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Publicly Available Published by De Gruyter June 27, 2017

Max, Katrin (Hrsg.): Tendenzen und Perspektiven der gegenwärtigen DDR-Literatur-Forschung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2016. – ISBN 978-3-8260-5436-5. 386 Seiten, €49,80.

Antonella Catone

Rezensierte Publikation:

Max Katrin (Hrsg.): Tendenzen und Perspektiven der gegenwärtigen DDR-Literatur-Forschung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2016. – ISBN 978-3-8260-5436-5. 386 Seiten, €49,80.


Wie stellt sich die DDR-Literatur-Forschung 25 Jahre nach der Wiedervereinigung dar? Was ist konkret zu ihren Spezifika und zu ihren als Schwerpunkte behandelten inhaltlichen wie formalen Besonderheiten festzuhalten? Inwiefern ist aus den Debatten und Diskussionen der jüngeren Zeit eine Konsolidierung bezüglich der strittigen Fragen erkennbar? Welche Aspekte der Forschungsgeschichte sind zu berücksichtigen? Auf solche Fragen gibt das Buch von Katrin Max interessante Antworten und vieles mehr. Es bietet ein detailliertes und aktuelles Bild über die DDR-Literatur-Forschung, das Lektüren der frühen Jahre, Protokolle und Berichte, literarische und filmische Erzählungen sowie aktuelle Forschungsprojekte analysiert.

Seit Jahren schon werden die verschiedenen Diskussionen über die Existenz einer Kategorie DDR-Literatur geführt, die nach der politischen Wende 1989/90 bis heute in der Literaturwissenschaft eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Obwohl man verschiedene Möglichkeiten der wissenschaftlichen Beschäftigung in diesen Raum gestellt und interessante Debatten geführt hat, befindet sich die DDR-Literatur-Forschung – noch 25 Jahre nach dem Ende des Staates DDR – im „(methodischen) Niemandsland“ (345). Die Positionen sind sehr verschieden.

Der Band Tendenzen und Perspektiven der gegenwärtigen DDR-Literatur-Forschung versammelt unterschiedliche Beiträge zur Diskussion, die um die rechte Verortung des Forschungsgegenstandes dieser Literatur innerhalb der germanistischen Literaturwissenschaften ringen. Bereits im Klappentext hebt die Herausgeberin Katrin Max hervor, dass das Forschungsgebiet DDR-Literatur gegenwärtig äußerst attraktiv ist. Es erlaubt sowohl eine Fortführung der tradierten Schwerpunkte als auch eine Öffnung hin zu erweiterten Themen mit neu vorgenommenen Bezügen. Am Anfang der Einleitung betont die Autorin, wie sich, seit dem Ende des historischen Staates DDR, die Literaturgeschichtsschreibung fortwährend und wiederholt mit folgender Frage auseinandergesetzt hat: Auf welche Weise kann die Literatur der DDR zum Gegenstand literaturwissenschaftlicher Betrachtungen werden? (11)

In der ausreichend dargestellten Einleitung weist die Autorin darauf hin, dass die DDR-Literatur-Germanistik nach wie vor durch ihre eigene Forschungsgeschichte geprägt ist und die entsprechenden Traditionen aus Ost und West weiterhin fortwirken. Zu konstatieren ist eine Öffnung hin zu erweiterten Themenstellungen und zu durchaus neu vorgenommenen Bezügen (12). Es werden verschiedene interessante Aspekte thematisiert, wie etwa die korrekte Formulierung dieser Literaturart (DDR-Literatur vs. Literatur der DDR vs. Literatur aus der DDR), den Status dieser Literatur und die Überlegungen, welche Texte in Korrelation zur Existenz des historischen Staates DDR unter dem Begriff zu fassen sind (13). Die Artikel sind in zwei große Themenkomplexe gegliedert: Analysen und Lektüren und Projektvorstellungen. Die Analysen und Lektüren sind in sechs Sektionen gegliedert: Die frühen Jahre: zwischen Mythos und Moderne; Texte und ihre Kontexte; Gattungsspezifika: Protokolle und Berichte; Über Kindheit und Jugend; Filmanalysen und Der Blick zurück: Post-DDR-Literatur. Die Beiträge wurden im Oktober 2013 auf einem Workshop in Würzburg präsentiert, der explizit als Nachwuchstagung konzipiert worden war und auf die aktuellen Forschungsinteressen der bisherigen DDR-Literatur-Forschung fokussierte.

Der erste große Teil des Bandes umfasst Beiträge zur Analyse und zu Lektüren. Er wird von Matthias Aumüller eröffnet, der sich dem Aufbausystem der sozialistisch-realistischen Erzählliteratur, am Beispiel von J. C. Schwarz' Irrwege (1961), widmet. DDR-Aufbauromane sind keine oder zumindest nicht nur anti-moderne Literatur, sie nehmen vielmehr an bestimmten Ansichten der literarischen Moderne (37) teil. Diesbezüglich analysiert Aumüller die Eigenschaften, die die Aufbauromane „vormodern“ oder antimodern ausmachen (51). Stefan Elit beschäftigt sich mit dem postulierten sozialistischen Helden-Narrativ. Das Thema, bzw. besser das Narrativ des sozialistischen Heldentums, unter anderem auf das östliche Deutschland zu übertragen, stellte sodann nach 1945 ein wichtiges ideologisches Ziel der neuen sozialistischen Herrschaft dar (55).

