Accessible Published by De Gruyter December 6, 2017

Bilder im DaF-/DaZ-Unterricht: Einführung in den Themenschwerpunkt

Pictures in GFL/GSL-classes: Introduction to the special issue
Tristan Lay, Uwe Koreik and Tina Welke

Die vorliegenden Beiträge behandeln eine Problematik, die in den letzten Dekaden zum Bewusstsein einer notwendigen Auseinandersetzung gelangte (vgl. Michalak 2012). Da Bilder für die Fächer Deutsch als Fremd- und Zweitsprache seit geraumer Zeit Unterrichtsmedium und ‑gegenstand sind, werden diese weiterhin zunehmend wichtiger, wie auch bereits Bachtsevanidis (2012) betont. Durch die technische und digitalisierte Entwicklung unserer Tage dringt eine Vielzahl visueller Medien wie das Internet und Fernsehen (immer deutlicher auch in Parallelnutzung[1]), Comics, Graphic Novels oder Games (digitale Spiele, d. h. Video-, PC-, und Online-Spiele) vermehrt in das Leben unserer Lernenden; dies führt weltweit zu einem radikalen Dominanzwechsel von der Schriftlichkeit zur Bildlichkeit. Insbesondere jüngere Lernende greifen beim Fremdsprachenlernen immer häufiger auf ihre medialen Erfahrungen zurück (vgl. Fix; Jost 2004; Dehn 2005). Lehrende müssen sich also stets vor Augen führen, dass bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch Umwelteinflüsse und Massenkommunikationsmittel die Erfahrung der fernen und nahen Welt über visuelle Medien ein alltäglicher Prozess ist und bei ihnen zu einem bestimmten hohen Erwartungswert führt. Jungen Menschen ist dabei nicht immer bewusst, welche große Bedeutung und welchen immensen Einfluss die Bilderflut und die bildlichen Texte auf ihr Denken und ihre Sicht der Welt haben: Bilder zeigen nicht nur die Welt, sondern sie bestimmen auch in hohem Maße, wie Welt und Welten subjektiv wahrgenommen und erschlossen werden. Viel zu selten wird vergegenwärtigt, dass die Sicht auf die Welt keineswegs vom Individuum allein oder durch die Wirkmächtigkeit der Bilder selbst bestimmt wird, wobei gleichzeitig nur zu deutlich ist, dass sich das Leseverhalten unserer Lernenden verändert hat und zunehmend immer weniger längere Texte rezipiert werden.

Die kontinuierlich ansteigende Informationsübermittlung durch diverse Bildträger führt in unseren Gesellschaften zu Perzeptionsveränderungen (vgl. Ballstaedt 2004), die seit der Jahrtausendwende (vgl. Lieber 2013) auch von verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen verstärkt zur Kenntnis genommen werden. Die diversen Ansätze unterschiedlichster Fachdisziplinen, eine Bildkompetenz aufbauen zu wollen, sind seit der ikonischen Wende nunmehr unüberschaubar geworden.[2] Welche Richtung diese Entwicklung nehmen wird, ist gegenwärtig nicht absehbar. Dem Sehverstehen, das eine hohe implizite lebensweltliche, sprachdidaktische und kulturelle Bedeutung aufweist, wird inzwischen nicht nur in manchen nationalen Schulcurricula, sondern auch in den Fremdsprachendidaktiken der DACHL-Länder zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt, da es in unserer heutigen Gesellschaft zu einer zentralen (Teil-)Kompetenz geworden ist, das in der medial geprägten Realität immer relevanter wird.[3] Die Fähigkeit, Bilder kompetent lesen zu können, sie zu dekodieren und adäquat zu interpretieren, sollte auch im fremd- und zweitsprachlichen Deutschunterricht konsequent entwickelt und gefördert werden, zumal im Fremdsprachenunterricht die kulturelle Fremdperspektive automatisch dazu kommt. Sehkompetenz wird dennoch häufig durch die Sozialisation als gegeben vorausgesetzt. Übersehen wird dabei das Faktum, dass diese Kompetenz gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufgrund oberflächlich entwickelter Sehgewohnheiten oftmals schwach bzw. defizitär ausgeprägt ist. Daher muss als Bildungsauftrag das Sehverstehen anhand differierender Bildtypen in einer medial geprägten Welt systematisch und gezielt aufgebaut werden.

