Accessible Published by De Gruyter December 6, 2017

Intermedialität im Unterricht in Deutsch als Fremdsprache

Zur Arbeit mit politischen Karikaturen

Crossing media boundaries in German as a foreign language classes
On working with political cartoons
Regina Schleicher

Zusammenfassung

Der Beitrag befasst sich exemplarisch mit den Möglichkeiten, die die Idee von Intermedialität für den Fremdsprachenunterricht bietet. Auch im Fremdsprachenunterricht sollte man sich nicht darauf beschränken, mehrere Medien im Wechsel zu verwenden, sondern das Dazwischen, das sich aus der Differenz ergibt, zu thematisieren, um es als Ansatzpunkt für eine Medienreflexion zu nehmen. Die dargestellten Unterrichtsvorschläge verfolgen das Ziel, die Medienbewusstheit der Lernenden zu stärken. Mit einer Auswahl von Karikaturen, einer Fotografie und einem Text aus der deutschen Presse und Online-Medien wird exemplarisch gezeigt, welchen Stellenwert die Arbeit mit politischen Karikaturen unter dem Gesichtspunkt der Intermedialität im DaF/DaZ-Unterricht mit Erwachsenen hat. Am Ende mündet der Beitrag in eine den Medienvergleich überwindende intermediale Perspektive.

Abstract

The article presents some of the advantages the concept of intermediality can contribute to foreign language teaching. Teachers should not only alternate between various media, but also thematize the „in-between“ that results from these differences to reflect on the typesy of media. The teaching proposals presented here aim at making the learners more conscious of media. With my selection of political cartoons, a photograph and a text from the German press and online media, it is demonstrated specifically how important work with political catoons from the point of view of intermediality can be in Teaching German as a Foreign and Secondary language. In the conclusion the article arrives at an intermedial perspective that transcends simple media comparison.

0 Einleitung

Unter Intermedialität wird nicht nur ein Medienwechsel verstanden, sondern auch ein formales Verfahren, über das ein „Modus des Dazwischen“ (Spielmann 1995) zum Ausdruck gebracht wird. Es gehe dabei um eine Differenz zwischen den Medien, beispielsweise eine „Zeit-Differenz“, eine „spezifische Form medialer Differenz, die „zwischen“ der Form des fotografischen und der Form des filmischen Mediums „figuriert“ (Paech 1998). Spielmann verwies auf einen „Gerinnungsprozess“, der zu neuen Verbindungen führen kann und darauf, dass die zunehmende Digitalisierung Intermedialität bis zu einem Höhepunkt steigern könne, um damit zu einem Abschluss zu kommen. Das Intermedium als Hybridform lässt eine Unterscheidung von Medien nur mehr oder weniger zu; die Mediengrenzen können hier unsichtbar werden (Schleicher 2013: 170).

Politische Karikaturen bieten sich als Unterrichtsmaterial an, wenn kontroverse Themen angesprochen werden sollen. Zugleich ist die Arbeit mit politischen Karikaturen im Fremdsprachenunterricht ausgesprochen anspruchsvoll. Zum einen sollte den Lernenden ermöglicht werden, dass sie eine Karikatur aus einem für sie neuen gesellschaftspolitischen und kulturellen Kontext lesen können. Zum anderen gilt es adäquate sprachliche Mittel für eine mehrstufige Kommunikation über das Medium im Unterricht – von der Deskription bis hin zur Interpretation – bereitzustellen. In diesem Beitrag sollte eine an den Begriff der Intermedialität gebundene Medienreflexion in seiner Situiertheit im Text-Bild-Verhältnis die Grundlage für beispielhafte Lernaufgaben für Deutsch als Fremdsprache (DaF) in der Erwachsenenbildung bilden.

1 Kleine Medientheorie des Fremdsprachenunterrichts

Der Wechsel zwischen verschiedenen Medien ist im Unterricht moderner Fremdsprachen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Hierbei spielen eine Reflexion über Medien bzw. Medien als Unterrichtsthemen nicht zwingend eine Rolle. Am Beispiel der politischen Karikatur lässt sich hingegen demonstrieren, dass eine Interpretation nur möglich ist, wenn auch die Charakteristika des jeweiligen Mediums reflektiert werden. Hier bildet das Dazwischen, das sich aus der Differenz ergibt, einen wichtigen Ansatzpunkt. Es bieten sich zwei Möglichkeiten der inhaltlichen Ausrichtung an: die Differenz zu einem anderen Bildtypus wie der Pressefotografie, auf die sich Karikaturen häufig beziehen, oder die Differenz zu Texten, die beispielsweise als Pressetexte ebenfalls Bezugspunkte darstellen, kontextbildend sind und auf die für das sprachliche Lernen im Fremdsprachenunterricht und die Interpretationsleistung nicht verzichtet werden kann.

