Accessible Published by De Gruyter February 14, 2020

„The Darkest Chapter of Human History“ – Ein Ausstellungsprojekt zur Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust im DaF-Unterricht einer thailändischen Universität

„The Darkest Chapter of Human History“ – An Exhibition Project for Teaching Nazism and Holocaust in German Classes at a Thai University
Felix Pülm

Zusammenfassung

Der Beitrag beschreibt ein handlungsorientiertes Unterrichtsprojekt an einer thailändischen Universität, im Rahmen dessen Studierende eine Ausstellung zu den Themen „Nationalsozialismus“ und „Holocaust“ erstellt haben. Es wird auf generelle Schwierigkeiten bei der Auseinandersetzung mit dem Holocaust im DaF-Unterricht sowie auf spezifische thailändische Aspekte eingegangen. Zudem werden handlungs- und projektorientierte Konzepte und ihr Potenzial für den Einsatz im Fremdsprachenunterricht erläutert. Bei der Schilderung des Projektes werden Aufgabenstellung, Hilfestellungen, sprachliche Aspekte sowie die im Rahmen des Projektes entstandenen Plakate beschrieben.

Abstract

The article describes an action-oriented teaching project that took place at a Thai university, in which students have prepared an exhibition on the topics of National Socialism and the Holocaust. It addresses general problems and challenges in dealing with the Holocaust in GFL classes and includes some specific Thai aspects. In addition, action and project-oriented concepts and their potential for use in GFL education are explained. The description of the project focuses on the lecturer’s instructions and assistance, linguistic aspects and the posters produced during the project.

1 Einleitung

An der thailändischen Silpakorn University kam es im September 2016 zu einem Eklat. Studierende waren dabei fotografiert worden, wie sie den Hitlergruß zeigten. Einige von ihnen trugen dabei Uniformen der „Roten Garde“ Mao-Zedongs, ein Student war zusätzlich noch als Hitler verkleidet (vgl. Mala 2016). Die Bilder waren im Rahmen eines Erstsemester-Rituals entstanden, bei dem ältere Studierende sich für die Neuankömmlinge verschiedene Mutproben und Aufgaben ausdenken, um die Jüngeren bloßzustellen und zu schikanieren. Nachdem dieser Vorfall öffentlich bekannt geworden war, entschuldigte sich die Leitung der Universität bei der Botschaft Israels und bedauerte die Geschehnisse zutiefst. Die Wogen waren schnell wieder geglättet, der Anstoß der Empörung bald vergessen.

Ereignisse dieser Art kommen in Thailand immer wieder vor. Nazi-Symbole finden sich auf T-Shirts, Speisekarten und Motorradhelmen, Hitlergrüße werden zuweilen bei öffentlichen Veranstaltungen gezeigt. Jedes Mal aufs Neue sorgen diese Vorfälle kurzzeitig für Bestürzung, geraten alsbald jedoch wieder aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Sie zeugen von fehlendem Wissen über die Verbrechen der Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs und einem Mangel an Sensibilität für diese Thematik.

Die Deutschabteilung der Silpakorn University nahm dieses Ereignis als Anstoß, darüber nachzudenken, wie dieses Thema im Unterricht sinnvoll und zielführend behandelt werden könnte. Wichtig erschien es hierbei, eine Beschäftigungsform zu finden, durch welche die Sensibilität der Lernenden für die Thematik erhöht und eigene Denkanstöße angeregt würden. Die Studierenden sollten nicht mit einer reinen Anhäufung an Zahlen, Fakten und Schreckensbildern überfordert werden, sondern vielmehr die Chance erhalten, sich durch selbständiges Fragen, Recherchieren und Gewichten einen eigenen Zugang zum Thema zu erarbeiten. Zudem sollte am Ende der Unterrichtseinheit ein Produkt entstehen, das der Universitätsöffentlichkeit präsentiert werden und Diskussionsanreize bieten könnte. Aus diesen Gründen wurde ein Projekt initiiert, im Rahmen dessen Studierende des dritten Jahrgangs der Deutschabteilung eigenständig eine Ausstellung zu den Themen „Nationalsozialismus“ und „Holocaust“ erstellten. Als Abschluss des Projektes wurde die Ausstellung auf dem Gelände der Universität präsentiert und von einer Abendveranstaltung, inklusive Filmvorführung, Vorträgen und Diskussionen begleitet.

