Accessible Published by De Gruyter April 20, 2018

Köpcke, Klaus Michael; Ziegler, Arne (Hrsg.): Deutsche Grammatik in Kontakt: Deutsch als Zweitsprache in Schule und Unterricht. Berlin: De Gruyter, 2015 (Linguistik – Impulse & Tendenzen 64). – ISBN 978-3-11-037280-9. 338 Seiten, € 99,95.

Peggy Katelhön

Der hier zu besprechende Sammelband vereint die Beiträge zum 4. Internationalen Symposium, das 2014 am Institut für Germanistik der Universität Graz in Kooperation mit der Abteilung für Sprachdidaktik des Germanistischen Instituts der Universität Münster unter dem Titel Deutsche Grammatik in Kontakt in Schule und in Unterricht stattfand. Im Fokus dieses Symposiums stand dieses Mal[1] das Erlernen des Deutschen als Zweitsprache; ein Thema, das in den letzten Jahren sowohl in fachdidaktischen Abhandlungen als auch in der aktuellen Bildungspolitik verstärkt in den Fokus des Interesses gerückt ist. Aber: „Wie so oft scheinen Kenntnisse der grammatischen Systeme der in Kontakt befindlichen Sprachen – so auch des Deutschen – weniger von Interesse zu sein als etwa interkulturelle und pädagogische Bemühungen rund um Fragen des Eigenen und des Fremden, also insgesamt der bilingualen Identitäten.“ (V). Daher widmen sich die Beiträge dieses Bandes dezidiert grammatischen bzw. grammatikographischen Fragestellungen. DaZ (Deutsch als Zweitsprache) gehört mittlerweile zum Alltag in allen Schulformen und -stufen. Die große Anzahl mehrsprachig aufwachsender Kinder und Jugendlicher bringt ein wahrscheinliches Potenzial mit sich, stellt aber Schulen und Universitäten vor Herausforderungen, die lange Zeit unbeachtet blieben.

Laut der Herausgeber dieses Bandes stellen empirisch fundierte Studien zu grammatischen Besonderheiten des ungesteuerten Zweitsprachenerwerbs bei Kindern und Jugendlichen im deutschsprachigen Raum im Gegensatz zur internationalen Zweitsprachenerwerbsforschung noch eher eine Seltenheit dar (VI). Daher war es ein erklärtes Anliegen der beiden Herausgeber, aktuelle Ansätze, Forschungsergebnisse und theoretisch fundierte Beiträge unter der Perspektive des Grammatikunterrichts in mehrsprachigen Kontexten zusammenzuführen.

Der Band ist in drei große Bereiche untergliedert: Grammatisches Wissen, Fehler versus Abweichung und Empirische Untersuchungen.

Eingeleitet wird die Publikation durch einen Artikel von Utz Maas mit dem Titel „Sprachausbau in der Zweitsprache“. Der Autor vergleicht das Sprachverhalten von Kindern marokkanischer Immigranten in Deutschland mit dem von Kindern in Marokko. Zentrale Bedeutung erlangt in diesem Kontext die literate Umgebung in Deutschland im Vergleich zur oraten Umgebung in Marokko, der Maas mit einem linguistischen Modell Rechnung trägt, das zwischen strukturellem Wissen für literate, orate und mediale Formen gesprochener und geschriebener Sprache unterscheidet. Er schlägt Transfermöglichkeiten vor, um Registerschwellen zu überwinden. Zum Abschluss fordert er systematische Forschungen zu starken Sprechern ein, um gängige Konzeptualisierungen des Fremdsprachenerwerbs einer nur kumulativ aufzubauenden Kompetenz überwinden zu können.

