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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter November 27, 2021

Bibliotheken für eine inklusive Demokratie

Und wie die Ziele für nachhaltige Entwicklung ihr dienen können

Libraries for an Inclusive Democracy
And How the Sustainable Development Goals Help Them
Ton van Vlimmeren

EBLIDA, Prins Willem-Alexanderhof 5, NL-2595 BE The Hague, The Netherlands

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Zusammenfassung

Nachhaltige Entwicklung wird oft aus der Perspektive der Klimaziele behandelt. In diesem Beitrag wird das Verhältnis zwischen nachhaltiger Entwicklung, Information und Demokratie hergestellt, einer Demokratie, die von einem gestörten informationsökologischen System ernsthaft bedroht ist. Die europäische Bibliotheksorganisation EBLIDA setzt sich dafür ein, dass Bibliotheken einen größeren Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten und Mittel dafür finden.

Abstract

Sustainable development is often placed in the perspective of climate goals. In this article the relationship between sustainable development, information, and democracy is established; a democracy that is seriously threatened by a disrupted information-ecological system. The European library organization EBLIDA works to ensure that libraries make a greater contribution to sustainable development and find funding for it.

1 Einleitung

Die von den Vereinten Nationen im Jahr 2015 in der Agenda 2030 festgelegten Ziele für eine nachhaltige Entwicklung[1] zielen darauf ab, eine demokratisch inklusive Gesellschaft in einer nachhaltigen Welt zu schaffen.

Die Ziele 6 bis 9 und 11 bis 15 konzentrieren sich stärker auf Nachhaltigkeit hinsichtlich des Klimas, einschließlich sauberem Wasser, nachhaltiger Energie, nachhaltiger Industrialisierung, nachhaltigen Städten und Klimaschutzmaßnahmen für das Leben an Land und im Wasser.

Die anderen Ziele konzentrieren sich auf eine demokratisch integrative Gesellschaft ohne Armut (Ziel 1), ohne Hunger (2), Gesundheit und Wohlbefinden für alle (3), Zugang für alle zu qualitativ hochwertiger Bildung und lebenslangem Lernen (4), Gleichstellung und Verringerung der Geschlechterungleichheit (5) und starke öffentliche Dienste, freier Zugang zu Informationen und Schutz der Freiheiten (16).

Bibliotheken nutzen ihre Sammlungen, Vorträge, Ausstellungen und Kooperationsprojekte mit Bürgern aktiv, um auf all diese Ziele aufmerksam zu machen und über sie zu informieren.

Die erstgenannte Gruppe von Zielen (Klimaziele) ist den Bibliotheken durchaus bekannt. Die Bibliotheken informieren darüber nicht nur und bieten entsprechende Programme an, sie sind auch selbst Zielgruppe. Beispielsweise geben viele Bibliotheken in ihrer Betriebsführung selbst ein gutes Beispiel, indem sie ihre Gebäude energieeffizient oder energieneutral gestalten und verantwortungsbewusst mit Abfallströmen umgehen. Die Dringlichkeit der Klimakrise ist überall zu spüren und die Debatte zwischen Klimaskeptikern und Klimaaktivisten kann von Bibliotheken nur unterstützt werden.

2 Für eine inklusive demokratische Gesellschaft

Es gibt jedoch eine zweite – ebenso bedrohliche – Krise, die die oben erwähnte zweite Gruppe von Zielen betrifft und das Herz unserer Demokratie berührt. Daher betone ich in diesem Beitrag nicht die kulturellen Aspekte der Ziele für nachhaltige Entwicklung – wie dies bei vielen Bibliotheksveröffentlichungen der Fall ist –, sondern die Rolle der Bibliotheken bei der Bereitstellung von Informationen und der Unterstützung der Demokratie. Pluriforme, kontrollierte und auf Wahrheit überprüfte Informationen und das Gespräch in der Begegnung zwischen Menschen bilden die Grundlage für die Entwicklung von Wissen und Einsicht dessen, was in einer Demokratie benötigt wird.

Dabei spielen Bibliotheken eine große Rolle. Es ist nicht ohne Grund, dass dies bereits 1994 im Manifest der Öffentlichen Bibliotheken der IFLA/UNESCO festgehalten wurde:

„Freiheit, Wohlstand und die Entwicklung der Gesellschaft und des Einzelnen sind grundlegende menschliche Werte. Diese Werte werden nur verwirklicht, wenn gutinformierten Bürgern die Möglichkeit gegeben wird, ihre demokratischen Rechte auszuüben und eine aktive Rolle in der Gesellschaft zu spielen. Konstruktive Beteiligung und die Entwicklung der Demokratie hängen von zufriedenstellenden Bildungsangeboten und kostenlosem und unbegrenztem Zugang zu Wissen, Gedankengut, Kultur und Informationen ab.“[2]

Die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung fügen sich nahtlos in die Vision und Mission ein, die fast alle Bibliotheken – beispielsweise auf ihrer Webseite – verbreiten. Sie berühren die Grundwerte der Bibliotheksarbeit und daher ist es keine Wahl, ob Bibliotheken an den Zielen der nachhaltigen Entwicklung arbeiten; es ist unsere Pflicht und unsere Aufgabe!

Die gute Nachricht ist, dass viele Bibliotheken – oft, ohne es zu merken und es als solches zu benennen – bereits an den Zielen für nachhaltige Entwicklung arbeiten. Die Zusammenarbeit vieler Bibliotheken mit Schulen zur Leseförderung und um den Schülern so eine bessere Grundqualifikation zu vermitteln, entspricht zum Beispiel vollkommen dem Ziel 4 „Zugang für alle zu qualitativ hochwertiger Bildung und lebenslangem Lernen“.