2 Karikatur und Fotografie

Abb. 1 Heiko Sakurai: Merkozy, 2012.

Abb. 1

Heiko Sakurai: Merkozy, 2012.

Diese Karikatur des deutschen Karikaturisten Heiko Sakurai[1], mehrfacher Preisträger von „Rückblende«, ein Preis für politische Fotografie und Karikatur, zeigt eine Situation in einem Fernsehstudio im Februar 2012. An einem runden Tisch sitzen die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy einer Journalistin und einem Journalisten gegenüber, die von hinten und im seitlichen Profil zu sehen sind. Während Merkel mit üblicher Kleidung, Frisur, Halskette und Gestik gezeigt wird – besonders kennzeichnend ist hier das farbige Jackett und die mit den Händen geformte Raute – kann Sarkozy lediglich durch die Bildunterschrift „Merkozy«, ein in der Zusammenziehung der Nachnamen die enge Zusammenarbeit der Politikerin und des Politikers bezeichnender Begriff, und einige wenige in der politischen Karikatur verbreiteten Körpermerkmale identifiziert werden: große Nase und Ohren, geringe Körpergröße. Darüber hinaus ist er durch Kleidung, Frisur, Halskette und Gestik als Kopie der deutschen Kanzlerin dargestellt. Der Text in der auf ihn weisenden Sprechblase unterstreicht noch, dass es sich bei der deutsch-französischen Zusammenarbeit eher um eine Anpassung Frankreichs an deutsche Vorgaben handle: „Nun, am Anfang hatten wir ein paar Schwierigkeiten, aber inzwischen sind wir aufeinander zugegangen und harmonieren PERFEKT [Majuskeln im Original; RS].“

Eine Pressefotografie der Agence France-Presse (AFP), die von Tageszeitungen übernommen wurde, zeigt Staatspräsident und Kanzlerin ebenfalls in einer harmonischen Situation[2]. Beide sind einander zugewandt, indem sie die Köpfe zueinander drehen, sodass sie gleichermaßen im Drei-Viertel-Profil zu sehen sind. Merkel hat zum Sprechen die Lippen leicht geöffnet, während Sarkozy mit leicht geneigter Kopfhaltung freundschaftlich den Blick auf sie richtet. Die Veröffentlichung in der Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) am 6. Februar 2012 legt in der Bildunterschrift der Kanzlerin die Worte, denen Sarkozy sichtbar zustimmt, in den Mund: „Wir wollen, dass Griechenland im Euro bleibt[.]“ (ebd.).

Das Beispiel zur deutsch-französischen Griechenlandpolitik eignet sich vortrefflich, um bestimmte Charakteristika von politischer Karikatur und Pressefoto herauszuarbeiten, da gleichermaßen Unterschiede und Gemeinsamkeiten vorliegen. Zunächst zu den Gemeinsamkeiten: Beide Bilder beziehen sich auf die gleiche Situation, zeigen die deutsche Kanzlerin und den französischen Staatspräsidenten nebeneinander, die Kanzlerin links und den Staatspräsidenten rechts. In beiden Bildern wird das Motiv der deutsch-französischen Zusammenarbeit angesprochen und als harmonisch gekennzeichnet.

Es variieren jedoch erheblich die verwendeten Ausdrucksmittel und die Kernaussagen der beiden Darstellungen. Während in Sakurais politischer Karikatur eine fiktive Kopie von Merkels physischer Erscheinung in Kleidungsstil, Schmuck, Frisur und Gestik durch Sarkozy eine französische Anpassung zum Ausdruck bringt, stellt das Pressefoto beide auf eine Ebene und betont ihr harmonisches Miteinander in der körperlichen Zugewandtheit im exakt gleichen Winkel. Während in der Karikatur das asymmetrische Machtverhältnis zwischen Deutschland und Frankreich in der einseitigen Anpassungsleistung des französischen Präsidenten überspitzt dargestellt wird, wird in der Fotografie Merkel mit geöffnetem Mund und mit Sarkozy als aufmerksamem Zuhörer, der seinen Blick in ihre Richtung lenkt, lediglich eine aktivere Rolle zugeschrieben. Hierbei wird durchaus auch deutlich, dass eine Fotografie für Print- oder Online-Medien nicht rein dokumentarisch sein kann, sondern das Motiv in einer spezifischen Weise präsentiert, um eine inhaltliche Aussage zu treffen. Diese beiden Aspekte der visuellen Vermittlung, die Überspitzung in der Karikatur und die dezente Form der Formulierung einer Bildaussage in der Fotografie durch eine gezielte Auswahl von Motiven und ihrer Präsentation sollten in den Mittelpunkt eines auf Medienreflexion zielenden Unterrichts gestellt werden.