Dieser Beitrag hat es sich zum Ziel gesetzt, das Ausstellungsprojekt vorzustellen und die ihm zugrunde liegenden methodisch-didaktischen Überlegungen und Zielsetzungen zu erläutern. Hierbei erfolgt zunächst eine Einordnung in den historisch-kulturellen Zusammenhang, gefolgt von einer chronologischen Beschreibung des Projektverlaufs. Bei der Erläuterung des Projektes wird auf folgende Aspekte eingegangen: die konkreten Arbeitsanweisungen und Aufgabenstellungen an die Studierenden, die zur Verfügung gestellten Hilfestellungen und Materialien, den Verlauf des Projektes sowie die entstandenen Poster und mögliche aufgetretene Schwierigkeiten.

Bevor das Projekt selbst erläutert und analysiert wird, werden im Folgenden einige grundlegende Überlegungen präsentiert. Hierbei wird zunächst auf die Situation in Thailand eingegangen und geschildert, welche Rolle der Holocaust in Thailand spielt und welche Funktion dabei der thailändischen Geschichte und Geschichtsschreibung zukommt. Anschließend wird auf generelle Schwierigkeiten und Anforderungen bei der Einbindung der Themen „Nationalsozialismus“ und „Holocaust“ in den DaF-Unterricht sowie die Potenziale von handlungs- und projektorientierter Landeskunde eingegangen. In Kapitel 4 schließlich wird das Ausstellungsprojekt detailliert beschrieben und analysiert, woraufhin abschließend die Erkenntnisse zusammenfassend dargelegt werden.

2 Bewusstes Schweigen, wiederkehrende Skandale und kurzzeitige Empörung – Der Umgang mit Nationalsozialismus und Holocaust in Thailand

Auf den ersten Blick spielt die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Thailand keine herausragend wichtige Rolle. Das Thema findet weder in den Medien oder im öffentlichen Diskurs noch in der Politik oder im Bildungswesen größere Aufmerksamkeit. Im Geschichtsunterricht an den Schulen Thailands wird der Holocaust zwar gelegentlich behandelt, jedoch nimmt das Thema einen deutlich geringeren Stellenwert ein als in anderen südostasiatischen Ländern wie Singapur, den Philippinen oder Malaysia. Das thailändische Curriculum für den Geschichtsunterricht an weiterführenden Schulen erwähnt den Holocaust weder als Begriff noch als Ereignis. Zudem sind die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht in den Kontext des Zweiten Weltkriegs eingebunden und werden auch nicht als Referenzpunkt bei der Menschenrechtserziehung verwendet (vgl. Carrier et al. 2015: 36–37). Im Geschichtsstudium an Universitäten findet der Holocaust Erwähnung und wird im Kontext des Zweiten Weltkriegs, des Nationalsozialismus und des europäischen Faschismus diskutiert. Jedoch bleibt zumeist wenig Raum und Zeit für eine detaillierte Beschäftigung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten, ihrem perfiden Massenvernichtungssystem oder für eine genauere Analyse von Tätern und Opfern. Über die Ereignisgeschichte hinausgehende Beschäftigungen, Analysen von Erinnerungskulturen oder vergleichende Genozid-Studien finden kaum statt.

