Accessible Published by De Gruyter March 15, 2018

Filmwissenschaft als „Kulturwissenschaft aus der Ferne“

Analytische Zugänge zu nicht-fiktionalen Filmen

Film analysis as “cultural studies from a distance”
Analytical perspectives on non-fiction films
Julia Viering

Zusammenfassung

Die Darstellung ausgewählter Ergebnisse einer Analyse öffentlich zugänglicher, vermeintlich wertungsfreier Informationsmaterialien soll veranschaulichen, wie die Auswahl spezifischer Darstellungsformen dazu beitragen kann, gesellschaftliche Ungleichheit zu reproduzieren. Angelehnt an die Diskursanalyse nach Viehöver, der Diskurse als Narrationen fasst, plädiert dieser Beitrag dafür, die Analyse filmischen Erzählens als Gegenstand empirischer Studien im DaF/DaZ-Kontext zu etablieren und forschungsmethod(olog)isch reflektiert einzusetzen. Ausgangspunkt war die Hypothese, dass innerhalb der einzelnen Berufsinformationsfilme nicht nur die berufliche, sondern auch die soziale/gesellschaftliche Integration junger Erwachsener narrativisiert wird und somit gesellschaftliche Integrationserwartungen sichtbar werden.

Abstract

The analysis of information media published by public organisations such as the Bundesagentur für Arbeit reveals current representations of migration and inequality in Germany. Framed by the analytical perspective of Viehöver, who treats discourse as narration, this article argues that methodologically informed research on films is an important object of empirical research in German as a Foreign Language. Key findings of the study are summarized as iterations of guest worker ideologies and a tendency towards an economic legitimation of migration.

0 Einleitung

Empirische Studien zum Themengebiet Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache sind ein Desideratum auch in der Hochschulausbildung, sowohl in den deutschsprachigen Ländern wie in Germanistik- und DaF-Fachbereichen weltweit. Die Datenerhebung und -grundlage unterliegt dabei in vielen Fällen spezifischen Beschränkungen, für die unter Umständen kreative Lösungswege gefunden werden müssen.

Nicht zuletzt aus der teilweise großen geographischen Distanz zu den deutschsprachigen Ländern entsteht ein Dilemma bei der Suche nach einem spezifischen Untersuchungsgegenstand wie auch im Kontext der Datenerhebung. Insbesondere hier kann sich der Rückgriff auf Filmmaterial und andere Medienproduktionen als produktiver Analysegegenstand erweisen, vorausgesetzt, den Artefakten wird mit der notwendigen kritischen Distanz begegnet. Die Artefakte müssen hinsichtlich ihrer Konstruiertheit reflektiert werden und nicht als Abbild der Realität, sondern als Konstruktion von Wirklichkeit hinterfragt werden:

„Am Filmbild [...] ist nichts zufällig, jede Einstellung wird minutiös geplant; selbst die scheinbare Zufälligkeit einer Aufnahme stellt immer ein bewusst gewähltes Gestaltungsmittel dar. Also müssen wir Filme „lesen“ lernen, um die scheinbare Unmittelbarkeit des audiovisuellen Bildes als vermittelt und absichtsvoll wahrzunehmen, um Suggestionen und Intentionen zu durchschauen und damit Souveränität gegenüber einer zunehmend inflationären Bilderflut zu entwickeln.“ (Bienk 2008: 11). Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, filmwissenschaftliche Elemente in die Lehre zu integrieren und unterschiedliche Analysemöglichkeiten am Material aufzuzeigen, reicht doch die Spannweite filmwissenschaftlicher Fragestellungen von literaturwissenschaftlich geprägten bis hin zu verstärkt sozialwissenschaftlich ausgerichteten Fragestellungen, die den Gegenstand des vorliegenden Beitrags ausmachen. In diesem Beitrag wird nur an einzelnen Stellen auf Elemente der klassischen Filmanalyse zurückgegriffen, mehr Gewicht wird mit Viehöver der Analyse des die Filme motivierenden Narrationsschemas beigemessen. Entscheidend dafür ist, Filme als Zeichensysteme zu begreifen und damit Filme analog zu Geschriebenem als mehrfach codierte Texte untersuchbar zu machen (vgl. Bienk 2008: 12 ff.).

1 Hintergrund der Untersuchung

Im Kontext von Deutsch als Zweitsprache sind für den Spracherwerb auch sozialpolitische Bedingungen von großer Bedeutung. Insbesondere der Bereich von Berufsberatung und Arbeitsvermittlung ist bislang noch nicht hinlänglich daraufhin untersucht worden, inwiefern aus der Dynamik des Beratungsprozesses Deutsch-Sprach-Kompetenzen als Faktor sozialer Ungleichheit hervortreten können. Diesem Ziel war die Untersuchung gewidmet, der die in diesem Beitrag verwendeten Daten- und Analysebeispiele entlehnt sind. Während ursprünglich konkrete Beratungssituationen konversationsanalytisch untersucht werden sollten, machte die strikte Schließung des Untersuchungsfeldes eine solche Studie unmöglich: Akteurinnen und Akteure in den Institutionen Jobcenter und Agentur für Arbeit verwiesen auf Datenschutz und Wahrung der Persönlichkeitsrechte ihrer Kundinnen und Kunden, die eine Öffnung ihrer Beratungspraxis nicht gestatten würde. Um das Thema dennoch bearbeiten zu können, strebte ich eine Dokumentenanalyse der öffentlich zugänglichen Informationen auf der Internetpräsenz der Institution an und stieß dabei auf meinen Untersuchungsgegenstand: die Berufsinformationsfilme der Agentur für Arbeit. Um diese Filme analytisch betrachten zu können, wurde eine sozialwissenschaftliche Perspektive eingenommen, die den Gesamtbestand der Filme als Wechselspiel öffentlicher Diskurse und Narrationen auswertbar macht.

2 Theoretische Grundlagen

Dass (filmische) Bilder entscheidend dazu beitragen, auf welche Weise spezifische Themen, wie z. B. Migration, im öffentlichen Raum behandelt und narrativisiert werden, macht die Auseinandersetzung mit routinisierten Darstellungsmustern zu einem produktiven und relevanten Gegenstand einer kritischen Kulturwissenschaft:

„Für Migrationsgesellschaften unserer Zeit ist kennzeichnend, dass eine Vielzahl von Bildern, Beschreibungen, Symbolen, Darstellungen und Zeichen in Umlauf sind, in denen nicht nur über (natio-ethno-kulturelle) Identität und Differenz Auskunft gegeben wird, sondern Identität und Differenz auch beständig produziert und reproduziert werden.“ (Broden/Mecheril 2007: 9).

Unter dieser Voraussetzung bedeutet die Art der Darstellung, die Adressierung und die Repräsentation gesellschaftlicher Gruppen eine Artikulation gesellschaftlicher Machtverhältnisse, die sich im Diskurs um Sprache und Differenz niederschlagen. Um die Bedeutsamkeit dieser Repräsentationsverhältnisse herauszustellen, wurde in der Hauptuntersuchung mit Michel Foucaults Diskurs-Begriff gearbeitet, der sich für die Analyse der Verschränkung von Machtverhältnissen und Wirklichkeitskonstruktionen anbietet. Aus dieser Perspektive entfalten nicht nur öffentlich gelenkte Diskurse eine gesellschaftliche Gestaltungskraft, sondern auch die „(alltägliche) Art und Weise der Rede oder der Darstellung von etwas“ nimmt Einfluss auf institutionalisiertes Wissen und erhält damit eine potentiell gesellschaftsgestaltende materielle Existenz (Rosenthal 2005: 217). Sie führt weiter aus: „Jede bestimmte Art und Weise die Welt zu ‚diskursivieren‘ hat zur Folge, dass gewisse Subjekte zum Sprechen ermächtigt und andere dabei ausgeschlossen werden“ (Rosenthal 2005: 217). Aus dieser Dynamik von (Un)Sichtbarmachung ergibt sich die Notwendigkeit, diejenigen Materialien zu analysieren, die diese Diskurse in sich tragen, ohne dass sie dies als ausdrückliche Agenda formuliert hätten. Internalisierte Diskurse, die unbewusst das Handeln und die Entscheidungen von Menschen beeinflussen, entfalten eine besondere Wirkungsmacht zur Durchsetzung von Machtverhältnissen: „Die Macht ist am vollkommensten, wenn sie sich gleichsam unbemerkt und selbstverständlich der Vorstellungs- und Phantasiewelten der Menschen bemächtigt, jenseits ihrer sozialen Zugehörigkeit zu Klassen, Schichten und anderen Gruppierungen“ (Vester 2009: 144). Dieser Diskurs ist zwar dynamisch und wandelbar, aber durch gesellschaftliche Machtverhältnisse geprägt, weil diese darüber entscheiden, wessen Repräsentationen der Welt gehört und wie diese instrumentalisiert werden (vgl. Blommaert 2005: 3).

3 Design der Erhebung

In der untenstehenden Grafik werden die hier präsentierten Teile der Studie als kurzer Überblick aufgeführt.

Abb. 1 Überblick über die hier dargestellten Erhebungsschritte

Abb. 1

Überblick über die hier dargestellten Erhebungsschritte

3.1 Datenmaterial

Die Berufsinformationsfilme werden von der Bundesagentur für Arbeit auf der Internetseite www.berufe.tv zur Verfügung gestellt. Sie ergänzen das Informationsangebot der Bundesagentur und kommen damit ihrer Teilaufgabe nach, „Berufsorientierung (§ 33 SGB III) zu betreiben“

„Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat zur Vorbereitung von jungen Menschen und Erwachsenen auf die Berufswahl sowie zur Unterrichtung der Ausbildungsuchenden, Arbeitsuchenden, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und Arbeitgeber als Teilaufgabe Berufsorientierung (§ 33 SGB III) zu betreiben. (http://berufe.tv/BA/docs/Fremdfilme_auf_BERUFE.TV.pdf).“

Die Zielgruppe ist dabei weit gefasst: junge Menschen und Erwachsene sollen auf die Berufswahl „vorbereitet“, Ausbildungssuchende, Arbeitsuchende, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und Arbeitgeber über die Möglichkeiten, die sich bieten, „unterrichtet“ werden (vgl. ebd.). Die Filme sollen als Informationsmedien neutral, wertungs- und barrierefrei und für alle gleichermaßen zugänglich Daten bereitstellen, die über unterschiedliche Berufe informieren.

