen zu vermitteln. Die Filmfestivals sind in direktem Kontakt zu den Filmschaffenden, ermitteln die beschreibenden Daten zu Filmen und klären die Rechte. Eine verbesserte Vernetzung und der Austausch von Daten wird in Zukunft den Aufbau innovativer Informationsdienstleistungen ermöglichen. Als öffentlich-private Partnerschaften bedeuten die Projekte für Stakeholder in der Politik auch Wirtschaftsförderung von Filmkultur in Europa.

8 Ausweitung des Bibliotheksangebots und Imagegewinn

Die Einführung von Video-Streaming-Angeboten führte zu einem erheblichen Imagegewinn. Dies lässt sich anhand unterschiedlicher Indikatoren messen: am unmittelbarsten anhand des begeisterten Feedbacks der Nutzenden und dem deutlich messbaren Anstieg von Nutzungszahlen und Neuanmeldungen.

Unmittelbar nach Start der Projekte wurden bereits hunderte von Zugriffen auf das Angebot gemessen. Eine Nutzerin schrieb z. B. nach der Einführung von AVA am 10. Januar 2019 an den VÖBB:

„DANKE für dieses großartige, technisch perfekte, sowasvonnotwendige und michglücklichmachenden Projekt. ENDLICH habe ich es gefunden, ich dachte schon so lange dass doch irgendjemand mal ein Angebot abseits von Mainstreamplattformen, analogem Fernsehen und sterbenden Videotheken machen muss.

Nur eins frage ich mich: Warum seid ihr nicht berühmt, werdet in jedem Artikel zum Thema Zukunft des Films genannt? Ich schreibe jetzt gleich eine Massenmail, aber warum finde ich Euch erst durch die Werbung meiner Bibliothek, obwohl ihr die Werbung für öffentliche Bibliotheken sein müsstet?

Also: Chapeau! Danke! Viel Erfolg!“ (Nachricht über Kontaktformular voebb.ava.watch)

Der Imagewinn lässt sich auch an positiver Berichterstattung in den Medien festmachen. In der Presse wurden die neuen Angebote überaus positiv rezensiert. Im Tagesspiegel vom 19.01.2019 schrieb Andreas Busche unter der Überschrift: „Netflix? Gedenkbibliothek!“:

„Die Bibliotheken steuern Richtung Zukunft. [...] Der Kanon der Filmgeschichte gehört heute genauso selbstverständlich in die Bibliotheken wie die Klassiker der Literatur. [...] Die Bibliotheken gehen mit gutem Beispiel voran, sie erkennen die Chancen.“[24]

2019 wurde die ZLB zur Bibliothek des Jahres in Deutschland gekürt. In der Begründung wird auch auf die VÖBB-Streaming-Angebote Bezug genommen; dort heißt es u. a.:

„Als erste deutsche Bibliothek bot sie gemeinsam im Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins den Streamingdienst ‚filmfriend‘ an und mit AVA (Audio Visual Archive) wird nun auch Zugang zu europäischem und internationalem Arthouse-Kino geboten.“[25]

Weniger leicht messbar, aber nicht minder bedeutend ist der Gewinn an Aufmerksamkeit, welche Stakeholder in Kultur, Gesellschaft, (Film-)Wirtschaft und Politik den innovativen Video-Streaming-Angeboten der Bibliotheken entgegenbringen. Die Einführung von Angeboten des Online-Zugangs zu Filmen im Video-Stream ist geeignet, das veraltete Klischee angestaubter Bibliotheken wirkungsvoll zu entkräften und ein Image innovationsfreudiger progressiver Entwicklung der Bibliotheken zu vermitteln.

9 Datenschutz und Datenanalysen

Ein Vorteil der Video-Streaming-Angebote der Bibliotheken AVA und filmfriend ist, wie eingangs bereits kurz erwähnt, die Einhaltung von Datenschutz-Bestimmungen. Im Unterschied zu kommerziellen Video-Streaming-Portalen werden nur sehr begrenzte Nutzerdaten erhoben. Die personenbezogenen Daten verbleiben im Bibliothekssystem. Vom Video-Streaming-Dienstleister wird lediglich die IP-Adresse, Ausweisinhaber ja oder nein und die Altersgruppe geprüft. Letzteres dient dem Jugendschutz.