Immer mehr Bibliotheken benennen ihre Aktivitäten auf diese Weise, wodurch die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung nicht den Charakter von „wieder etwas Neues” haben, wie man zum Beispiel an Aussagen von Bibliotheken in den vielen Webinaren zu diesem Thema, die in den verschiedenen Ländern stattfanden, sehen konnte.

Das Bewusstsein dafür ist in den letzten Jahren erheblich gewachsen. Beispielsweise wurde die „Lyoner Erklärung“[3] von 2014, die sich auf vergleichbare Ziele konzentrierte, nur von zwei niederländischen Bibliotheken unterzeichnet. Jetzt setzen sich Dutzende von Bibliotheken für die Ziele für nachhaltige Entwicklung ein, wie die Teilnehmerzahlen an Meetings und Webinaren belegen. In einigen Ländern übernehmen der nationale Bibliotheksverband und/oder die Nationalbibliothek die Führung, in anderen Ländern sehen wir, dass die Initiative von unten kommt. Einzelne Bibliotheken leisten Pionierarbeit, weil sie sich der Bedeutung dieses Themas bewusst sind. Alles zielt auf die Schaffung einer nachhaltigeren inklusiven demokratischen Gesellschaft ab.

Abb. 1 
          Schüler erwerben Kompetenzen für die „digitale Bürger-schaft“https://ec.europa.eu/info/strategy/priorities-2019-2024/europe-fit-digital-age/europes-digital-decade-digital-targets-2030_de (alle Zugriffe am 18.05.21). in der Bibliothek Veria, Griechenland, ©Robert Dawson Veria-Bibliothek
Abb. 1

Schüler erwerben Kompetenzen für die „digitale Bürger-schaft“[4] in der Bibliothek Veria, Griechenland, ©Robert Dawson Veria-Bibliothek

3 Demokratie und Freiheit unter Druck

Wenn Demokratie nur dank gut informierter Bürger funktionieren kann, gibt es derzeit allen Grund zur Besorgnis, und für Bibliotheken, die ihre Informationsrolle ernst nehmen, gibt es allen Grund, zusätzliche Anstrengungen zu unternehmen.

In ihrem Buch „Deep Fakes and the Infocalypse“[5] spricht Nina Schick von einer ernsthaften Störung unseres Informationsökosystems, die mit den Umweltauswirkungen der Klimakrise vergleichbar ist. Zu diesem Zweck führt sie den Begriff „Infokalypse“ ein. Informationstechnologie, soziale Medien, Technologiegiganten, Algorithmen, künstliche Intelligenz und deren Missbrauch durch Verschwörungsdenker, Diktatoren und autoritäre Regierungen bilden eine giftige Mischung, in der Realität und Wahrheit manchmal die Opfer sind.

Ein Kern ihrer Argumentation ist das Verschwinden einer gemeinsamen sozialen Realität und damit einer gemeinsamen Realität, über die in einer Demokratie eine soziale Debatte geführt werden kann und muss. Zuvor bestand diese gemeinsame Realität darin, was die Menschen in der Zeitung, im Radio oder Fernsehen oder in Gesprächen in der Familie oder auf der Straße an gemeinsamen Erfahrungen hatten, womit sie vielleicht nicht immer einverstanden waren, worüber sie jedoch debattierten und diskutierten.

Bibliotheken wissen, dass gemeinsam erlebte Realität die Gesellschaft verbindet, und genau deshalb organisieren sie Projekte, um die Konversation zwischen Menschen zu fördern – in manchen Ländern und Städten (wie in Seattle[6]) zum Beispiel, indem eine ganze Kommune das gleiche Buch liest und darüber spricht.

Laut Schick ist diese gemeinsame Realität verschwunden, weil allen Menschen ihre eigene Realität gegeben wurde. Dies wird verstärkt durch Algorithmen, die eine Filterblase[7] erzeugen, und weil Realität und Wahrheit von gewöhnlichen Menschen aufgrund von „Deep Fake“ kaum unterschieden werden können.

Wie weit dies gehen kann, wurde im April 2020 deutlich, als eine Gruppe niederländischer Parlamentarier glaubte, sie hätte ein Gespräch mit einem nahen Angestellten des russischen Oppositionsführers Navalny geführt. Es stellte sich letztlich als gefälschtes Gespräch – wahrscheinlich mit einem Kreml-Agenten – heraus.[8]

Andere Beispiele zeigen, dass manche Menschen so tief in ihrer eigenen „Blase“ stecken, dass jede Realität, die damit in Konflikt steht, abgelehnt wird. Zum Beispiel glaubten die Angreifer von Capitol Hill in Washington im Januar 2021, dass der (späte) Aufruf von Präsident Trump, den Angriff zu beenden, eine Fälschung sein müsse. Ihr Präsident würde sie niemals bitten, so etwas zu tun. Auch Dr. Winnie Heartstrong,[9] die behauptet, dass George Floyd noch lebt und dass das Video über seinen Tod gefälscht wurde, kann als Beispiel dafür angesehen werden. Je mehr die Realität in Frage gestellt wird und je mehr Menschen ihre eigene Realität leben, desto schwieriger wird es, eine demokratische Debatte zu führen und zu (vernünftigen) demokratischen Entscheidungen zu gelangen.

Darüber hinaus gibt es einen Prozess, in dem sich Gruppen von Menschen von der Politik und dem demokratischen Prozess enttäuscht, zynisch und/oder apathisch abwenden.

