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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg December 1, 2021

Multiperspektivität als Schlüssel zur Kontingenz von Zugehörigkeit. Der organisierte Umzug von deutsch-polnischen Arbeitern und ihren Familien aus dem Ruhrgebiet nach Frankreich von 1922 bis 1925

Multi-perspectivity as a Key to Grasping the Contingency and Historicity of Belonging: The Organised Relocation of German-Polish Workers and their Families from the Ruhr Area to
Anne Friedrichs
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Seit dem kurzen „Sommer der Migration“ 2015 sind Fragen, ob, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen Zugezogene Teil der Gesellschaft oder bloß zeitweise geduldete Arbeitskräfte, Geflohene oder Asylsuchende sind, in der Politik und Öffentlichkeit wieder heftig umstritten. Dahinter wiederum steckt die tiefer greifende Frage, nach welchen Kriterien gegenwärtig wie historisch die Zugehörigkeit zu einer „Gesellschaft“ bemessen wird. Anknüpfend an neuere, relational vorgehende Ansätze zur Analyse von menschlicher Mobilität befasst sich der Aufsatz mit dem organisierten Umzug von deutsch-polnischen Arbeitern und ihren Familien aus dem Ruhrgebiet nach Frankreich zu Beginn und während der Ruhrbesetzung. Er zeigt auf der Ebene der historischen Interpretation, dass eine Untersuchung des Ruhrgebiets als eines von Mobilität geprägten Wirtschaftsraums geeignet ist, um – aufbauend auf den geschichtswissenschaftlichen Arbeiten zu Grenzregionen wie dem Elsass, Oberschlesien und Böhmen – verschiedene Formen zu erfassen, wie und mit welchen Konsequenzen sich Zugehörigkeitskonstruktionen unter den Bedingungen umstrittener staatlicher Souveränitäten etwa im Zuge des Ersten Weltkriegs oder der Auflösung der europäischen Imperien verändert haben. Zweitens wird auf methodologischer Ebene argumentiert, dass eine multiperspektivische Analyse besonders aufschlussreich ist, um Vorgänge zur Kategorisierung und Neuverortung von Menschen genauer zu erfassen und ihr Zusammenwirken auch in Hinsicht auf ihre langfristigen Auswirkungen auf die Kategorisierten besser zu verstehen. Im Kontext der Bemühungen in den Sozial- und Kulturwissenschaften, Zugehörigkeiten primär biographisch und situativ zu erfassen, können Historikerinnen und Historiker auf diese Weise dazu beitragen, das Ineinandergreifen von Selbstverortungen einerseits und organisierten, häufig rechtlich bindenden Zuordnungsvorgängen andererseits zu diskutieren und verschiedene Zugehörigkeitskonstruktionen zu historisieren.

Abstract

Since Germany’s brief “summer of migration” in 2015, the question of whether, under what conditions, and with what consequences migrants are part of society or merely intermittently tolerated workers, refugees, or asylum seekers has again become a hotly contested issue in politics and the public sphere. Behind this lies the deeper question of the criteria currently and historically used to assess what constitutes belonging to a “society.” Following on recent relational approaches to the analysis of human mobility, this article discusses the organised relocation of German-Polish workers and their families from the Ruhr area to France at the beginning of and during the occupation of the Ruhr. On the level of historical interpretation, it builds upon historical studies of border regions such as Alsace, Upper Silesia, and Bohemia and demonstrates that an investigation of the Ruhr area as a zone of intensified mobility can help scholars better grasp various iterations of how and with what consequences constructions of belonging changed under conditions of contested state sovereignty such as those during the First World War or decolonialisation. Secondly, on the methodological level, the article argues that a multi-perspective analysis can facilitate more precise descriptions of processes of categorising people and relocating the “self” as well as better understandings of their interactions, including the long-term effects on those being categorised. In the context of efforts in the social and cultural sciences to describe types of belonging primarily in relation to biographical and situated contexts, historians can use these methods to contribute to discussions on the intersection between self-location processes, on the one hand, and organised, often legally binding processes of categorisation on the other, while simultaneously historicising various constructions of belonging.

Online erschienen: 2021-12-01

© 2021 Walter de Gruyter, Berlin/Boston

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