Der geringe Stellenwert, den die Ereignisse der Shoa in Thailand einnehmen, hat in erster Linie historische Gründe. Thailand war weder an der Seite der Täter in den Holocaust verwickelt noch wurden Thais Opfer des nationalsozialistischen Massenmordes. Dennoch stellte der Zweite Weltkrieg für das Land eine sehr ereignisreiche, wechselhafte und einschneidende historische Epoche dar, die in weiten Teilen noch nicht kritisch aufgearbeitet ist und in der sich auch Parallelen zum Nationalsozialismus in Deutschland finden lassen. So regierte seit dem Jahr 1938 mit Phibun Songkhram ein Ministerpräsident mit militärischem Hintergrund das Land, der um sich einen Führerkult inszenierte, hypernationalistische Reformen etablierte und sich in seiner Regierungsführung an den faschistischen Regimen in Italien und Deutschland orientierte (vgl. Terwiel 2005: 269–272). Im Inneren zielte die Politik Phibuns auf eine Modernisierung und Nationalisierung des Landes ab, in deren Rahmen die ethnische Gruppe der Thai in den politischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Mittelpunkt gerückt wurde. Ein symbolträchtiger Ausdruck dieser Entwicklung war die Umbenennung des Landes von „Siam“ in „Thailand“ im Jahr 1939 (vgl. Reynolds 2002: 4–6). Andere Bevölkerungsgruppen, vor allem Bewohner mit chinesischen Wurzeln, wurden diskriminiert und marginalisiert, chinesische Schulen wurden geschlossen und antichinesische Gesetze verabschiedet. Luang Wichit, ein enger Vertrauter Phibuns, verglich bei einer Rede die Chinesen in Thailand mit den Juden in Europa und erklärte, dass die Maßnahmen der Nazis auch für Thailand denkbar seien (vgl. Baker/Phongpaichit 2005: 130). Außenpoltisch verfolgte Phibun eine irredentistische Großmachtpolitik, die darauf abzielte, das Territorium Thailands zu einem „Großthailand“ zu erweitern (vgl. ebd.: 132).

Nachdem Japan im Dezember 1941 Thailand angegriffen und nach kurzen Kämpfen besiegt hatte, stellte die Regierung Phibun sich auf die Seite Japans, unterzeichnete einen Bündnisvertrag und erklärte den Alliierten den Krieg. Von Thailand aus organisierte Japan seine militärischen Vorstöße gegen Indien und China. Zu diesem Zweck wurde eine Eisenbahnverbindung zwischen Thailand und Burma errichtet, die durch unwegsame Berg- und Dschungelregionen führte und bei deren Konstruktion 240 000 asiatische Zwangsarbeiter und alliierte Kriegsgefangene eingesetzt wurden, von denen etwa 100 000 aufgrund der desaströsen Lebens- und Arbeitsbedingungen ums Leben kamen (vgl. Beattie 2009: 101). Thais wurden hierbei nicht getötet, da sie nur auf den ungefährlichen Streckenabschnitten eingesetzt wurden und mit regulären Arbeitsverträgen ausgestattet waren. Die in Thailand lebenden Chinesen waren hiervon jedoch ausgeschlossen; sie wurden von den Japanern massenhaft zur Arbeit gezwungen und auf allen Abschnitten der Eisenbahnlinie eingesetzt (vgl. Reynolds 2005: 331). Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Thailand, aufgrund seines Bündnisses mit Japan, Gebiete im Norden und Süden des Landes abtreten und Reparationen an Großbritannien zahlen (vgl. Wyat 2003: 253–255).

Die Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs in Thailand werden im Land nicht verschwiegen, jedoch kann auch von einer kritischen Aufarbeitung nicht wirklich gesprochen werden. Dies liegt nicht zuletzt auch an der ereignisgeschichtlich orientierten und unkritisch praktizierten Historiographie sowie dem dominanten Geschichtsbild. Im Mittelpunkt der thailändischen Meistererzählung steht die nationale Herrschaftsgeschichte der Könige und Herrscher Thailands und ihrer erfolgreichen Strategien, das Land zu beschützen und seine Souveränität zu erhalten (vgl. Winichakul 2011: 30–39). Kritik am Verhalten der Könige und Herrscher der Vergangenheit widerspricht dieser Meistererzählung und ist daher in Geschichtsbüchern und Lehrwerken kaum unterzubringen. Dieses gilt auch für kontroverse Aspekte der thailändischen Geschichte wie das Verhalten der Regierung im Zweiten Weltkrieg. Eine umfangreichere Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust in Europa und den japanischen Kriegsverbrechen in Südostasien könnte möglicherweise auch eine Debatte zur Rolle Thailands in dieser Zeit neu entfachen. Da dies von offizieller Seite nicht gewünscht ist, spielt diese Epoche in der nationalen Geschichtsschreibung Thailands eine sehr untergeordnete Rolle.

