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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter December 2, 2022

Buckland, Michael K.: Ideology and Libraries. California, Diplomacy, and Occupied Japan, 1945–1952. With the Assistance of Masaya Takayama. Lanham Md.: Rowman & Littlefield, 2021. ISBN: 978-1-5381-4314-8, 112 S., 70 Euro (Taschenbuch: Juni 2022 (1538171201): 36,50 €; E-Book (9781538143155): 33,99 €)

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Rezensierte Publikation:

Buckland, Michael K.: Ideology and Libraries. California, Diplomacy, and Occupied Japan, 1945–1952. With the Assistance of Masaya Takayama. Lanham Md.: Rowman & Littlefield, 2021. ISBN: 978-1-5381-4314-8, 112 S., 70 Euro (Taschenbuch: Juni 2022 (1538171201): 36,50 €; E-Book (9781538143155): 33,99 €)


Das jüngste Buch des Großmeisters der Bibliotheks- und Informationswissenschaft weckt hohe Erwartungen. Michael Buckland (Jahrgang 1941), Bibliotheks- und Informationswissenschaftler der Universität Kalifornien und lange Zeit Dekan der dortigen Berkeley School of Information, erhielt für sein vorheriges Buch Information and Society (MIT 2017), eine wunderbare Zusammenfassung seines fast 50-jährigen Schaffens, den ASIS&T Book of the Year Award. Diesmal widmet er sich einem spezielleren Thema und schlägt ein besonderes Kapitel der internationalen Bibliotheksgeschichte auf. Er „erzählt“ die Nachkriegszeit des von den US-Amerikanern besetzten Japan. Der deutschen Leser:in ergibt sich sofort die Assoziation zur Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin, deren Geschichte jedoch recht anders gelagert ist und in dem vorliegenden Buch leider gar keine Erwähnung findet. Dennoch entsteht ein interessanter, anschaulicher Baustein der noch recht jungen bibliothekswissenschaftlichen Subdisziplin Library Diplomacy. In 16 kompakten, teilweise in sich selbstständigen, chronologisch geordneten Kapiteln werden verschiedene, komplexe Szenarien dieser turbulenten Umbruchszeit beschrieben. Es galt für die amerikanischen Besatzer, nicht nur mithilfe des Instruments Bibliothek und freie Information eine Demokratisierung des Landes zu unterstützen, sondern letztlich sogar das gesamte Bibliothekswesen auf neue Füße zu stellen, effizient zu organisieren und vor allem zu professionalisieren. In den beschriebenen sieben Jahren sind eine Vielzahl von amerikanischen Akteuren des diplomatischen, geheimdienstlichen und bibliothekarischen Feldes in manchmal recht kurzen Missionen in Japan tätig, deren Biografien und Motivationen Buckland plastisch darzustellen gelingt. Er holt dabei aus bei der allgemeinen Charakterisierung der vier grundlegenden Bibliothekstypen und gibt einige Beispiele zur frühen Erkenntnis der sozio-ökonomischen und politischen Bedeutung von Bibliotheken wie sie z. B. schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts von Stanley Jevons formuliert, später von Andrew Carnegie praktiziert und in Frankreich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Ausbildung der Informationswissenschaft (documentation) mit Suzanne Briet weiterentwickelt wurde. Buckland ist ja vor allem mit seinem Aufsatz „Information as thing“ (JASIS 1991) bekannt dafür geworden, auf die Rolle der Dokumentation und des Dokuments mit seiner Materialität hingewiesen und die französische Dokumentationsbewegung wieder bekannt gemacht zu haben. Eine spannende Geschichte erzählt Buckland zunächst auch aus seiner eigenen Institution: nämlich die Entwicklung des kalifornischen County Library Systems und die Etablierung der bibliothekarischen Ausbildung im Westen der USA, die letztlich (1918) in der Gründung der späteren iSchool in Berkeley mündet. Die lokalen amerikanischen Entwicklungen werden dann später zur Blaupause für die Initiativen in Japan. In Bezug auf den Obertitel des vorliegenden Buches wird hierbei immer wieder herausgearbeitet, aus welchem ideologischen Hintergrund die Beteiligten kommen. So wird lebhaft die Geschichte des ehemaligen leitenden Managers bei der Southern Pacific Railroad, James Gillis, dargestellt, der es schaffte, mit politischem Geschick und Gespür für Personalmanagement, aber auch vom damaligen „cult of efficiency“ des Taylorismus inspiriert, das kalifornische Bibliothekssystem so auszubauen, dass Bibliotheken zum Wohle des sozialen Fortschritts als „engine for social progress“ angesehen wurden. Mit Blick auf Japan wird dann zunächst kurz in die Geschichte des amerikanischen Office of War Information (OWI) eingeführt, das ursprünglich klassische Propagandaaufgaben hatte, wie das Abwerfen von Flugblättern hinter den Frontlinien. Die amerikanische Informations- und Bildungspolitik nach der Kapitulation richtete sich zunächst auch an die in Japan stationierten Militärangehörigen. Die Informationszentren der Civil Information and Education Section (CIE) der Besatzungsorgane sind bald bei der Bevölkerung sehr beliebt und zeugen von einem Bedürfnis nach westlicher Kultur und Information. Sie sind der Vorläufer der auch in Deutschland lange Zeit aktiven Amerika-Häuser. Deutlich wird dabei auch die Tradition, mit Kulturexport und sog. Lesesälen liberale Werte und demokratisches