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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg June 6, 2017

„Revolution“. Zur Karriere eines Begriffs in Großbritannien, 1688–1714

„Revolution“. The Career of a Political Term in Great Britain, 1688–1714
Ulrich Niggemann
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Im England der Jahre nach der Glorious Revolution war der Revolutionsbegriff nicht nur enorm präsent. Die Behauptung, der Begriff sei dort marginal gewesen und sei erst durch die Rezeption französischer Texte in die Diskussion eingebracht worden, dürfte kaum haltbar sein. Ganz offenkundig war der Begriff unmittelbar nach 1688 ein wesentlicher Bestandteil der innerenglischen politischen Debatten. Genauso wenig haltbar sind aber auch Versuche, den Revolutionsbegriff nach 1688 auf eine bestimmte Bedeutung festzulegen. Vielmehr zeichnet sich die Semantik des Begriffs in den Jahren nach der Revolution durch ein hohes Maß an Uneindeutigkeit und Heterogenität aus, durch ein Nebeneinander verschiedener Semantiken, ja durch einen regelrechten Kampf um die Füllung eines von unterschiedlichen Parteien anerkannten und in positiver Weise genutzten Begriffs. Weder gingen damit zyklische oder restaurative Konnotationen einfach verloren, noch lässt sich „Revolution“ im England des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts eindeutig auf die Konnotation von Widerstand oder Umsturz von unten festlegen. Dementsprechend wäre es zu einfach, eine geradlinige Entwicklung zum modernen Revolutionsbegriff anzunehmen. Vielmehr weist der Begriff eine Vielzahl paralleler und gleichzeitiger Konnotationen auf, die eng mit den konkurrierenden Interpretationen der Ereignisse von 1688/89 verbunden waren. Was aber deutlich wird, ist die positive Abgrenzung gegenüber Rebellion. Während „Rebellion“ stets einen illegitimen Akt des Widerstands meinte und zumeist auf die Ereignisse der Bürgerkrieg und des Regizids der Jahrhundertmitte verwies, war „Revolution“ ein positiv konnotierter Begriff, der fast immer einen legitimen Umbruch meinte, ganz gleich ob dieser als legitimer Widerstand oder als Eingriff Gottes in den Lauf der Geschichte interpretiert wurde. Für die Funktionsbestimmung des Revolutionsbegriffs in den englischen Debatten nach 1688 bedeutet dies: Der Begriff „Revolution“ diente vor allem dazu, die Ereignisse, die zur Flucht Jakobs II. und zur Krönung Wilhelms III. und Marias II. führten, in positiver Weise von den Geschehnissen zwischen 1642 und 1660 abzugrenzen. Der Revolutionsbegriff war also ganz eindeutig ein positiver Gegenbegriff zur „Rebellion“ gegen Karl I. Genau darin lag seine Attraktivität für Whigs und Tories gleichermaßen.

Abstract

The present article demonstrates that the concept „revolution“ was commonly used in England in the years following the Glorious Revolution. It was, therefore, not the reception of French works that established the word in England, but it was part and parcel of the political debates in England itself. Furthermore, it can be shown, that the concept „revolution“ after 1688 did not have a fixed meaning. On the contrary, the semantics of the concept were heterogeneous and ambiguous. Different meanings coexisted, and the several parties – political as well as ecclesiastical – competed in defining the concept according to their interpretation of the Revolution. Neither did older cyclic or restorative connotations simply disappear nor could „revolution“ be uniquely defined in the sense of resistance or upheaval from below. It would thus be an oversimplification to state a linear development to the modern concept of a revolution. Rather, the concept had a multitude of parallel and competing meanings at the same time, which were closely connected to the several interpretations of the events of 1688–89. What becomes clear, however, is the positive demarcation against the concept of rebellion. Whereas „rebellion“ always meant an illegitimate act of resistance and was in most cases used to characterise the civil wars and the regicide of the mid-century, „revolution“ referred to a legitimate change. According to the different interpretations, this could have been brought about by a godly intervention or by legitimate resistance. In conclusion, this means that „revolution“ was used to separate the positive events of the flight of James II and the coronation of William and Mary from the events between 1642 and 1660. „Revolution“ was thus a positive counter term to the „rebellion“ against Charles I. This exactly made it attractive to both Whigs and Tories.

Online erschienen: 2017-6-6

© by Walter de Gruyter Berlin/Boston

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