Die Sektion Texte und ihre Kontexte beginnt mit dem Aufsatz von Anne M. N. Sokoll, die einen kultursoziologisch-statistischen Aufriss zur Bewegung schreibender Arbeiter der DDR in drei Jahrzehnten (1967, 1973, 1985) schildert. Die kultursoziologisch-statistische Analyse der Laienautoren basiert auf DDR-Studien zur Bewegung schreibender Arbeiter und setzt diese in kritischen Bezug zueinander. Der Aufriss beleuchtet eingehend die Frage nach der Mächtigkeit der Literaturbewegung und dem Bitterfelder Nährboden für die schreibenden Arbeiter hinsichtlich des quantitativen Aspektes (89). Der Interpretation mittels Kontextualisierungen der Literatur durch die Naturwissenschaften, und zwar konkret der Physik am Beispiel von Irmtraud Morgners Novelle Das Seil (1973), ist der Beitrag von Angela Gencarelli gewidmet. Morgner montiert Passagen aus wissenschaftlichen (Fach-)Texten in ihrer Prosa (z. B. eine Studie zur Teilchenphysik) beim Eröffnen einer neuen Perspektive im Forschungsfeld Physik und Literatur. Sebastian Horn analysiert, welche Typen von Intertexten sich in Werner Bräunigs Romanfragment Rummelplatz (2007) finden lassen. Es wird diskutiert, inwieweit das Romanfragment noch der Kategorie DDR-Literatur zuzurechnen ist, oder ob der Roman als ein Schlüsseltext einer noch zu schreibenden deutsch-deutschen Literaturgeschichte gelten kann (121).

Die Sektion Gattungsspezifika: Protokolle und Berichte beginnt mit dem Aufsatz von Katja Stopka, der die DDR-Literatur der 1970er-Jahre im Zeichen ästhetischer Intermedialisierung schildert. DDR-Literatur könne als modern eingeschätzt werden, da sie den gesamtgesellschaftlichen Modernisierungsprozess in seiner realsozialistischen Deformierung als Krise reflektiere (144). Dem von Protokollband Maxie Wanders, Guten Morgen, du Schöne (1978), ist der nächste Aufsatz von Ramona Katrin Buchholz gewidmet. Die Verfasserin untersucht sowohl die Dominanz des männlichen Vorbildes als auch die kritische Relektüre der Werke des literarischen Feminismus der DDR und kommt zu der Schlussfolgerung, dass Guten Morgen, du Schöne ein Gegenbild zum offiziellen reduktionistischen und ökonomisierten Frauen- und Menschenbild der DDR entwirft (172). Interessant ist ohne Zweifel der Beitrag von Bernd Blaschke, der die bisher kaum erforschte Reiseliteratur der DDR, der Interkulturalität und der eigenen Identität am Beispiel von Italienreisebüchern analysiert. Zu Recht bemerkt Blaschke, dass die wenigen Ausnahmen und Vorarbeiten zur Reiseliteratur der DDR meist schon älteren Datums sind und kaum auf den Stand aktueller Interkulturalitäts-, Alteritäts-und Reiseliteraturforschung gebracht wurden (183).

Die Sektion Über Kindheit und Jugend beginnt mit dem Aufsatz von Bernadette Grubner, die die Schuldabwehr im Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Kinder- und Jugendliteratur der DDR am Beispiel von Horst Beselers Käuzchenkuhle (1965) schildert. Der Roman zählt zu den erfolgreichsten Jugendbüchern der DDR, in ihm wird die Schuldfrage einerseits massiv zugewiesen, andererseits aber ebenso heftig abgewehrt. Der Text zeichnet den psychischen Mechanismus nach, der die aufgearbeitete Schuld und ein verdrängtes Schuldgefühl, individuell und im Selbstverständigungsprozess einer Gesellschaft, in Gang setzen (228). Die Darstellung von Kindheit und Jugend in literarischen und filmischen Erzählungen der DDR steht dagegen im Mittelpunkt der Untersuchung von Florian Urschel-Sochaczewski, der das intermediale Erzählen in der DDR-Literatur thematisiert – ein „Erzählen“, dass politische Ansprüche infrage stellt und mit Hilfe eines Erzählmediums mentale und räumliche Grenzen überschreiten kann (251).

