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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter April 7, 2022

Digitale Jugendliteraturjury Gerolzhofen: ein Projektinterview

Digital Youth Literature Jury Gerolzhofen: a Project Interview
Julia Rehder

Zusammenfassung

Im vorliegenden Artikel wird über die Digitale Jugendliteraturjury in Gerolzhofen berichtet. Einleitend wird grob der Werdegang von der Idee zur Auftaktveranstaltung skizziert. Es folgt eine Beantwortung einiger Fragen durch die Jurymitglieder. Im dritten Teil gibt die Honorarkraft, die die Jury von Anfang an begleitet hat, einen Einblick in die Juryarbeit und berichtet von Chancen und Schwierigkeiten der digitalen Zusammenarbeit.

Abstract

This article reports on the Digital Youth Literature Jury in Gerolzhofen. The introduction roughly outlines the development from the idea to the kick-off event (or launch event...). This is followed by jury members answering some questions. In the third part, the freelancer who has accompanied the jury from the beginning gives an insight into the jury’s work and reports on the opportunities and difficulties of digital collaboration.

„Genau genommen heißen wir Mainreaders. Wir lesen Bücher mit Erscheinungsjahr 2021, besprechen diese und bewerten sie anschließend.“[1]

Auf einem Forum ganz knapp vor Corona wird das erfolgreiche Jugendjury-Projekt aus Leipzig vorgestellt. Jugendliche wählen, besprechen und bewerten Jugendbücher. Sofort ist Julia Rehder, Leiterin der Stadtbibliothek Gerolzhofen, begeistert von dem Projekt und ruft, zurück in Gerolzhofen, Steffen Braum an, der seine Unterstützung zusichert.

Das Konzept stand schnell, die Kooperationspartner waren gefunden. Doch dann begann die Pandemie und die ersten Beschränkungen wurden beschlossen. An ein regelmäßiges Treffen einer Gruppe Jugendlicher vor Ort war bis auf Weiteres nicht zu denken.

Abb. 1 
        Logo des Projekts

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Logo des Projekts

Im Laufe des Jahres und der Pandemie wurde klar, dass das Konzept für die Jury auf die aktuellen Gegebenheiten angepasst werden musste. Also wurde das Konzept digitalisiert. Mit der Förderung „Total Digital!“ wurden die Jurymitglieder mit Tablets und Technik ausgestattet, es wurde eine Honorarkraft beauftragt und Mitglieder akquiriert.

Mitten im zweiten sogenannten harten Lockdown Anfang 2021 fand die Auftaktveranstaltung des Projektes statt. Die Mitglieder, die Projektleitungen und die Honorarkraft Amelie Auer trafen sich online mit dem 1. Bürgermeister Thorsten Wozniak. Die Pizzeria Gerolzhofen versorgte innerhalb einer halben Stunde nach und nach alle Teilnehmenden mit selbst gewählten Pizzen. Etwas ganz Besonderes im Corona-Alltag.

Ganz im Sinne des digitalen Ansatzes des Projektes, haben einige Mitglieder stellvertretend einige Interviewfragen per E-Mail beantwortet.

Wie hast du die Zeit mit Corona, Kontakteinschränkungen und den Online-Treffen mit der Jury erlebt?

Julia: Die Jury startete sofort mit Online-Treffen über das Programm Jitsi, was immer ganz gut geklappt hat. Die kleinen Unterbrechungen, wie Störungen, schlechtes W-Lan und und und, sind schon Alltag geworden.

Kimberly: Es war anstrengend, aber trotzdem mega cool.

Hanna: Als eine Auszeit aus dem langweiligen „Corona-Alltag“.

Andreas: Über die Corona-Zeit hinweg hat die Jury für eine schöne Abwechslung gesorgt. Endlich war nicht jedes zweite Gesprächsthema „Die Zahlen sind gestiegen“ oder „was für nervige Pandemie-Verordnungen“, sondern etwas Normales: Bücher.

