Accessible Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg June 1, 2021

Antike und moderne Propaganda

Jan B. Meister
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Die Propaganda des faschistischen Italiens setzte die Antike prominent in Szene. Diese Instrumentalisierung der Antike in moderner Propaganda hatte sehr konkrete Rückwirkungen auf das Bild, das man sich von der Antike machte. Teilweise direkt unter dem Eindruck faschistischer Propaganda begannen damals Altertumswissenschaftler, moderne Propaganda in der Antike zu erkennen: Antiken Texten und Monumenten wurde nun eine ganz andere Wirkungskraft und -absicht zugeschrieben als noch in den Jahrzehnten zuvor. Die zeitbedingten Anachronismen sind offenkundig, doch die faschistische Inszenierung der Antike offenbarte eine Wirkungsmöglichkeit antiker Monumente, die man so vorher nicht gesehen hatte und die nicht per se ‚falsch‘ ist. Dass dabei die römische Kaiserzeit im Vordergrund stand, ist bezeichnend: Die auffallende Omnipräsenz von Bildern, der Fokus der Repräsentation auf städtische Räume und die besonders ausgeprägte Zuspitzung dieser Repräsentation auf die Person des Herrschers ließen die römische Kaiserzeit innerhalb der Vormoderne für moderne Anachronismen besonders anschlussfähig erscheinen. Die Auseinandersetzung mit der modernen Übertragung des Propagandabegriffs auf die Antike zielt daher nicht bloß auf eine Offenlegung von Anachronismen, sondern kann als heuristisches Instrument den Blick für die Besonderheit der Antike innerhalb der Vormoderne schärfen.

Abstract

Classical Antiquity played a prominent role in the propaganda of fascist Italy. This instrumentalization of Antiquity through modern propaganda changed the way Antiquity itself was seen. During this time, occasionally under direct impression of fascist propaganda, classicists began to see modern propaganda in Antiquity: in striking contrast to the decades before, ancient texts and monuments were now attributed a completely different impact and intent. The time-related anachronisms of this view are obvious, but the fascist staging of antiquity did reveal a possible effect of ancient monuments that had not been seen before and which is not per se ‚wrong‘. It is further significant that these anachronisms focus on the Roman imperial period: the striking omnipresence of images, a representation centred on urban spaces and the strong focus of this representation on the person of the ruler apparently made this period within premodern times especially susceptible to modern anachronisms. Examining the transfer of the modern concept of propaganda to the ancient world therefore should not primarily aim at uncovering anachronisms, but should be used as a heuristic tool to highlight the peculiarity of Antiquity within the premodern era.

Online erschienen: 2021-06-01

© 2021 Walter de Gruyter, Berlin/Boston