Mit diesem Anspruch und der Tatsache, dass alle Filme in einen bestimmten Rahmen eingepasst sind (vgl. http://berufe.tv/BA/docs/Fremdfilme_auf_BERUFE.TV.pdf), sind sie gleichzeitig Außendarstellung einer Institution, Interaktions- und Kommunikationsmedium zwischen Institution und den Kundinnen und Kunden wie auch Container institutioneller Semantik.

Gerade das Medium Film ist dabei in seiner Hergestelltheit äußerst komplex, weil so viele Prozesse ineinandergreifen, die mehrdimensional ausgewertet werden müssen. So hat ein Film laut Denzin (2007: 422) „[v]ier Erzähl- oder Bedeutungsstrukturen: (1) de[n] visuelle[n] Text, (2) de[n] gesprochene[n] Text, einschließlich der Kommentare der Fotografen zu ihren Bildern, (3) die Erzählung, die den visuellen und den gesprochenen Text zu einer zusammenhängenden Geschichte verknüpft oder in einem Rahmen verortet, und (4) die Interpretationen und Deutungen, die Betrachter (einschließlich der Sozialwissenschaftler) den visuellen, gehörten und erzählten Texten geben.“

Die entscheidende Prämisse, die dieser Untersuchung zugrunde liegt, formuliert Denzin (2007: 420) folgendermaßen: „Filmen wird damit zu einer Frage der „Rahmung“ von Wirklichkeit.“ Auch Reichertz/Englert (2007: 420) betrachten den Prozess des Filmens und der Repräsentation als strategische Konstruktion: „Es gibt kein unschuldiges (Kamera-)Bild und es gibt auch kein unschuldiges Video. (...) [D]ie ‚Kamera‘ wird hier begriffen als soziales System von Akteuren, die mit bestimmten sozialen Praktiken der filmischen Darstellung versuchen, auf die Mediennutzer einzuwirken.“

Was die hier vorliegenden Filme zu einem besonderen Datum macht, ist 1) ihre Systematisierung (zumindest bis zu einem gewissen Grad auch Standardisierung), 2) ihre Autorisierung durch eine öffentliche Stelle, nämlich die Bundesagentur für Arbeit, 3) ihr Kommunikations- und Informationsauftrag, 4) die Fülle des angebotenen Materials, 5) der spezifische Auftrag, mit dem sie entwickelt wurden, und 6) ihre Substitutionsfunktion für andere Formen der öffentlichen Informationsweitergabe. Damit können sie als Dokumente bezeichnet werden, denn „Dokumente sind standardisierte Artefakte, insoweit sie typischerweise in bestimmten Formaten auftreten“ (Wolff 2007: 503). Wolff führt weiterhin aus, was die Analyse von Dokumenten für wissenschaftliche Zusammenhänge produktiv macht: „Ein großer Teil der amtlichen und die meisten privaten Dokumente sind nur für einen umschriebenen Kreis legitimer bzw. angesprochener Rezipienten bestimmt. Amtliche Dokumente fungieren zudem als institutionalisierte Spuren, das heißt, dass aus ihnen legitimerweise Schlussfolgerungen über Aktivitäten, Absichten und Erwägungen ihrer Verfasser bzw. der von ihnen repräsentierten Organisationen gezogen werden können (vgl. Lau/Wolff 1981). Angesichts der elaborierten und von den Beteiligten selbst durchaus reflektierten Kunst der Erstellung solcher Akten wird das Moment der Fiktion (im Sinne von Hergestelltheit), das grundsätzlich für alle Dokumente gilt, besonders deutlich“ (Wolff 2007: 503).

Mit diesem Vorverständnis sollen die vorliegenden Filme als eben das behandelt werden: als intentional hergestellte, institutionalisierte Spuren, aus denen sich Positionen und Diskurse herausarbeiten lassen.

3.2 Diskursanalyse Schritt I: Quantitativ orientierte Materialsichtung

Im ersten Schritt der Auswertung sollten grundsätzliche Aussagen über das vorliegende Datenmaterial getroffen werden. Das Verfahren, das dabei angewendet wurde, orientiert sich an der beschreibenden Statistik:

„Die beschreibende oder deskriptive Statistik liefert eine Zusammenfassung und Darstellung der Beobachtungsdaten mithilfe von beschreibenden Maßzahlen und graphischen Darstellungen. Diese Kennwerte und Graphiken beziehen sich nur auf die Untersuchungsmenge.“ (Atteslander 2008: 241).

Das Ziel, das mit diesem Schritt verfolgt wurde, war die Überprüfung zweier Hypothesen, die aus der vorab erfolgten stichprobenartigen Durchsicht des Filmmaterials generiert werden konnten:

  1. Hypothese 1:

    Migrantinnen und Migranten erscheinen im Informationsangebot der Bundesagentur für Arbeit überdurchschnittlich häufig in Filmen, die Berufe aus dem unteren Segment vorstellen.

  2. Hypothese 2:

    Die Rollen, die Frauen und Männern zugeschrieben werden, unterscheiden sich voneinander.

Um diese Hypothesen am Material zu testen, wurden alle zum Erhebungszeitpunkt (05.02.2013) online verfügbaren Berufsfilme nach zwei Merkmalsklassen ausgewertet: nach dem Vorliegen eines Migrationshintergrundes und dem Geschlecht. Während die Abgrenzung in die zwei Geschlechter in den Filmen relativ wenig Schwierigkeiten bereitet, musste das Vorliegen eines Migrationshintergrundes operationalisiert werden. Als Personen mit Migrationshintergrund werden in der Auswertung also Personen bezeichnet, auf die mindestens zwei der drei Kriterien zutreffen, die als askriptive Merkmale Heterogenität erzeugen: ein hörbarer Akzent, die äußere Erscheinung und die Möglichkeit, bestimmte Namen spezifischen Herkunftsländern zuzuordnen. Dies sind ebenjene Kriterien, auf deren Grundlage Othering-Prozesse vollzogen werden, deshalb sind die Kategorien für eine derartige Analyse auch nicht unproblematisch. An dieser Stelle soll ausdrücklich betont werden, dass die Untersuchung nicht zum Ziel hat, „Ethnisierung durch Forschung“ zu betreiben oder eine Problemgruppe zu konstruieren (vgl. Mecheril et al. 2003). Zwar wird sich einer Groupism-Konstruktion bedient, allerdings mit dem spezifischen Interesse, einer möglichen systematischen Fremdpositionierung als Schlechterstellung dieser – auch von anderen konstruierten – Gruppe nachzugehen.

3.3 Diskursanalyse Schritt II: Hermeneutische Verfahren zur Analyse des Diskurses

Mit einem weiteren Auswertungsschritt sollte eine größere inhaltliche Dichte der Aussagen über das Material erreicht werden. Dies geschah in Anlehnung an die Analyse von Diskursen als Narrationen nach Viehöver, der auf diese Weise Filme als sozialwissenschaftlichen Gegenstand produktiv macht (vgl. Viehöver 2006: 190, 181). Das hier untersuchte Material lässt sich als „öffentliche Narration“ bezeichnen: Öffentliche Narrationen „are those narratives attached to cultural and institutional formations larger than the single individual” (Somers 1994: 619). Viehöver (2007: 420) identifiziert als zentrale Funktionen öffentlicher Narrationen die Legitimierung bestimmter Äußerungsformen, die Entwicklung neuer Identitätskonzepte anhand der Ausstattung von Figuren mit bestimmten Motivvokabularien und deren handlungsinitiierende Wirksamkeit. Damit befindet man sich analytisch im Kernbereich der Kritischen Diskursanalyse, die sich vor allem der Analyse von Machtkonstellationen innerhalb sozialer Beziehungen widmet: „The aim of Critical Discourse Analysis[2] is to unmask ideologically permeated and often obscured structures of power, political control, and dominance, as well as strategies of discriminatory inclusion and exclusion in language use.” (Wodak et al. 1999: 8).

Aus der Bedeutung öffentlicher Narrationen zur Überzeugung eines großen Publikums, zur Motivation zur Partizipation oder zur Weiterverbreitung bestimmter Argumentationen heraus (vgl. Viehöver 2012: 115) ergibt sich die sozialwissenschaftliche Relevanz des Untersuchungsgegenstandes: „sie alle kommen ohne legitimierende öffentliche Narrative nicht aus. Aus der Frage nach dem, was erzählt wird, folgt die Analyse dessen, wer es wie erzählen darf und damit die Frage nach legitimen und illegitimen Sprechern.“

Doch mit der Offenlegung der sozialen Dimensionen des Sprachgebrauches ist in der Kritischen Diskursanalyse noch nicht das wesentliche Forschungsziel erreicht, vielmehr wird die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen als potentiell ermächtigendes, moralisch notwendiges und politisch Einfluss nehmendes Projekt verstanden:

“These dimensions are the object of moral and political evaluation and analyzing them should have effects in society: empowering the powerless, giving voices to the voiceless, exposing power abuse, and mobilizing people to remedy social wrongs. CDA advocates interventionism in the social practices it critically investigates.” (Blommaert/Bulcean 2000: 449).

Gerade im Bereich der Repräsentationen kann die wissenschaftliche Artikulation von Ungleichheiten dazu beitragen, dass öffentlich Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Diskurse sind immer in gesellschaftlich akzeptierter Form verfasst. Wird diese Akzeptanz aber in Frage gestellt, kann sich durch die Änderung des Diskurses auch Wirklichkeit verändern. Dieser Prozess wiederum braucht Zeit, denn Diskurse wirken zwar von außen auf Individuen ein, indem sie ihre Weltsicht entscheidend beeinflussen; gleichzeitig reproduzieren aber gerade Individuen die öffentlichen Diskurse. Diese Praxis hat narrativen Charakter, wie Viehöver (2006: 180) herausstellt:

„Individuelle und kollektive Akteure machen – bewußt oder unbewußt – in der sozialen Praxis Gebrauch von narrativen Schemata und verleihen dadurch ihren Weltdeutungen und ihren sozialen Praktiken Kohärenz, Bedeutung und qua Wiederholung eine gewisse Regelmäßigkeit“.