Den im ersten Abschnitt vereinten Beiträgen von Henning, Ossner, Grießhaber, De Carlo und Camper und Braun ist die Auseinandersetzung mit dem Begriff des Grammatischen Wissens gemeinsam. Mathilde Henning stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang von „Grammatische[m] Wissen und literale[r] Kompetenz“. Nach einer Übersicht über die fachdidaktische Diskussion zur Relevanz expliziter Grammatikvermittlung im Unterricht stellt die Autorin eine empirische Studie vor, die diesen Zusammenhang erforschen will. Auch wenn ihre Studie diese Frage nicht endgültig beantworten konnte, stellen die vorgestellten Ergebnisse jedoch den rein natürlichen Erwerb komplexer konzeptioneller Schriftlichkeit in Frage und unterstreichen die Wichtigkeit expliziter Vermittlung metakommunikativen Wissens. Der nachfolgende Beitrag von Jacob Ossner mit dem Titel „Grammatik im Studium“ erforscht die Bedeutung linguistischen Wissens in der universitären Deutschlehrerausbildung und schlägt Inhalte für das Hochschulcurriculum vor. Anhand einiger Beispiele verdeutlicht er, wie das zu vermittelnde Wissen für angehende Deutschlehrer strukturiert sein sollte. Wilhelm Grießhabers Artikel ist der „Grammatische[n] Terminologie und mehrsprachige[n] Schülerinnen und Schülern“ gewidmet. Der Autor weist nach, dass verwendete bzw. empfohlene Terminologien für den Grammatikunterricht nicht der Tatsache Rechnung tragen, dass ein Großteil der Schüler mittlerweile mehrsprachig ist. Anhand eines deutsch-türkischen Sprachvergleichs weist Grießhaber mit Hilfe einiger Beispielanalysen (Numerus, Plural usw.) nach, dass grammatikalische Termini, die in der Schule verwendet werden, in diesem mehrsprachigen Diskurs ungeeignet sind, und fordert eine radikale Neubestimmung grammatikalischer Termini ein. „Die Ermittlung grammatischer Kompetenzen anhand einer Profilanalyse“ ist Gegenstand des Aufsatzes von Sabina De Carlo und Jana Gamper. Hier stellen sie sprachdiagnostische Ergebnisse aus zwei Sprachförderprojekten zu Deutsch als Zweitsprache vor. Die umfangreichen Analysen führen zum Resultat, dass die Profilstufe nicht ausreichend ist, um alle sprachlichen Kompetenzen exakt zu bestimmen. Die Autorinnen schlagen daher ein sprachdiagnostisches Verfahren vor, welches die einzelnen sprachlichen Bereiche unabhängig voneinander prüft, um so ein umfassenderes sprachliches Profil erstellen zu können. Der letzte Beitrag in diesem thematischen Block wurde von Christian Braun zum Thema „Schwierigkeiten und Probleme bei der grammatischen Textanalyse“ vorgelegt. Zentrales Anliegen des Autors war es, Verständnisschwierigkeiten im Umgang mit Grammatik und ihre Motive aufzuzeigen. Er diagnostiziert ein Kommunikationsproblem und schlägt u. a. einen bewussten Umgang mit syntaktischen Einheiten und Funktionen vor.

Der zweite, weitaus kürzere thematische Teil ist Fehlern und Abweichungen gewidmet. Melanie Lenzhofer-Glantschnig und Elisabeth Scherr gehen von der Annahme aus, dass „Abweichungen [...] keine Fehler“ sind. Sie stellen ein Lernerkorpus aus Texten von internationalen Studierenden an der Universität Graz vor. In der Untersuchung der Texte hinsichtlich einiger grammatikalischer Einzelphänomene konnten die Wissenschaftlerinnen eine hohe Variabilität der verwendeten Sprache nachweisen (regional, gebrauchsstandardlich, dialektal, medial usw.). Sie möchten folglich u. a. die regionalsprachliche Variation in den DaZ-Unterricht integrieren, um es den Lernern zu ermöglichen, sich im Variantenreichtum der deutschen Sprache besser und angemessener zurechtzufinden. Arne Ziegler und Anna Thurner sind dagegen „Syntaktische[n] Fehlerquellen im DaZ-Unterricht“ auf der Spur; gemeint ist hier der Zweitsprachenerwerb in Südtirol. Es wird das DaZ-Lernerkorpus vorgestellt, das von 2011 und 2012 in den höheren Schuljahren dieser Region erstellt wurde. Als Fehlerquellen wurden u. a. Partikelverbkonstruktionen, Nebensatzklammern, mehrgliedrige Verbalkomplexe und die mehrfache Vorfeldbesetzung ermittelt. Sie schlagen gezielte kontrastive Analysen zwecks vertiefter grammatischer Reflexion vor.