Jedoch kommen Vorfälle und Skandale, wie das eingangs erwähnte Ereignis an der Silpakorn University, in stetiger Regelmäßigkeit vor und bringen Nationalsozialismus und Holocaust, zumindest für eine kurze Zeit, in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Liste an Vorfällen dieser Art ist lang. Im Jahr 2011 trugen Schülerinnen einer katholischen Schule im nordthailändischen Chiang Mai bei einer Sportparade selbstgenähte SS-Uniformen, zeigten den Hitlergruß und riefen wiederholt „Sieg Heil“ (vgl. Fredrickson 2011). In Ubon Ratchathani sorgte 2013 ein Grillrestaurant aufgrund seines Namens „Hitler“ für Aufregung (vgl. Königskrämer 2013). Und auch die damals regierende Militärregierung bediente sich in einem Propaganda-Video einer Referenz zum Nationalsozialismus. In dem an Schüler gerichteten Film aus dem Jahr 2014, der zwölf Kernprinzipien der thailändischen Gesellschaft propagieren sollte, war ein Schüler zu sehen, der auf einem Bild Hitler und ein Hakenkreuz malte. Aufgrund internationaler Kritik wurde die Szene nach kurzer Zeit entfernt (vgl. Tharoor 2014).

Die Liste dieser Ereignisse ließe sich noch weiter fortführen. In der Regel folgen auf diese Vorfälle Entschuldigungserklärungen von offizieller Seite und kurzzeitige Diskussionen in den Medien. Während einige Kommentatoren solche Vorfälle bagatellisieren und auf das Spiel mit „provokanten“ Symbolen reduzieren, verweisen andere auf die fehlende Auseinandersetzung mit Geschichte im Bildungssystem und der Gesellschaft Thailands im Allgemeinen. So könnten Thais keine Empathie und kein Gespür für den richtigen Umgang mit Aspekten der europäischen Geschichte entwickeln, wenn auch die eigene Vergangenheit nicht kritisch aufgearbeitet werden würde (vgl. Ehrlich 2011).

Für den DaF-Unterricht in Thailand lassen sich hieraus mehrere Motive ableiten, Holocaust und Nationalsozialismus stärker zu thematisieren. Einerseits könnte eine breitere Beschäftigung zu einer Sensibilisierung für die Thematik führen und möglicherweise dazu beitragen, Vorfälle wie die beschriebenen in der Zukunft zu reduzieren. Andererseits könnte über die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen im Zweiten Weltkrieg in Europa auch der Fokus auf die eigene Vergangenheit gerichtet und eine kritischere Beschäftigung damit angestoßen werden. Darüber hinaus bietet die Thematik auch die Gelegenheit, gegenwärtige Formen von Rassismus, Ausgrenzung und Stereotypen anzusprechen. So gibt es innerhalb der thailändischen Gesellschaft sowohl tiefsitzende Vorurteile in Bezug auf Hautfarbe, Religion und soziale Herkunft als auch negativ aufgeladene Einstellungen und Antipathien gegenüber Migranten aus Nachbarländern wie Myanmar oder Kambodscha.

