Accessible Published by De Gruyter February 14, 2020

„Das Thema Holocaust im DaF- und DaZ-Unterricht“

Einführung in den Themenschwerpunkt

Roger Fornoff, Silke Ghobeyshi and Barbara Schmenk

„Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ (Adorno 1971: 92)

Das Thema „Holocaust“ gehört in vielen Germanistikstudiengängen außerhalb Deutschlands zum festen Bestandteil des Curriculums. Das gilt insbesondere für den DaF-Unterricht in „westlichen“ und zumal englischsprachigen Regionen, wo Lehrveranstaltungen zu diesem Thema oft deutlich mehr Studierende anziehen als andere Kursangebote zur Landeskunde, Literatur oder auch zur Fremdsprache Deutsch. In vielen anderen Regionen fristet das Thema „Holocaust“ hingegen ein Schattendasein im Bereich des DaF-Unterrichts und der Germanistik, wobei unterschiedlichste historische, geographische oder ideologische Gründe eine Rolle spielen.

Anders sieht es mit dem Bereich DaZ aus: Das Thema „Holocaust“ ist ein fester Bestandteil des Curriculums in Integrationskursen, wo es im Rahmen von Modul II „Geschichte und Verantwortung“ zu behandeln ist. Die Beschäftigung mit dem Holocaust soll dabei nicht um ihrer selbst willen geschehen, sondern im Hinblick auf die Herausbildung von „Verantwortung für Demokratie und Grundrechte, die sich“, wie es im Curriculum für einen bundesweiten Orientierungskurs heißt, „in hohem Maße aus der nationalsozialistischen Herrschaft und dem Holocaust ableitet“ (vgl. Curriculum Orientierungskurs 2017: 32). Es liegt auf der Hand, dass eine solchermaßen konzeptualisierte Behandlung des Holocaust im Unterricht für heterogene Gruppen aus verschiedenen Regionen der Welt, in denen sich jeweils spezifische Holocaust-Diskurse entwickelt haben, eine besondere Herausforderung gerade auch für die Dozentinnen und Dozenten darstellt. Nichtsdestoweniger ist zu konstatieren, dass sowohl im DaF- als auch im DaZ-Bereich kaum je Fragen diskutiert werden, in denen es um didaktische und im weitesten Sinne bildungsbezogene Reflexionen zur unterrichtspraktischen Behandlung des Holocaust geht. Warum etwa welche Aspekte zum Thema „Holocaust“ wie behandelt werden sollten und inwiefern den jeweiligen Lerngruppen und ihren spezifischen Hintergründen dabei Rechnung zu tragen ist, dies gerät selten in den Fokus der DaF- und DaZ-Didaktik. Hinzu kommt, dass Angebote zur Lehrer*innenausbildung zu diesem Thema weitgehend fehlen. Vor diesem Hintergrund stellt das vorliegende Themenheft den Versuch dar, ein Nachdenken über das Thema „Holocaust“ und seine Relevanz im Rahmen von DaF- und DaZ-Programmen anzuregen.

Der Zeitpunkt des Erscheinens fällt in das Jahr 2020, in dem sich die Befreiung von Auschwitz zum 75. Mal jährt. Zugleich fällt der Erscheinungszeitpunkt dieses Heftes auch in eine Zeit, in der dem Thema „Holocaust“ in Deutschland von Neuem eine immense politische und gesellschaftliche Relevanz zuwächst. Spätestens seit dem Anschlagsversuch von Halle nämlich ist für alle Welt deutlich geworden, dass rechtsextreme Formen des Antisemitismus keinesfalls besiegt sind, sondern im Gegenteil für das friedliche Zusammenleben der bundesdeutschen Gesellschaft über politische, kulturelle und religiöse Grenzen hinweg in zunehmendem Maße eine Gefahr darstellen. Dass ein in den sozialen Medien radikalisierter neonazistischer Einzeltäter am Jom-Kippur-Fest mit Kampfanzug und selbstgebauten Schusswaffen in eine deutsche Synagoge einzudringen versucht, um die darin versammelten ca. 50 jüdischen Gläubigen zu töten – eine Terrortat von solchen Ausmaßen schien – ungeachtet der beschämend langen Reihe von rechtsextremen Anschlägen auf jüdische Einrichtungen, die allesamt aber nur Sachschaden anrichteten – bis vor kurzem in Deutschland kaum vorstellbar. Dass dies geschehen konnte, legt in schmerzhafter Weise offen, dass es mit der Aufklärung über den NS-Terrorstaat und das Menschheitsverbrechen des Holocaust, kurz: mit den Lektionen aus der jüngeren Geschichte, die von den Deutschen angeblich gelernt worden seien, nicht ganz so weit her ist, wie viele politische Sonntagsreden zu suggerieren versuchen.

