Accessible Published by De Gruyter October 19, 2018

Wandel von unten: Zur Einleitung in das Themenheft „Neue Konzepte für den Deutschunterricht und die Germanistik weltweit“

Introduction to the special issue “New approaches to teaching of German as a Foreign Language and German Studies worldwide”
Michael Schart and Barbara Schmenk

Der Deutschunterricht und die Germanistik befinden sich weltweit in einer Phase des Umbruchs. Während einige Regionen einen Abwärtstrend erleben, steht man in anderen Ländern vor dem Problem, praktikable Lösungen für eine stetig wachsende Nachfrage finden zu müssen. Beispielhaft zeigt sich dieses kontrastreiche Bild bei einem Blick auf Ostasien. In Japan und Südkorea sucht man nach Antworten auf den seit Jahren anhaltenden Bedeutungsverlust oder musste vielerorts den Widerstand gegen diese Entwicklung bereits aufgeben. Im benachbarten China hingegen florieren der Deutschunterricht und die Germanistik.[1] Diese Situation in einem möglichst vielschichtigen Bild festzuhalten, ist das Ziel des Themenschwerpunktes, dem sich diese und die folgende Ausgabe widmen werden. An den neun Beiträgen der beiden Hefte lässt sich verfolgen, wie vor dem Hintergrund kultureller, historischer, politischer und lokaler Bedingungen jeweils eigene Ansätze zur Bewahrung und Förderung von Deutsch und Germanistikstudium weltweit gefunden werden. Dabei blickt der überwiegende Teil der Autorinnen und Autoren auf die Situation in europäischen Ländern. Unsere ursprüngliche Idee, in einem Themenheft Beiträge aus möglichst unterschiedlichen Regionen zu vereinen, konnten wir also nur bedingt verwirklichen. So bedauerlich das auf den ersten Blick auch erscheinen mag, bei genauerer Betrachtung erweist sich dieser regionale Schwerpunkt durchaus als reizvoll, veranschaulichen doch gerade die deutlichen Kontraste in den Beschreibungen aus einem relativ eng begrenzten geografischen Raum, mit welcher Vielfalt an Herausforderungen und Lösungsansätzen es die Germanistik zu tun hat.

Zu diesem regionalen Akzent des Themenschwerpunktes tritt ein thematischer, denn die fünf Beiträge des ersten Heftes beschäftigen sich mehr oder weniger zentral mit Fragen der Aus- und Fortbildung von Deutschlehrenden. Dass dieses Thema eine besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht, kann nicht überraschen, wenn man sich die Entwicklungen innerhalb der Fremdsprachendidaktik vergegenwärtigt. Seit den 1990er Jahren hat sich mehr und mehr die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Lehrkräfte den Erfolg von Unterricht maßgeblich beeinflussen, wodurch unmittelbar auch die Bedeutung von Aus- und Fortbildung ins Blickfeld rückte. Doch je bewusster die Rolle der Lehrkräfte wahrgenommen wurde, desto stärker machte sich zugleich bemerkbar, dass innerhalb der Germanistiken weltweit nur in sehr wenigen Regionen die Didaktik als ernstzunehmender Bereich des Faches gilt. Es fehlte und fehlt bis heute vielerorts überhaupt die Möglichkeit, ein Studium mit didaktischem Schwerpunkt zu absolvieren oder eine professionelle Ausbildung als Deutschlehrkraft zu erhalten.

Beachtenswert ist nun, dass sowohl das Goethe-Institut als auch der DAAD in jüngster Zeit verstärkte Bemühungen unternehmen, diesem Mangel entgegenzuwirken. Und dieses Themenheft bietet zum ersten Mal die Gelegenheit, die Konzepte der beiden Mittlerorganisationen zu vergleichen. Eine aufschlussreiche Gegenüberstellung, denn es werden sehr unterschiedliche Ansätze gewählt, um den divergierenden Kontextbedingungen in den einzelnen Regionen gerecht zu werden.

Das Programm „Deutsch Lehren Lernen (DLL)“ vom Goethe-Institut startete mit der Erprobungsphase bereits im Jahr 2010 und hat sich inzwischen, wie Legutke/Rotberg mit ihrem Beitrag aufzeigen, in vielen Ländern etabliert, sowohl an den Goethe-Instituten selbst als auch an einigen Universitäten. Das Pendant des DAAD, das Projekt „Dhoch3“, befindet sich hingegen noch in der Phase der Erstellung, weshalb sich Schmäling in seinem Beitrag für dieses Heft auch vorerst auf konzeptionelle Überlegungen beschränken muss.