Der dritte Teil ist empirischen Untersuchungen gewidmet. Eröffnet wird er durch den Beitrag von Christine Czinglar, Katharina Korecky-Kröll, Kumru Uzunkaya-Sharma und Wolfgang U. Dressler: „Wie beeinflusst der sozioökonomische Status den Erwerb der Erst- und Zweitsprache? Wortschatzerwerb und Geschwindigkeit im NP/DP-Erwerb bei Kindergartenkindern im türkisch-deutschen Kontrast.“ Das vorgestellte INPUT-Projekt ist eine der ersten systematischen Untersuchungen in Europa und im deutschsprachigen Raum, die diesen Zusammenhang ergründet. Sie konnten nachweisen, dass bei monolingualen Kindern der sozioökonomische Status stark mit der passiven Wortschatzbeherrschung korreliert, wohingegen die Ergebnisse für bilinguale Kinder heterogener ausfallen. Nachfolgend analysieren Christin Schellhardt und Christoph Schroeder „Nominalphrasen in deutschen und türkischen Texten mehrsprachiger Schüler/-innen“. Gegenstand ihrer Untersuchung ist der Ausbau des Komplexitätsgrades von Nominalphrasen in gesprochenen und geschriebenen Texten von bilingual deutsch-türkischen Schülern. Anja Binanzer fragt: „Von Sexus zu Genus?“ Semantische Strategien im Erwerb der Genuskongruenz der Zielsprache Deutsch stehen im Fokus ihrer Untersuchung. Es wird analysiert, welche Strategien Grundschüler mit türkischer bzw. russischer Erstsprache anwenden, um die Artikel und Personalpronomen des Deutschen zu interpretieren als Ausgangspunkt für den Aufbau eines formalen Referenzsystems der Kategorie Genus. Der „Deutsche[n] Pluralmorphologie im DaZ-Erwerb“ und den didaktischen Überlegungen zum Umgang mit Abweichungen von der Norm widmet sich die Untersuchung von Klaus-Michael Köpcke und Verena Wecker. Zunächst verorten die Autoren den Begriff der sprachlichen Norm, um für einen reflektierten Umgang und eine gemäßigte Orientierung am geschrieben Standard zu plädieren. In der Analyse zeigte sich, dass von der Zielsprache abweichende Pluralbildungen von DaZ-Lernern durchaus einer Systematik folgen. Lehrer sollten daher in der Lage sein, solche Abweichungen als motivierte Entwicklungsschritte zu werten. Der letzte Aufsatz von Yüksel Ekinci fokussiert auf die „Grammatik- und Wortschatzvermittlung in sprachlich heterogenen Lernergruppen“. Nach einer detaillierten Analyse schließt der Beitrag mit der Forderung nach durchgängiger Grammatik- und Wortschatzförderung unter Berücksichtigung von Mehrsprachigkeit, Anderssein und Kultur.

Der Band besticht nicht nur durch die Beiträge auf sehr hohem wissenschaftlichen Niveau, von denen viele Forschungslücken schließen und neue Impulse für weitere Forschungsarbeiten liefern, sondern auch durch die hochwertige Verarbeitung: Vorangestellte englischsprachige Abstracts, klarer Seitenaufbau, schnörkelloses Layout und sprachlich perfekte Gestaltung sind eine Freude für jeden Leser. Sicher ist der hohe Preis der hohen Qualität geschuldet, es bleibt nur zu hoffen, dass er eine weitreichende Rezeption dieser wertvollen Forschungsergebnisse nicht verhindert.

Literatur

Köpcke, Klaus-Michael; Ziegler Arne (Hrsg.) (2011): Grammatik – Lehren, Lernen, Verstehen. Zugänge zur Grammatik des Gegenwartsdeutschen. Berlin: De Gruyter (RGL, 293). Search in Google Scholar

Köpcke, Klaus-Michael; Ziegler Arne (Hrsg.) (2012): Grammatik in der Universität und für die Schule. Theorie, Empirie und Modellbildung. Berlin: De Gruyter (RGL, 277). Search in Google Scholar

Köpcke, Klaus-Michael; Ziegler Arne (Hrsg.) (2013): Schulgrammatik und Sprachunterricht im Wandel. Berlin: De Gruyter (RGL, 297). Search in Google Scholar

Online erschienen: 2018-4-20
Erschienen im Druck: 2018-4-5

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