Diese Beitragssammlung dokumentiert einerseits die Bedeutung des Sehens im Kontext des Lehrens und Lernens von Deutsch als Fremdsprache. Andererseits führt die vorliegende Themenausgabe die Diskussion über Möglichkeiten der Einbettung visueller Bilder und deren didaktisch-methodischer Einsatz im Unterricht weiter. So wichtig diese konzeptionellen Fortschritte innerhalb unseres Fachs sind, so klar ist aber auch, dass sich möglichst zeitnah eine empirische Forschung anschließen muss, in der die Erträge des Bildeinsatzes im Unterricht und die damit verbundenen Wirkungsmechanismen solide untersucht werden.

Die vorliegende Sondernummer widmet sich gezielt den „statischen Bildern“, während in der nächsten Ausgabe die „dynamischen Bilder“ mit sechs Beiträgen im Zentrum stehen werden (Themenschwerpunkt „Filme im DaF-/DaZ-Unterricht“).

Der Beitrag „Potential der Visualisierungen für mediengestütztes Grammatiklernen“ von Tamara Zeyer (Gießen, Deutschland) gewährt uns eine Übersicht zu Visualisierungen im Kontext des Lehrens und Lernens fremder Sprachen. Er ruft nochmals in Erinnerung, dass visuelle Medien im fremdsprachlichen Zusammenhang bereits im Spätmittelalter eingesetzt wurden. Die Autorin geht anfangs auf differierende Typen und Funktionen der Visualisierung ein, um schließlich Visualisierungen in DaF-Lehrwerkverbünden und lehrwerkunabhängigen Materialien nachzugehen. Sie belegt, dass mediale Entwicklungen sich auch auf die Implementierung von Visualisierungen in Lernmaterialien auswirken. Anhand eines interaktiven Lernprogramms zur Grammatik für Anfänger werden abschließend Potenziale und Grenzen der Visualisierung für die induktive Grammatikvermittlung aufgezeigt und diskutiert.

Der Beitrag „Förderung von visual literacy im DaF-Unterricht anhand von Werbeanzeigen“ von Martina Kienberger (Salamanca, Spanien) beleuchtet die zunehmende Bedeutung von visual literacy anhand von Werbetexten. Die Spezifika dieser Textsorte werden von ihr eingehend herausgearbeitet und die unterrichtliche Einbindung im Kontext Deutsch als Fremdsprache eruiert. Sie entwickelt dabei ausgehend von den Ansätzen Doelkers und Maiwalds ein Modell zur Förderung visueller Kompetenz für den Fremdsprachenunterricht, das unterschiedliche Lernziele des DaF-Unterrichts berücksichtigt. Ihre didaktisch-methodischen Reflexionen werden dabei der Leserschaft transparent gemacht. Die Autorin schließt den Aufsatz mit der Illustrierung ihrer Ideen anhand der Generali-Werbung für die Unterrichtspraxis auf verschiedenen Niveaustufen ab.

Einsichten in die „Intermedialität im Unterricht in Deutsch als Fremdsprache. Zur Arbeit mit politischen Karikaturen“ gewährt Regina Schleicher (Wuppertal, Deutschland). Ihr Beitrag befasst sich mit Möglichkeiten und Potentialen der Intermediälität im fremdsprachlichen Unterricht. Am Beispiel der politischen Karikatur (Sakurai und Plaßmann) sowie einer Pressefotografie unterbreitet sie Unterrichtsvorschläge für den DaF-/DaZ-Unterricht mit Erwachsenen; die Förderung von Medienreflexion und die Intensivierung der Medienbewusstheit stellen dabei wesentliche Lernziele dar. Ihr Aufsatz mündet in eine den Medienvergleich überwindende intermediale Perspektive.

Der Beitrag von Tristan Lay (Sydney, Australien) setzt sich unter dem Titel „40 Jahre Deutscher Herbst – Gerhard Richters Oktober-Bilder im DaF-Unterricht“ mit Gemälden der Gegenwartskunst auseinander. Der Verfasser plädiert aufgrund von (oftmals brachliegenden und ungenutzten) Synergie-, Motivations- und Lernpotentialen für den fächerübergreifenden Einsatz Bildender Kunst. Im Zentrum seines Aufsatzes steht die Herausarbeitung kunstgeschichtlicher Aspekte der Werkeinheiten des Zyklus 18. Oktober 1977, die für eine fruchtbare unterrichtliche Arbeit mit diesen Bildern relevant sind. Anhand von Richters Malerei kann neben dem fremdsprachlichen, kulturellen und ästhetischen Lernen auch die Entschleunigung und die damit einhergehende Intensivierung der Bildwahrnehmung im Zeitalter digitalen Bilderüberflusses vermittelt werden.