Obwohl rechtsextreme Bewegungen, das Erstarken der Rechten in Parlamenten sowie der organisierten Rechten zweifellos zugenommen haben (Fuchs/Middelhoff 2019), täuschte man sich, wenn man antisemitische Einstellungen und Überzeugungen für ein rein rechtes oder rechtsextremes Phänomen hielte. Es gibt auch eine lange Tradition des linken Antisemitismus, die nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals in dem Anschlagsversuch auf das jüdische Gemeindehaus in West-Berlin durch die linksterroristische Gruppierung der Tupamaros im Jahr 1969 manifest geworden ist (vgl. Kraushaar 2005) und sich bis heute aus einer simplifizierenden Engführung von Kapitalismus und Judenfeindschaft herleitet. Der Antisemitismus der Linken speist sich darüber hinaus auch aus dem Nahostkonflikt, wobei er in Form eines postkolonialistisch zugespitzten Antizionismus auftritt, in dessen Rahmen der Staat Israel nicht selten als Projektionsfläche eigener Schuldgefühle angesichts der traumatischen deutschen Geschichte zu fungieren scheint.

In den letzten Jahren hat sich mit dem muslimischen oder arabischen Antisemitismus zusätzlich noch eine dritte Form des Antisemitismus bemerkbar gemacht, die ebenfalls eine lange zurückreichende Tradition hat und in vielen Ländern des Nahen Ostens in gewisser Weise sogar zur Staatsideologie und, wie Constantin Schreiber in seinem Buch Die Kinder des Koran jüngst gezeigt hat, zum schulischen Vermittlungsstoff avanciert ist (Schreiber 2019). Noch stärker als der linke Antisemitismus schreibt er sich aus einer Überidentifikation mit dem Konflikt im Nahen Osten her und verbreitet unter dem Deckmantel einer radikalen Israelkritik antisemitische Vorurteile und Stereotype, wie sie etwa im Berliner Al-Quds-Marsch oder auch in den jüngsten Übergriffen auf Rabbiner und andere jüdische Kippa-Träger in hässlicher Weise hervortreten. Mit den Migrationsbewegungen der letzten Jahre und insbesondere der gestiegenen Aufnahme von Geflüchteten im Jahr 2015 vornehmlich aus muslimischen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens bzw. der Maghreb-Region ist der muslimische Antisemitismus zunehmend zu einem brisanten gesellschaftspolitischen Thema geworden.

Diese Wiederkehr des Antisemitismus in der gesellschaftlichen Arena straft das Selbstbild der Bundesrepublik Deutschland, das entscheidende Akzente gerade aus der Abgrenzung und vermeintlich gelungenen „Aufarbeitung“ der NS-Geschichte zu gewinnen suchte, bis zu einem gewissen Grad Lügen, denn diese hat sich in einer Verquickung von historischer und politischer Bildung auf die Fahnen geschrieben, dass Verfolgungsverbrechen nie wieder, auch nicht im Ansatz, geschehen dürfen. Die Retrospektion der jüngeren Geschichte aus der Perspektive der Opfer des Nationalsozialismus sei, so schrieben Aleida Assmann und Ute Frevert (1999: 23), „im normativen Grundkonsens der Bundesrepublik verankert“ – ein Tatbestand, der sich z. B. in einer umfassenden Forschung zur Thematik, im Bildungsauftrag in allen schulischen Curricula in allen Bundesländern und in der öffentlichen Förderung von erinnerungspolitischen Institutionen wie Gedenkstätten niederschlägt. All diese Maßnahmen sollten ihren Beitrag dazu leisten, dass die Deutschen aus ihrer Vergangenheit lernen, wobei jedoch dieses Postulat des „Lernens aus der Geschichte“ zu Recht, wie sich nun zeigt, immer wieder hinterfragt wurde[1], denn nicht nur die verbrecherische Tat von Halle, auch andere Ereignisse, wie die NSU-Morde oder die wiederholten Schändungen jüdischer Friedhöfe, deuten darauf hin, dass dieses die intellektuelle Geschichte der Bundesrepublik bestimmende aufklärerische Unterfangen auch scheitern kann.