Während die Kritische Diskursanalyse vor allem auf linguistischen Analyseverfahren beruht[3], ergibt sich für das hier verfolgte Interesse größere Gegenstandsangemessenheit durch den Rückbezug auf Strategien zur Analyse von Erzählungen. Für die Analyse von Filmen hat die von Viehöver eingebrachte Analogsetzung von Diskurs als Narration besondere Überzeugungskraft. Viehövers Position lässt sich nach vier Argumenten gliedern: Zuerst einmal verwendet er die Definition von Narrationen als „universelle[m] Modus der Kommunikation und Konstitution von Sinn“ als „hypothetisches Instrument“ zur Rechtfertigung der Analyse (Viehöver 2006: 183). Weiterhin fasst er Narrationen als epistemologische Kategorie, denn sie „versehen Menschen mit Mythen, mit Weltsichten, Motiven, Handlungsorientierungen und kulturellen Werten, indem sie Ereignisse, Objekte, Akteure, Handlungen durch narrative Strukturen konfigurieren oder verknüpfen“ (Viehöver 2006: 184). Diese überindividuellen Deutungsmuster werden dabei wesentlich durch Diskurse gespeist, die „kollektive, übersituative und intertextuelle Zusammenhänge von Äußerungsformen“ (ebd.) konstruieren. Dabei sind diese Narrationen aber nicht nur Reproduktionen sozialer Ordnung, sondern dynamische Konstrukte, was Viehöver mit dem Begriff der „Narrativisierung“ verdeutlicht. Darunter versteht er die „Kategorisierung und Identifikation“, die „Positionierung des Erzählers selbst und anderer Personen, Ereignisse und ‚Objekte‘ in einem Netz von Beziehungen und in einem Handlungsablauf“ mit dem Ziel der Produktion eines Wirklichkeitsverständnisses, das unterschiedlich stabil oder variabel ausgeprägt sein kann. Individuen oder Institutionen bedienen sich selektiv an zur Verfügung stehenden Konstruktionen von Welt. Dies macht die Analyse von narrativer Form und dem ‚erzählten‘ Inhalt, also der Argument- und Wertestruktur, notwendig (ebd.).

Der Prozesscharakter des Begriffes der Narrativisierung ist dabei entscheidend: Wie werden in spezifischen Kontexten Narrationen aktualisiert und strategisch eingesetzt? Viehövers an den Strukturalismus angelehnte Analyse von Dokumenten unterscheidet in zwei analytische Ebenen, nämlich in Oberflächen- und in Tiefenstruktur. Die Oberfläche bildet damit die wörtliche Ebene, die aus Strukturprinzipien der Tiefenstruktur generiert wird: episodische Strukturen, Aktanten- und Plotanalyse sind demnach dazu geeignet, diese Wertstrukturen, die typischerweise in Wertgegensätzen formuliert sind, offenzulegen (vgl. Viehöver 2006: 188). In der Analyse der Dokumente erhält die Narrativisierung der Deutungsrahmen besonderes Gewicht: Generative Fragen an das Material sollen die Daten aufbrechen. Aus dieser Typologie lassen sich Fragen an das zu analysierende Material generieren und mit der Analyse der Tiefenstruktur verbinden: „Die beschriebene Strategie schließt von der Textoberfläche (Makrostrukturen, Themen, rhetorische Figuren) auf Sinnstrukturen, die wir nicht wörtlich ablesen können, also auf typische Deutungsrahmen, die einen themenspezifischen Diskurs strukturieren.“ (ebd.).

Als Ergänzung der Rekonstruktion von Tiefenstrukturen aus den Oberflächenrealisierungen zieht Viehöver die bereits erwähnte Narrationsanalyse heran, die wesentlich auf die Analyse von drei Strukturelementen abzielt: der Episode, der Aktantenstruktur und des narrativen Plots (vgl. Viehöver 2006: 196). Die Episoden einer Narration haben jeweils unterschiedliche inhaltliche Funktionen und Narrativisierungsmittel, gruppieren sich in der Regel jedoch um einen zentralen Konflikt, der in einer Einleitung bestimmt, zur Entfaltung gebracht und in der Mitte gelöst, durch eine Moral beendet wird (vgl. ebd.). Innerhalb der durch Episoden strukturierten Erzählungen übernehmen spezifische Aktanten „die Aufgabe der Transformation der Erzählung von der Ausgangssituation bis zu ihrem Ende, sie repräsentieren zugleich aber auch die fundamentale Wertestruktur, die der Narration zugrunde liegt.“ (Viehöver 2006: 198) Viehöver nimmt mit Greimas (1970) sechs zentrale Rollen an: „Sender und Empfänger, den Helden [oder ein Subjekt, Anm. J.V.] und ein Objekt, den Bösewicht und eine Anzahl von Helfern.“ (Viehöver 2006: 198) Diese Rollen werden nun auf das Material angewendet:

„Für jeden einzelnen Aktanten lässt sich dann – bezogen auf die jeweilige Episode sowie auch auf die Gesamtgeschichte – nach seinen Eigenschaften (aktiv/passiv), seinen Bewegungen (Erwerb von Fähigkeiten und Wissen zur Veränderung der Situation (kognitiv) und pragmatische Anwendung dieses Wissens) und Beziehungen zu anderen Aktanten (Konfrontation, Kooperation, Wettkampf, Indifferenz) fragen. In der Gesamtschau ist schließlich nach Veränderungen und Brüchen zwischen den Beziehungen zu suchen (ebd.).“

An diesen Interpretationslinien orientierte sich die Analyse des Filmmaterials, auch wenn ihnen sicherlich nicht umfassend entsprochen werden konnte, zu exemplarisch war dazu die Auswahl der „Texte“, zu begrenzt der Raum. Die Methode sollte als analytischer Zugriff verwendet werden, selbst wenn das Schema unter Umständen zu umfangreich konzipiert ist. Einschränkend sei hier angemerkt, dass auch bei einer Orientierung an methodischen Leitlinien viel vom Interpretierenden auf den Analysegegenstand zurückfließt, weshalb die später festgehaltenen Ergebnisse vor allem als kritischer Zugang zum Material verstanden werden sollten.

4 Zentrale Ergebnisse

4.1 Diskursanalyse: Quantitative Auswertung der Filme

Die quantitative Auswertung der Filme ergibt folgende Verteilung der Identifikationsfiguren im Gesamtangebot der Filme:

Tabelle 1

Auswertung von Berufsinformationsfilmen nach Migrationshintergrund (MH) und Geschlecht

MHohne MHBeidesGesamt
männlich[% gesamt]8 %35 %4 %47 %
weiblich[% gesamt]3 %21 %1 %25 %
gemischt[% gesamt]2 %21 %5 %28 %
Gesamt[% gesamt]13 %76 %11 %100 %
Basis der Auswertung: 228 Filme mit Identifikationsfiguren der Bundesagentur für Arbeit auf der Internetseite www.berufe.tv.

Ein wichtiges Merkmal ist das Geschlecht der Identifikationsfiguren. 47 % der Filme zeigen männliche Protagonisten, 25 % ausschließlich weibliche Identifikationsfiguren, 28 % der Filme stellen mehrere Personen in den Mittelpunkt und zeigen beide Geschlechter. Die Gruppe der Filme mit Personen mit Migrationshintergrund als Identifikationsfigur macht 13 % im Gesamtangebot der Filme aus, die Gruppe der Personen ohne Migrationshintergrund 76 %, in 11 % der Filme kommen beide Merkmale gemeinsam vor. Aus der Verteilung, die der Tabelle entnommen werden kann, ergibt sich allerdings auch, dass Frauen mit Migrationshintergrund im Filmangebot besonders unterrepräsentiert sind, sie stellen mit 3 % die kleinste Gruppe. Männer mit Migrationshintergrund sind mit 8 % ebenfalls unterrepräsentiert.

Betrachtet man die Verteilung von Personen mit und ohne Migrationshintergrund bezogen auf die fünf verschiedenen beruflichen Branchen Handwerk, Landwirtschaft, Dienstleistungen, Industrie und soziale Berufe ergibt sich folgende Gesamtverteilung:

Abbildung 1 Prozentuale Verteilung von Identifikationsfiguren mit und ohne Migrationshintergrund nach Berufsgruppen

Abbildung 1

Prozentuale Verteilung von Identifikationsfiguren mit und ohne Migrationshintergrund nach Berufsgruppen

Das Filmangebot wird von Personen ohne Migrationshintergrund dominiert. Den höchsten Wert erreichen Personen mit Migrationshintergrund im Bereich der Industrie mit 14 %; rechnet man die Filme dazu, die zumindest eine Identifikationsfigur mit Migrationshintergrund unter mehreren haben, erhöht sich dieser Wert auf 27 %. Darauf folgen Berufe im Bereich der Dienstleistungen mit 11 % bzw. 25 %, danach handwerkliche Berufe mit 18 % und schließlich die sozialen Berufe mit 12 bzw. 18 %.

Die Verteilung der Figuren mit Migrationshintergrund stellt sich also folgendermaßen dar:

Abbildung 2 Verteilung der Figuren mit Migrationshintergrund nach Branchen

Abbildung 2

Verteilung der Figuren mit Migrationshintergrund nach Branchen

47 % der gezeigten Identifikationsfiguren mit Migrationshintergrund arbeiten im industriellen Sektor, 27 % im Bereich der Dienstleistungen, 20 % üben handwerkliche Tätigkeiten aus und 7 % arbeiten in sozialen Berufen.

Die Gesamtverteilung auf die unterschiedlichen Branchen nach Geschlecht ergibt unabhängig vom Merkmal „Migrationshintergrund“ folgende Verhältnisse:

Abbildung 3 Prozentuale Verteilung nach Branchen aller Identifikationsfiguren nach Geschlecht

Abbildung 3

Prozentuale Verteilung nach Branchen aller Identifikationsfiguren nach Geschlecht

Die Protagonisten arbeiten zu 53 % im industriellen Sektor, zu 24 % im Bereich der Dienstleistungen, zu 20 % in handwerklichen Berufen und zu 3 % in der Landwirtschaft, während die Protagonistinnen zu 48 % im Dienstleistungsbereich gezeigt werden, zu 20 % in sozialen Berufen, zu 16 % in industriellen Berufen, zu 13 % im Handwerk und zu 4 % in der Landwirtschaft. Noch differenzierter wird die Unterscheidung der Branchen bei Kopplung der Merkmale Migration und Geschlecht. Hier sind die Sektoren nochmals deutlich reduziert:

Abbildung 4 Prozentuale Verteilung nach Branchen der Figuren mit Migrationshintergrund nach Geschlecht

Abbildung 4

Prozentuale Verteilung nach Branchen der Figuren mit Migrationshintergrund nach Geschlecht

Frauen mit Migrationshintergrund werden überwiegend in Berufen des Dienstleistungssektors gezeigt, 50 % aller Protagonistinnen arbeiten dort; 33 % arbeiten in sozialen Berufen, 17 % in der Industrie. Hier ist einschränkend anzumerken, dass die prozentualen Angaben auf sehr geringen Fallzahlen beruhen – die Tendenz, dass Frauen zum überwiegenden Teil in Dienstleistungs- und sozialen Berufen dargestellt werden, tritt allerdings deutlich aus den Daten hervor. Auch die Männer mit Migrationshintergrund verteilen sich auf nur drei Branchen: 42 % von ihnen arbeiten in der Industrie, 32 % üben handwerkliche Berufe aus, 26 % arbeiten im Bereich der Dienstleistungen.