Die versammelten Beiträge verdeutlichen die zunehmende Bedeutung visueller Bilder im Kontext von Deutsch als Fremd- und Zweitsprache und tragen zu einem besseren Verständnis hinsichtlich der Rolle von Bildern in der Fremdsprachendidaktik bei. Die Aufsätze bieten Impulse für weitere Forschung zum Sehverstehen und die spannende Arbeit mit Bildern in der Unterrichtspraxis.

Die Gastherausgeberin und -herausgeber sowie die Redaktion danken allen Autorinnen und Autoren für ihre Kooperationsbereitschaft sowie ihre anregenden Beiträge zu einem immer wichtig werdenden Themenfeld.

Tristan Lay, Uwe Koreik und Tina Welke, Themenheftherausgeberin und -herausgeber

Literatur

Bachtsevanidis, Vasili (2012): „Was liest du aus dem Bild? Transkulturelles Bilderlesen im DaF-Unterricht“. In: Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 17: 2, 113–128. Online: http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-17-2/beitrag/Bachtsevanidis.pdf (19.07.2017). Search in Google Scholar

Ballstaedt, Steffen-Peter (2004), „Kognition und Wahrnehmung in der Informations- und Wissensgesellschaft: Konsequenzen gesellschaftlicher Veränderungen für die Psyche“. In: Kübler, Hans-Dieter; Elling, Elmar (Hrsg.): Wissensgesellschaft: Neue Medien und ihre Konsequenzen. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. (Aufsatz ohne Seitenzahlen) Online: http://elearning.uni-kiel.de/de/moved/literatur/beitraege/wissensgesellschaft (19.07.2017). Search in Google Scholar

Dehn, Mechthild (2005): „Schreiben als Transformationsprozess: Zur Funktion von Mustern: literarisch-orthografisch-medial“. In: Dehn, Mechthild; Hüttis-Graff, Petra (Hrsg.): Kompetenz und Leistung im Deutschunterricht: Spielraum für Muster des Lernens und Lehrens. Freiburg: Fillibach, 9–32. Search in Google Scholar

Fix, Martin; Jost, Roland (2004): „Spuren der Medienrezeption in Schülertexten“. In: Bönnighausen, Marion (Hrsg.): Intermedialität im Deutschunterricht. Baltmannsweiler: Schneider, 156–173. Search in Google Scholar

Hecke, Carola; Surkamp, Carola (Hrsg.) (2010), Bilder im Fremdsprachenunterricht: Neue Ansätze, Kompetenzen und Methoden. Tübingen: Narr. Search in Google Scholar

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Lieber, Gabriele (Hrsg.) (2013): Lehren und Lernen mit Bildern: Ein Handbuch zur Bilddidaktik. 2. grundlegend überarbeitete und ergänzte Neuauflage. Baltmannsweiler: Schneider. Search in Google Scholar

Michalak, Magdalena (2012): „Bilder im Fremd- und Zweitsprachenunterricht: Einführung in den Themenschwerpunkt“. In: Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 17: 2, 108–112. Online: http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-17-2/beitrag/Michalak_Einfuehrung.pdf. (19.07.2017). Search in Google Scholar

Michler, Christine; Reimann, Daniel (Hrsg.) (2016): Sehverstehen im Fremdsprachenunterricht. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag (Romanistische Fremdsprachenforschung und Unterrichtsentwicklung 3). Search in Google Scholar

Schöttler, Tobias (2014): „Was ist Bildwissenschaft? Ihre Gegenstände, Fragen und Methoden“. In: Hieronimus, Marc (Hrsg.): 3–24. Search in Google Scholar

statista (2017): „Anteil der Befragten (14 bis 49 Jahre), die häufig, manchmal oder selten Internet und TV parallel nutzen in den Jahren 2001 bis 2016“. Online: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/209512/umfrage/entwicklung-der-parallelnutzung-von-internet-und-fernsehen-zeitreihe/ (19.07.2017). Search in Google Scholar

Online erschienen: 2017-12-6
Erschienen im Druck: 2017-12-4

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