Vor diesem Hintergrund scheint es an der Zeit, dass sich auch der kulturbezogene Zweig des Faches DaF/DaZ dem Thema „Holocaust“ mit einer größeren Intensität widmet, als dies bisher geschehen ist. Dies umso mehr, als es neben diesen Formen eines offenen und in vielen Fällen auch latenten Antisemitismus unter Deutschen ebenso wie unter Migrant*innen noch ein weiteres Phänomen gibt, das eine Beschäftigung auch und gerade im Fach DaF/DaZ mit dem Themenfeld von „Nationalsozialismus und Holocaust“ dringlich macht, nämlich die Tatsache, dass die tradierte und in weiten Teilen offizialisierte Perspektivierung dieser Themen zunehmend von alternativen Perspektivierungen herausgefordert wird. Deutschland hat sich in den letzten Jahren zu einem Einwanderungsland entwickelt, was dazu geführt hat, dass mit den Immigrant*innen auch andere historische Narrative und Deutungsmuster und damit andere Sichtweisen auf das Phänomen des Holocaust nach Deutschland eingewandert sind. Anders gesagt: Mit der zunehmenden sozialen und kulturellen Diversität in der Bundesrepublik ist auch der Blick auf den Holocaust diverser geworden mit der Folge, dass der erinnerungspolitische Konsens der Bundesrepublik, wie er in den Zeremonien und Feierstunden der historischen Jahrestage zelebriert und beschworen wird, zunehmend aufbricht. Die Fragen aber, ob Migrant*innen einen anderen Blick auf die nationalsozialistische Gewaltherrschaft haben, welche Konsequenzen eine möglicherweise andere Bewertung der historischen Geschehnisse in der gesellschafts- und bildungspolitischen Auseinandersetzung hat und wie diesen konkret zu begegnen ist, diese Fragen berühren unmittelbar das Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. In Anbetracht dessen ist es außerordentlich problematisch, dass eine adäquate Vorbereitung auf diesen Themenkomplex in den universitären DaF/DaZ-Studiengängen fehlt und die vom BAMF zugelassenen Lehrwerke aufgrund ihrer strikten Orientierung am Format der Prüfung „Leben in Deutschland“ eine fundierte, kritisch-reflexive Auseinandersetzung mit Gründen und Mechanismen der versuchten Vernichtung der europäischen Juden kaum zulassen (vgl. Fornoff 2018, Ghobeyshi 2019).

Die Notwendigkeit einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Themenfeld „Nationalsozialismus und Holocaust“ leitet sich jedoch nicht allein von den neu entstandenen sprach- und sozialintegrativen Erfordernissen der gegenwärtigen Migrationssituation ab, denen das Fach DaF/DaZ Rechnung tragen muss. Sie ergibt sich ebenso aus den wissenschaftsinternen Erkenntnisaufgaben, die die landeskundliche Kulturbetrachtung innerhalb des Faches unabhängig von fach- oder gesellschaftspolitisch bedingten Funktionszuweisungen zu erfüllen hat. Denn die Bundesrepublik Deutschland ist durch den millionenfachen Mord an Juden und anderen Opfergruppen in historisch singulärer Weise von der Last einer nicht wiedergutzumachenden Schuld bestimmt, die nicht nur die Fremdwahrnehmung dieses Landes in hohem Maße prägt, sondern gerade auch dessen Selbstbild. Man übertreibt daher kaum, wenn man behauptet, dass der Holocaust wie kaum ein anderes historisches Phänomen

am Kern dessen rührt, was üblicherweise mit den Termini „kollektive Identität“ oder „kollektives Gedächtnis der Deutschen“ gefasst wird. Nicht nur das berühmt gewordene Wort Ernst Noltes über den Nationalsozialismus als der „Vergangenheit, die nicht vergeht“ (Nolte 1986), sondern auch eine Vielzahl von öffentlichen Debatten und Skandalen verweist darauf, dass die Auseinandersetzung der Nachgeborenen mit den Verbrechen ihrer Väter, Großväter und Urgroßväter bis heute die deutschen [...] Diskurswelten imprägniert und das kollektive Selbstverständnis der Deutschen maßgeblich bestimmt. (Fornoff 2015: 11)

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, lässt sich die Perspektivierung von Holocaust und Nationalsozialismus im Kontext von DaF und DaZ nicht zuletzt als ein Mittel begreifen, kulturbezogene Wahrnehmungs-, Deutungs- und Identitätsmuster der deutschen Gesellschaft als Reflexe historischer Erinnerungen zu rekonstruieren und somit jene politischen aber auch lebensweltlichen Sinnbestände freizulegen, die in einem ganz prinzipiellen Sinne im Fokus der landeskundlichen Erkenntnisarbeit stehen.