In „Reconstructing democracy. How citizens are building from the Ground up“, untersuchen Taylor, Nanz und Beaubien Taylor[10] die Ursachen dafür. Sie nehmen (ehemalige) deutsche Bergbaugebiete und Gebiete mit Stahlindustrie wie Brandenburg und die Lausitz in Sachsen oder auch den „Rostgürtel“ in den USA als Beispiel. Bereiche, in denen „Deindustrialisierung, neoliberale Finanzpolitik und politische Vernachlässigung dazu geführt haben, dass auf die Herausforderungen der Zukunft nicht mehr effektiv reagiert werden kann [Übers. Autor]“.[11] Sie beziehen dies nicht nur auf wichtige Themen wie Beschäftigung, sondern auch auf persönliche psychologische Aspekte wie Verlust von Identität und beeinträchtigtes Selbstvertrauen.

Die gute Nachricht ist, dass die Autoren eine Vielzahl von Beispielen für Angriffe beschreiben, in denen die Bürger („Communities of Purpose“) schließlich ihre Opferrolle überwinden und Verbesserungen sowohl in der sozialen Infrastruktur als auch in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld erzielen konnten, oft dank eines „partizipativen Dialogs“, an dem Bürger und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) beteiligt waren, und in den Schulungen und Kaderausbildung stattfanden. Wenn es um den Zusammenhang zwischen diesen Innovationen auf „Basisebene“ und der Erneuerung der formalen repräsentativen Demokratie geht, sind die Autoren hoffnungsvoll, aber leider noch nicht wirklich konkret. Weitere Beispiele und Methoden zur Innovation der Demokratie finden sich auf der Plattform „Participedia.net“,[12] einem globalen Netzwerk für öffentliche Teilhabe und demokratische Innovationen.

Zwei Dinge fallen hier auf. Erstens der Mangel an Öffentlichen Bibliotheken; sowohl im Buch als auch auf der Participedia-Webseite kommen sie kaum vor. Eric Klinenberg weist Bibliotheken in seinen „Palaces for the people“[13] eine sehr wichtige Rolle in der sozialen Infrastruktur zu. Es gibt auch unzählige gute Beispiele für Bibliotheken als „dritter Ort“, nicht nur als physischer Ort, sondern auch als sozialer Ort, wie zum Beispiel in „Living Libraries. The house of the community around the world“.[14]

Schon vor 22 Jahren schrieb der Architekt Rem Koolhaas in seinem „Proposal Seattle Public Library“: Die Bibliothek repräsentiert, vielleicht mit dem Gefängnis, das letzte der unbestrittenen moralischen Universen; Gemeinschaftsunterkünfte für ‚gute‘ (oder notwendige) Aktivitäten“.[15] Die Bibliothek ist einer der wenigen Orte, an denen sich Bürger jeden Alters, Geschlechts, jeder Religion oder Rasse noch treffen – eine Qualität und einzigartige Funktion, die Bibliotheken also viel mehr bewusst nutzen sollten.

Zu hinterfragen ist, inwieweit Beschreibungen wie die von Klinenberg tatsächlich beschreibender Natur und weniger präskriptiv sind, weniger ein methodischer Leitfaden, der von Bibliotheken in großem Umfang angewendet werden kann. Es kann auch eher ein Merkmal einer Reihe einzelner Bibliotheken und weniger ein Merkmal des gesamten Sektors sein. In jedem Fall scheinen Bibliotheken noch nicht in allen Fällen als logischer Partner angesehen zu werden, wenn es um solche wie die oben genannten Bürgerinitiativen und die Bereitstellung von Informationen, die Möglichkeit der Schulung und die Bereitstellung eines Treffpunkts geht. Es gibt also noch Raum für Verbesserungen!

Zweitens sollte angemerkt werden, dass die Situation viel ernster ist, als von den Autoren thematisiert. Die Entstehung großer Gruppen, die sich entweder von der repräsentativen Demokratie abwenden oder populistischen Parteien eine Stimme geben, ist nicht auf einige Gebiete beschränkt, in denen eine Deindustrialisierung stattgefunden hat. Es betrifft die gesamte (westliche) Gesellschaft, in der neo-liberale Regierungspolitik[16] in den letzten Jahrzehnten verheerende Auswirkungen hatte. Laut Neoliberalismus sollte sich die Regierung stärker zurücknehmen. Der Markt sollte in den Bereichen öffentlicher Verkehr, Energie, Gesundheitswesen und Wohnungsbau mehr Verantwortung übernehmen. So wurden zum Beispiel Pflegeeinrichtungen geschlossen, weil ältere und schutzbedürftige Personen eigenständig werden (als Zeichen maximaler individueller Freiheit) und auf ihr eigenes soziales Netzwerk zurückgreifen sollten.

In den Niederlanden weisen Veröffentlichungen wie „Fantoomgroei“[17] („Phantomwachstum“) und Fernsehsendungen im Öffentlichen Rundfunk, wie „Scheefgroei in de polder“[18] (verzerrtes Wachstum im Polder), darauf hin und zeigen mit Statistikzahlen, dass die Schieflage in vielen Bereichen zu spüren ist:

  1. Trotz der eingetretenen Krisen (z. B. die Finanzkrise 2008) ist die Wirtschaft gewachsen, aber die Kaufkraft von Arbeitnehmern, Rentnern und Leistungsempfängern ist gesunken.

  2. Die Wohlhabenden werden immer weniger, die Arbeitenden dagegen immer stärker besteuert.

  3. Die Zahl der Millionäre ist gestiegen, aber der Mindestlohn ist stark zurückgeblieben.

  4. Die Ungleichheit in der Bildung hat zugenommen.

  5. Im Gesundheitswesen haben die weniger Gebildeten weniger Lebensjahre (und dann auch mit weniger qualitativ gesunden Jahren) als die höher Gebildeten.