3 Schwierigkeiten und Lösungsansätze bei der Beschäftigung mit der NS-Zeit und Holocaust im DaF-Unterricht

Die im vorherigen Kapitel geschilderten Vorkommnisse aus Thailand sind kein Einzelfall, vielmehr sehen sich DaF-Lehrende an außereuropäischen Lernorten häufig mit dem Problem konfrontiert, dass in vielen Ländern große Wissenslücken, Fehlinformationen und verzerrte Geschichtsdarstellungen zur NS-Zeit bestehen und auch in den Unterricht hinein wirken. Illy stellte dieses Problem schon 1999 fest und untersuchte Ursachen und Rezepte gegen dieses Phänomen (vgl. Illy 1999). Heimrath schilderte einen konkreten Vorfall von der National-Universität der Mongolei, wo im Rahmen des Deutschunterrichts bei dem Spiel „Wer-bin-ich?“ Hitler gewählt und mit Assoziationen wie „großer Politiker“, „mächtig“ oder „Vorbild“ verbunden wurde. Daraufhin führte Heimrath unter seinen Studierenden eine kurze Umfrage durch, in der Bekanntheits- und Sympathiewerte aktueller und historischer deutscher Politiker untersucht wurden. Hierbei zeigte sich, dass Hitler unter den Studierenden nicht nur bekannter war als viele der aktuellen Politiker, viele der Befragten gaben sogar an, dass sie Sympathie für Hitler hätten (vgl. Heimrath 2013).

Situationen wie diese stellen eine große Belastung und eine Irritation für viele Deutschlehrende dar und sind ein wichtiger Grund dafür, dass viele das Thema Nationalsozialismus meiden oder nur oberflächlich und kurz behandeln. Es existieren jedoch noch einige weitere Hindernisse, welche die Einbindung von Themen wie „Nationalsozialismus“ und „Holocaust“ in den DaF-Unterricht konkret erschweren. Ghobeyshi nennt hierbei die geringe zur Verfügung stehende Zeit, die nicht ausreichenden sprachlichen Fähigkeiten der Lernenden, das vorhandene Lehrwerk sowie verzerrtes oder tendenziöses Vorwissen seitens der Lernenden als Hauptschwierigkeiten. Zudem hätten viele Lehrende Angst davor, durch eine zu detaillierte Schilderung der NS-Verbrechen ein negatives Deutschlandbild zu erzeugen, was sich nachteilig auf die Lernmotivation auswirken könnte (vgl. Ghobeyshi 2000: 631–634).

Darüber hinaus besteht an außereuropäischen Lernorten eine empfundene historische und geographische Distanz zwischen den Lernenden und den Themen. Die Ereignisse liegen weit in der Vergangenheit und scheinen für die Lernenden zunächst keinen Bezug zu ihrer Lebenswirklichkeit aufzuweisen. Zudem sind sie an fremden, weit entfernten Orten passiert, von denen die Lernenden wenig visuelle Vorstellungen besitzen und zu denen es schwerfällt, einen eigenen Bezug herzustellen. Diese doppelte Distanz zu überbrücken und einen Bogen zwischen den Ereignissen und der Lebenswirklichkeit der Lernenden zu schlagen, ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe.

Wundermittel und Patentrezepte, wie diese Problematiken zu lösen sind, existieren selbstverständlich nicht. Uwe Koreik, der viele Untersuchungen zur Rolle und Sinnhaftigkeit von Geschichte im DaF-Unterricht durchgeführt hat, plädiert im Allgemeinen dafür, dass es anstelle der reinen Anhäufung von Fakten und Daten vielmehr darum gehen solle, die Lernenden in die Lage zu versetzen, einzelne Ereignisse in einen größeren Gesamtzusammenhang einzuordnen und eigene Deutungsansätze und Interpretationen zu entwickeln (vgl. Koreik 2012: 3–6). Zudem spricht Koreik (1995) sich dafür aus, dass bei der Darstellung von historischen Themen im DaF-Unterricht auch geschichtsdidaktische Grundsätze und Methoden Berücksichtigung finden sollten.