2.1 Zur Umsetzung im Unterricht

Aufgrund der deutsch-französischen Thematik mit der Verschränkung zur Krisenpolitik in der Europäischen Union eignet sich das Unterrichtsbeispiel besonders für den DaF-Unterricht in Frankreich an Schule oder Hochschule sowie für akademische und gymnasiale Lerngruppen im Unterricht in Deutsch als Zweitsprache. Zur Aktivierung des thematischen Vorwissens sollte mit einer Mindmap zu den Begriffen Krise oder Europa in den Unterricht eingestiegen werden. Durch die Mindmap erhalten die Lernenden wichtige inhaltliche Informationen und eine Sammlung sprachlicher Mittel.

Im zweiten Schritt können sich verschiedene Gruppen von vier bis fünf Personen, je nach Kurs- oder Klassengröße, mit Karikatur und Fotografie befassen. Die jeweiligen Gruppen erhalten nur ein Bild in Farbe und erstellen eine Bildbeschreibung mit einer Zusammenstellung von Redemitteln (siehe Kasten). Je zwei bis drei Personen gehen in der anschließenden Phase mit zwei bis drei Personen aus einer anderen Gruppe zusammen. Dabei stellen sie einander mündlich die Bildbeschreibungen vor und beginnen einen Austausch. Im von der Lehrkraft moderierten Plenum werden anschließend die Ergebnisse gesichert, um zur nächsten Unterrichtsphase überzugehen, in der eine Gegenüberstellung der Charakteristika beider Bildmedien erfolgen soll. Mit präzisen Fragen kann dieses Unterrichtsgespräch auf folgende Elemente gelenkt werden: für die politische Karikatur auf Übertreibung, Zuspitzung, Polarisierung und Verzerrung; für das Pressefoto auf Abbildfunktion, Realitätsnähe, gezielte Auswahl von Motiv, Perspektive, Moment und Bildausschnitt. Die tabellarisch zusammengefasste Gegenüberstellung wird ergänzt durch gemeinsame Elemente. Dabei kann sehr gut herausgearbeitet werden, dass beide Bildmedien eine politische Aussage treffen, die Fotografie also keineswegs „nur“ dokumentarisch ist.

Als Anschlussaufgabe könnten die Lernenden eigene Beispiele zum Themenfeld der Krisenpolitik oder der deutsch-französischen Beziehungen suchen. Hier wäre eine gelenkte Internetrecherche mit einschlägigen Hyperlinks auch in einem Präsenzunterricht mit entsprechender Medienausstattung realisierbar. Wegen des relativ hohen Zeitaufwands sorgfältiger Recherchen im Internet scheint jedoch eine Verlagerung aus dem Unterricht als Vorbereitung der nächsten Einheit sinnvoll. Die Beispiele der SchülerInnen könnten dann ausgedruckt an die Tafel oder Wand gehängt werden, um sie in einer Art Rundgang zu präsentieren.

Redemittel: Über eine politische Karikatur sprechen

Was zeigt die Karikatur / das Bild / die Zeichnung?

Die Karikatur stellt ... dar,

Das Bild zeigt ...

Die Zeichnung gibt ... wieder, ...

das Thema

im Mittelpunkt der ... steht

die Bildkomposition

Im Vordergrund ist / sind ...

Im Mittelgrund befindet sich / befinden sich ...

Im Hintergrund kann man ... entdecken, sehen, erkennen

In der Mitte / Im Zentrum des Bildes ...

Oben im Bild / In der oberen Bildhälfte / Im oberen Drittel des Bildes

Unten im Bild/In der unteren Bildhälfte / Im unteren Drittel des Bildes

Links im Bild / rechts im Bild ...

Vor / hinter / neben / in der Nähe von / zwischen ... und ....

Die Hauptfigur / das Gebäude / die Landschaft / der Raum ist ...

Der Stil / die Darstellungsweise ist realistisch / karikatural

Das Bild ist in Farbe / in schwarz und weiß

Die Person ist verzerrt / realistisch dargestellt

Es fällt besonders auf, dass ...

In der Bildlegende /in der Bildunterschrift steht ...

die Sprechblase

der Untertitel

Was ist die Kernaussage der Karikatur?