Der Abgleich mit arbeitsmarktrelevanten Prognosen ergibt, dass offenbar vor allem Frauen als die Arbeitskraftressourcen der Zukunft betrachtet werden:

„In den beiden Berufshauptfeldern mit den perspektivisch größten Arbeitskräftelücken – Gastronomie u. a. und Gesundheits- und Sozialberufe – sind heute vorrangig Frauen beschäftigt (zwischen zwei Drittel und vier Fünftel Frauenanteil). Die in der Arbeitskräfteprojektion deutlich werdende Verschiebung zu den personenbezogenen (sozialen, Erziehungs- und Gesundheitsdienst-) Berufen bedeutet nach den heutigen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilungsmustern eine weiter gehende Stärkung des Frauenanteils am Arbeitsmarkt.“ (Autorengruppe Bildungsberichterstattung: 164).

Um den Fachkräftemangel zu decken, scheint also im Berufsinformationsangebot eine gezielte Motivierung der bislang durch das Bildungssystem vernachlässigten Gruppe der Frauen mit Migrationshintergrund zu erfolgen, die für Tätigkeiten im Bereich der Dienstleistungen und sozialen Berufe gewonnen werden sollen.

Männer mit Migrationshintergrund sind eher mit negativen Zukunftsprognosen konfrontiert; ihre Repräsentation erstreckt sich weitgehend auf den Bereich der Produktion, der eine unsichere Beschäftigungssituation nach sich zieht: „Bei den übrigen Berufsfeldern, die entweder den produktionsbezogenen Berufen oder den primären Dienstleistungen angehören, sind selbst 2025 noch – zum Teil erhebliche – Angebotsüberhänge zu erwarten.“ (ebd.).

Arbeitsmarktsteuerungsmechanismen zur Gegenlenkung gegen die Gefahr von sogenannter mismatch-Arbeitslosigkeit (vgl. ebd.) werden damit in der Analyse der Gestaltung des Berufsinformationsmaterials offenbar. Gleichzeitig wird deutlich, dass Migrantinnen vor allem eine wachstumsorientierte Perspektive zugeschrieben wird, Migranten allerdings vor allem auf unsichere Arbeitsmarktpositionen festgelegt werden. Offenbar erscheint es unproblematisch, Migranten als Identifikationsfiguren in schrumpfenden Sektoren einzusetzen, unter Umständen weil sie im gesellschaftlichen Diskurs weiterhin mit den Sektoren der „Gastarbeit“ assoziiert sind, wie im Folgenden zu zeigen sein wird.

4.2 Qualitativ-hermeneutische Analyse von Narration und Diskurs

Die Basis der qualitativen Filmanalyse waren Transkripte der einzelnen Filmsequenzen. Hampl und Przyborski haben für die Analyse von Videos das Verfahren MoViQ erarbeitet, das in abgewandelter Form[4] für diese Studie verwendet wurde (vgl. Hampl 2010: 55ff.)[5]. Der Grund für die Auswahl dieses Transkriptionssystems war die Möglichkeit, „dem Betrachter einen unmittelbaren Eindruck von der Relation von Bild- und Textsequenzialität im Hinblick auf deren Synchronizität“ zu ermöglichen (Bohnsack 2011: 171). Besonders geeignet dafür ist das Programm MoviScript, über das sich Transkriptionsdateien, die mit dem Programm EXMARaLDA erstellt wurden, mit einzelnen Screenshots (einem pro Filmsekunde) verbinden und sequentiell geordnet darstellen lassen. Damit wird eine einseitige Fokussierung auf die Ton- oder die Bildebene vermieden, ohne fortlaufend mit der Videodatei arbeiten zu müssen. Die Transformation in eine andere Darstellungsform erlaubt eine anders geartete Interpretation des Gezeigten; findet hier in der Verschriftlichung aber bereits eine Fokussierung statt, wird das Datenmaterial nicht mehr in seiner Bandbreite wahrgenommen (vgl. Bohnsack 2011: 170 zur Kritik der Beschränkung auf Texte als Explikation von Bildinhalten).

Der erste Abschnitt der Auswertung widmet sich zunächst deskriptiv einiger allgemeiner Tendenzen, die sich aus der Analyse des Materials ergeben haben, bevor im zweiten Teil in Anlehnung an Viehöver (2006) detailliert an der Herausarbeitung einer Narration im vorliegenden Material gearbeitet werden soll.

4.2.1 Beschreibung des dynamischen Korpus: Kontextualisierung, Exemplifizierung und Subjektivierung

Abgesehen davon, dass die Filme in der Qualität der Darstellung und des Drehbuches stark variieren und keinem so einheitlichen Format folgen, wie erwartet werden könnte, lassen sich allgemeine Tendenzen in der sukzessive erfolgenden Umstrukturierung der Informationsbe- und -aufarbeitung erkennen:

  1. Starke Fachsprachlichkeit vs. situierte Sprachverwendung

Während in den älteren Filmen Informationstexte eingesprochen werden, die in ihrer sprachlichen Dichte den Erfordernissen schriftlicher Sprachverwendung entsprechen (Dekontextualisierung, komplexe Satzstrukturen, eingeschobene und verschachtelte Nebensätze, Nominalisierungen, Komposita), wird diese Struktur abgewandelt zu eher kommunikativ ausgerichteten Narrationsstrukturen, die ihren Schwerpunkt auf Situationen und situationsgebundene Sprachverwendung legen (vgl. zur Unterscheidung z. B. Keim 2012: 212). Der generalisierte Fachtext wird also in den neueren Filmen in darstellbare Interaktionen und Handlungen rückgebunden. Als zentrales Ergebnis kann festgehalten werden, dass eine Orientierung an Merkmalen von Schriftlichkeit aufgegeben und durch die Orientierung an Merkmalen von Mündlichkeit abgelöst wird, was eine Kommunikationssituation zwischen Zuschauer und Produzent (oder der vorgestellten Identifikationsfigur) künstlerisch herstellt.

  1. Überblicksartige Darstellung von Tätigkeiten auf allgemeiner Ebene – exemplarische Fälle als Einblicke in Tätigkeitsbereiche

Wie eben angesprochen, verlieren die Filme ihren Anspruch auf Überblickshaftigkeit, die von exemplarischen Einblicken in Arbeitsabläufe abgelöst wird. Es steht nicht mehr im Vordergrund, alle unterschiedlichen Schwerpunkttätigkeiten abzubilden und dafür sogar in mehrere Betriebe zu gehen, um die gesamte Bandbreite einzufangen. Auch nicht der gesamte Ablauf einer Produktionskette wird verfolgt, sondern Einzeltätigkeiten von Personen in Entscheidungsmomenten und ihren Zuständigkeiten. Hierin spiegelt sich eine allgemeine Tendenz der Umgestaltung der Informationsweitergabe auch aus didaktischen Modellen: das Exempel als genaue Beschreibung einer Tätigkeit steht verallgemeinerbar für das Gesamtbild.

  1. Objektivierung vs. Subjektivierung der Tätigkeiten

Während in der ersten Generation der Filme auf Protagonisten weitgehend verzichtet wird und betriebliche Abläufe vor allem in ihrer technisierten Form dargestellt werden, findet auch hier eine starke Rückbindung an den Einzelfall statt: Nicht an den Produktionsabläufen orientiert, führt vielmehr eine Identifikationsfigur durch ihre berufliche Sozialisation. Die Schwerpunkte können dabei sehr unterschiedlich gesetzt werden: sowohl eine Fokussierung auf Entscheidungsprozesse bzw. -kriterien, als auch auf die Lerninhalte, die Einfindung in berufliche Rollen oder die Beschreibung eines typischen Arbeitstages können schwerpunktmäßig behandelt werden.

Damit wird die Beschreibung der Tätigkeit in eine biographische Kontinuität eingeordnet und gezielt mit Personen verknüpft. Es geht um die Person, die die Tätigkeit ausführt, und nicht um die Logik des Produktions- oder Arbeitsteilungsprozesses. Es werden Lernsituationen simuliert und Betreuerinnen sowie Betreuer vorgestellt – auch diese orientieren sich in der Beschreibung der Berufsbilder weniger an harten Qualifikationen, vielmehr wird Wert darauf gelegt, dass die Bewerberinnen und Bewerber auch entsprechende weiche Fähigkeiten (wie Teamfähigkeit, ein freundliches Wesen, Kommunikationsfertigkeiten, usw.) mitbringen, die das Arbeitsfeld als sozialen Raum prägen.

  1. Voice-of-God-narration – Moderator

Die oben angesprochene Tendenz spiegelt sich nicht nur in der inhaltlichen Schwerpunktsetzung und den sprachlichen Strukturen, sondern auch in der formal-ästhetischen Gestaltung, vor allem Rahmung, der Filme: ein allwissender Erzähler, dessen Stimme aus dem Off zu hören ist und der das alleinige Deutungsrecht über die gezeigten Sequenzen besitzt, wird ersetzt durch einen Erzähler, der in seiner Ausgestaltung insgesamt flexibel eingesetzt werden kann, in einem Großteil der Fälle aber als Moderator fungiert, der in unterschiedlichem Umfang das Rederecht unter den Auszubildenden und den Ausbilderinnen sowie Ausbildern oder Berufsschullehrerinnen und -lehrern, Einrichtungsleiterinnen und -leitern, Unternehmensvorständen, usw. verteilt und Frageimpulse gibt. In einigen Fällen wird gänzlich auf einen Erzähler verzichtet. Hier werden die Zuschauenden entweder durch die Auszubildenden oder die Ausbilderinnen oder Ausbilder durch den ausgewählten Betrieb geführt, die unterschiedlichen Tätigkeiten werden entweder begleitet (Zuschauende als Hospitanten) oder beschrieben/erklärt (Zuschauende als Newcomer/Journalistinnen und Journalisten). Grundsätzlich werden nach Informationen suchende Zuschauende imaginiert: Die Vermittlung von Fachinformationen erfolgt häufig in einem simulierten Dialog, in dem der Moderator die Fragen des Zuschauers formuliert und beantworten lässt.

