Accessible Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg August 1, 2020

Gerechter Lohn oder „Bourgeois-Sinecure“? Die Debatte um die Gewinnbeteiligung des Aufsichtsrats um 1900

Appropriate Remuneration or „Bourgeois-Sinecure“? The Debate about Supervisory Board Compensation in Germany at the Turn of the Nineteenth Century
Felix Selgert
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Im Deutschen Kaiserreich existierten um die Jahrhundertwende hohe Lohnungleichheiten. Eine kleine Gruppe von Spitzenverdienern, ein Prozent der Lohnempfänger, beanspruchte im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts fast ein Fünftel der gesamten Lohnsumme für sich. Zu dieser Gruppe gehörten auch viele Aufsichtsräte von Aktiengesellschaften. Diese Lohnungleichheiten blieben den Zeitgenossen nicht verborgen und erreichten um die Jahrhundertwende den Reichstag. Dort entspann sich im Kontext der Steuerdebatten der 1900er Jahre eine Debatte um soziale Gerechtigkeit. Politiker des Zentrums und der konservativen Reichsparteien kritisierten Aufsichtsratsentschädigungen, weil diese ohne Arbeitsleistung zustande kämen. Insbesondere in den Augen der Zentrumspolitiker gefährdete dies den Zusammenhalt der Gesellschaft. Liberale Politiker verteidigten die Spitzeneinkommen dagegen, indem sie auf das Haftungsrisiko und die hohe Arbeitsbelastung der Aufsichtsräte hinwiesen. Die vor allem von der Zentrumspartei propagierte Norm der sozialen Gerechtigkeit fand Eingang in wirtschaftspolitische Maßnahmen, die auf die Beschränkung der Aufsichtsratsvergütungen abzielten. In der Praxis scheinen diese Maßnahmen jedoch keine Wirkung entfaltet zu haben. Die empirische Untersuchung der Vergütungen von Aufsichtsräten anhand eines großen Unternehmensdatensatzes zeigt, dass viele Aktiengesellschaften die beabsichtigte Vergütungsbeschränkung durch die Einführung neuer Vergütungsformen umgingen. Wertvorstellungen in Bezug auf Lohnungleichheiten beeinflussten somit durchaus politischen Gestaltungswillen, hatten aber kaum Einfluss auf die Praxis der Lohngestaltung von Spitzenmanagern.

Abstract

At the turn of the nineteenth century there were high wage inequalities in the German Empire. In the first decade of the twentieth century, a small group of top earners, one percent of all wage earners, claimed almost one fifth of the total wage bill. This group also included many members of the supervisory boards of joint stock corporations. These wage inequalities were not hidden from contemporaries and reached the Reichstag at the turn of the century. There, in the context of the tax debates of the 1900s, a debate about social justice was unleashed. Politicians of the Zentrumspartei and the conservative parties criticized supervisory board compensation because it was paid without work. In the eyes of politicians of the Zentrumspartei, this endangered the cohesion of society. Liberal politicians, on the other hand, defended top incomes by pointing out the liability risk and the heavy workload of supervisory boards. The norm of social justice propagated by the Zentrumspartei found its way into economic policy aimed at limiting the remuneration of supervisory board members. In practice, however, these measures seem to have had no effect. The empirical investigation of the remuneration of supervisory board members on the basis of a large dataset of German joint stock companies reveals that many companies bypassed the intended remuneration restriction by introducing new forms of remuneration. Social norms in relation to wage inequalities thus certainly influenced political will to shape the remuneration system, but had hardly any influence on the practice of top managers’ remuneration.

Online erschienen: 2020-08-01

© 2020 Walter de Gruyter, Berlin/Boston