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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg November 5, 2013

Treue schwören. Der Konflikt um den Verfassungseid in der Weimarer Republik

Swearing Loyalty. The Conflict about the Constittutional Oath in the Weimar Republic
  • Vanessa Conze EMAIL logo
From the journal Historische Zeitschrift

Zusammenfassung

Der Aufsatz behandelt den Konflikt um den Verfassungseid für die Beamtenschaft der Weimarer Republik: Die im August 1919 erlassene Eidesformel „Ich schwöre Treue der Verfassung“ war ein eklatanter Bruch mit der Tradition. Erstmals wurde nicht mehr einer Person, dem Monarchen, sondern den Rechtsnormen der Verfassung Treue geschworen. Damit waren vor dem Hintergrund des Systemwechsels 1918/19 Konflikte um das Verständnis des Begriffs „Treue“ vorprogrammiert. Die Beamtenschaft hielt in weiten Teilen am althergebrachten Verständnis von Treue als einer personalen Beziehung zwischen zwei Menschen fest; dementsprechend betrachteten es viele Beamte als unmöglich, der Reichsverfassung – und damit auch der Republik – „Treue“ zu schwören. Zahlreiche Eidesverweigerungen waren die Folge. Die konservative, monarchistische, vor allem aber antirepublikanische und antidemokratische Opposition wusste den Konflikt um den Verfassungseid politisch auszunutzen. Die Reichsregierung beharrte zwar auf einer Vereidigung jedes Beamten und verfolgte die Eidesverweigerer konsequent disziplinarrechtlich; es gelang ihr jedoch nicht, den „Treue“-Begriff mit einem positiven Verständnis im Sinne der Republik aufzuladen. Der Kampf um den Eid auf die Weimarer Reichsverfassung wurde zu einem Lehrstück über den Versuch, politische Loyalität neu zu stiften und Regierungsmacht zu festigen – und zeigt zugleich die Bedeutung „weicher“ Faktoren wie Ordnungs- und Moralvorstellungen für die Akzeptanz und Stabilisierung von Herrschaft. Die Analyse der Auseinandersetzung um den Eid bietet eine Möglichkeit, politische, verfassungsgeschichtliche, staatsrechtliche, rechtsphilosophische und kulturelle Fragestellungen zu verknüpfen und den Wert einer kulturgeschichtlichen Annäherung an das Politische zu demonstrieren.

Abstract

The article focuses on the conflict about the constitutional oath of the civil servants in Weimar Germany: The oath „I swear loyalty to the constitution“ of August 1919 was a striking break with the tradition. Loyalty – „Treue“ – was not sworn any more to a person. Against the background of revolution and system change, conflicts about the understanding of the concept of „loyalty“ were inevitable. The civil servants stuck in wide parts to the traditional understanding of loyalty as a personal relation between two people; accordingly many civil servants found it impossible to swear the new oath. The conservative, monarchist, anti-republican, and anti-democratic opposition knew how to use the conflict around the constitutional oath politically. The government insisted on the oath and pursued those denying the oath with judicial means; nevertheless, it did not succeed in charging the concept of „Treue“ with a positive understanding for the purposes of the republican and democratic state.

The conflict about the oath is an instructive example for the attempt to create new political loyalty and to strengthen government power. It shows at the same time the importance of „soft“ factors like moral ideas and traditions for the acceptance and stabilisation of political rule. In addition, analysing the quarrel about the oath offers a possibility to tie together political, constitutional, legal, and cultural issues and to show the value of a culturalistic approach to central aspects of political history.

Online erschienen: 2013-11-05
Erschienen im Druck: 2013-11-04

© by Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München, Germany

Downloaded on 9.2.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/hzhz.2013.0407/html
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