Ein besonders wichtiges kulturbezogenes Deutungsmuster in diesem Zusammenhang hat der Historiker Jürgen Kocka herausgearbeitet, der von Nationalsozialismus und Holocaust als einem „negativen Bezugssystem“ (Kocka 1998: 104) spricht, an dem die heutigen Deutschen die Freiheitlichkeit und Moralität ihrer Gesellschaft messen. Fornoff hat dieses Muster in Fortführung Kockas „negative Normativität“ genannt, womit er auf die soziale und kulturelle Funktion der Holocaust-Erinnerung als eines „negativen Bezugshorizonts“ für die Ausprägung von kollektiven Wahrnehmungsmustern, Deutungsperspektiven, Normorientierungen und Identitätsmodellierungen in Deutschland zu verweisen sucht (vgl. Fornoff 2015: 249). „Nationalsozialismus“ und „Holocaust“ sind vor diesem Hintergrund eminente landeskundlich-kulturwissenschaftliche Themen, denen die Forschung ebenso wie die Lehre in den Fächern DaF/DaZ aus durchaus nachvollziehbaren Gründen häufig ausgewichen sind; denn in der Tat: Die Akzentuierung der deutschen Schuldgeschichte, so prägend sie auch für das gegenwärtige Selbstverhältnis vieler Deutscher ist, dürfte wenig attraktiv auf viele Lerner*innen wirken (vgl. Fornoff 2015: 248).

Ungeachtet dessen wächst die Einsicht, dass sich das Fach dem Thema „Holocaust“ weit nachdrücklicher stellen muss, als dies bislang geschehen ist. Das vorliegende Themenheft lässt sich dementsprechend als einen Versuch betrachten, dem gestiegenen Interesse und der wachsenden Einsicht in die Relevanz des Holocaust-Diskurses für den Bereich DaF/DaZ Rechnung zu tragen und die Fachöffentlichkeit weiter für das Thema zu sensibilisieren. Der Schwerpunkt des Heftes liegt dabei auf Beiträgen, die sich dem Themenfeld vor allem didaktisch annähern und Vorschläge für dessen Behandlung im Unterricht unterbreiten bzw. die Probleme und Schwierigkeiten diskutieren, die mit dessen Behandlung häufig einhergehen. Im Vordergrund steht dabei überraschenderweise die DaF-Perspektive auf die Thematik, die anhand von drei unterschiedlichen Beiträgen entwickelt und an drei konkreten Unterrichtsprojekten variiert wird.

Jörn Wendland und Tristan Lay unterbreiten in ihrem Aufsatz einen Vorschlag für die Auseinandersetzung mit KZ-Häftlingskunst im DaF-Unterricht. Das Thema „Holocaust“ wird von ihnen begründet als bedeutend für den Landeskundeunterricht bewertet, gleichzeitig konstatieren sie die Ausklammerung in gängigen DaF- und DaZ-Lehrwerken. Als eine mögliche Form der medialen Annäherung an dieses hochkomplexe Thema arbeiten sie die KZ-Häftlingskunst heraus, wofür zunächst die Potenziale von Kunstbildern allgemein beschrieben werden. Im gegenwärtigen textbasierten – und zunehmend prüfungsorientierten – DaF/DaZ-Unterricht werden diese, so Wendland und Lay, trotz zahlreicher kreativer Einsatzmöglichkeiten marginalisiert. Die von den Autoren formulierten, sehr konkreten und kleinschrittig durchdachten unterrichtspraktischen Vorschläge lassen sich so auch als Gegenentwurf für den vorherrschenden, eng korsettierten Fremdsprachenunterricht begreifen. Die KZ-Häftlingskunst selbst dürfte vielen Leser*innen unbekannt sein; die Erläuterungen zur Entstehung, Symbolik und Rezeption der KZ-Häftlingskunst sowie die Ausführungen zu Künstlerbiografien und Werken stoßen sicherlich auf viel Interesse und – hoffentlich – auf Bereitschaft zur Multiplikation.