  6. Im sozialen Wohnungsmarkt beträgt in vielen Gemeinden die Wartezeit für Sozialwohnungen jetzt mehr als sieben Jahre, mit einer Rekordwartezeit von 22 Jahren in einer Gemeinde.

In den Niederlanden wird dem jetzt mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Beispielsweise waren bei den letzten Wahlen alle Parteien – einschließlich der Liberalen – der Ansicht, dass der Mindestlohn erhöht werden sollte.

Dies ändert momentan nichts an der Tatsache, dass viele Menschen von der Teilhabe am wachsenden Wohlstand ausgeschlossen sind oder weniger davon profitieren. Ihre Unzufriedenheit damit ist ein Nährboden für Opposition oder Abkehr von der Demokratie. Dies kommt zu der abnehmenden Unterstützung für die Demokratie in verschiedenen Ländern noch dazu, die zuvor von Foa und Mounk berichtet wurde.[19]

In dieser Situation nutzen populistische Politiker, autoritäre Regime und Diktatoren ihre Gelegenheit und schränken Rechtsstaatlichkeit, Presse und Meinungsfreiheit ein. Freedomhouse[20] berichtete 2021 im fünfzehnten Jahr in Folge, dass die Freiheit in der Welt abnimmt: Mehr Menschen in mehr Ländern sind von allen Arten von Freiheitsmangel betroffen. Dass dies möglich ist, hat viel mit den Einschränkungen des freien Zugangs zu Informationen in vielen dieser Länder zu tun. Zensur, zum Schweigen bringen der Opposition und der Presse, falsche Nachrichten und andere manipulative Mittel kommen zum Einsatz. Beispiele für ausländische Einmischung über soziale Medien bei den Wahlen in den USA im Jahr 2016 und beim Brexit zeigen, dass dies nicht nur ein innerstaatliches Problem ist.

Gerade in unserer Demokratie scheinen unsere Institutionen verwundbar zu sein. Zum Beispiel hatte der niederländische Kulturrat[21] auf der Grundlage der demokratischen Spielregeln keine andere Wahl, als „Ongehoord Nederland“[22] (Unerhörte Niederlande), eine Lizenz für das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem zu erteilen. Ongehoord Nederland aber wirft dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk systematisch Fehlinformationen und geschönte Falschnachrichten vor. Einerseits ist das ein Höhepunkt der Demokratie, in dem die Kritiker des öffentlichen Systems einen Platz darin bekommen. Andererseits ist es eine große Bedrohung für die Demokratie, wenn dem Verbreiten gefälschter Nachrichten, der strukturellen Verletzung journalistischer Werte und der Untergrabung des Vertrauens in das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem durch Disqualifikation des unabhängigen Nachrichtendienstes eine offizielle Plattform angeboten wird. Foa und Mounk sehen in dieser Form der Nutzung demokratischer Freiheit für nichtdemokratische Botschaften ein Zeichen für die Dekonsolidierung der Demokratie.

Darüber hinaus hat eine Verschiebung des Freiheitsbegriffs in den letzten Jahrzehnten den Grundstein für diese Praxis und für eine schamlose Selbstbereicherung und für Machtmissbrauch gelegt. In ihrem Buch „Freedom; an unruly history“[23] beschreibt Annelien de Dijn die Geschichte der Freiheit von der griechischen Antike bis heute. Sie bezeichnet den Verlust des Begriffs der Kollektivität und der (gemeinsamen) Verantwortung im Konzept der Freiheit als charakteristisch. Bei der Französischen Revolution ging es nicht nur um Freiheit, sondern auch um Gleichheit und Brüderlichkeit. Im amerikanischen Freiheitskrieg ging es nicht nur um individuelle Freiheit, sondern auch um das Kollektiv, wie im ersten Artikel mit den einleitenden Worten angegeben: „Wir, das Volk ...“.

De Dijn skizziert, wie sich die Reichen und Privilegierten das Konzept der Freiheit „angeeignet haben“ und es zu einer Ideologie machten, in der sie ihre Position erhalten konnten. Dabei spielte die „Freiheit von staatlichen Eingriffen“ eine wichtige Rolle: mehr individuelle Freiheit, weniger Staat.

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Konzept der Freiheit im oben genannten Neoliberalismus weiter zu einem einfachen „Ich kann sagen und tun, was ich will“ verschlechtert. Der Blick auf den anderen, dessen Freiheit nicht durch die eigene Freiheit eingeschränkt werden darf, ist in den Hintergrund getreten. Ebenso die Vorstellung, dass die eigene soziale Position und die damit verbundenen Möglichkeiten auch gesellschaftliche Verantwortung mit sich bringen. Dies ist ein regelmäßiges Phänomen bei der Covid-19-Pandemie, wo aus gesundheitlichen Gründen Solidarität mit anderen gefordert, aber nicht immer zurückgegeben wird, und wo Demonstranten gegen die von der Regierung auferlegte Solidarität protestieren und sie als Freiheitsentzug betrachten.

Es ist auch besorgniserregend, dass wir unsere Freiheit und Demokratie so wenig schätzen, dass wir sie nicht mit wirklich aller Kraft verteidigen. In einer Längsschnittstudie der Universität Amsterdam[24] unter 12- bis 14-Jährigen wusste im Jahr 2021 ein Drittel der befragten Jugendlichen nicht, ob die Niederlande eine Demokratie sind. Einige halten es auch nicht für wichtig. Dies steht im Einklang mit der von Foa und Mounk festgestellten geringeren Unterstützung für Demokratie in jüngeren Alterskohorten.

