Accessible Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg December 1, 2019

Die deutsche Legende vom ‚aufgezwungenen Verteidigungskrieg‘ 1914

The German Legend of the „forced war of defense“ in 1914
Robert C. Moore
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Dieser Aufsatz ist eine Entgegnung auf Rainer F. Schmidts Artikel „Revanche pour Sedan“ (HZ 303, 2016, 393–425), der gemäß dem revisionistischen Paradigma der ,Initiative der Entente‘ behauptet, dass Frankreich 1914 das Deutsche Reich mit einer gezielten Kriegsvorbereitungs- und Erpressungspolitik provozierte und aufgrund der angeblichen „Kenntnis“ des deutschen Kriegsplans so unter „Handlungsdruck“ setzte, dass sich das Deutsche Reich gezwungen sah, den Ersten Weltkrieg auszulösen. Damit sei die französische Politik für den „Tatbestand einer indirekten Kriegsentfesselung“ verantwortlich. Der Verfasser identifiziert diese Thesen als eine Neuauflage der Topoi des Rechtfertigungskanons der Reichsleitung und Teil eines Projektions- und Umkehrungsszenarios, das nach dem Krieg 1919 durch eine Propagandakampagne des Auswärtigen Amtes gegen den Versailler Vertrag und die Reparationen dafür benutzt wurde, um das Deutsche Reich von der Verantwortung für die Auslösung des Krieges freizusprechen, mit dem expliziten Ziel, Frankreich und seinen Präsidenten politisch-moralisch zu diskreditieren. Bei der Analyse der Thesen Schmidts verfährt der Verfasser mehrgleisig, indem er einerseits zeigt, dass es sich hier um unbelegte Behauptungen und Spekulationen handelt, die nicht auf Primärquellen sondern auf einer speziellen Zitierkette beruhen, und andererseits weist er darauf hin, dass die realen Vorgänge der Vorgeschichte des Krieges und der Julikrise 1914 nur selektiv und teilweise falsch wiedergegeben werden. Im Ergebnis stellt der Verfasser fest, dass die Interpretation Schmidts Ausdruck einer Welle neorevisionistischer Literatur ist, die die Verantwortung für die Auslösung des Krieges auf die Entente schieben möchte, was aber den tatsächlichen Ereignissen zuwiderläuft und sich anhand der Quellen nicht bestätigen lässt.

Abstract

This paper is a reply to Rainer F. Schmidt’s essay „Revanche pour Sedan“ (HZ 303, 2016, 393–425), which according to the revisionist paradigm of the „initiative of the Entente“ claims that France and its President Poincaré in 1914 provoked the German Reich with a policy of war preparedness and blackmail to force it – through its alleged „foreknowledge“ of the German war plan – on a course of action that left Germany no choice but to start the First World War. Therefore, Schmidt states, Poincaré’s policies amount to an „indirect“ unleashing of the Great War. The author identifies Schmidt’s theses as a revival of the topoi of the arsenal of justification of the German leadership and part of a projection scenario to reverse its responsibility, which was initiated after the war in 1919 through a special propaganda campaign of the Foreign Office against the Versailles Treaty and the obligation to pay reparations. This campaign was not only intended to deny Germany’s responsibility for triggering the war, but specifically to discredit France and Poincare politically and morally. In analyzing the core theses put forward by Schmidt, the author proceeds in several areas, showing on the one hand that these are unproven assertions and speculations that are not based on primary sources but on a revisionist chain of quotations, and shows on the other hand, that the real events of the July crisis are only presented selectively with false attributions. As a result, the author states that Schmidt’s interpretation of the origins of the First World War is an expression of a current wave of neo-revisionist literature, that tries to shift responsibility for the war to the Entente but runs counter to the real events prior to the outbreak of the war which cannot be confirmed by primary sources.

Published Online: 2019-12-01

© 2019 by Walter de Gruyter Berlin/Boston