Paul Sars, Sabine Jentges und Ciara Cerri widmen sich in ihrem Beitrag einer Unterrichtssequenz, die sie auf der Basis der Drillingsberichte, einer Briefsammlung eines jüdischen Arztes nach der Flucht in die Niederlande, mit DaF-Studierenden und -Lehrenden erarbeitet und zum Teil bereits an niederländischen Schulen erprobt haben. Die Drillingsberichte sind eine Briefsammlung des jüdischen Arztes Felix Oestreicher, der auf der Flucht von Karlsbad in die Niederlande in zahlreichen Briefen die Entwicklung und Erlebnisse seiner drei Kinder dokumentierte. Sars, Jentges und Cerri wählten diese Briefsammlung für eine Unterrichtssequenz über den Holocaust und Fluchterfahrungen aus. Ihr Beitrag zeigt auf, wie es auch heute gelingen kann, junge DaF-Lernende an das Thema „Holocaust“ heranzuführen und ihnen Anknüpfungspunkte zu bieten, sich mit den Geschehnissen auseinanderzusetzen.

Felix Pülm berichtet in seinem Beitrag von einem Projekt an einer thailändischen Hochschule, in dessen Rahmen eine Veranstaltung zum Holocaust geplant und durchgeführt wurde. Sein Beitrag gibt Denkanstöße, wie die Beschäftigung mit dem Thema „Nationalsozialismus und Holocaust“ in Regionen, die nicht unmittelbar in die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs verwickelt waren, aussehen kann. Pülms Bericht geht auf Anknüpfungspunkte ein, die für thailändische Studierende heute relevant sein können, um sich mit dem Holocaust als einem historischen Ereignis zu beschäftigen. Anstoß für das DaF-Projekt gab ein Vorfall an der thailändischen Silpakorn-Universität, bei dem Studierende den Hitlergruß imitierten und andere Nazi-Symbole verwendeten. Pülm und seine Kolleg*innen nahmen dieses Ereignis zum Anlass, eine Veranstaltung zu organisieren, die Studierenden und anderen Gelegenheit gab, sich genauer mit den Themen „Nationalsozialismus“ und „Holocaust“ zu beschäftigen und deren Relevanz auch für die Gegenwart, und zwar sowohl im deutschsprachigen Raum als auch in ihrer eigenen Erfahrungswelt in Thailand, zu erkunden.

Ein weiterer, theoretisch-konzeptionell angelegter Beitrag fokussiert die DaZ-Ebene und damit Fragen der Holocaust-Vermittlung in den Kontexten von Integrations- und Orientierungskurs.

Matthias Springer widmet sich in seinem Beitrag der Narrativik des Holocausts, wobei er dem Konzept der Erinnerungsorte als institutionalisierten und monumentalisierten Narrativierungen des kulturellen Gedächtnisses das Konzept der Heterotopie von Michel Foucault gegenüberstellt. Anders als die mnemotopologische Perspektive, die die Holocaust-Narrativik in die Sphäre einer semantisch geschlossenen sakralisierten Mythizität hebe, fokussiere die Heterotopologie kollektive Erinnerungen an den Holocaust in ihrer latent dauerhaften Alltagspräsenz und damit als unmittelbar zugängliche lebensweltliche Ressource für einen aktiven und offenen Vergangenheitsdiskurs, wie er im Rahmen von Maßnahmen und Projekten wie dem Integrations- oder Orientierungskurs anzustreben ist. Entsprechend sieht Springer weniger im Konzept der Erinnerungsorte als vielmehr in dem der Heterotopie eine Grundlage, auf der die Vergangenheitsnarrative migrantischer Lernerinnen und Lerner zur Sprache gebracht werden und in einen produktiven Austausch mit dem Holocaustnarrativ der bundesdeutschen Gesellschaft treten können.

Besonders an diesem Punkt wird man weiter diskutieren müssen, denn angesichts der aktuellen Erfordernisse im Kontext von Migration und Integration besteht hier der größte Reflexions- und didaktisch-konzeptionelle Bedarf. Als Herausgeber*innen hoffen wir, dass der Band fruchtbare Impulse für eine künftig innerhalb des Faches zu vertiefende Auseinandersetzung mit dem Themenfeld „Nationalsozialismus und Holocaust“ liefern kann. Die Diskussion im Fach hat gerade erst begonnen.

Literatur

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Online erschienen: 2020-02-14
Erschienen im Druck: 2020-02-07

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