Die Forschung zeigt, dass es diesbezüglich nur einen Faktor gibt, der zwischen den Gruppen junger Menschen unterscheidet – der sozioökonomische Status (SES). Das Bild und die Informationen über Demokratie werden zu gleichen Teilen von Eltern, Schule und (sozialen) Medien geprägt. Allerdings geben die jungen Menschen an, dass sie im Durchschnitt nur ein- oder zweimal im Jahr darüber sprechen. Wenn das soziale Ziel darin besteht, künftigen Generationen eine bessere Wertschätzung von Demokratie zu vermitteln, bleibt noch viel zu tun.

Natürlich ist nicht alles schwarz und weiß. Und genau wie bei den Basisinitiativen für die lokale Demokratie gibt es auch Beispiele, die zeigen, dass Dinge anders gemacht werden können: Von Bill Gates und Warren Buffet, die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft übernehmen, bis hin zur Europäischen Union, die im Jahr 2021 zum ersten Mal in der Welt gesetzliche Beschränkungen gegen den Missbrauch künstlicher Intelligenz und für den Schutz des Einzelnen vor Fehlinformationen schuf. Auch Bellingcats Arbeit über gefälschte Nachrichten[25] wie den Abschuss von Flug MH17, der Vergiftung des Dissidenten Skripal und den Krieg in Syrien zeigt ebenfalls, dass versucht wird, der Wahrheit nachzugehen. Die Kritik an dieser Arbeit ist hoffnungsvoll, da die Diskussion über die Suche nach der Wahrheit nie enden soll.

Zusammenfassend zeigt dieser Abschnitt, dass Demokratie und Freiheit nicht selbstverständlich sind und in vielerlei Hinsicht unter Druck stehen. Deshalb ist die Arbeit an den Zielen der nachhaltigen Entwicklung und damit an einer inklusiven demokratischen Gesellschaft keine Wahl für Bibliotheken, sondern eine unbedingte Pflicht.

4 Die Covid-19-Pandemie

Im Moment – April 2021 – sind viele Bibliotheken noch in ihren Möglichkeiten und Dienstleistungen eingeschränkt. Von den Rollen der Bibliothek als „Haus der Bücher“, „Informationszentrum“, „dritter Ort“, „Arbeitsplatz“ und der Bibliothek als „soziale Bewegung“ kann aktuell wenig erfüllt werden. Oft ist die „Ausleihbibliothek“, das Bereitstellen von Medien, die einzige verbleibende Form der Dienstleistung. Aber Bibliothekare haben sich in ihrer Leidenschaft, weiterhin den Bürgern zu dienen, als äußerst flexibel und kreativ erwiesen. Dies hat zu einer enormen Anzahl neuer Serviceformen geführt.

Zum Beispiel wurden ältere und schutzbedürftige Personen angerufen, um sie ein wenig zu unterhalten und zu fragen, ob Bücher nach Hause geliefert werden sollen. Kinder, die zu Hause keine Möglichkeit hatten, Online-Bildung zu verfolgen, erhielten einen Platz in den Bibliotheken (wie in Nieuwegein, Utrecht und anderen Städten). Programme und Angebote zur Förderung der Selbstständigkeit der Menschen wurden so weit wie möglich fortgeführt. Soweit möglich wurden in den Niederlanden Verschenk- und Informationstreffen zusammen mit Lebensmittelbanken und der Armutskoalition organisiert. Es wurden Online-Lesestunden, Vlogs (Video-Blogs) und Tutorials für Kinder und Lehrer erstellt und zahlreiche digital gestreamte oder hybride Treffen veranstaltet.

Wie die Bibliotheken mit der Pandemie umgegangen sind und welche neuen Dienste sie entwickelt haben, wurde von mehreren Organisationen in Europa dokumentiert. So hat das Europäische Büro für Bibliotheks-, Informations- und Dokumentationsverbände (EBLIDA) bereits im April 2020 vier zusätzliche Ausgaben des „Newsletters“[26] mit Beschreibungen der Entwicklungen in vielen europäischen Ländern und im Mai 2020 die erste Version einer „Europäischen Bibliotheksagenda für die Zeit nach COVID 19“[27] veröffentlicht. NAPLE (Nationale Behörden für Öffentliche Bibliotheken in Europa)[28] lieferte ebenfalls Informationen zum Krisenmanagement und zu neuen Diensten.

Abb. 2 
          Die Sommerschule zur Verbesserung der Bildungschancen in der Flevomeer Bibliotheek, Niederlande, ©Flevomeer Bibliotheek
Abb. 2

Die Sommerschule zur Verbesserung der Bildungschancen in der Flevomeer Bibliotheek, Niederlande, ©Flevomeer Bibliotheek

Es wird erwartet, dass viele dieser neuen Formen von Dienstleistungen auch künftig einen festen Platz im Portfolio der Bibliotheken einnehmen werden, selbst wenn die Pandemie vorbei ist. Es ist immer noch schwer zu sagen, inwieweit sich die Erfahrungen mit der Coronapandemie nachhaltig auf Hygienemaßnahmen, Betriebsführung oder das Erscheinungsbild von Bibliotheken auswirken werden. Die digitalen Fähigkeiten von Bibliothekaren haben einen enormen Schub erhalten und Telearbeit ist alltäglich geworden. Auch das dürfte sich nach der Pandemie fortsetzen.