Damit verschiebt sich auch die Deutungshoheit innerhalb der Filme und signalisiert den Wandel von einer stark institutionell-bürokratisch kontrollierten Behördenautorität hin zu einer eher beratend tätigen Institution. Diese Ergebnisse lassen sich in Übereinstimmung bringen mit den Ergebnissen von Fairclough (1992), der übergreifende Veränderungen und Trendwenden für den Bereich der organisationalen Kommunikation identifiziert. Ein zentraler Begriff, den er verwendet, ist die „commodification“ öffentlicher Diskurse, ein Konzept „which captures their increasing advertorial and „synthetically personal nature“ (Iedema/Wodak 1999: 10).

4.2.2 Die „Integrationserzählung“ in den Filmen der BA

Die Berufsinformationsfilme der BA aktualisieren ein Erzählschema, das den Weg in den Beruf und in die berufliche Handlungsfähigkeit nachzeichnet. Damit stellen sich den Protagonistinnen und Protagonisten zentrale Fragen nach einer Integration in das von ihnen gewählte berufliche Umfeld. Weil berufliche Tätigkeit häufig wesentlich darüber entscheidet, ob ein Individuum sich als gesellschaftlich eingebunden oder zugehörig empfindet, kann man die hier thematisierte berufliche Integration parallel zur gesellschaftlichen Integration interpretieren.

Fokussiert man nun ausschließlich Migrantinnen und Migranten, so lässt sich herausarbeiten, inwiefern sich innerhalb der beruflichen Integrationserzählung auch Elemente des gesamtgesellschaftlichen Integrationsdiskurses im Kontext Migration und Diversität ausmachen lassen, die eine Besonderung der Identifikationsfiguren mit Migrationshintergrund bedeuten. Zentral ist in diesem Zusammenhang, dass die Frage nach Integration in die Gesellschaft grundsätzlich narrativ und diskursiv als potentiell konfliktbehaftet gerahmt wird. Daraus ergeben sich Argumentationen und Rechtfertigungskonstrukte, die Eingang in die vorliegenden Filme gefunden haben.

Vier der untersuchten Beispiele werden daraufhin dargestellt, welche Art der Integrationsgeschichte erzählt wird, durch wen sie realisiert wird, wer den Rahmen definiert, welche Bedingungen an das Subjekt gestellt werden und welche Bedeutungsebenen sich daraus ergeben. Zentrale Beobachtungen werden im folgenden Abschnitt zusammengefasst:

4.2.2.1 Fallbeispiel 1: Altenpflegehelferin: Integration als Mediation

Die Ausbildung zur Altenpflegehelferin ist eine verkürzte Ausbildung der Altenpflegerinnenausbildung und Altenpflegerausbildung. Die Auszubildende Arzu wird durch ihren Tag und typische Tätigkeiten begleitet. Der Film wird durch den dominanten Erzählerkommentar gerahmt, der sowohl den Einstieg in den Film gibt, wesentliche Tätigkeiten vorstellt und die unterschiedlichen Sequenzen inhaltlich miteinander in Beziehung setzt. Obwohl die Protagonistin in vielen Bildern zu sehen ist und ihr auch immer wieder das Rederecht gegeben wird, werden inhaltliche und formale Informationen weitgehend von hierarchiehöheren Personen kommuniziert: dem Erzähler, der über das Geschehen spricht; der Anleiterin, die eine Tätigkeit und ihre Konsequenzen erläutert, und der Einrichtungsleiterin. Der Protagonistin kommt also eine illustrierende Funktion zu: Sie stellt Fragen oder wird in ihrer praktischen Tätigkeit gezeigt, vermittelt allerdings keine Informationen zur Struktur des Berufes oder den Arbeitsbedingungen. Aus der Notwendigkeit heraus, Menschen auch bis ins hohe Alter zu pflegen, erwächst der Bedarf an Fachkräften. Den daraus entstehenden Fachkräftemangel zu decken, ist wesentliches Objekt der Ausbildungsleiterin. Arzu als Subjekt realisiert vor allem das Objekt, bestimmte Charaktereigenschaften und Elemente ihrer Persönlichkeit, Hilfsbereitschaft und eine Vorliebe für die Zusammenarbeit mit Menschen, in den Beruf einzubringen. Zur genauen Positions- und Rollenbestimmung wird zudem ein Anti-Held aufgerufen: der generalisierte alternde Migrant ohne Deutschkenntnisse als Herausforderung in der Altenpflege. Daraus ergibt sich die Positionierung des Subjektes als Mediatorin: In ihrer Integrationsgeschichte fällt die Übernahme einer gesellschaftlich wichtigen Position und die Verkörperung fürsorgerischer Werte mit Türkischkenntnissen zusammen. Zur Herstellung gesellschaftlicher Integrität wird durch sie die Lücke zwischen „Migrant“ und „Mehrheitsgesellschaft“ geschlossen, ihre Position kann nach aktuellem Bedarf (Stichworte demographischer Wandel, Fachkräftemangel) instrumentalisiert werden – „das ist natürlich ein Vorteil für mich“, sagt Arzu. Im engeren Sinne stimmt jedoch gerade das nicht: Es ist ein Vorteil für den Patienten und für das übrige Personal, verhilft Arzu aber nicht zu einer besseren Position im Berufsleben, schließlich ist sie Altenpflegehelferin, obwohl sie für die Einrichtung besonders wertvoll ist.

Die Tätigkeiten, die Arzu ausführt, werden mit den folgenden Verben umschrieben: „unterstützen, betreuen, versorgen, pflegen, bereitstellen, verteilen, dokumentieren, organisieren, weiterbilden, nachholen, ermöglichen“. Natürlich sind diese Verben dem semantischen Feld Pflege zuzuschreiben. Im Diskurs um Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen erhalten diese Begriffe eine besondere Bedeutung, weil international der Anteil an Migrantinnen im (auch informellen) Sektor der Haus-, Hilfs- und Pflegetätigkeiten einen immer höheren Stellenwert einnimmt (vgl. Morokvasic 2009: 29). Die Tätigkeiten werden als psychisch und physisch belastend beschrieben und sind deshalb vielfach unterbesetzt.

Die Kompetenzen, die als unabdingbar angesehen werden, sind „Einfühlungsvermögen, Belastbarkeit, Geduld, Verantwortungsbewusstsein, Achtung vor dem Leben“. Diese Kompetenzen werden durch den Erzähler formuliert, sind allerdings Charaktereigenschaften und keine formalen Qualifikationen. Zudem sind sie stark positiv konnotiert; die Integration in den Beruf führt also auch zur Integration in ein positives Menschenbild – und damit idealerweise zu Akzeptanz und Wertschätzung. Arzu sagt über sich, sie sei hilfsbereit und arbeite gern mit Menschen, weshalb sie sich für den Beruf als Altenpflegehelferin entschieden habe. Hier werden also individuelle Ausgangsbedingungen als relevante Variablen angeführt, die die Berufswahl beeinflusst haben. In ihrer Tätigkeit bildet das Helfen einen zentralen Inhalt, der ihr bedeutungsvoll erscheint.

Die gezeigten Dialoge zwischen Ausbilderin und Auszubildender beinhalten juristische und bürokratische Normen der Tätigkeit. Darin kommt eine normative Komponente zum Ausdruck, die die Kompetenzen der Auszubildenden entscheidend limitiert und damit beispielhaft für die Spezialisierung im Bereich der beruflichen Kompetenzen in Deutschland steht: Es ist nicht entscheidend, was eine Person kann, sondern was sie darf. Dies lässt sich auf den Arbeitsmarktzugang von Migrantinnen und Migranten beziehen, deren formale Qualifikationen in vielen Fällen nur unter großen Schwierigkeiten anerkannt werden können.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass zugunsten eines schnellen Berufseinstieges verkürzte Ausbildungswege aufgezeigt werden (können), die zwar die berufliche Integration beschleunigen, unter Umständen aber zu einer systematischen Schlechterstellung auf dem Arbeitsmarkt führen, falls Weiterbildungsmöglichkeiten nicht wahrgenommen werden können.

4.2.2.2 Fallbeispiel 2: Bäcker: Integration als Rollenübernahme

Beravan durchläuft die Ausbildung zum Bäcker in einer Großbäckerei. Der Berufsinformationsfilm begleitet ihn durch einen typischen Arbeitstag. Der Sender, also die Quelle der Werte, ist einerseits der Erzähler, andererseits der Ausbildungsleiter. Beiden gemeinsam ist das Objekt, durch die Weitergabe von Informationen die Neubesetzung betrieblicher Positionen zu gewährleisten. Integration kann also als Rollenübernahme narrativisiert werden: Unabhängig von Persönlichkeitsstrukturen oder Prädispositionen kann das Subjekt durch die Ausbildung in ein komplexes Gefüge unterschiedlicher Tätigkeiten integriert werden und übernimmt damit einen ihm eigenen Platz. Das Subjekt ist Beravan, der sich (berufliche) Sicherheit wünscht und dessen Objekt darin besteht, mit einer beruflichen Ausbildung für Stabilität in seiner Biographie zu sorgen. Beravans Entscheidung für den Beruf orientiert sich wesentlich an strukturellen Rahmenbedingungen: durch die Schule war er verpflichtet, ein Praktikum zu absolvieren – die Tätigkeit habe ihm Spaß gemacht, außerdem habe er gute Chancen, auch nach seiner Ausbildung übernommen zu werden. Individuelle Motive zur Ergreifung gerade diesen Berufes (besondere Fähigkeiten, eigene Interessen) werden nicht ausgesprochen, es scheint eine an den vorhandenen Möglichkeiten ausgerichtete Entscheidung gewesen zu sein.

Die vom Auszubildenden erwarteten Kompetenzen sind wenig spezifisch: der Beruf erfordert „handwerkliches Geschick, Fantasie, Mathe, Kopfrechnen, Interesse am Umgang mit Lebensmitteln, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit“. Während die zuerst angeführten Kompetenzen grundsätzliche Qualifikationen betreffen, sind die beiden letztgenannten bestechenderweise die zentralen und vielzitierten Stereotype über deutsche Arbeitnehmer. Die Frage nach der beruflichen Eignung wird damit also zu einer Frage nach kultureller Ähnlichkeit.