Verständnis zu verbreiten, wie dies ja von vielen Auslandskulturinstitutionen wie dem Goethe-Institut noch lange fortgeführt wird. Die japanische Bibliothekssituation ist bis zum Ende des Krieges stark geprägt von der autoritären Kultur des Regimes, bei der informelle und individuelle Bildung mit unabhängigen Informationsquellen nicht unterstützt wurde, obwohl es nicht wenige – allerdings schlecht ausgestattete – Bibliotheken gab. Es galt also für die amerikanische Demokratisierungspolitik, die Rolle der Bibliotheken als informelle Bildungseinrichtungen neben den anhaltend starren traditionellen Strukturen zu etablieren. Eine der ersten Aufgaben von amerikanischen Bibliotheksspezialisten in Japan war die Neustrukturierung des japanischen Bibliothekssystems. Hierbei wurde das kalifornische, verteilte County Library System von dem Beauftragten Philip Keeney, der an der Berkeley Library School studierte hatte, als Vorbild genommen, auch weil dieser darauf hinwies, dass Japan und Kalifornien eine vergleichbare Größe aufweisen. Michael Buckland lässt die komplexe politische Geschichte sehr plastisch werden entlang der beteiligten (vorwiegend amerikanischen) Personen. Es wird zum einen deutlich, in welchem weiteren Beziehungsgeflecht die Protagonisten standen, aber auch wie stark die politischen Grundpositionen des beginnenden kalten Krieges auf die Bibliotheksentwicklung wirken. Nicht nur die traditionellen Kräfte Japans, sondern vor allem die Angst vor „linken“ Ideen und „roten“ Einflüssen in der in den USA als Red Scare Period bezeichneten, beginnenden McCarthy-Ära spielen immer wieder eine gewichtige Rolle. Die Person Philip Keeneys, um nur diesen einen zu nennen, erscheint hier exemplarisch, wurde er doch, wahrscheinlich wegen seiner vom kalifornischen Bibliothekssystem geprägten Vorstellungen von der sozialen Rolle von Bibliotheken schon bald seiner Funktion als Library Officer enthoben. Die politische Diffamierung ging sogar so weit, dass er und seine Frau in einer späteren Biografie als The Librarian Spies bezeichnet werden, obwohl es keinerlei Belege für wirkliche Kontakte zum sowjetischen Regime gab, das Keeney später im Gegenteil sogar als Instrument des Reaktionären Kapitalismus bezeichnete. Dennoch gelingt es verschiedenen amerikanischen Gesandten in wechselvollen Missionen, die National Diet Library als Counterpart zur Imperialen Bibliothek als zentrale wissenschaftliche Bibliothek des Landes zu etablieren und ein letztlich verwässertes nationales Bibliotheksgesetz für ein Bibliothekssystem Öffentlicher Bibliotheken verabschieden zu lassen. Letztlich wird auch der Bedarf an gut ausgebildeten Bibliothekar:innen offensichtlich und der eine oder andere finanzielle Zufall ermöglicht 1951 die Gründung der Japan Library School durch den ebenfalls in Berkeley ausgebildeten Bibliothekar Robert Gitler, der zum Zeitpunkt seiner Delegation nach Japan durch die American Library Association Direktor der Washington Library School in Seattle ist. Ihm gelingt es, mit viel Geschick und Taktgefühl einen geeigneten Universitätsstandort (Keiō-Universität in Tokio) zu finden und ein Curriculum zu entwickeln, das seiner Zeit – zumindest im Vergleich mit europäischen Bibliotheken – recht weit voraus ist. Grundlegende Bibliothekslehrbücher und klassische Texte wie Ortega y Gassets „Die Aufgabe des Bibliothekars“ (1935) werden ins Japanische übersetzt und bilden den Kern einer Ausbildung, die Bibliotheken als soziale Bildungseinrichtung für alle mit freiem Zugang zu Informationen und Medien versteht. In abschließenden Bemerkungen charakterisiert Michael Buckland seine Geschichten als bloße Beschreibungen von komplexen historischen Situationen, denen noch eine analytische Sicht hinzugefügt werden müsste, d. h., er will seine Erzählungen nicht als wertend verstanden wissen, sondern eher als Beispiel dafür, dass eine ideologische Bibliotheksgeschichte in unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu viele Faktoren berücksichtigen müsste, um verallgemeinerbar zu sein. Er sieht vor allem in neueren informationstechnologischen Entwicklungen einen Nachholbedarf, das Verhältnis von Informationsinfrastrukturen unter ideologischen Gesichtspunkten systematisch tiefer zu untersuchen. Man kann seine Geschichte der Bibliotheken im Japan von 1945 bis 1952 so wissenschaftlich neutral lesen, wie er es suggeriert. Das Buch kann aber gerade auch als Beispiel der mühsamen und eben doch erfolgreichen Durchsetzung westlich liberaler Werte mithilfe von geförderter Bibliotheks- und Bildungsarbeit gelesen werden. Mit mehreren bibliografischen Apparaten, einem ausführlichen Index, einer Reihe von Illustrationen und vor allem aufgrund des didaktisch gut strukturierten Schreibstils des Autors liefert das Buch eine lesenswerte und gut lesbare Facette der internationalen Bibliotheks- und Informationsgeschichte, die zur Reflexion über die Gegenwart anregt.

Online erschienen: 2022-12-02
Erschienen im Druck: 2022-11-27

© 2022 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 30.1.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/bfp-2021-0015/html
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