Es gibt Länder, in denen Bibliotheken als „wesentliche Dienste“ angesehen wurden und während der Pandemie von der Regierung und der Bevölkerung größere Anerkennung und Wertschätzung erhalten haben. Ein positives Beispiel ist Neuseeland, wo zusätzliche Ressourcen bereitgestellt wurden, damit Bibliotheken eine aktive Rolle bei der Diskussion über die Struktur der Gesellschaft spielen können, nachdem Covid-19 unter Kontrolle ist. „Libraries play a vital role as a community hub and they can be the places where people can get real practical help during the tough economic times“, sagte die neuseeländische Innenministerin Tracey Martin.[29]

In vielen anderen Ländern wurde die Bibliotheken leider nicht als wesentliche Formen sozialer Diensten gesehen. Und in fast allen Ländern gibt es auch große Bedenken bei den Bibliotheksverbänden, inwieweit Bibliotheken nach der Pandemie unter Einschränkungen zu leiden haben werden. Das Risiko neuer Kürzungen der ohnehin knappen Budgets hängt wie ein Damoklesschwert über den Bibliotheken.

In Übereinstimmung mit dem, was oben bereits dargelegt wurde, sehen wir, wie die Demokratie während der Covid-19-Pandemie weiter unter Druck stand. In einigen Ländern, auch innerhalb der Europäischen Union, haben die Regierungen die Gelegenheit sogar genutzt, die Möglichkeiten und Rechte von Gruppen einzuschränken.

In Zeiten großer Unsicherheit und Angst suchen die Menschen nach Gewissheiten und so entsteht ein Nährboden für Verschwörungstheorien. Der Algemene Inlichtingen en Veiligheidsdienst (Allgemeiner Nachrichten- und Sicherheitsdienst) in den Niederlanden[30] berichtet in seinem Jahresbericht 2020, dass der Nährboden für Rechtsextremismus und Terrorismus in den Niederlanden zugenommen hat. In seinem Bericht sagt er, dass antidemokratische Gruppen die regierungsfeindlichen Proteste störten, wie die von Gruppen mit Verschwörungstheorien gegen die Covid-19-Maßnahmen, und sie damit noch gewalttätiger machten und in der Folge die Gewalt über soziale Medien „akzeptabler“.

Wissenschaft und Information stehen aufgrund der Verbreitung von Verschwörungstheorien und aller Arten von Verleugnung und Fehlinformation ebenfalls unter Druck. Bedrohungen von Wissenschaftlern, der Presse und der Polizei sind an der Tagesordnung. Die Rolle der Bibliothek als Garant für verlässliche Information scheint daher bei dieser Pandemie wichtiger denn je zu sein.

Die Covid-19-Pandemie wirft auch einige grundlegende Fragen über unsere Gesellschaft auf. Fragen, die von Bibliotheken im Rahmen ihrer Informationsrolle und ihrer Rolle als Treffpunkt und Diskussionsort aufgegriffen werden könnten. Leider ist ein Merkmal dieser Krise, dass diese (physische) Rolle gerade nicht während der Krise angeboten werden konnte, da Bibliotheken weitgehend geschlossen sind und Gruppen von Menschen sich nicht treffen durften.

Einige Fragen bleiben jedoch bestehen, z. B.

  1. zur Rolle des Staates, auch in Bezug auf Privatsphäre und eine aktive oder sich zurückziehende Regierung,

  2. zur Solidarität in der Gesellschaft gegenüber individueller Freiheit,

  3. zur Chancengerechtigkeit und (digitalen) Ungleichheit, bedingt durch die Pandemie,

  4. zu unserer Gesundheitsversorgung sowie ethischen Fragen und Überlegungen,

  5. dazu, wie wir produzieren und konsumieren,

  6. zu Ungleichheit zwischen Gruppen in der Gesellschaft und zwischen Ländern.

Die Bibliotheken sind motiviert, so bald wie möglich Informationen zu diesen Themen bereitzustellen, Aktivitäten zu organisieren und die Debatte einzuleiten. Es ist auch wichtig zu sehen, dass alle diese Fragen in direktem Zusammenhang mit den 17 Zielen und 169 Unterzielen der Agenda 2030 stehen. Die Pandemie hat erneut deutlich gemacht, wie wichtig es ist, an den Zielen für nachhaltige Entwicklung zu arbeiten.

5 Was können Bibliotheken tun?

Wie bereits erwähnt, haben Bibliotheken schon viel getan, um die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung zu erreichen und das wird nach dem Ende der Covid-19-Pandemie sicherlich wieder der Fall sein. Dennoch hat sich EBLIDA das Ziel gesetzt, mehr Bibliotheken in Europa zu aktivieren, um die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen.

Neben der Notwendigkeit und Dringlichkeit einer nachhaltigen Entwicklung spielen dabei zwei Überlegungen eine wichtige Rolle:

  1. Europa hat das (finanziell) ehrgeizigste Nachhaltigkeitsprogramm der Welt ausgearbeitet und große Beträge werden über die Europäischen Strukturinvestitionsfonds (ESIF) im Zeitraum 2021–2027 in der EU bereitgestellt.

  2. Bibliotheken können einen Beitrag dazu leisten und sich um Fördermittel aus diesem Fonds bemühen, was insbesondre in finanziell schwierigen Zeiten interessant sein dürfte.

Zu diesem Zweck wurde im September 2020 der Bericht „Think the Unthinkable: A post Covid-19 European Library Agenda meeting Sustainable Development Goals and funded through the European Structural and Investment Funds (2021–2027)“[31] veröffentlicht. In diesem Bericht hat EBLIDA:

  1. die kurzfristigen Erwartungen hinsichtlich der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie untersucht,

  2. anschließend die Ziele für nachhaltige Entwicklung erörtert – sowohl auf globaler Ebene als auch in Europa,

  3. Beispiele für die Aktivitäten der Bibliotheken zum Erreichen der Ziele einer nachhaltigen Entwicklung gegeben,

  4. die europäischen Strukturfonds untersucht und in Zusammenhang mit den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung gebracht,

  5. alles in einer Gesamtübersicht gebündelt, in der das Entwicklungsziel, mögliche Fondsfinanzierungen und Beispiele für Bibliotheksprojekte genannt werden,

  6. die Bewertung und Auswirkungsmessung diskutiert.