Die Karikatur kritisiert / zielt auf / richtet sich auf ...

Die Farbe / der Gegenstand symbolisiert / steht für ...

Der Zeichner / die Zeichnerin möchte suggerieren / kritisieren / davon überzeugen, dass ...

3 Karikatur und Text

Abb. 3 Plaßmann, Thomas: Elend bekämpfenWeitere thematisch einschlägige Beispiele von Plaßmann sind hier zu finden: http://www.fronline.de/flucht-und-zuwanderung/aspekte-der-fluechtlingspolitik ... karikiert-von-plassmann,24931854,31646704.html; 26.01.2017., 25. Februar 2015.

Abb. 3

Plaßmann, Thomas: Elend bekämpfen[2], 25. Februar 2015.

In der linken Bildhälfte sind drei mit Schutzhelm und Arbeitskleidung als Bauarbeiter gekennzeichnete Männer zu sehen, die mithilfe eines Krans den Transport eines großen Mauerstücks neben bereits zwei aufgestellten beim Niederlassen dirigieren. Im unteren Teil des Bildes wird die Baustellensituation mit Schaufeln und Brettern unterstrichen. Die rechte Bildhälfte zeigt einen Drahtzaun, der oben mit Natodraht abschließt und sich als Grenzzaun interpretieren lässt. Er steht auf einer grünen Fläche, einer Art Wiese mit Bäumen, die mit wenigen Strichen angedeutet werden. Personen sind auf dieser Bildhälfte nicht zu sehen. Das Bild trägt die Bildunterschrift „Elend bekämpfen“.

Mit dieser Zeichnung von Thomas Plaßmann[3] wird das Thema der Flüchtlingsabwehr angesprochen. Mit dem Slogan „Elend bekämpfen“ in der Bildunterschrift wird eine polarisierende Gegenüberstellung der Abwehr durch Zaun und Mauer mit einem humanitären Ziel, wie der Bekämpfung von Armut, ins Bild gebracht. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Karikatur erschienen in Print- und Onlinemedien Artikel über den Europäischen Polizeikongress, der in Berlin zum 18. Mal stattfand und unter anderem die Grenzschutzagentur Frontex zum Thema hatte. Zugleich fanden vor der Tür des Kongresses Proteste gegen die Politik der Flüchtlingsabwehr statt. In diesen Kontext gestellt, erscheint die Karikatur als Stellungnahme auf der Seite der KritikerInnen der polizeilichen Veranstaltung.

Im Unterricht empfiehlt sich zur inhaltlichen Vertiefung des komplexen Themas ein Textbeispiel hinzuzuziehen. Der Vorschlag sieht einen Artikel vor, der am selben Tag auf der Internetseite der Deutschen Welle erschienen war. Um auf die mit der Karikatur eingebrachte Frage des Grenzregimes zu fokussieren, wurde der Artikel um die Passagen, die weitere Themen des Polizeikongresses zum Inhalt hatten, gekürzt.

Textbeispiel (Auszug):

„Terror: Maaßen befürchtet ‚Steppenbrand‘“

Der Präsident des Verfassungsschutzes warnt auf dem Europäischen Polizeikongress vor einer „Globalisierung der Krisen“. Gleichzeitig bedauert er den Verlust eines Partners im Anti-Terror-Kampf. [...]

Drinnen spricht der Frontex-Direktor, draußen wird protestiert

Und noch aus einer ganz anderen Ecke wittern deutsche und europäische Sicherheitsbehörden zunehmende Gefahren: an den Außengrenzen der EU. Im Zuge der Flüchtlingsströme insbesondere aus Syrien und Afrika rechnet die „Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union“ (kurz: Frontex) mit höheren Risiken durch eingeschleuste Terroristen. Eine „Vermischung von Migrantengruppen mit foreign fighters“, befürchtet Klaus Rösler.

Der Deutsche mit Arbeitsplatz in Warschau leitet seit 2008 die Frontex-Einsätze. Vehement wehrt er sich auf dem Europäischen Polizeikongress gegen Vorwürfe, seine Agentur sei für den Tod notleidender Bootsflüchtlinge verantwortlich. Stattdessen verweist Rösler auf gemeinsame Rettungsaktionen mit internationalen Organisationen, darunter das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Mehr als 23 000 Menschen seien gerettet worden. Während Rösler im Berliner Congress-Centrum diese und andere Zahlen nennt, protestieren draußen etwa 50 Aktivisten gegen die europäische Flüchtlingspolitik. Mit blauer und roter Kreide haben sie in großen Buchstaben ihre Sicht auf die Gehwege geschrieben: ‚Frontex und Polizei = Mord und Rassismus‘“ (Deutsche Welle, 25.02.2015).