Der Erzähler ist in diesem Film sehr präsent. Er beschreibt die Tätigkeiten, allerdings nicht sachlich-neutral, sondern eher jovial aufbereitet („ein Beruf für Aufgeweckte“). Neben dieser informationsvermittelnden Funktion stellt der Erzähler auch Fragen im Namen der Zuschauer („Beravan, warum wird man Bäcker?“) und verbindet damit die unterschiedlichen Realitätsdimensionen. Er ist in seiner Perspektivierung allerdings auktorial und spricht meist über Beravan, nicht mit ihm; die Kommunikativität ist also eine narrativ gestaltete und deshalb distanzierte.

Der Beruf Bäcker ist eine handwerkliche Tätigkeit. Dies wird sowohl auf textueller wie auch auf bildlicher Ebene immer wieder hervorgehoben. Insbesondere die Schnittstelle der Arbeit teils an Maschinen, teils mit den Händen ist in zahlreichen Kameraeinstellungen zu sehen. Die Verben, die die Tätigkeit beschreiben, sind „aufstehen, herstellen, ausliefern, arbeiten, manuell herstellen, Maschinen einrichten, Maschinen überwachen, Rezepte umrechnen, auswählen, abmessen, berechnen, abwiegen, vermengen, backen“. Diese Liste veranschaulicht die Gefährdung dieses Berufes: Zahlreiche Fertigungsschritte werden nicht mehr manuell ausgeführt, sondern lediglich überwacht. Hieran zeigt sich, was die Umstrukturierung des Arbeitsmarktes wesentlich kennzeichnet: In allen Berufen wird Weiterbildung zusehends wichtiger und die Transformation in eine „Wissensgesellschaft“ („knowledge society“, vgl. Kamens 2012: 35 ff) trägt zur Polarisierung des Arbeitsmarktes bei. Die Unterschiede zwischen qualifizierten und unqualifizierten Berufen verschärfen sich beispielsweise durch die Einführung von Informationstechnologie weiter und tragen zu wachsender Ungleichheit bei (vgl. ebd.). Als gefährdet sieht Kamens (2012: 36) dabei vor allem die Berufe im mittleren Einkommensbereich an:

“Routine jobs done by middle income employees were simply automated and the jobs eliminated. The lowest income service jobs are often harder to automate. (..) And among the highest income jobs, computers help employees with analytical tasks but such nonroutine jobs are also hard to automate”.

Beravan arbeitet zu erschwerten Bedingungen (früher Arbeitsbeginn) in einer Branche, die zunehmend automatisiert wird. Er wird im Film nicht als gänzlich selbständiger Akteur dargestellt; die Zusammenarbeit mit seinen Kollegen wird stets durch den jeweils Anderen moderiert, koordiniert und angeleitet, vor allem aber an der auszuführenden Tätigkeit ausgerichtet. Die Narrativisierung des Films stellt also eine Situation her, innerhalb derer Beravan in Bezug auf seine berufliche Tätigkeit unmündig wird. Seine Tätigkeiten sind fremdbestimmt, die informierenden Erklärungen zu den Abläufen gibt er nicht selbst, sondern seine Kollegen.

4.2.2.3 Fallbeispiel 3: Pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin: Integration als Erziehung

Hena macht eine Ausbildung zur Pharmazeutisch-Kaufmännischen Assistentin und ist die Protagonistin in diesem Video. Ihre Einsatzbereiche sind in Einkauf, Verwaltung, Lagerhaltung, Bürowirtschaft, EDV sowie im Einzelhandel allgemein. Die erforderlichen Eigenschaften, die Auszubildende mitbringen sollten, sind die Folgenden: Sie sollten „menschenfreundlich, teamfähig, freundlich, vielfältig, sorgfältig“ sein: Auch hier werden keine berufsspezifischen Qualifikationen, sondern vor allem Persönlichkeitsattribute genannt.

Die genannten Tätigkeiten sind vor allem auf Ebene der Zuarbeit angesiedelt: „eingeben, anfragen, bestellen, helfen, herstellen, anfertigen, kalkulieren, telefonieren, ausrechnen, beraten“. Besonders auffällig ist die häufige Wiederholung von helfen, was den beruflichen Status auf einer hierarchisch niedrigen Stufe eindeutig festlegt.

Der Erzählerkommentar beschränkt sich auf die einleitende und ausleitende Passage. In der Einleitung werden die unterschiedlichen Anforderungsbereiche kurz dargestellt, im Text am Ende wird nur auf zusätzliche Informationsmöglichkeiten verwiesen (standardisierter Schluss). Stattdessen wird das Rederecht vor allem der Ausbilderin überlassen.

Damit hat vor allem die Ausbildungsleiterin als Sender zu gelten, deren Objekt die Integration einer Auszubildenden auf einem beruflichen Posten ist und die über die Kompensation möglicher Schwächen Henas Entwicklung hin zu einer Mitarbeiterin, die ihrer Funktion gerecht wird, anstrebt; die erzieherische Einflussnahme auf die Auszubildende hat dabei eine zentrale Rolle, paternalistische Züge werden offenbar. Das Subjekt Hena, realisiert als Objekt wesentlich ihren Wunsch nach Zugehörigkeit. Die beiden Objekte sind in Konflikt zueinander insofern, als dass die Ausbildungsleiterin das Verhältnis als hochgradig asymmetrisch deutet und Hena nicht als Person, sondern als Schützling ansieht, den es zu erziehen gilt.

Problemdimensionen:

Henas Wunsch nach Zugehörigkeit, den sie mit der beruflichen Integration verbindet, lässt ihre Darstellung innerhalb des Films naiv wirken, weil ein geringes Reflexionsniveau der Figur suggeriert wird. In der Zusammenarbeit mit der Ausbilderin manifestiert sich die Unterordnung in der Hierarchie. Die Apothekerin etabliert ihren Wissensstand als Eliten- oder Herrschaftswissen und gibt nur das Nötigste an die Auszubildende weiter: dies beschränkt sich auf ausgewählte Bereiche und verfolgt nicht unmittelbar das Ziel der Qualifizierung der Mitarbeiterin, sondern vielmehr die Gewährleistung ihrer funktionalen Einsatzfähigkeit.

Ein Aspekt, der auf textueller Ebene nicht relevant wird, erschließt sich über die Bildebene: Die Apotheke, die hier als Ausbildungsort vorgestellt wird, ist die Pharmacie Internationale in Hamburg. Sind also nur internationale Apotheken Einsatzort von Auszubildenden mit Migrationshintergrund?

Die Auszubildende wird auf die Tätigkeit im Hintergrund eingeschränkt. Sie ist die „gute Fee“ der Apotheke, also ein Wesen, das von allen unbemerkt das Gute tut und das System funktionstüchtig erhält. Anstatt daraus aber eine Wertschätzung ihrer Persönlichkeit abzuleiten, wird sie nur scheinbar wertgeschätzt. Aus der Darstellung der Apothekerin geht Hena als intellektuell eingeschränkte Mitarbeiterin hervor. Die Apothekerin verhält sich pseudo-paternalistisch: Sie antizipiert kognitive Hürden und schließt daraus auf die Nicht-Vermittelbarkeit bestimmter Themen, die der Auszubildenden damit vorenthalten bleiben. Sie ist in der Zusammenarbeit die helfende Hand, die Assistenz, die gute Fee.

4.2.2.4 Fallbeispiel 4: Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker in Richtung Karosserieinstandhaltung: Integration als Partizipationsgeschichte

In diesem Film wird durch zwei Auszubildende und ihren Meister der Beruf als Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker vorgestellt.

Der Sender und damit die filminterne Wertestruktur wird in diesem Filmbeispiel nicht durch einen überindividuellen Erzähler, sondern den Meister, Arthur Lang, realisiert. In diesem Beispiel wird Integration als Partizipationsgeschichte aktualisiert: das Objekt, das formuliert und als Ziel von beruflicher Integration bestimmt wird, ist die Realisierung von Partizipationsmöglichkeiten und Weiterbildung. Die Subjekte sind Yunus und Can, die in der beruflichen Ausbildung wesentlich ihre Interessen verwirklichen, in allen Lernvorgängen ernst genommen werden und deshalb dem eigenen Lernen einen besonderen Stellenwert geben.

Der Erzähler nimmt sich völlig zurück und tritt nicht als Figur in Erscheinung, stattdessen strukturieren schriftlich eingeblendete Fragen oder Überschriften den Verlauf des Films. Auf diese Weise erhalten die beiden Auszubildenden ein Rederecht, das über eine illustrierende Funktion hinausgeht. Sie werden als Personen greifbar und persönlich dargestellt. Gleichzeitig wird die Wertestruktur in diesem Film durch einen Repräsentanten des interessierenden Feldes artikuliert, was versinnbildlicht, dass es besonders die gate keeper in der Wirtschaft und den unterschiedlichen Berufszweigen sind, die über die Inklusionsbedingungen entscheiden können, die sie an newcomer stellen. Eine Veränderung der Einstellung zu Integrationskonzeptionen hin zu einer gleichberechtigten Perspektive kann also den Dialog erleichtern und den Personen mehr Verwirklichungschancen bieten als eine normativ gesetzte Struktur, in die sich integriert werden muss. Jede Einzelperson soll dazu befähigt werden, in unterschiedlichen Bereichen Handlungsfähigkeit zu erreichen und damit das Betriebsgefüge je nach individueller Neigung zu unterstützen. Eigenständigen Problemlösungen ist dabei vor der Hinwendung zu hierarchiehöheren Personen der Vorrang zu geben.

Die Tätigkeiten, die die Auszubildenden ausführen, sind „reparieren, handwerkliche Vorgänge lernen, versuchen, entwickeln, kennenlernen, abmontieren, verändern, aufbauen, ersetzen, ausbauen, Achse vermessen, überprüfen, Daten eingeben, ausbessern, Muttern lösen, verstellen, lackieren, einbauen, Fehler suchen, Probleme lösen, umbauen“ – die Palette der Tätigkeiten ist vielfältig und umfasst neben spezifischen Aufgaben aus dem beruflichen Kontext vor allem Begriffe aus dem Bereich der Weiterentwicklung, des Lernens, der Erneuerung, des Wandels. Dies ist besonders im Kontrast zu den anderen Filmen hervorzuheben und wird von den Auszubildenden positiv hervorgehoben: „Um so länger ich hier bin, um so mehr lern’ ich“.