EBLIDA betrachtet dies als „work in progress“. Die Arbeit an dieser Agenda geht weiter. Weitere Beiträge von Bibliotheken und Bibliotheksorganisationen machen das Paket vollständiger, reicher und effektiver.

Es wurde ein möglichst praktischer Ansatz gewählt. In der „EBLIDA Matrix“[32] können Bibliotheken nach Zielen für eine nachhaltige Entwicklung in Bezug auf die Politik suchen, Beispielprojekte finden, nach möglichen Finanzierungsmitteln suchen und prüfen, ob es bereits europäische Indikatoren oder spezifische Bibliotheksindikatoren gibt, um die Auswirkungen zu messen.

Die Expertengruppe für Implementierung und Bewertung der Europäischen Bibliotheken und der nachhaltigen Entwicklung (ELSIA[33]) arbeitet an der Weiterentwicklung dieser Indikatoren. Das Wissens- und Informationszentrum für SDGs (Knowledge and Information Centre, KIC[34]) bündelt Informationen pro Land, sammelt Webinare und bietet nützliche Links. Es geht zu weit, all diese Informationen hier zu aufzulisten. Auf der Webseite kann jede Bibliothek selbst herausfinden, was für sie gilt.

Um die Übertragung dieses europäischen Ansatzes auf die nationale und lokale Ebene zu fördern, organisiert EBLIDA zusammen mit Initiatoren in verschiedenen Ländern nationale Webinare zu „Think the Unthinkable“. EBLIDA erläutert den Inhalt des Berichts, gibt konkrete Beispiele für aktive Bibliotheken und erklärt, wie dort die Umsetzung der SDGs erfolgt und welche europäischen Fonds zur Unterstützung genutzt werden. Diese Informationen werden beim KIC gesammelt und zur Verfügung gestellt.

Es ist interessant, die Unterschiede pro Land zu sehen, wenn es um das Bewusstsein für die SDGs geht, um das Wissen über Bibliotheksaktivitäten, die dazu beitragen, und um die Einblicke in die finanziellen Möglichkeiten der Europäischen Fonds. Zu all diesen Themen kann und will EBLIDA die Verbindungsrolle als „Informationszentrum“ für Bibliotheken in Europa erfüllen. In den Ländern, wo das Bewusstsein wenig oder noch nicht entstanden ist, müssen noch viele Informationen gegeben werden. Dort sind die Webinare, die gemeinsam mit dem nationalen Bibliotheksverband und/oder der Nationalbibliothek organisiert werden, häufig gut besucht.

In Lettland ist die Entwickelung schon weiter. Das Webinar lief besonders gut – zusammen mit der Nationalbibliothek, dem Bibliotheksverband, drei Ministerien (Bildung, Kultur und Umwelt), Vertretern der lokalen Behörden und lokalen Bibliotheken. Die Einbeziehung aller Behörden bildet eine wichtige Unterstützung und eine gute Grundlage für die Zusammenarbeit auf allen Ebenen.

In den Niederlanden ist die Situation wieder anders. Hier hat eine Handelsberatung (The Alignment House) unter dem Titel „Expeditie.nl“ gemeinsam mit einer Fundraising-Agentur die Initiative ergriffen. Bibliotheken zahlen eine Gebühr für die Teilnahme an Expeditie.nl, für die sie Unterstützung und Beratung bei der Erstellung von Projekten und bei der Einreichung von Zuschussanträgen erhalten. Mit der Teilnahme an Expeditie.nl werden sie auch automatisch Mitglied von EBLIDA. In den gemeinsamen Sitzungen findet ein Austausch zwischen den Bibliotheken statt und es werden Kooperationen angeregt.

In Deutschland gibt es bereits ein hohes Bewusstsein für die Agenda 2030. Der Deutsche Bibliotheksverband hat eine Mitarbeiterin dafür eingesetzt, die Bibliotheken beim europäischen Fundraising zu unterstützen, und auch in einem der jüngsten Webinare wurden die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 thematisiert. Die Rolle von EBLIDA konzentriert sich dagegen mehr auf die Vernetzung mit inspirierenden Beispielen im internationalen Kontext. Verschiedene Präsentationen von Bibliotheken, die ihre Beispiele während der Think the Unthinkable-Webinare zeigten, sind auf EBLIDA KIC dokumentiert.[35]

Um Bibliotheken bei ihrer Aufgabe zu unterstützen, wahrheitsbasierte Informationen bereitzustellen, arbeiten EBLIDA und Public Libraries 2030[36] mit Newsguard[37] zusammen. Durch das Programm können Öffentliche Bibliotheken ihrem Publikum helfen, Fehlinformationen zu entgehen und sich kritisch mit den Nachrichten und Informationen auseinanderzusetzen, auf die sie in ihren Social-Media-Feeds und Suchergebnissen stoßen. Bei der Arbeit aller Bibliotheken an den Zielen für nachhaltige Entwicklung ist es von größter Bedeutung, mit Bürgern mit unterschiedlichen Meinungen in einen Dialog zu treten. In diesen Gesprächen können Bibliotheken ein Stück der „gemeinsamen Realität“ zurückbringen, die in der Gesellschaft verloren gegangen ist.

Marie Østergård aus Aarhus hat das Konzept der Bibliothek als soziale Bewegung[38] weiterentwickelt. Beispiele sind ihr Gespräch mit David Lankes und ihre Beiträge in „Living Libraries“[39] über Bibliotheken als Bewegung und Bibliotheken und Demokratie. Østergård und Lankes sind auch bei Public Libraries 2030 in Brüssel aktiv, das sich zunehmend auf die Rolle der Bibliotheken bei der Förderung der Demokratie konzentriert.