Bei der Auswertung von Nutzungsstatistiken der Video-Streaming-Angebote sind anonymisierte Abfragen möglich, wie z. B. nach den im Video-Stream verbundweit besonders beliebten Filmtiteln.

So wurden z. B. im Zeitraum eines Jahres, vom 1. Mai 2019 bis 30. April 2020, die populärsten Titel des Portals filmfriend jeweils mehrere hundertmal im VÖBB abgerufen. Der in diesem Zeitraum beliebteste Titel, TAKE THIS WALTZ, eine Liebeskomödie und internationale Koproduktion der Länder Kanada, Spanien und Japan aus dem Jahr 2011 der Regisseurin Sarah Polley, erzielte 832 Aufrufe im Verbund. Unter den Filmtiteln, die mehrere hundert Abrufe erzielten, finden sich Spielfilme deutscher Produktion wie LOVE STEAKS (D 2013, Regie: Jakob Lass) ebenso wie Hollywood-Produktionen wie DALLAS BUYERS CLUB (USA 2013, Regie: Jean-Marc Vallée), Dokumentarfilme wie BERLIN REBEL HIGH SCHOOL (D 2017, Regie: Alexander Kleider) oder WINTER ADÉ (DDR 1988, Regie: Helke Misselwitz) sowie Kinder- und Jugendfilme wie BIBI BLOCKSBERG (D 2002, Regie: Hermine Huntgeburth) oder BIBI UND TINA (D 2014, Regie: Detlef Buck).

Die Statistiken zeigen, dass das Titelangebot in der ganzen Breite genutzt wird und die bunte Vielfalt des kuratierten Filmangebots auf das Interesse des Publikums stößt. Neben der Zahl der Abrufe in Bezug auf die populärsten Filmtitel ist auch die Dauer der insgesamt von allen Abrufen erzielten Abrufzeiten aufschlussreich. Die Statistiken zeigen einen enormen Anstieg der Abrufzeiten im Zeitraum eines Jahres. So ist vom dritten auf das vierte Quartal 2019 beim Portal filmfriend ein Anstieg von 2 522 660 Minuten auf 4 053 251 Minuten zu messen. Dies wurde zum ersten Quartal 2020 noch weiter gesteigert auf 5 651 521 Minuten. In der Zeit der Pandemie-bedingten Schließung der Bibliotheken des VÖBB für das Publikum wurden allein im Monat April 2020 auf dem Portal filmfriend knapp 4 Millionen Minuten Film gestreamt (3 963 780 Minuten).

Auch im Falle der Video-Streaming-Plattform AVA ist in der Zeit der Pandemie-bedingten Schließung der Bibliotheken ein starker Anstieg der Abrufzahlen zu verzeichnen. So erhöhten sich im März 2020 die Zahl der Video-Abrufe um 114,4 % auf 3224 Abrufe und im April um weitere 60,6 % auf 5 177 Abrufe. Unter den auf dem Portal AVA bislang beliebtesten Titeln mit mehreren hundert Abrufen finden sich Spielfilme wie die Coming-of-Age-Geschichte SUBMARINE (GB/USA 2010, Regie: Richard Ayoade) ebenso wie Dokumentarfilme, darunter FOTO: OSTKREUZ (D 2015, Regie Maik Reichert) über die Erfolgsgeschichte der Berliner Fotoagentur „Ostkreuz“, die 1990 von Künstlern aus der ehemaligen DDR gegründet wurde und für die heute Fotografen aus Ost und West tätig sind.

10 Zielgruppenspezifische Angebote für Kinder und Jugendliche

Wie Marktstudien zeigen, ist die junge Nutzerschaft in besonders hohem Maße Streaming-affin.[26] Während sich Video-Streaming-Angebote wissenschaftlicher Bibliotheken vorwiegend an eine erwachsene Nutzerschaft richten, liegt für Öffentliche Bibliotheken ein besonderes Augenmerk auf zielgruppenspezifischen Angeboten für Kinder und Jugendliche. Diese Zielgruppenorientierung stellt besondere Anforderungen beim Zugang zu Video-Streaming-Angeboten in Bibliotheken. Für Öffentliche Bibliotheken stellt sich die Erfordernis, bei der Verfügbarmachung von Filmen im Video-Stream den Jugendschutz durch entsprechende technische Maßnahmen sicherzustellen.

