Accessible Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg August 5, 2018

Ein Atavismus der Hochmoderne? Die Sommerzeit als „social engineering“ (1907–1980)

An Atavism of High Modernity? Daylight Saving Time a Social Engineering (1907–1980)
David Kuchenbuch
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Vor rund hundert Jahren – im Ersten Weltkrieg – zum ersten Mal erprobt, ist die Sommerzeit heute umstrittener denn je: Wird der energiepolitische Nutzen der periodischen Zeitumstellung schon lange bezweifelt, mehren sich die Hinweise auf ihre medizinischen Nachteile. Dabei waren es gerade „biopolitische“ Argumente gewesen, mit denen der britische Bauunternehmer William Willett schon 1907 in seinem Pamphlet „The Waste of Daylight“ die Maßnahme zur verbesserten gesellschaftlichen Ausnutzung der Solarenergie öffentlichkeitswirksam propagiert hatte. Das legt es nahe, die Sommerzeit als Phänomen des „hochmodernen“ social engineering zu analysieren. Wie der Aufsatz am deutschen und britischen Beispiel zeigt, macht die Sommerzeit dann sowohl die sich im späten 19. Jahrhundert immer stärker ausprägenden innergesellschaftlichen (Zeit-)Interdependenzen sichtbar als auch die sozialtechnologische Machbarkeitsgewissheit bürgerlicher Eliten und den Aufschwung des Staates als Hüter der temporalen Ordnung. Die wechselhafte politische Geschichte der Sommerzeit im Deutschland des 20. Jahrhunderts verdeutlicht aber auch, dass sich die Handlungsspielräume der „Ingenieure der Sozialen Zeit“ im Zuge transnationaler Verflechtungsprozesse ebenso stark veränderten wie angesichts der wachsenden Bedeutung der Meinungsforschung. Beide Entwicklungen werfen ein Licht auf die sozial- wie kulturhistorischen Rahmenbedingungen des staatlichen „Zeitens“ (Norbert Elias) im vergangenen Jahrhundert, aus denen sich wiederum theoretische Anregungen für die Untersuchung von Zeitregimes der Moderne ziehen lassen.

Abstract

A hundred years after first being tested during World War One, daylight saving time is more contested than ever: Its effects on energy saving having long been disputed, and increasingly, its medical disadvantages become clear. Ironically, it was the „biopolitical“ virtue of enhancing the societal utilization of solar energy that British developer William Willett pointed out to much acclaim in his 1907 pamphlet „The Waste of Daylight“. Daylight saving time can thus be regarded as an example of „high-modernist“ social engineering. As this article shows building on sources from Germany and Britain, the concept of daylight saving points to the increase in social (temporal) interdependency in the late 19th century, the belief of elites in their ability to shape society, as well as the rise of the state as the keeper of temporal order. But the political history of daylight saving in twentieth-century Germany also conveys that the framework for an „engineering of social time“ was changing due to transnational entanglements and the growing importance of polling in politics. Both developments throw a light on the socio-cultural conditions shaping practices of „temporalizing“ (Norbert Elias) by the state, which in turn hold theoretical insights for the analysis of modern time-regimes.

Online erschienen: 2018-08-05

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