(Gruppen-)Gespräche mit einer Vielzahl von Bürgern sind ein wichtiges, aber nicht einfaches Mittel, mit dem noch experimentiert wird. Auch in anderen Ländern wird nach Wegen gesucht, um den verbindenden Dialog in der Gesellschaft zu initiieren. In den Niederlanden wurde versucht, Projekte mit „integrativer Kommunikation“ zu initiieren und Bibliothekare darin auszubilden. Schließlich sollten Bibliotheken nicht nur ein Ort sein, der „Ihnen“ gehört (wie Nina Simon[40] zu Recht betont), sondern auch ein Ort, an dem „Sie“ gehört werden und zu dem „Sie“ gehören.

Bei diesem europäischen Ansatz zur Erarbeitung der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung können Erfahrungen auch an anderer Stelle genutzt werden. Zum Beispiel bietet der „New Librarianship Field Guide“[41] von David Lankes viele Ansatzpunkte sowohl für die Politikentwicklung als auch für praktische Aktivitäten.

Die American Library Association hat außerdem einen Kurs[42] mit sechs Einheiten entwickelt, um Bibliotheken bei der Durchführung von Community-Gesprächen zu unterstützen. Bibliotheken – wie die Pikes Peak Public Library[43] und die Arapahoe Public Library[44] – liefern interessante Beispiele, wie „Community-Gespräche“ geführt werden können.

Zweifellos gibt es Bibliothekare, die diese Art der Argumentation als zu politisch empfinden. Bibliotheken sind doch (politisch) neutral? Spätestens seit David Lankes[45] wissen wir aber jetzt, dass Bibliotheken nicht neutral sind und dass jede Entscheidung auf einer subjektiven Sichtweise beruht – bei dem Buch, das sie kaufen oder nicht kaufen, bei der Zielgruppe, die sie priorisieren oder negieren.

Abb. 3 
          Gegen Diskriminierung und für die Gleichstellung der Geschlechter, Queeres Café in Neude Bibliotheek Utrecht, Niederlanden, ©de Bibliotheek Utrecht
Abb. 3

Gegen Diskriminierung und für die Gleichstellung der Geschlechter, Queeres Café in Neude Bibliotheek Utrecht, Niederlanden, ©de Bibliotheek Utrecht

Ich wurde auch gefragt, ob die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung nicht linke politische Hobbys seien. Ich könnte antworten, dass Gleichheit, Gesundheit, Recht auf Entwicklung und Information, Redefreiheit alles Angelegenheiten sind, die – wie in vielen anderen Ländern – in unserer Verfassung verankert sind und an denen sich Bibliotheken als öffentliche Institutionen (die mit öffentlichen Geldern finanziert werden) orientieren müssen. Um eine Verbindung herzustellen und mit allen Bürgern in einen Dialog treten zu können, müssen Bibliotheken allerdings sorgfältig und geschickt arbeiten und mit Themen beginnen, die nicht zu kontrovers sind oder polarisieren.

In einer polarisierten Gesellschaft wird die freie Presse inzwischen an vielen Orten und in vielen Ländern beschuldigt, falsche Nachrichten zu verbreiten, angegriffen, ihre Ausrüstung zerstört und ihre Arbeit manchmal unmöglich gemacht. Das kann auch ein Risiko für Bibliotheken als Repräsentanten der Demokratie sein. Sie sind manchmal schon Objekt von Debatten und Diskursen, aber bisher nicht mit den entsprechenden Konsequenzen. Daher müssen Bürger Bibliotheken aktiv besuchen, um sie und ihre Angebote kennenzulernen.

Foa und Mounk warnten schon vor vier Jahren, dass die Demokratie auf dem Spiel stehe. Durch die Zunahme von Fake News und Deep Fake und den Umgang der Bürger damit ist die Mischung riskanter geworden und die Herausforderungen für Bibliotheken sind gestiegen.

6 Schließlich ...

Ist eine wirklich demokratische Gesellschaft denkbar, ohne dass die Ziele der Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung umgesetzt werden? Oder ist es möglich, diese Ziele in einer nicht demokratischen Gesellschaft auf breiter Front umzusetzen?

Es sind rhetorische Fragen. In Norwegen ist die Rolle der Bibliotheken bei der Förderung der Demokratie im Bibliotheksgesetz und in der nationalen Bibliotheksstrategie 2020–2023 „Ein Raum für Demokratie und Selbstkultivierung“[46] festgelegt. Dies ist auch in Finnland der Fall und in Schweden gibt es eine Bibliotheksstrategie (noch nicht offiziell genehmigt) unter dem Titel „Die Schatzkammer der Demokratie“[47]. Dies ist aber in den meisten Ländern Europas nicht der Fall und ein Grund für EBLIDA, auf europäischer Ebene an einer besseren Situation der Bibliotheksgesetzgebung zu arbeiten.

Aber auch ohne Gesetz erfordert die Zielsetzung der Bibliotheken, dass sie wirklich ein Ort für wahrheitsbasierte Informationen, zur Interpretation und zur Wissensentwicklung im Dialog zwischen Menschen jeglicher Herkunft, ein Ort für alle sein und immer bleiben muss.

Über den Autor / die Autorin

Ton van Vlimmeren

EBLIDA, Prins Willem-Alexanderhof 5, NL-2595 BE The Hague, The Netherlands

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Online erschienen: 2021-11-27
Erschienen im Druck: 2021-12-31

© 2021 Ton van Vlimmeren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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