Abb. 5 Die Rubrik KIDS im Portal filmfriend des VÖBB

Abb. 5

Die Rubrik KIDS im Portal filmfriend des VÖBB

Kinofilme werden in Deutschland von der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) der Filmwirtschaft gemäß Vorgabe des Jugendschutzgesetzes mit einer Alterskennzeichnung versehen. Der Abgleich der FSK-Alterskennzeichnung des jeweiligen Films mit dem Alter eines Nutzers gewährleistet, dass z. B. ein Jugendlicher von 14 Jahren mit seinem Bibliotheksausweis keinen Film abrufen kann, der erst ab 16 oder 18 Jahren freigegeben ist.

Bei der Entwicklung von Video-Streaming-Portalen für Bibliotheken sind darüber hinaus neben dem Jugendschutz auch etablierte Standards der Filmbildung und Medienpädagogik zu beachten. So sind Alterskennzeichnungen der FSK nicht identisch mit medienpädagogischen Empfehlungen. Beispielsweise erhielt der unter Regie von Paul Verhoeven 1950 in der DDR gedrehte DEFA-Filmklassiker DAS KALTE HERZ die FSK-Freigabe 0, die Altersempfehlung des deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrums (KIF) lautet indessen ab 8 Jahren. Das Portal filmfriend erlaubt unter der Rubrik KIDS eine facettierte Suche nach Altersempfehlungen des KIF, die nach Altersgruppen gefiltert recherchierbar sind (Abb. 5).

11 Perspektiven kontinuierlicher Weiterentwicklung

Die Beispiele AVA und filmfriend zeigen das Potential von Video-Streaming-Dienstleistungen in Bibliotheken, sich von Pilotprojekten zu Angeboten zu entwickeln, die angesichts des wachsenden Netzwerks teilnehmender Bibliotheken für ein überregionales und internationales Publikum Filme vermitteln können.

Die seit Beginn 2020 virulente Covid-19-Pandemie verstärkt und beschleunigt die ohnehin rasanten medientechnologischen Entwicklungen hin zum Online-Zugang und wirkt daher wie ein Katalysator: Kinos sind über längere Zeiträume geschlossen, Produktionen von Film- und Fernsehserien sind zeitweise unterbrochen, Filmfestivals finden ausschließlich im Video-Stream statt. Die Verwertungskette von Filmauswertungen ist disruptiven Veränderungen unterworfen, Kinofilme werden in der Zeit der Pandemie-bedingten Schließung von Filmtheatern mitunter ohne Einhaltung des bis dato üblichen Zeitfensters zwischen Kinostart und Online-Vertrieb im Video-Stream zugänglich gemacht.

Auch Veranstaltungen wie (Musik-)Theater oder Konzerte sind in wachsendem Umfang im Video-Stream abrufbar, da Bühnen, Opern- und Konzerthäuser auf längere Zeit für das Publikum geschlossen sind. Die enorme Vielfalt der Angebote führt zu einer zunehmenden Unübersichtlichkeit. Hier eröffnen sich für Bibliotheken Perspektiven, durch bessere Vernetzung der Daten und Kooperation mit anderen Kultureinrichtungen den Nutzern künftig Wege durch den Dschungel der Video-Streaming-Angebote zu weisen. Die Nutzerschaft der Bibliotheken könnte über die Vernetzung der Daten mit den im Video-Stream abrufbaren Kulturangeboten gezielt an die Angebote benachbarter Kultureinrichtungen, darunter Philharmonien und Konzerthäuser, Theater und Museen, herangeführt werden.

In Zukunft stellt sich darüber hinaus die Herausforderung, Video-Streaming-Angebote für alle Fachbereiche der Bibliothek anzubieten und Filme aller Sparten zugänglich zu machen, wie dies z. B. in der Filmbibliothek der ZLB im Hinblick auf Trägermedien bereits der Fall ist. Bislang sind allerdings zahlreiche auf Trägermedien veröffentlichte Filme (noch) nicht im Video-Stream verfügbar. Auch in Zukunft werden voraussichtlich bestimmte bei Nutzern stark nachgefragte Filmtitel und Fernsehserien aus Lizenzgründen ausschließlich bei kommerziellen Anbietern im Video-Stream zugänglich sein und können von Bibliotheken lediglich auf Trägermedien für die Ausleihe zugänglich gemacht werden.