Handlungsorientierte Methoden, Techniken und Projekte bieten Möglichkeiten, Ansätze und Hilfestellungen, die dazu beitragen könnten, die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit auch im DaF Unterricht zu erleichtern. Das Konzept der Handlungsorientierung basiert auf der Erkenntnis, dass Inhalte, die handelnd erarbeitet wurden, leichter zu verstehen und besser zu behalten sind. Handeln und Denken werden in der Didaktik als einander ergänzende Lernleistungen verstanden, die vor allem durch ihre Verknüpfung zu Sinnbildung und nachhaltigem Lernen führen. Grundlegend für die Etablierung von handlungs- und produktorientierten Unterrichtsformen sind Erkenntnisse aus der Kognitionspsychologie, der Lernpsychologie und der allgemeinen Pädagogik (vgl. Völkel 2012: 6–13). Lerninhalte, die auf der Basis von eigenen Fragen erworben werden und bei denen Lernende selbst aktiv werden, haben eine deutlich größere Chance, als relevant erkannt und gleichzeitig langfristig gelernt zu werden. Die Lernenden erarbeiten sich selbst ihren eigenen Zugang zu den Themen und holen sie auf diese Weise ins „Hier und Jetzt“ zurück. Wichtige Grundsätze von Handlungsorientierung im Unterricht sind nach Mayer (2002: 33) vor allem die Ganzheitlichkeit des Lernens, die praktische Erschließung von Wissensinhalten mit allen Sinnen sowie die Eigentätigkeit der Lernenden durch Selbständigkeit und Selbststeuerung. Durch den Fokus auf die Lernenden selbst und den aktiven, handelnden Erschließungsprozess bietet das Konzept der Handlungsorientierung durchaus Potenziale, die bei der Beschäftigung mit dem Holocaust und der NS-Zeit nützlich sein könnten.

Im Landeskundeunterricht werden handlungsorientierte Ansätze schon seit geraumer Zeit eingesetzt und haben zur Etablierung von Konzepten wie „erlebte Landeskunde“ oder „projektorientierte Landeskunde“ beigetragen. Während die „erlebte Landeskunde“ speziell für Lehrerfortbildungen am Goethe-Institut entwickelt wurde, bietet sich insbesondere die „projektorientierte Landeskunde“ auch für den Einsatz im DaF-Unterricht an Schulen und Universitäten an. Karagiannakis bezeichnet dieses Konzept als

Unterrichts- und Arbeitsweisen, bei denen die LernerInnen sich ein Lern- und Handlungsfeld vornehmen, sich über die darin geplanten Aktivitäten und Inhalte verständigen, das Betätigungsfeld entwickeln und gemeinsam sinnvoll zu Ende führen. (Karagiannakis 2009: 15)

Insbesondere die Merkmale Situations- und Realitätsbezug, die Orientierung am Interesse der Beteiligten, Selbstorganisation und Selbstverantwortung, gesellschaftliche Relevanz, zielgerichtete Projektplanung und Produktorientierung werden dabei für besonders wichtig erachtet (ebd.).

Im Folgenden wird beschrieben und analysiert, wie im konkreten Beispiel handlungs- und projektorientierte Methoden in Form eines Ausstellungsprojektes zum Nationalsozialismus im DaF-Unterricht angewendet wurden.

4 Beschreibung und Analyse des Ausstellungsprojektes „The Darkest Chapter of Human History“

Schon bald nach dem Bekanntwerden des eingangs beschriebenen Vorfalls auf dem Gelände der Silpakorn University, Ende August 2016, beschloss die Deutschabteilung der Universität, ein Projekt zu organisieren, das sich mit Holocaust und der NS-Zeit beschäftigen und zu einer stärkeren Sensibilisierung für die Thematik beitragen sollte. Aufgrund der oben erläuterten Problematiken bei der Einbindung der NS-Zeit in den DaF-Unterricht sowie der hohen Lernpotenziale von handlungs- und projektorientierten Konzepten entschlossen sich die Verantwortlichen dazu, ein Ausstellungsprojekt zu realisieren, für dessen Inhalt, Gestaltung und Veröffentlichung die Studierenden selbst verantwortlich sein sollten.

Als Titel für die Ausstellung wurde „The Darkest Chapter of Human History“ gewählt. In Absprache mit den Studierenden wurde jedoch beschlossen, dass die Inhalte der Ausstellung in thailändischer Sprache verfasst werden sollten, da als Zielgruppe vor allem die Studierenden der Universität erreicht und für das Thema sensibilisiert werden sollten. Zudem wurde im vorherigen Abschnitt bereits erwähnt, dass bei der Beschäftigung mit dem Thema „Holocaust“ im DaF-Unterricht häufig nicht ausreichende Deutschkenntnisse der Lernenden als Problem wahrgenommen werden. Eine vollständige Übersetzung der Ausstellung in die deutsche Sprache hätte zudem einen zusätzlichen großen Zeitaufwand bedeutet.

