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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg October 1, 2021

Omnium inventor et seminator. Die Geburt des Konspirationismus im späten Mittelalter

Omnium inventor et seminator. The Birth of Conspirationism in the Late Middel Ages
Marcel Bubert
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass Verschwörungstheorien im engeren Sinne in den Gesellschaften des europäischen Mittelalters kaum zu erwarten sind. Vielmehr scheint es sich zunächst um ein modernes Phänomen zu handeln, das erst im Zuge der Aufklärung ermöglicht wurde. Gleichwohl finden sich verstärkt seit dem späten Mittelalter konspirationistische Deutungsmuster, die strukturelle Analogien zu modernen Verschwörungstheorien aufweisen. Ausgehend von dieser Beobachtung nimmt der Beitrag die spezifischen Bedingungen in den Blick, die zur Formierung eines veränderten Konspirationsdiskurses im europäischen Spätmittelalter geführt haben. Diese werden in ihren ideen-, sozial- und mediengeschichtlichen Dimensionen betrachtet. In Verbindung mit einer Diversifizierung sozialer Gruppen und einem Prozess der Medialisierung ergaben sich neue Voraussetzungen für die Zuschreibung von Intentionalität, die Unterstellung von Heuchelei sowie die Vermutung verborgener Machenschaften hinter der äußeren Fassade sozialer Akteure. Die „Geburt des Konspirationismus“ zielt folglich weniger darauf ab, den historischen Ursprung des Verschwörungsdenkens zu datieren; vielmehr geht es um eine Analyse der soziokulturellen Rahmenbedingungen, unter denen die Imagination von Konspirationsszenarien neuartige Formen annahm. Dabei wird die These vertreten, dass die Entstehung von Verschwörungstheorien in Europa mit der spezifischen Dialektik eines Modernisierungsprozesses verbunden ist, der im Mittelalter einsetzte.

Abstract

At first glance, there are good reasons to believe that conspiracy theories are essentially modern phenomena. In the Middle Ages, by contrast, other explanatory models seem to have prevailed. However, from the later Middle Ages onwards new patterns of conspirational thinking emerged. This study intends to analyze the specific contexts and developments which led to the formation of a new conspirational discourse. In particular, changes in the history of ideas, social history, as well as in communication technologies and media are considered. A diversification of social groups and a particular process of medialisation created new options for the attribution of intentionality, the accusation of hypocrisy, and the assumption of a hidden agenda behind the outward apperance of social actors. Accordingly, the phrase of the „birth of the conspirationism“ does not claim to identify the historical „origins“ of conspiracy theories but to examine the social and cultural conditions which stimulated the emergence of new forms of conspirational thinking in the late Middle Ages. In this context, it is argued that this development is part of a specific „dialectic“ of a modernisation process which started in the Middle Ages.

Online erschienen: 2021-10-01

© 2021 Walter de Gruyter, Berlin/Boston