In den Texten über DLL und Dhoch3 wird jedoch sehr deutlich, worin die Unterschiede der beiden Programme liegen. DLL setzt an der Praxis des Deutschunterrichts an. Ursprünglich ausschließlich als Fortbildungsangebot konzipiert, geht das Programm von Teilnehmenden aus, die bereits über Unterrichtserfahrung verfügen oder zumindest Zugang zu Deutschunterricht haben. Im Zentrum steht der Anspruch, unmittelbar auf die Verbesserung der Praxis zu wirken. Den Ausgangspunkt bilden daher die zentralen Elemente von Lehr- und Lernprozessen (Lehrende, Lernende, Materialien etc.) und die Anforderungen, denen Lehrkräfte in ihrer alltäglichen Arbeit begegnen. Bei der Erstellung des Programms folgten die einzelnen Autorinnen und Autoren einem gemeinsamen didaktischen Konzept bis hin zur sprachlichen Gestaltung. Zugleich versucht man, der Heterogenität der lokalen Bedingungen gerecht zu werden. So enthält das Arbeitsmaterial zahlreiche Mitschnitte aus dem Deutschunterricht weltweit, so dass angehenden und praktizierenden DaF-Lehrkräften in unerschiedlichen Regionen eine gezielte und der eigenen Unterrichtswirklichkeit entsprechende Auseinandersetzung anhand der großen Bandbreite an Lerngruppen und kulturellen Hintergründen ermöglicht wird. Auch die unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten zu dem Programm sollen einen flexiblen Einsatz vor Ort gewährleisten. DLL lässt sich sowohl über eine Lernplattform bearbeiten, z. B. im Rahmen eines Kurses gemeinsam mit anderen, als auch individuell mit Hilfe des Lehrbuchs.

Dhoch3 verfolgt eine anders gelagerte Zielsetzung, was sich in seiner Struktur und auch der Umsetzung niederschlägt. Dem Anliegen des DAAD entsprechend geht es bei diesem Programm in erster Linie um die Stärkung von Deutsch als Fremdsprache an den Universitäten. Die Module von Dhoch3 orientieren sich daher eher an fachwissenschaftlichen Überlegungen. Sie werden ebenfalls über eine Lernplattform realisiert, doch versteht sich Dhoch3 explizit als ein Angebot, das erst durch die Entscheidungen der Verantwortlichen in den einzelnen Universitäten seine Gestalt erhält. Daraus resultiert eine hohe Adaptierbarkeit an lokale Bedingungen. Hinter Dhoch3 steht – im Gegensatz zu DLL – kein differenzierter aus- bzw. fortbildungsdidaktischer Ansatz. Das Programm des DAAD liefert vielmehr die Infrastruktur für die Verbesserung der fachdidaktischen Ausbildung innerhalb der internationalen Germanistik und will zugleich eine Plattform für den wissenschaftlichen Austausch bieten. Es ist daher folgerichtig, dass Schmäling in seinem Beitrag für diesen Band die technischen Aspekte in den Vordergrund stellt. Er spricht damit ein Thema an, das sich auch in anderen Beiträgen wiederfindet: die zentrale Rolle digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien in den Veränderungsprozessen, die wir derzeit erleben. Diese gezielt für den Austausch innerhalb und auch zwischen unterschiedlichen Regionen sowie für die Weiterentwicklung germanistischer Studienangebote und die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften zu nutzen, kann und wird auch in Zukunft ein entscheidendes Element des Wandels.

Angesichts der verschiedenartigen Konzeptionen von Dhoch3 und DLL wird es von großem Interesse sein, in den kommenden Jahren zu verfolgen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Erfolgen die beiden Programme ihre Wirkung entfalten. Ihre Einsatzmöglichkeiten und die Adaptierbarkeit werden je nachdem, wie sich die Situation der Germanistik bzw. DaF jeweils konkret vor Ort darstellt, sehr unterschiedlich ausfallen. Wichtig erscheint uns in diesem Zusammenhang deshalb der Hinweis, dass es letztlich die regionale und lokale Forschung bzw. Unterrichtspraxis ist, die es mit Hilfe der beiden Programme des Goethe-Instituts und des DAAD zu fördern und zu entwickeln gilt. Und es liegt zugleich auf der Hand, dass es ein besonderes Anliegen des wissenschaftlichen Faches Deutsch als Fremdsprache sein sollte, sich der Umsetzung in empirischen Studien intensiv zu widmen.

