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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg April 27, 2015

Der Pferdediskurs im England des 17. Jahrhunderts. Die horsemanship-Traktate als geschichtswissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand

The Horse-Discourse in 17th-Century England. Horsemanship-Treatises as a Subject of Historical Analysis.
Stefano Saracino
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Die kulturhistorische Erforschung der Grenzregime, die in der Frühen Neuzeit die natürliche Grenze zwischen Mensch und Tier festlegten, und die Instabilität und Brüchigkeit dieser Grenze haben in letzter Zeit im Kontext der human-animal-history besondere Aufmerksamkeit erlangt. Dressur- und Manegepferde, deren Züchtung, Haltung und Vorführung im Mittelpunkt der Quellenmaterialien stehen, die für die vorliegende Studie ausgewertet wurden, passen eher schlecht zum Bild vom wilden und vernunftlosen Tier, aus dem sich traditionell ein menschlicher Herrschaftsauftrag ableiten ließ. Der vorliegende Beitrag greift diesen Gegenstand auf und beleuchtet ihn anhand der horsemanship-Traktatistik sowie des Pferdediskurses, der im England des 17. Jahrhundert geführt wurde. Mit den Fallbeispielen des Stuart-Hofes und der Cavendish-Familie wird allerdings versucht, darüber hinausgehend die wissenschaftliche Relevanz und das heuristische Potential der horsemanship für verschiedene Forschungszweige der Geschichtswissenschaften zu veranschaulichen. Die Thematik liefert u. a. neue Einblicke in die Erforschung des historischen Wandels von Naturkonzeptionen und dessen Auswirkungen auf politische Ordnungsentwürfe oder aber in die semantische und symbolische Kommunikation adeligen Selbstverständnisses, aber auch des Selbstverständnisses nichtadeliger Ständegruppen. Das Pferd eignet sich besonders gut zur semiotischen Repräsentation von Standeszugehörigkeit sowie als Legitimationsressource, die die abgehobene Stellung des adeligen Standes ebenso wie seine politische Bedeutung rechtfertigt. Über das Pferd und die horsemanship wurden im 17. Jahrhundert deshalb ständegesellschaftliche Konflikte ausgetragen, an denen sich aufzeigen lässt, dass Tiere und die Interaktion zwischen Tier und Mensch in der Frühen Neuzeit eine eminent politische Bedeutung besaßen.

Abstract

The strategies used in early modern societies in order to determinate the differences between humans and animals, as well as the instability and fragility of these boundaries have been the object of recent research in the field of human-animal-history. Horses for the manege and for dressage, their breeding, care and exhibition, are in the focus of the sources that are discussed in the present article. But manege-horses do not fit well to the image of the animal’s wilderness and irrationality, which traditionally were put forward in order to legitimate the dominion of humans over animals. The present article addresses this topic with the example of the horsemanship-treatises and of the horse-discourse which is present in early modern England (e.g. at the Stuart-court and in the Cavendish-circle). However, its object is to extend the focus beyond the issues of animal-history-studies in order to emphasize the relevance of horsemanship for historical scholarship in general. Different branches of research can be alleged, where horsemanship matters for the historian. This is the case for the study of the historical change of the concept of nature and the implications of this change for the political realm or for the study of the semantic and symbolic representation of the nobility and of the estate-based society in general. Horses were used in early modern England in order to represent semiotically the higher estates and in order to legitimate their privileged social position as well as their political power. Hence horses were at the ground of social, economical and political conflicts that afflicted English society in the 17th century.

Online erschienen: 2015-4-27
Erschienen im Druck: 2015-4-26

© by Walter de Gruyter Berlin/Boston