Die Kooperation und Vernetzung mit der Stadtgesellschaft ließe sich durch eine Vernetzung von Daten zu weiteren im Video-Stream verfügbaren audiovisuellen Inhalten befördern. Die Suche nach Filmen in Bibliotheken könnte durch Vernetzung von Daten zu audiovisuellen Werken die Nutzer in Zukunft dazu führen, auch Angebote benachbarter Kultureinrichtungen zu entdecken, z. B. aktuelle Kinofilme im Programm der Arthouse-Kinos der umliegenden Kieze. Eine Partnerschaft von Kulturerbe-Einrichtungen mit Öffentlichen Bibliotheken bei der Verfügbarmachung von Video-Streaming-Angeboten könnte auch dazu beitragen, ein breites Publikum für die Angebote von Theatern oder Konzerthäusern zu interessieren. Beispielsweise könnte die Lizenzierung von Produktionen der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker durch Öffentliche Bibliotheken geeignet sein, ein breites Publikum – darunter auch Kinder und Jugendliche – für klassische Musik zu begeistern und den Konzerthäusern neue Nutzergruppen zu erschließen. Video-Streaming-Angebote in Bibliotheken sind also keineswegs als Konkurrenz für reale Aufführungsorte wie Kinos oder Konzerthäuser zu verstehen, sondern als komplementäre Angebote.

Die Kooperation der ZLB mit dem Projekt Digitale Welten, dem VÖBB Servicezentrum und mit externen Partnern setzt sowohl konzeptionell im nationalen und internationalen europäischen Vergleich neue filmbibliothekarische Maßstäbe und ist in der Lage, die Entwicklung auf dem Gebiet des Online-Zugangs zu Filmen aktiv mitzugestalten und die digitale Teilhabe zu befördern.

Die kontinuierliche Weiterentwicklung der digitalen Video-Streaming-Angebote, etwa im Hinblick auf Empfehlungssysteme oder Multilingualität, ist im Zeichen des harten Konkurrenzkampfs auf dem kommerziellen Markt zur Sicherung der Nachhaltigkeit notwendig. Die Erwartungshaltung der Nutzenden ist geprägt von Erfahrungen des Abrufs von Filmen in kommerziellen Video-Streaming-Portalen. So stellen sich auch für die Video-Streaming-Angebote in Bibliotheken Anforderungen an eine fortwährende technische und inhaltliche Weiterentwicklung der Video-Streaming-Plattformen, so z. B. an den Aufbau personalisierter Empfehlungssysteme, um Benutzerkomfort zu bieten.

Abb. 6 filmfriend-App: Mobiles Video-Streaming

Abb. 6

filmfriend-App: Mobiles Video-Streaming

Um auf dem hart umkämpften Video-Streaming-Markt erfolgreich zu bestehen, ist die laufende technische und inhaltliche Weiterentwicklung von Video-Streaming-Angeboten eine Anforderung. Die störungsfreie Nutzung auf einer Vielzahl von Geräten, z. B. unter Nutzung einer App, ist hierbei nur eine der Anforderungen. So ist das Video-Streaming-Portal filmfriend bereits mittels App abrufbar (Abb. 6). Eine weitere Erwartung von Nutzenden ist, dass in regelmäßigen Abständen neue Angebote mit thematischer Aktualität vermittelt werden. Erfahrungen zeigen daher, dass kontinuierlich neue Inhalte in ein Portal eingepflegt werden müssen, um die Aufmerksamkeit zu gewinnen oder Neugierde der Nutzer zu wecken.

Für den Zugang zu Filmen online sind die Suchfunktionen zu optimieren, um die Filme besser auffindbar zu machen. In Zukunft wäre es wünschenswert, die Daten besser zu vernetzen und das Metadatenmanagement effizienter zu gestalten, damit sowohl die Filme auf Trägermedien als auch die online verfügbaren Inhalte mit einer Suche leicht gefunden werden. Auch die Kontextualisierung von Informationen zu Filmen und die Verknüpfung mit weiteren filmbezogenen Beständen wie Filmmusik, Graphic Novel, literarische Vorlage, Buch zum Film, Computerspiel, Set Design und Architektur etc. ist eine Anforderung für die Zukunft, um die Besonderheit der Bibliotheksbestände – auch im Unterschied zu kommerziellen Video-Streaming-Plattformen – besser sichtbar zu machen und Vielfalt der Kultur- und Bildungsangebote der Bibliotheken einem breiten Publikum vermittels innovativer Informationsinfrastrukturen intuitiv nahezubringen.

Literaturverzeichnis

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