Accessible Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg February 5, 2019

Die Ungeduld mit der Zeit. Britische und deutsche Bahnpassagiere im Eisenbahnzeitalter

The Restless Age. British and German Train Passengers in the Railway Age
Oliver Zimmer
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Die historische Zeitforschung neigt dazu, die Potenziale der modernen Zeitkultur mit ihrer Praxis gleichzusetzen. Neue Möglichkeiten, was die Reisegeschwindigkeit von Zügen, die Synchronisation von Bahnhofsuhren oder die Regulierung der Bewegungen des reisenden Publikums betrifft, definieren das Zeitbewusstsein und die Zeitverwendung einer Epoche jedoch nur unvollständig. Gerade beim Umgang mit der Zeit bleiben orts- und kontextspezifische Alltagserfahrungen von entscheidender Bedeutung. Diese These wird im vorliegenden Beitrag am Beispiel britischer und deutscher Eisenbahnpassagiere entwickelt. Mit der zunehmenden Beschleunigung und Verdichtung des Eisenbahnverkehrs stieg das Risiko von Verspätungen – und zwar unabhängig davon, ob die Betreiber (wie in Großbritannien) private Gesellschaften oder (wie in Deutschland nach der Reichsgründung mehrheitlich) Staatsbetriebe waren. Und gleichzeitig verringerte sich im auf Pünktlichkeit getrimmten Eisenbahnzeitalter die Wartebereitschaft der Menschen. Ungeduldiges Warten war nicht primär Ausdruck nationaler kultureller Eigenschaften, sondern eine Begleiterscheinung der Beschleuningung und Verdichtung des Verkehrs, wobei auch in diesem Bereich der Modernisierung nicht von einer einfachen Ursache-Wirkung-Beziehung auszugehen ist: Sozioökonomischer und technologischer Wandel und Veränderungen der öffentlichen Erwartungen und Wahrnehmungen beeinflussten sich bei diesem Vorgang gegenseitig. Mit ihrer Ungeduld brachten Einsenbahnpassagiere ihre Enttäuschung über das Versprechen einer berechen- und damit kontrollierbaren Moderne zum Ausdruck. Als weitverbreitetes Gefühl wurde Ungeduld zum Signum der modernen Zeit. Bis zum Beginn des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts legten britische Bahnpassagiere deutlich mehr Ungeduld an den Tag als deutsche. Diese Differenz verringerte sich jedoch um 1900 spürbar. Nun entpuppte sich die Ungeduld mit der Zeit auch in Deutschland als Folge und Ferment einer Zeitkultur, die das Leben viel umfassender prägte, als es manchen lieb war.

Abstract

Scholars have often equated the potentials of modern time culture with its practical effects. Yet new possibilities created by faster trains, synchronized clocks or the regulation of passenger movements only tell us so much about how people perceive and use time in their everyday lives. When it comes to time, the place of the action often matters more than the conventions of linear time. This article draws on British and German railway passengers to develop this particular argument. It shows that the nineteenth century, which is often described as a period of acceleration, was also an age of impatient waiting. Along with the growing density of railway traffic, increases in speed heightened the risk of delays and of unpunctuality – quite irrespective of whether the railway companies were in private hands (like in Britain) or mainly state-owned (as they became, for the most part, in Germany). At the same time, the travelling public’s waiting tolerance diminished. This widespread sense of restlessness was not primarily a reflection of national characteristics. What proved more instrumental was the acceleration and growth of railway communication: Living in an age of promised progress, men and women had expected trains to render their lives more predictable and controllable. When this modern expectation was revealed as unattainable, they reacted with an attitude of impatience that manifested itself in a multitude of ways. As a feature of modernity, impatience manifested itself first in Britain, where, by the 1860s, early industrialization and extensive urbanization had fostered a uniquely dense network, with trains that were travelling at faster average speeds than anywhere in the world. By the 1890s Germany’s railway network was as dense and dynamic as Britain’s, and her travelling public was as impatient as its British counterpart. Now German railway passengers too grew increasingly restless when trains failed to keep their time.

Online erschienen: 2019-02-05

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