Zwischen Karikatur und Text baut sich ein Spannungsfeld auf, das ebenfalls zu einer Charakterisierung der politischen Karikatur als Medium beitragen kann. Der Artikel enthält genauere Informationen zu den auf dem Kongress vorgetragenen Inhalten und gibt sich mit verschiedenen textstrategischen Mitteln objektiv. Ein analytischer Umgang mit dem Text könnte vorsehen, dass diese Mittel nach Aufgaben zum Leseverstehen von den Lernenden herausgearbeitet werden. Im Vergleich mit dem stark inszenierten Pressefoto zur deutsch-französischen Zusammenarbeit wird mit Zitaten und durch die Beigabe verschiedener Hintergrundinformationen der Eindruck einer rein sachlichen Darstellung geweckt. Jedoch enthält der Text darüber hinaus eine Ebene, auf der Distanz erzeugt wird: Mit dem Satz „Und noch aus einer ganz anderen Ecke wittern deutsche und europäische Sicherheitsbehörden zunehmende Gefahren: [...]“. wird sprachlich die neutrale Redeweise verlassen. Der Ausdruck „eine Gefahr wittern“ verweist auf tierhaft-instinktives Erfassen eines bedrohlichen Phänomens und nicht auf rationale Begründungsmuster. Durch diesen sprachlichen Verweis auf eine nicht-politische Sphäre wird Ironie erzeugt. Ein weiteres Merkmal des Texts ist, dass er am Ende die Proteste gegen den Kongress, insbesondere gegen den Auftritt des Frontex-Repräsentanten Rösler aufführt, und ihnen auf diese Weise den Wert einer Abschlussaussage, die dem Zitat Röslers entgegensteht, verleiht.

Es empfiehlt sich mit entsprechenden Vorgaben die Merkmale des Texts in Gruppenarbeit herausarbeiten zu lassen, um kontroverse Diskussionen und möglichst viel Eigenarbeit der Lernenden zu ermöglichen. Die Arbeit mit einem Moderationskoffer könnte hier das anschließende Zusammenführen der Arbeitsergebnisse im Plenum erleichtern. Auf farbiges Papier notierte Stichworte werden im Anschluss an eine Tafel oder Pinnwand angebracht und gemeinsam sortiert.

Die politische Karikatur von Plaßmann wäre in dieser Unterrichtseinheit doppelt einsetzbar: als Ein- und als Ausstieg, um zu Beginn die Aufmerksamkeit auf das Themenfeld zu lenken und am Ende zu einem Vergleich der direkten Stellungnahme in einer verkürzten Darstellung durch die Karikatur mit dem komplexeren Verfahren in einem Artikel überzugehen.

Es handelt sich um einen Unterrichtsvorschlag, der sich ausgezeichnet für den DaF-Unterricht in der Erwachsenenbildung ab dem Kompetenzniveau B1 eignet. Je nach Lerngruppe ist einer Wortschatzarbeit und Aufgaben zum Textverstehen etwas mehr Raum zu geben.

Mit den Vorschlägen kann die Medienbewusstheit der Lernenden insofern gestärkt werden, als dass sie wichtige Charakteristika von politischer Karikatur, Fotografie und Text erfassen und einen kritischen, reflektierten Umgang mit diesen Medien einüben. Die in Vergleichen herausgehobene Differenz zwischen den Medien kann in darauffolgenden Unterrichtseinheiten in eine Vorstellung von Intermedialität im Sinne des Zusammenspiels der Medien in der Rezeption münden. Zunächst wurden die Medien mit ihren spezifischen Eigenschaften selbst zum Unterrichtsgegenstand gemacht und anschließend die Verbindungen zwischen Karikatur, Fotografie und Text und ihrer unterschiedlichen Weisen der Generierung subjektiver und objektiver Aussagen einbezogen.

Literatur

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Plaßmann, Thomas: „Aspekte der Flüchtlingspolitik“. In: Frankfurter Rundschau, o.D. Online: http://www.fr-online.de/flucht-und-zuwanderung/aspekte-der-fluechtlingspolitik–-karikiert-von-plassmann,24931854,31646704.html (26.01.2017). Search in Google Scholar

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Spielmann, Yvonne (1995): „Intermedialität als symbolische Form“. In: Ästhetik & Kommunikation 24, 88, 112–117. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2017-12-6
Erschienen im Druck: 2017-12-4

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