Welchen Einfluss hatten die Beschränkungen auf die Arbeit der Jugendjury?

Julia: Daher, dass die Jury direkt mit Online-Treffen begonnen hatte, kannte ich es ja vorerst auch nicht anders. Es hat alles gut geklappt, aber man musste das meiste logischerweise selbst bearbeiten. Deshalb war es auf jeden Fall eine Erleichterung, als wir uns wieder treffen konnten. Das ist natürlich schon noch effektiver und schöner!

Kimberly: Dass wir nicht so viel geschafft haben.

Hanna: Eigentlich keinen sonderlich großen, da man sich trotzdem sehr gut verständigen konnte. Aber natürlich habe ich mich auf das erste reale Treffen gefreut.

Andreas: Die Beschränkungen waren für uns eher nervig als wirklich ärgerlich. Wir konnten uns nicht persönlich treffen, haben das aber per Online-Treffen gelöst. Vielleicht waren sie sogar hilfreich, da man so nichts anderes machen konnte, als Bücher zu lesen und über sie nachzudenken.

Wie wählt ihr die Bücher aus, die ihr lest und wie bewertet ihr diese?

Julia: Ich selbst habe etwas durchs Internet gestöbert, welche Bücher im Jahre 2021 erscheinen/erschienen sind. Dieses Kriterium hat die Auswahl natürlich nicht unbedingt leichter gemacht. Aber wenn wir dann welche finden, melden wir das unserem Coach Amelie, sie schreibt dann die Verlage an und meistens bekommen wir ein Exemplar, das wir schon einmal lesen und bewerten dürfen. Wir bewerten, indem wir erst einmal eine kurze Inhaltsübersicht machen und dann eine Rezension mit Sternevergabe aus unserer Sicht schreiben.

Kimberly: Ich wähle die Bücher nach Titeln aus.

Hanna: Die Bücher mit interessantem Klappentext möchte ich meistens lesen. Bewerten tue ich meistens nach der gesamten Wirkung des Buches auf mich.

Andreas: Bücher, die wir bewerten, sind entweder welche, die wir in Regalen von Bücherläden gefunden haben, oder welche, die wir Online bereits verfolgt haben, vorausgesetzt, sie sind 2021 erschienen. Die Bewertung macht jeder einzeln, allerdings gibt es mögliche Bereiche, die zu Vergleichen hergenommen werden können.

Hannes: Wir wählen Neuerscheinungen die uns interessieren und sind bei der Bewertung fast komplett uns selbst überlassen.

Warum habt ihr euch für einen Podcast entschieden als digitales Medium?

Kimberly: Weil man da auch die Stimmen der Mitglieder hören kann.

Hanna: Um unsere Inhalte auf so vielen Wegen wie möglich zu veröffentlichen und mehr Menschen zu erreichen. Und weil es einfach Spaß macht.

Andreas: Wir sind erstmal alles Mögliche durchgegangen, und das hat einfach alle unsere Kriterien getroffen. Man muss sich nicht unbedingt zeigen, man kann diskutieren und man kann andere Leute ohne vieles dazu einladen.

Was würdest du jemandem sagen, der sagt, Lesen sei langweilig?

Julia: Buch beiseitelegen, neues wählen, wieder probieren!

Kimberly: Dann sage ich „Welche Genres gefallen dir dann?“.

Hanna: Ich finde jede/r sollte sein eigenes Hobby haben dürfen. Ich fände z. B. Computerspiele auch nicht interessant. Dennoch würde ich gerne erfahren, warum er oder sie so denkt.

Andreas: Ich würde ihn vermutlich nach dem Grund für diese Aussage fragen. Insofern die Antwort begründet ist, akzeptiere ich sie. Lesen ist nicht für alle etwas. Wenn nicht, schlage ich vor, er soll doch mal ein von mir vorgeschlagenes Buch lesen und mir seine Meinung danach nochmal mitteilen.

Hannes: Ich würde ihm raten, es noch mal zu versuchen, da das Lesen eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist.