Die Kompetenzen, die im Rahmen der Ausbildung erworben werden, sind dabei von der Person und ihrer Disposition entkoppelt, werden an das formale Kriterium eines Hauptschulabschlusses, körperliche Fitness und Teamfähigkeit geknüpft, gründen ansonsten aber wesentlich auf dem Interesse der Auszubildenden, weiter zu lernen. Erworben werden Techniken der „Blechbearbeitung, Kunststoffbearbeitung“, ihre Ausbildung beginnt also erst einmal in der Breite: „Die müssen sämtliche Bereiche abdecken hier in der Ausbildung, also es gibt keine speziellen Bereiche.“ Wesentliches Ziel sind die Arbeit am handwerklichen Geschick und die Erweiterung des „technischen Know-How“; sie lernen neben der Reparatur den Umgang mit relevanter Software und das Lackieren: „Das Lackier’n an sich gehört natürlich nich zum Beruf, aber es is mir wichtig, dass meine Lehrlinge äh gewisse Lackvorgänge auch drauf haben.“ Schließlich werden auch Grundkenntnisse in Kfz-Mechatronik vermittelt.

Der Meister formuliert damit ein Bildungsprogramm, das auf der gleichberechtigten Information über alle Bereiche basiert, innerhalb derer sich der Einzelne dann später orientieren und spezialisieren kann. Beide Protagonisten haben ihren Ausbildungsplatz über ein Praktikum bekommen, sie erleben ihren Ausbildungsort als Ort des Lernens und integrieren sich in die Strukturen.

Arthur Lang bestärkt die Auszubildenden in ihren beruflichen Aspirationen: „Nach der Ausbildung kann man direkt n Meisterbrief mach’n oder sich zum Techniker ausbilden lassen. Das is so’n halber Studiengang. Oder gar weiter auf Ingenieur. Oder Ähnliches lernen.“

4.2.3 Werte- und Argumentstruktur – Diskursfragmente als Zwischenfazit

Die Berufe, die gezeigt werden, haben (fast) alle den Charakter von Hilfstätigkeiten und rufen Vorurteile und Klischees des Gastarbeiters oder der Gastarbeiterin wieder auf, wie zu zeigen sein wird: Zwar verliert dieses Konzept die zeitliche Dimension, die im Rotationsmodell vorgesehen war, nicht jedoch den Anspruch, dass Arbeitskräfte mit Migrationshintergrund vor allem den aktuellen Bedarf des Arbeitsmarktes zu decken haben und dabei häufig in relativ niedrig qualifizierte Tätigkeiten (Assistenzen) mit dem Schwerpunkt auf manueller Fertigung (Männer) bzw. pflegerisch-soziale Berufe (Frauen) integriert werden. Darin spiegelt sich das Bestreben, dem demographischen Wandel durch Anwerbung und die Integration von Migrantinnen und Migranten in den Arbeitsmarkt entgegenzusteuern.

Weiterhin wird eine geschlechtliche Zuordnung zu bestimmten Berufsgruppen vorgenommen, indem mit Weiblichkeit assoziierte Eigenschaften wie Fürsorge, Geduld oder Versorgung als Berufsprofil für mit weiblichen Identifikationsfiguren besetzte Filme übernommen werden. Hieraus ergibt sich die Aufgabe für Migrantinnen: Sie übernehmen Positionen der Fürsorge für die (alternde) Mehrheitsgesellschaft, entweder in konsumorientierten Positionen wie der Gästebetreuung, der Altenpflege, oder aber Zuarbeitstätigkeiten im Sektor der Dienstleistungen. Die auffällige Wiederholung von Topoi der Mystik und des Märchens – die „gute Fee“ oder der „gute Geist“ – stehen paradigmatisch für eine öffentliche Unsichtbarkeit: Tätigkeiten von Migrantinnen (und Migranten) werden „hinter die Kulissen“ verschoben.

Für die Berufsgruppen, die durch männliche Identifikationsfiguren vertreten sind und die hier analysiert wurden, ergeben sich demgegenüber vor allem Parallelen zum Modernisierungsdiskurs, indem ihre Tätigkeit an der Schnittstelle zwischen Mensch und Automat betont wird. Daraus ergibt sich eine potentielle Gefährdung ihrer beruflichen Position: Während die weiblich konnotierten Berufe entscheidendes Potential für Wachstum und Weiterbildung bilden, wird in den beiden hier analysierten Filmen auf Rechtfertigungsfiguren Bezug genommen. Im Beispiel der Karosserieinstandhaltung wird zwar ein gleichbleibend-positiver Trend prognostiziert, für den Bäcker ergeben sich aber nur dann „immer noch gute Möglichkeiten, wenn er gut ist“.

Während die männlichen Protagonisten sich vor allem aus pragmatischen Gründen und aus strukturellen Gegebenheiten für eine Ausbildung entscheiden, wird die Berufswahl der Frauen auf ihre individuellen Prädispositionen zurückgeführt. Hier wird eine implizite Kodierung der Frau im Erwerbsleben vorgenommen: Ihre mütterliche Rolle als vor allem emotionale Versorgerin der Familie wird auch auf das Berufsleben projiziert. Verborgen bleiben dabei Mechanismen der adaptiven Präferenz oder der Segmentierung des Arbeitsmarktes, die belegen, dass auch gesellschaftliche Erwartungen die Berufswahl entscheidend mitbestimmen (können).

Ein gemeinsames Merkmal der Filme ist, dass für alle beruflichen Bereiche Flexibilität vorausgesetzt wird; eine Ausrichtung an den Gegebenheiten des sich wandelnden Arbeitsmarktes, aber auch an den Wertorientierungen der integrierenden Institution wird von den Auszubildenden erwartet. Die Eigenschaften, die dabei in den unterschiedlichen Filmen als Bedingung für die unproblematische Integration in den Beruf genannt werden, sind branchenübergreifend soziale Fertigkeiten wie Teamfähigkeit, Freundlichkeit, Lernbereitschaft.

5 Ergebnisse und Diskussion

Die Ergebnisse dieser Untersuchung überraschen in ihrer Deutlichkeit. Die Analyse der Filme gibt Hinweise auf die anderweitig belegte strukturelle Ungleichheit von Migrantinnen und Migranten auf dem Arbeitsmarkt, die durch verschiedene soziale Mechanismen perpetuiert wird. Die Ungleichheitsdimensionen erstrecken sich von der Struktur des Arbeitsmarktes selbst über die Beschaffenheit und die Möglichkeiten der Repräsentation im Mediendiskurs bis hin zu einer Einschränkung der Chancengerechtigkeit im Verlauf der Berufsorientierung.

Die quantitative Analyse der Berufsinformationsfilme zeigt, dass Bilder des Gastarbeiters noch in der öffentlichen Repräsentation von Migrantinnen und Migranten verwurzelt sind. Die Festlegung auf genderabhängige Arbeitsmarktsegmente und die Überrepräsentation von Migrantinnen und Migranten in den ehemaligen „Gastarbeiter“-Branchen und neuen „Fachkräftemangel-Sektoren“ deckt sich mit Ausführungen von Pries (2005: 90 f):

„This increasing polarisation between native and ‚foreign‘ labour market participants is mainly a reflection of the unfavourable sectors where migrants traditionally work. The old industrial sectors with manual and often semi-qualified work (such as mining and steel or the automobile industry) went through a difficult restructuring process where migrants were significantly disadvantaged – not for being migrants as such but for working predominantly in these sectors and for lacking educational and qualification levels which would have facilitated their mobility and flexibility to take up other work.“

Die Spannungsverhältnisse, die sich aus dem Beratungs- und Vermittlungsprozess ergeben, sind einerseits das Heranziehen stereotypisierend unterstellter Persönlichkeitsmerkmale. Es ergibt sich aber gerade für den Bereich der Berufsberatung dann eine besondere Schwierigkeit, wenn das Informations- und Beratungsangebot entweder nicht in Gänze dargestellt oder an den tatsächlichen Kompetenzen einer Person ausgerichtet wird, sondern auf (kulturalisierenden) Vorannahmen gründet und damit für die in diesem Zusammenhang unter Umständen falsch Beratenen nicht transparent ist. Daran richten schließlich die beratungssuchenden Individuen auch wesentlich die Einschätzung ihrer Chancen aus: “the subjective hope of profit tends to be adjusted to the objective probability of profit” (Bourdieu 2000: 216), was wiederum zur Reproduktion symbolischer Gewalt (vgl. Webb et al. 2002: 23), also der Sicherung der Machtstellung durch eine gesellschaftliche Elite, führen kann. Der Prozess der Berufswahl ist dementsprechend nicht frei und auf die Präferenzen und Kompetenzen eines Individuums abgestimmt, sondern wird wesentlich durch die sozialen und strukturellen Bedingungen beeinflusst, in denen sich Jugendliche befinden und die sie geprägt haben. Heinz (2002: 409 f) spricht deshalb von der Berufswahl als „Ideologie“:

„Die Ideologie der Berufswahl propagiert eine wunsch- und fähigkeitsbezogene Berufsentscheidung, wodurch der Zusammenhang von Selektion und Sozialisation im Dunkeln bleibt: individuelle Berufsentscheidungen sind durch Ausbildungs- und Beschäftigungsoptionen gesteuert; sie stellen Kompromisse zwischen individuellen Präferenzen und realisierbaren Tätigkeiten dar. Je nach Arbeitsmarktbedingungen müssen sich Jugendliche bei Berufsentscheidungen am Angebot von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen ausrichten. Kompromisse dieser Art gehen jedoch zu Lasten der Entwicklungschancen der Berufsanfänger, da sie ihre Erwartungen und Ansprüche im Prozeß der Berufssuche an die betrieblichen Kriterien anpassen müssen.“

Wenn auch das mediale Bild, das im Orientierungsprozess unterstützend wirken soll, so gestaltet ist, dass es mehr oder minder stabil bestimmte Branchenzuordnungen reproduziert, kann die Einflussnahme auf die Ausbildung adaptiver Präferenzen zumindest als nicht unwahrscheinlich angenommen werden, weshalb sich das Filmmaterial auch eignet, um in dem Bereich der Wirkungsforschung medial beeinflusste Sozialisationsprozesse zu fokussieren.