Die Sektion Filmanalysen beginnt mit dem Aufsatz von Andreas Grewenig, der die deutsche Hochkultur, das Geschlecht und das Judentum in Kurt Maetzigs Ehe im Schatten (1947) schildert. Die Repräsentation von Juden und Jüdisch-Sein im frühen ostdeutschen Film ist ebenso kontrovers wie ambivalent und stellt eine einzigartige Mischung und Umdeutung tradierter philosemitischer und antisemitischer Stereotypen dar (256). Interessant sind die Analysen des Verfassers zur filmischen Repräsentation von Stereotypisierungen sowie zur Jüdin als Ikone deutscher Hochkultur. Karina von Lindeiner-Stráský beendet die Sektion mit einem Beitrag über Kunst und Politik in Florian Henckel von Donnersmarcks Das Leben der Anderen (2006), der zahlreiche deutsche und europäische Filmpreise gewann und im Jahr 2007 mit dem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet wurde (277). Der Beitrag stellt eine abweichende Lesart des Films vor und leitet eine Kunst-Politik-Debatte ein. Ferner liegt der Fokus der Untersuchung auf jener Gruppe von Künstlern, die in der Diktatur in Abhängigkeit vom politischen Willen der Machthaber wirkten (281), verschiedene Erscheinungsformen der Kunst, die im Film eine wichtige Rolle spielen, werden untersucht (Theater, Literatur und Musik sowie auch filmische Mittel, Bildsprache und Symbolik).

Die Sektion Der Blick zurück: Post-DDR-Literatur beginnt mit dem Aufsatz von Pegah Byroum-Wand, der die Störung der Oberfläche in Reinhard Jirgls Hundsnächte (1997) analysiert. In dem Roman thematisierte der Verfasser, wie im Zeichen einer „ewigen Wiederkehr des Immergleichen“ (297) nach dem Systemumbruch 1989/90 fortwirkende Strukturen aus Kriegen, Diktaturen und Gewaltkreisläufen in die Mikrostrukturen der Gesellschaft diffundieren (298). Susanne Bach schildert, am Beispiel der ostdeutschen Gegenwartsromane Clemens Meyers Als wir träumten (2006) und Uwe Tellkamps Der Turm (2008), synchrone und diachrone Generationskonflikte. Anhand der Romane zeigt die Verfasserin, inwiefern das doppelte Verständnis von Generation als erkenntnisleitende Fragestellung genutzt werden kann, um neue Deutungsansätze fruchtbar zu machen. In dem Beitrag wird deutlich, welchen Gewinn der doppeldeutige Generationsbegriff für die Analyse und Interpretation der Gegenwartsliteratur aus Ostdeutschland haben kann.

Der letzte Themenkomplex Projektvorstellungen beginnt mit dem Aufsatz von Michael Ostheimer, der die Chronotopographie der DDR-Literatur schildert. Bereits am Anfang seines Beitrags stellt der Verfasser interessante Fragen wie die folgenden: Wie lässt sich der Terminus „DDR-Literatur“ differenziert bestimmen, das Forschungsfeld der DDR-Literatur genauer abstecken? Ist die DDR-Literatur überhaupt als eigenständiges Phänomen zu behandeln oder ist sie unter die westdeutsche zu subsumieren, bzw. als eine Regionalliteratur zu begreifen? Gibt es eine Post-DDR-Literatur, also eine DDR-Literatur nach dem Ende der DDR? Auf Basis dieser Fragen analysiert er die Zeit-Raum-Beziehungen in der DDR-Literatur und in der Post-DDR-Literatur. Die deutsch-deutsche Literatur der Zweistaatlichkeit und die Poetik der Grenze versucht Johanna M. Gelberg zu ergründen. In ihrem Dissertationsprojekt geht die Verfasserin der Bedeutung der deutsch-deutschen Grenze in der Literatur zwischen 1949 und 1989/90 nach. Ziel der Arbeit von Kathrin Sandhöfer ist die Verortung von Christa Wolfs Schreiben im literaturgeschichtlichen Kontext der literarischen Moderne und Postmoderne (366). Hannah Schepers hat in ihrer abgeschlossenen Dissertation das Wirken des Schriftstellers Volker Braun analysiert und beschreibt, vor welchen Herausforderungen Intellektuelle in der DDR standen. Übergreifend steht die Frage nach dem Wechselverhältnis zwischen Sprache und Macht, kritische Autoren wie Braun sahen ihre Werke als Mittel der politischen Meinungsäußerung, um sich gegen den Machtanspruch der SED zu stellen (373). Deirdre Byrnes berichtet schließlich über ihr abgeschlossenes Buchprojekt Rereading Monika Maron. Text, Counter-Text and Context. Sie weist auf eine komplexe, andauernde Präsenz der DDR in Monika Marons Werk hin, in ihren Texten bleibt die DDR eine Kontinuität.

Der Band liest sich mit großem Gewinn. Er zeigt ein breites Spektrum gegenwärtiger DDR-Literatur-Forschung auf und gibt insgesamt einen wichtigen Überblick über ihre Tendenzen und Perspektiven. Es ist für alle Forscher und Interessenten der DDR-Literatur-Forschung, deren Themen auch intertextuelle Bezüge haben, sehr empfehlenswert. Besonders möchte ich diesen Band jedoch Studenten und Absolventen des Faches Deutsche Literatur empfehlen, da Max den aktuellen Forschungsstand deutlich herausstellt.

Online erschienen: 2017-6-27
Erschienen im Druck: 2017-6-8

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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