Skip to content
Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg June 18, 2016

Die große Herausforderung. Herodot, Thukydides und die Erfindung einer neuen Form von Geschichtsschreibung

Kurt A. Raaflaub EMAIL logo
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Herodot und Thukydides waren die ersten, die große und komplexe Prosageschichtswerke über bedeutende historische Ereignisse produzierten, und zwar, in Christian Meiers Definition, als “multi-subjektive, kontingenz-orientierte Erzählungen“. Sie erfanden im wahrsten Sinne des Wortes eine neue Gattung der historischen Literatur, und dies stellte sie vor massive und elementare Herausforderungen, die in der Forschung nur teilweise als solche erkannt und umfassend untersucht worden sind. Obwohl das Epos ihnen gewisse Anregungen bot, mussten sie herausfinden, wie sie ihr Material sammeln, bewerten und organisieren, ihren Bericht gestalten und das Interesse ihres Publikums gewinnen und halten konnten. Da sie in einer fragmentierten Welt mit divergierenden und widersprüchlichen Erinnerungen lebten, aber im Interesse einer breiten Wirkung eine panhellenische Perspektive wählten, mussten sie sich ihr Publikum überhaupt erst schaffen. Trotz beträchtlicher Unterschiede in Alter, Hintergrund und Weltsicht waren sie doch Zeitgenossen und Kinder der ungeheuer dynamischen intellektuellen Kultur ihrer Epoche. Thukydides betont ausdrücklich den Nutzen der Geschichte als eines „immerwährenden Besitzes“; bei Herodot ist diese Überzeugung zwar implizit, aber kaum weniger deutlich fassbar. Der vorliegende Aufsatz befasst sich mit der Frage, inwiefern Geschichte nützlich sein kann, weshalb dies wichtig ist, mittels welcher Methoden der Nutzen von Geschichte erkennbar gemacht wurde, wie sich dies alles auf die Rekonstruktion und Erzählung von Geschichte auswirkte – und welche Bedeutung dies umgekehrt für unseren Gebrauch der resultierenden Berichte als ‚Geschichte‘ hat. Des Weiteren geht es um die bemerkenswert ähnlichen Methoden, die die beiden Autoren entwickelten, um ihre ‚Geschichte‘ für zeitgenössische und künftige Leser interessant und bedeutungsvoll zu machen. Einige dieser Methoden fanden sie in den Epen vorgegeben. Andere waren neu und dazu bestimmt, ihren Bericht zu strukturieren, die Auswahl unter ähnlichen Episoden zu erleichtern, besonders bedeutende Aspekte hervorzuheben, das Interesse des Publikums an den erzählten Handlungsabläufen wachzuhalten und Grundmuster herauszuarbeiten, die diesem Publikum die dynamische Wechselwirkung zwischen Vergangenheit und Gegenwart nahebrachten. Die hier vorgelegte Untersuchung wirft deshalb auch neues Licht auf die ‚intertextuellen Beziehungen‘ zwischen diesen beiden ‚ersten Historikern‘.

Abstract

Herodotus and Thucydides were the first to write large-scale and complex histories as “multi-subjective, contingency-oriented accounts” (Christian Meier). In literally inventing a new genre, both authors faced formidable and elementary challenges that scholars have rarely considered in detail. Although epic offered inspiration, they had to figure out how to collect, evaluate, and organize their material, present their narrative, and capture their public's attention. In a fragmented world with conflicting memories, they wrote from a panhellenic perspective; hence they had to create their audiences as well. Although differing in age and background, they were contemporaries, sharing in their time's vibrant intellectual culture. Thucydides explicitly emphasizes the usefulness of history as a “possession for ever”; the same emphasis is implicit in Herodotus. This paper deals with the question of what made history useful, why this was important, what techniques were used to achieve this purpose, how all this affected the historians' reconstruction and narrative of history—and it in turn affects our use of their historical narratives as history. Furthermore, the paper discusses some of the remarkably similar techniques the two authors developed to make their histories interesting and meaningful to their own and future readers. Some of these techniques they borrowed from epic. Others were new devices to structure the narrative, facilitate selection among similar episodes, highlight important aspects, involve the readers in the narrated action, and draw out patterns that engaged them in a dynamic interaction between past and present. Hence the results of this paper's investigation also throw new and intriguing light on the intertextual relations between these two “first historians.”

Online erschienen: 2016-6-18
Erschienen im Druck: 2016-6-17

© by Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München, Germany

Downloaded on 28.11.2022 from frontend.live.degruyter.dgbricks.com/document/doi/10.1515/hzhz-2016-0188/html
Scroll Up Arrow