Mit ihrem Anspruch, weltweit einsetzbar zu sein, stehen Dhoch3 und DLL konträr zu allen anderen Programmen, die in den beiden Heften des Themenschwerpunktes beschrieben werden. Die sich anschließenden Beiträge aus Polen, Japan, den Niederlanden, Schweden und Spanien lassen bei aller Knappheit der Darstellung doch erkennen, wie eng die Entwicklungen an die jeweiligen kulturellen, politischen, institutionellen und auch personellen Gegebenheiten gebunden sind. So zeichnen sich beispielsweise bei den Beiträgen im zweiten Heft deutlich unterschiedliche Fach- und Studienprofile ab, in denen sich das Fach Deutsch und die Germanistik jeweils konstituieren. Dass das Interesse am Erlernen des Deutschen und am Studium der Germanistik in vielen Regionen nachgelassen hat (so die Beiträge aus Spanien, Niederlande, Polen, Schweden im zweiten Heft), ist bekannt und wird von den Autorinnen und Autoren nicht zuletzt mit der Dominanz des Englischen als erster Fremdsprache in Verbindung gebracht. Doch daneben lässt sich eben auch verfolgen, wie die rückgängigen Zahlen mit historisch-kulturellen Problemlagen zusammenhängen bzw. der unterschiedlichen Art und Weise, auf diese zu reagieren. So ist etwa die zunehmende Relevanz der Landeskunde im Rahmen schwedischer Curricula den Entwicklungen der Germanistik und der konkreten Bedarfs- und Bedürfnislage in Schweden geschuldet, wie der Beitrag von Becker/Grub (Heft 2) beschreibt. Anders etwa verhält es sich mit der Germanistik und im Fach Deutsch in Polen, wo verstärkt auf die Förderung von fachsprachlichen Kompetenzen sowohl im Germanistikstudium als auch in der Lehrerausbildung eingegangen wird. Joanna Kic-Drgas erläutert diese Sachlage in Heft 2 mit Verweis auf die spezifische Situation in Polen, wo Deutschkenntnisse vor allem im Hinblick auf bilaterale wirtschaftliche Zusammenarbeit als wichtig erachtet werden. Um Deutsch bzw. Germanistik in diesem Kontext zu fördern, scheint eine Lehrerausbildung mit fachsprachendidaktischem Schwerpunkt, wie sie Kic-Drgas umreißt, nur folgerichtig.

Ebenfalls mit Blick auf Polen, jedoch unter anderer Perspektive, untersuchen Claußen/Pawłowska-Balcerska in diesem Heft ein Schreibprojekt, an dem Studierende einer deutschen und einer polnischen Universität teilnahmen. Das Beispiel zeigt, wie sich durch internationale Zusammenarbeit Synergieeffekte schaffen lassen: Die Germanistik-Studierenden auf polnischer Seite erweitern ihre Möglichkeiten, in der Zielsprache zu kommunizieren und ihr Wissen zu erweitern. Die DaF-Studierenden in Deutschland können praktische Erfahrungen bei der Begleitung von Lernprozessen sammeln.

Prikoszovits/Springer zeichnen in ihrem Beitrag (Heft 2) die Entwicklung der germanistischen Studiengänge an der Universitat Autònoma in Barcelona nach. Auch hier mussten in Deutschkursen und Germanistikprogrammen deutliche sinkende Zahlen von Lernenden verkraftet werden. Die Autoren erläutern in ihrem Beitrag, wie mit curricularen Änderungen hin zu einer stärkeren Berufsorientierung eine Trendwende erreicht werden soll. Damit reagieren die Akteurinnen und Akteure vor Ort auf die zunehmende Migration junger Spanierinnen und Spanier in die deutschsprachigen Länder und die damit eingehende gestiegene Lernmotivation in dieser Generation. Prikoszovits/Springer werfen in diesem Zusammenhang die Frage auf, inwiefern diese Tendenz auch in anderen Ländern des Mittelmeerraums zu beobachten ist, und halten fest, dass ein Austausch und womöglich eine engere Zusammenarbeit mit anderen Institutionen in dieser Region zu besseren Lösungsansätzen führen kann.

