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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg February 1, 2022

Ein Sonderfall zivil-militärischer Kooperation im Ersten Weltkrieg. Die Zusammenarbeit von Sozialversicherungsämtern und deutschen Militärbehörden bei der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten

A Special Case of Civil-Military Cooperation in the First World War: The Collaboration between Social Security Institutions and the German Military in the Fight against Sexually Tr
Nikolas Dörr and Lukas Grawe
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Mit dem Einbruch der Geburtenrate um 1900 erhielt die Debatte über Geschlechtskrankheiten im Deutschen Kaiserreich eine neue Dimension. Venerische Krankheiten erschienen nun nicht mehr als individuelles Problem, sondern in Kombination mit den zunehmenden diplomatischen und militärischen Spannungen in Europa als Gefahr für die Sicherheit des jungen deutschen Staates. Denn durch die gesundheitlichen und moralischen Folgen der Geschlechtskrankheiten wurde eine „Schwächung der Wehrkraft“ befürchtet. Die Militärführung und die Reichsregierung akzeptierten zwar grundsätzlich die Notwendigkeit einer Kooperation im Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten. Eine nennenswerte Zusammenarbeit entwickelte sich jedoch erst infolge der Massenverluste im Ersten Weltkrieg. Im Generalgouvernement Belgien arbeiteten die Militär- und Zivilbehörden des Reichs zwischen 1915 und 1919 eng zusammen, um die von den Geschlechtskrankheiten ausgehenden Gefahren einzudämmen. Eine besondere Rolle als Initiatoren der sozial- und gesundheitspolitischen Kooperation zwischen Militär und Sozialversicherungen kam dabei dem Generalgouverneur des Generalgouvernements Belgien Moritz von Bissing und Paul Kaufmann, Präsident des Reichsversicherungsamts, zu. Auch nach dem Tode Bissings 1917 wurde diese spezielle Zusammenarbeit, nun im Reich primär mit den Kriegsministerien und dem Reichsmarineamt, fortgeführt. Ihr bekanntestes und dauerhaftestes Ergebnis stellen die Beratungsstellen für Geschlechtskranke dar. Ursachen, Akteure, Konflikte und Resultate dieser zivil-militärischen Zusammenarbeit zu analysieren und sie in den internationalen Kontext einzubetten, ist das Ziel der vorliegenden Studie.

Abstract

With the sharp decline of the birth rate around 1900, the debate about venereal diseases in the German Empire took on a new dimension. Sexually transmitted diseases were no longer merely perceived as an individual problem but, in light of the increasing diplomatic and military tensions in Europe, as a threat to the security of the young German state. Fear spread that the effects of venereal diseases on the population’s general health and morale would “weaken the military strength”. The military leadership and the Reich Government accepted, in theory, the need for cooperation in the fight against venereal disease. However, significant collaboration developed only as a result of mass casualties in World War I. Starting in the German General Government of Belgium, the military and civilian authorities of the Reich worked closely together between 1915 and 1919 to contain the dangers posed by venereal diseases. Their rare cooperation was initiated by Moritz von Bissing, governor general in Belgium, and Paul Kaufmann, president of the Reich Insurance Office. It continued even after Bissing’s death in 1917, with the War Ministries and the Imperial German Navy now being the insurance system’s primary allies in the fight against venereal disease. The best-known and most enduring result is the counseling centers set up for people suffering from sexually transmitted diseases. The aim of this study is to analyze the causes, protagonists, conflicts, and results of this civil-military cooperation and to compare it with the situation in the United Kingdom and France.

Online erschienen: 2022-02-01

© 2022 Walter de Gruyter, Berlin/Boston

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