Accessible Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg April 6, 2018

Unwiderstehliche Horizonte? Zum konzeptionellen Wandel von Hanseraum, Reich und Europa bei Fritz Rörig und Carl Schmitt

Irresistible Horizons? Reconsidering the Conceptual Change of „Hanseraum“, „Reich“, and Europe in the Works of Fritz Rörig and Carl Schmitt
Carsten Groth and Philipp Höhn
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Der Artikel befasst sich mit dem Wandel von Rauminterpretationen und Europavorstellungen in der deutschen Mediävistik und dem Völkerrecht in den 1940er Jahren am Beispiel des Hansehistorikers Fritz Rörig und Carl Schmitts. Ausgehend von den Diskussionen zwischen Rörig und Schmitt um die Figur des Piraten, die aus ihrer Bekanntschaft aus dem „Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften“ entstand, wird nach den Verschränkungen geschichtswissenschaftlicher Konzepte mit zeitpolitischen Fragestellungen gefragt. Unser Beitrag zeigt, dass die als Fragmentierung erfahrene Kriegsniederlage von 1918, der Nationalsozialismus, aber besonders die Kriegserfolge zu Beginn des Zweiten Weltkrieges für Intellektuelle wie Schmitt und Rörig katalytisch wirkten, um sich vom Nationalstaat als konstantem Bezugspunkt zu lösen und historische Phänomene mit Begriffen jenseits des Staats zu fassen. Er argumentiert, dass der Schlüssel zu diesem Wandel im relativen Raumverständnis Schmitts und Rörigs lag, nach dem Räume durch soziale Operationen konstituiert wurden. Während Schmitt mit seiner „völkerrechtlichen Großraumordnung“ überstaatliche Reiche zu Völkerrechtssubjekten aufwertete, gelangte Rörig in enger Korrespondenz zu einer Neubewertung des Verhältnisses von Raum, Reich, Hanse und Europa. An die Stelle einer national verstandenen Hanse, die Teil einer protoglobalisierten Weltwirtschaft gewesen sei, verstand er sie nun als Träger eines europäischen Großraumes. Die Vagheit dieser Konzepte ermöglichte ihre Umschreibung nach 1945. Während die Raum- und Reichskonzepte in den 1990er Jahren erst neu entdeckt wurden, setzten die sich von Rörig zur Legitimation des deutschen Eroberungskrieges vorgebrachten Ansätze, historische Phänomene wie die Hanse nicht mehr in einem nationalen, sondern spezifisch europäischen Rahmen zu fassen, nahtlos durch.

Abstract

The article examines far-reaching changes in the perception of Europe and of space more generally among German scholars of medieval history and public international law in the 1940s, changes that survived WW II and that are still with us today. Departing from the intense discussion of the figure of the pirate in the correspondence between Fritz Rörig and Carl Schmitt, two eminent scholars in their own respective fields, who met as part of the „Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften“, we inquire into the entanglements of the development of scientific concepts for historical inquiry with contemporary political questions in this period. In short, we argue that the defeat of WW I, National Socialism and, more crucially, the experience of the early military success in WW II, acted as a catalyst for these scholars, pushing them to abandon the nation state as their constant reference point in favor for political entities beyond the state. Based on their shared belief that space was socially constructed, Schmitt developed the concept of a „völkerrechtlichen Großraumordnung“ which allowed him to make non-state-entities such as the postulated „Reiche“, „empires“, and „Großräume“ into subjects of public international law, and Rörig no longer conceived the Hanseatic League as a proto-nation state operating as part of proto-globalized world economy, conceptualizing it instead as the bearer of a European „Großraum“. The vagueness of these concepts allowed for their survival and reminting after 1945. While Schmitt’s ideas about space and „Reich“ were rediscovered no earlier than the 1990s, Rörig’s suggestions that historical phenomena such as the Hanseatic League should not be thought with reference to nation states but to Europe – ideas he had developed as a way of legitimising German conquest and expansion – continued seamlessly into the post-war era.

Keywords: Hanse; Raum; Ostsee
Online erschienen: 2018-4-6

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