Deutlich anders gestaltet sich die Entwicklung germanistischer Studienangebote in den Niederlanden, wo bereits aufgrund der unmittelbarer Nachbarschaft zur Bundesrepublik andere Voraussetzungen für das Erlernen des Deutschen und das Germanistikstudium gegeben sind. Sars/Jentges (Heft 2) führen in ihrem Beitrag jedoch vor Augen, dass die geografische Nähe allein keinen Schutz gegen das sinkende Interesse an der Germanistik bietet. Sie lassen keinen Zweifel daran, dass es des Gestaltungswillens der Verantwortlichen bedarf, um dieses Potenzial auch tatsächlich zu nutzen. So beschreiben sie etwa, wie durch Tagesausflüge nach Deutschland, bei denen die Studierenden an Lehrveranstaltungen deutscher Universitäten teilnehmen oder Theateraufführungen besuchen, die Attraktivität und auch Effektivität des Studiums erhöht werden kann.

Der Kontrast zu der Situation, mit der sich Schart/Ohta (Heft 1) und Schütterle/Hamano (Heft 2) beschäftigen, könnte größer nicht sein. Mögliche Wege für die künftige Profilbildung der Germanistik in Ländern, die fernab des deutschsprachigen Raumes liegen, diskutieren sie in ihren Beiträgen am Beispiel von Japan. So werden etwa angemessene Lernziele und Lernarrangements für den Deutschunterricht im Anfängerbereich thematisiert, also einer Niveaustufe, mit der sich die Germanistik-Programme in den anderen Beiträgen weitaus weniger intensiv auseinandersetzen müssen. Darüber hinaus verdeutlichen die beiden Artikel, welche Anforderungen unter den besonderen Bedingungen in Japan an die Qualifizierung von Lehrenden gestellt werden. Während Schart/Ohta in ihrem Beitrag ein regionales Fortbildungsprogramm untersuchen und dabei anhand von Fallstudien die Situation einzelner Lehrpersonen greifbar machen, beschreiben Schütterle/Hamano sehr anschaulich, wie entscheidend einzelne Personen in den Institutionen die Weiterentwicklung der Curricula vorantreiben. In ihrer autoethnographisch angelegten Studie zeichnen die beiden Autoren den Wandel in einem Germanistikprogramm nach und schildern die Herausforderungen, denen sich eine Gruppe von Lehrenden bei der Umgestaltung des Deutschunterrichts gegenübersieht. Schütterle/Hamano stellen das persönliche Erleben von Lehrenden ins Zentrum ihrer Betrachtung. Eindrücklicher als in den anderen Beiträgen der beiden Hefte wird dadurch nachvollziehbar, welche entscheidende Rolle einzelnen Personen in den institutionellen Veränderungsprozessen zukommt. In der Zusammenschau zeigen die beiden Beiträge aus Japan, was das Germanistikstudium oder entsprechende Fortbildung leisten müssten, um Deutschlehrende zu befähigen, tradierte didaktisch-methodische Muster zu brechen, sich neue Perspektiven auf das eigene berufliche Handeln zu erschließen und den Unterricht lernerorientierter und insgesamt interaktiver zu gestalten. Sie bauen damit eine Brücke von einer speziellen regionalen Situation zu den beiden programmatischen Beiträgen zur Aus- und Fortbildung im vorliegenden ersten Heft der Schwerpunktausgabe.

Ob sie in ihren Beiträgen eher die curricularen, die methodisch/didaktischen oder die personellen Aspekte herausstellen, in einem Punkt finden alle Autorinnen und Autoren, die zu diesem Themenschwerpunkt beigetragen haben, zueinander: die Reaktionen auf sich wandelnde Ausgangsbedingungen für die Germanistik und den Deutschunterricht müssen in den einzelnen Institutionen ihren Ausgang nehmen und die lokalen bzw. regionalen Gegebenheiten ernst nehmen. Auch wenn diese Schwerpunktausgabe von Info DaF nur Schlaglichter auf die Veränderungsprozesse wirft, so kann sie doch, wie wir hoffen, dazu beitragen, den Dialog über unterschiedliche Strategien bei der Weiterentwicklung der Germanistik und des Deutschunterrichts weltweit zu intensivieren. Die Autorinnen und Autoren beschreiben kreative und optimistisch stimmende Ansätze für den Umgang mit der oft beschriebenen Krise unseres Fachs und zeigen damit, dass es sich lohnen kann, über institutionelle und regionale Grenzen hinweg im Gespräch zu bleiben.

Online erschienen: 2018-10-19
Erschienen im Druck: 2018-10-11

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