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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg August 5, 2019

Moderne Patronage – Mikropolitik in der Moderne. Konturen und Herausforderungen eines neuen Forschungsfeldes

Modern Patronage
Jens Ivo Engels and Volker Köhler
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Der Beitrag ist ein Plädoyer für eine reflektierte Geschichte der politischen Patronage in der Epoche der Moderne. Im Anschluss an die deutlich avanciertere Forschung in den romanischen Ländern fassen wir politische Patronage als integralen Bestandteil moderner Politik und verwenden das von Wolfgang Reinhard für die Frühneuzeitgeschichte adaptierte Konzept der „Mikropolitik“. Anstelle einer oft statischen Netzwerkforschung treten wir für eine Handlungs- und Kulturgeschichte von Mikropolitik in der Moderne ein, unter Einschluss der Normen und Werte, die darin zum Ausdruck kommen. Weitgehend offen ist gegenwärtig noch die Frage, worin die mikropolitischen Spezifika dieser Epoche liegen. Folgende Merkmale scheinen uns gleichwohl charakteristisch: Mikropolitik und Patronage haben im Kontrast zur Vormoderne ein deutlich erhöhtes Legitimitätsdefizit. Die für den politischen Gabentausch zur Verfügung stehenden Ressourcen änderten sich zunächst mit der Industrialisierung und später mit dem Ausbau des Interventionsstaates. Neben der zuvor fast alternativlosen hierarchischen Patronage erhielt in der Moderne die horizontale Vernetzung einen Bedeutungsgewinn – aufgrund neuer Wertvorstellungen, aber auch wegen der diffuseren Verteilung von Ressourcen. Damit traten soziale Akteure aus neuen Schichten auf den Plan. Außerdem entwickelten sich erstmals seit dem 19. Jahrhundert Organisationen wie etwa Parteien oder Gewerkschaften, die ihrerseits als mikropolitische Akteure auftraten und damit das Prinzip der „Organisationspatronage“ begründeten. Schließlich gehörte zu den Kriterien der Begünstigung nunmehr auch die politische Gesinnung.

Abstract

This paper makes the case for a history of political patronage in the era of modernity. Inspired by the relevant research in the Romanic countries, we understand political patronage as integral part of modern politics, and we base our text on the concepts of „micropolitics“ as it has been adapted by Wolfgang Reinhard for early modern history. Instead of the rather static concepts in existing network research, we advocate a cultural history of modern micropolitics, including practices, norms and values. Until today, the question of the specific features of modern micropolitics is still open. However, we propose to consider the following characteristics: Compared to the premodern period, patronage and micropolitics of the modern era suffer from extremely reduced legitimacy. At the same time, the resources available for political gift-giving and exchange changed, namely first as a result of industrialization und second due to the high modern interventionist state. In the modern era, horizontal forms of networking gained significance compared to hierarchical forms of patronage which had dominated in antecedent ages, caused by wider distribution of the new resources and by changing social norms. By the way, new social actors occurred. Since the nineteenth century, moreover, new organizations such as political parties emerged and invented what we call „organizational patronage“. Finally, political convictions became an important criterion for favoritism.

Published Online: 2019-08-05

© 2019 by Walter de Gruyter Berlin/Boston

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