Dies hat im Bildungsbereich besondere Relevanz, da die im Unterricht eingesetzten Materialien immer vor dem Hintergrund spezifischer Einstellungen gesichtet und ausgewählt werden. So wurde im Kontext der Untersuchung in einem berufsvorbereitenden Deutschkurs hospitiert, in dem mit den Berufsinformationsfilmen gearbeitet wurde. Interessanterweise gab der Lehrer an, sich bei der Auswahl der zu zeigenden Filme daran zu orientieren, ob Personen mit Migrationshintergrund eine Rolle im Film spielen – gerade weil er von einer motivierenden Wirkung einer solchen als ähnlich imaginierten Identifikationsfigur ausgeht. Hieran zeigt sich also die Reproduktion spezifischer Repräsentationen, die unmittelbar auf die angebotenen Repräsentanten zurückzuführen ist.

Die Diskursbestandteile, die damit Migrantinnen und Migranten auf bestimmte Segmente und Branchen im Arbeitsmarkt festlegen und die Bestandteil der Filme sind, ökonomisieren „den Anderen“ als Ressource der Wirtschaft und des Erwerbslebens und leiten daraus eine bedarfsorientierte Akzeptanz der Migrant*innen ab, die vor allem in Bezug auf den demographischen Wandel und den daraus erwachsenden Fachkräftemangel ihre besondere Bedeutung erhält. Migration wird also nicht gesamtgesellschaftlich als Mehrwert angesehen, sondern unter bestimmten Voraussetzungen akzeptiert und ökonomisch legitimiert, wie Phänomene der sozialen Schließung zwischen einzelnen beruflichen Branchen belegen. Sowohl Sprache und Sprachkompetenz als auch „Kultur“ und Migrationshintergrund erwiesen sich als relevante Kategorien migrationsbedingter Ungleichheit, die den Prozess der Berufsberatung und Arbeitsvermittlung beeinflussen.

Strukturelle soziale Ungleichheiten lassen sich damit einerseits zunächst aus der Gestalt des Arbeitsmarktes ableiten, der in seiner Segmentierung weder chancengerecht noch leistungsgerecht ist, sondern Prozessen der sozialen Schließung unterliegt. Aber auch die Repräsentation innerhalb gesellschaftlicher Diskurse ist – wie hier gezeigt werden konnte – von Exklusion und Stereotypisierung geprägt: Migrantinnen und Migranten oder Personen mit Migrationshintergrund werden langfristig auf bestimmte Segmente des Arbeitsmarktes festgelegt und in ihren Kompetenzen darauf reduziert. Das Konstrukt Gastarbeiter erweist sich bereits über einen langen Zeitraum als stabile Repräsentationsform und versinnbildlicht damit gesamtgesellschaftliche rhetorische Muster: Migration wird als ökonomische Notwendigkeit stilisiert, nicht als gesellschaftlicher Mehrwert. Im deutschen Kontext überwiegen im Bereich der Arbeitswelt also nicht die Diskurse um Globalisierung, Wertepluralität und Ausdifferenzierung, sondern es durchzieht den gesamten Diskurs eine normative Gleichsetzung von Volk und Nation, die die rationale Rechtfertigung der Inkorporation von Migrantinnen und Migranten notwendig macht. Das rationale Moment, auf das hier zurückgegriffen wird, ist der ökonomisch produktive „Gastarbeiter“ und sein Beitrag zum deutschen „Wirtschaftswunder“ – selbst in Fachtexten findet sich der (empörte) Hinweis darauf, Migranten hätten schließlich entscheidenden Anteil am Wirtschaftswachstum gehabt und deshalb ein Recht auf gesellschaftliche Mitgliedschaft. Migrantinnen und Migranten werden damit im öffentlichen Diskurs hinsichtlich ihrer Produktivität und ihres Beitrags zur Wirtschaft bewertet. Während deutsche Staatsangehörige gewisse Rechte qua Geburt zugesprochen bekommen, müssen sich Migrantinnen und Migranten durch eigenen Einsatz diese Rechte erst verdienen. Die Legitimität ihrer Statusposition, die durch das Erwerbsleben bestimmt ist, wird besonders positiv wahrgenommen, wenn durch den Einsatz von Migrantinnen und Migranten Stellen besetzt werden können, die nicht an deutsche Staatsangehörige vergeben werden konnten – dies rekurriert auf die thematisierte Metapher der „Überbevölkerung“. Für das Erwerbsleben werden ihnen deshalb häufig (körperlich anspruchsvolle) Hilfstätigkeiten zugewiesen und solche, die im deutschen Kontext als wenig prestigeträchtig angesehen sind. Vor allem Frauen mit Migrationshintergrund sind in vielen Fällen darauf festgelegt, physisch und psychisch fordernde Pflegetätigkeiten auszuführen oder sich in Vermittlungspositionen zwischen Minder- und Mehrheitsgesellschaft zu begeben. Fehlt die Bereitschaft, sich in diesen Sektoren zu betätigen, kann dies schnell in der Identifikation von Desintegration oder Integrationsunwilligkeit münden, wofür häufig Sprachkenntnisse als bestimmender oder öffentlich thematisierbarer Indikator herangezogen werden.

6 Ausblick und Desiderata

An die im Rahmen der vorliegenden Untersuchung gewonnenen Ergebnisse lässt sich mit unterschiedlichen Fragestellungen sowohl aus der DaF- wie auch der DaZ-Perspektive anknüpfen.

Eine intensivere filmanalytische Aufarbeitung des vorliegenden Materials könnte die detaillierte qualitative Analyse und die daraus abgeleiteten Beobachtungen ausbauen. Schließlich verdient allein die Umstrukturierung des Informationsmaterials wissenschaftliches Interesse, weil sich daran Veränderungen des Diskurses in Bezug auf spezifische Themen wie auch Strategien der Selbstlegitimation, Öffentlichkeitsarbeit und -darstellung staatlicher Institutionen verdeutlichen lassen.

Im Hinblick auf den spezifischen Gegenstandsbereich des Faches DaF/DaZ sind zahlreiche Erweiterungen des bisherigen Untersuchungsfeldes denkbar. Insbesondere im Bereich der Wirkungsforschung könnte mit dem erhobenen Filmmaterial gearbeitet werden, um die Rezeption der Materialien zur Ausbildung einer Zweitsprachidentität in Beziehung zu setzen. Ein weiteres zentrales Anliegen wäre es, die hier vorgestellten Diskursfragmente in ihrer Wirkung auf Spracherwerbsprozesse zu untersuchen. Hier bieten insbesondere die soziokulturellen Ansätze zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten, weil Sprache als soziales und Sozialität konstruierendes Faktum behandelt wird, das immer auch Ausdruck von Machtverhältnissen ist.

Aus den Ergebnissen lässt sich zudem ableiten, dass die Perspektive der Intersektionalität (vgl. Crenshaw 1991; Knapp 2008) für den Bereich migrationsbedingter sozialer Ungleichheit besonders relevant ist, weil sich je nach Geschlecht im Zusammenspiel mit weiteren Differenzkategorien auch unterschiedliche Diskriminierungsmuster ergeben (können). Dazu bleibt zu bemerken, dass der Ansatz der Intersektionalität zwar in der Genderforschung etabliert wurde, allerdings im Wesentlichen darauf fokussiert hat, die Dynamik zwischen verschiedenen Heterogenitätsmerkmalen und der daraus resultierenden sozialen Ungleichheit zu beschreiben und in ihrer Wechselwirkung zu untersuchen. Insbesondere in einer detaillierten Analyse der eingangs beschriebenen Verschränkung der sozialen Mechanismen könnte die spezifische Funktion der Aktivierung bestimmter Kategorien herausgearbeitet werden. Daraus ergibt sich eine prinzipielle Offenheit des Faches Deutsch als Fremd- und Zweitsprache für Erhebungs- und Untersuchungsmethoden aus den empirischen Sozialwissenschaften, die auch im DaF-Kontext dazu beitragen können, die realisierbaren Untersuchungsbereiche auszuweiten und die bisherigen Erkenntnisse über das Zusammenwirken von Unterricht, Lernendenvariablen und sozialer Umgebung aus unterschiedlichen Perspektiven zu erweitern.

Grundsätzlich gilt, dass die kritische Auseinandersetzung mit Zugangsbarrieren, die auch durch individuelle Einstellungen, öffentliche Diskurse, das mediale Angebot, Lehrmaterialien und die insgesamt durch vermeintlich objektive Materialien vermittelte Ebene der latenten Sinnstrukturen unabdingbar ist, um zur tieferen Semantik der öffentlichen Narration der Integration durchzudringen. Nur die systematische Offenlegung diskursiver Praktiken kann dann dazu führen, dass lokale Maßnahmen der Sensibilisierung auf Seiten der interagierenden Personen auch Erfolg haben. Bereits die Forschung in diesem Feld könnte einen Beitrag dazu leisten, mehr Funktionsträger innerhalb der Institution für die Dimensionen struktureller Diskriminierung und sprachlicher Schwierigkeiten zu sensibilisieren, um der Debatte um die Beratung (insbesondere was die Grundsicherung angeht) an Schärfe zu nehmen, Unsicherheiten oder Missverständnisse abzubauen und die Kommunikation insgesamt zu verändern.

In diesem Beitrag wurde ausführlich dargestellt, wie aus einer Begrenzung der verfügbaren Daten und Dokumente ein neuer Zugriff auf die Materialien einer Institution entwickelt und diese kritisch ausgewertet wurden. Daraus können die nachfolgend angeführten Implikationen für die Forschungspraxis an Hochschulen im Ausland abgeleitet werden:

Der Einführung in die Film- und Medienanalyse im Fachbereich Deutsch als Zweit- und Fremdsprache ist eine besondere Bedeutung beizumessen. Einerseits ist der Einbezug von Film und Bild in den Unterricht eine Möglichkeit, ein aktuelles Deutschlandbild zu vermitteln, andererseits muss dieser Einsatz immer auch kritisch reflektiert werden hinsichtlich der subtil vermittelten Bedeutungen, Zuschreibungen und (Re)Präsentationen. Auch die Vermittlung eines Deutschlandbildes ist keine neutrale, ideologiefreie Informationsvermittlung und sollte macht- und herrschaftskritisch in den akademischen Diskurs eingebunden werden.

Wird dies zu einem Kerngebiet auch der empirischen Ausbildung gemacht, so lassen sich insbesondere für kulturwissenschaftliche Fragestellungen neue und frei verfügbare Korpora erschließen, die Studierenden und Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern im In- und Ausland zahlreiche Möglichkeiten eröffnen, sich kritisch mit der deutschen Gesellschaft und den vorherrschenden Diskursen auseinanderzusetzen und sie aus der Eigen- und Fremdperspektive zu befragen und herauszufordern.

Literatur

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Online erschienen: 2018-03-15
Erschienen im Druck: 2018-03-12

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