Abb. 2 
        Erstes Treffen in realita

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Erstes Treffen in realita

Als Honorarkraft begleitet Amelie Auer die Jugendlichen im Projekt seit Beginn. Als Schauspielerin und Autorin von Theaterstücken, weiß sie um die Kraft der Worte und den Zauber von Geschichten. „Diese Leidenschaft bei den Jugendlichen begleiten und miterleben zu dürfen, ist ein großes Geschenk“, erzählt sie in einem Gespräch.

Denn es ist nicht nur die Begeisterung für Bücher, die die Jurymitglieder teilen, sondern anhand ihrer Vorlieben, Kritiken und Erzählungen erfahren alle auch viel Persönliches voneinander. Und plötzlich wird die Diskussion über Bücher und Literatur allgemein, zu einem vertrauten und berührenden Kreis von persönlichen Geschichten und Erlebtem.

„Diese Gruppe hätte sich so vermutlich niemals gefunden, aber durch die gemeinsame Liebe zu Büchern, wuchs sie zusammen und lebt gerade von ihrer Vielfältigkeit.“, beschreibt Amelie Auer einen der Vorteile des außerschulischen und schulübergreifenden Projektes.

So erfährt Amelie Auer das Projekt nicht nur als Bereicherung für die Welt der Jugendliteratur – denn wer könnte Bücher besser bewerten, als die Zielgruppe selbst –, sondern vor allem als wundervolles Beispiel harmonischen, respektvollen und freudigen Zusammenwirkens einer durch und durch bunt zusammengewürfelten Gruppe von Jugendlichen. Das – und das ist ihr besonders wichtig zu erwähnen – erst richtig wachsen konnte, als die Gruppe sich endlich auch live begegnen konnte. „Natürlich war es großartig und hilfreich, die digitalen Mittel zu nutzen, die der Gruppe zur Verfügung gestellt wurden.“, bestätigt Amelie Auer den digitalen Ansatz. Denn viele Arbeitsvorgänge konnten dadurch vereinfacht und beschleunigt werden. Neue Ideen konnten gleich und zu jeder Zeit auf einer digitalen Plattform hochgestellt, geteilt und festgehalten werden. Jede/r Teilnehmer:in konnte zu jeder Zeit weiterarbeiten und Ideen unmittelbar teilen. Die Einzelbetreuung und das Arbeiten an Texten konnte individuell und zeitlich versetzt über E-Mail oder sonstige Nachrichtendienste einfach und schnell bewerkstelligt werden.

„Es ersetzt in keiner Weise ein wirkliches Zusammentreffen, das die Jugendliteraturjury letztlich wirklich zusammengeschweißt und eine richtige Gruppe hat werden lassen.“, fügt sie entschieden auch die andere Seite des hohen digitalen Anteils des Projektes hinzu.

Wer glaubt, dass die heutige Jugend kein wirkliches Interesse mehr am literarischen und auch am weltlichen Geschehen hat, der wird von dieser jugendlichen Jury eines Besseren belehrt. Voller Eifer, Ideen, kritischem Denken und wachem Verstand, belebten sie die Idee einer Literaturjury und ließen diese durch ihre eigene Kreativität wachsen. Mit einem optimistischen Blick in die Zukunft, schließt Amelie Auer das Gespräch über die Jury ab. „Ein wundervoller Grundstein, der anfänglichen Schwierigkeiten ausgesetzt war, wurde gelegt und wächst hoffentlich weiterhin. Denn die lesebegierige und wache Jugend ist da und mehr als bereit, in den literarischen Diskurs einzusteigen und vor allem mitzusprechen.“

„Ganz ehrlich? Ich würde nichts verändern. Alles ist für mich eigentlich perfekt, so wie es ist. Jeder kann selbst arbeiten, in seinem eigenen Tempo und es wird auf persönliche oder schulische Störungen Rücksicht genommen.“ (Andreas)

Online erschienen: 2022-04-07
Erschienen im Druck: 2022-04-30

© 2022 Julia Rehder, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.