Der Titel der Ausstellung wurde in englischer Sprache konzipiert, was in erster Linie in der thailändischen Tradition begründet ist, bei akademischen Projekten englische Titel zu bevorzugen. So ist es auch bei wissenschaftlichen Aufsätzen in thailändischer Sprache üblich, einen englischen Titel zu wählen und einen englischen Abstract als Zusammenfassung zur Verfügung zu stellen. Die Unterrichtsgespräche, Vorstellungsrunden von Arbeitsergebnissen und Diskussionen zu den Ausstellungsinhalten wurden hauptsächlich in deutscher Sprache durchgeführt, um im Rahmen des Projekts auch die Sprachkenntnisse der Studierenden zu fördern.

Das Projekt fand im Zeitraum zwischen Oktober 2016 und Januar 2017 statt und war nicht an einen Kurs gebunden, sondern wurde außerhalb der Unterrichtszeit organisiert. Der ausschlaggebende Grund hierfür war, dass der landeskundliche Kurs „German Culture“ nur einmal pro Jahr, im zweiten Semester, angeboten wird, es aber ratsam erschien, ein solches Projekt möglichst zeitnah nach dem Vorfall zu organisieren. Den Studierenden wurden jedoch für ihre Mitarbeit Leistungspunkte gutgeschrieben, die ihnen für den Kurs „German Culture“ im darauffolgenden Semester angerechnet wurden. Die Treffen und Besprechungen fanden außerhalb der regulären Kurszeiten in den Unterrichtsräumen der Silpakorn University statt. Betreut wurde das Projekt von zwei Dozent*innen, einem Muttersprachler und einer Thailänderin. Bei den Teilnehmenden des Projektes handelte es sich um 41 Studierende des dritten Jahres des Bachelorprogramms der Deutschabteilung der Silpakorn University, von denen 28 Deutsch im Hauptfach und 13 im Nebenfach studierten. Das Budget für die Finanzierung des Projektes wurde von der Philosophischen Fakultät der Universität gestellt. Logistisch wurde das Projekt zudem von der thai-deutschen Organisation CPG (German-Southeast Asian Center of Excellence for Public Policy and Good Governance) unterstützt, die auch einen Experten als Sprecher bei der Abendveranstaltung entsandte.

Aufgabenstellung und Arbeitsanweisungen

Zu Beginn des Projektes wurden den teilnehmenden Studierenden Hintergrund, Ziele und Ablauf des Projektes erläutert und diese mit ihnen diskutiert. Die konkrete Aufgabenstellung an die Lerngruppe lautete, eine Ausstellung von zwölf bis sechzehn Plakaten innerhalb eines Zeitraums von drei Monaten zu erstellen. Anschließend wurden die Gruppen eingeteilt und die Arbeitsanweisungen ausgegeben. Jede Gruppe erhielt einen Themenbereich, für den sie zuständig war. Die vier Themenbereiche waren:

  1. 1.

    Die Ideologie der Nationalsozialisten,

  2. 2.

    Nationalsozialistische Symbole,

  3. 3.

    System und Durchführung des Holocaust,

  4. 4.

    Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in heutigen Gesellschaften.

Es erschien den verantwortlichen Lehrkräften des Projektes sinnvoll, eine grobe thematische Vorauswahl zu treffen und den Studierenden einen Rahmen an Themen vorzugeben. Gleichzeitig oblag es aber den jeweiligen Gruppen, über Vertiefung und Umsetzung selbst zu entscheiden. Auf diese Weise sollte einerseits sichergestellt werden, dass alle wichtigen Aspekte abgedeckt würden, andererseits sollte den Studierenden ausreichend Raum für eigene Ideen, Ansätze und Schwerpunkte gelassen werden. Auch Karagianniakis (2009: 16) empfiehlt eine solche Mischlösung aus Vorauswahl, Anregung und kreativem Freiraum. Die Verteilung der Gruppen erfolgte in der deutschen Sprache genauso wie die Kommunikation der Aufgabenstellung und Arbeitsanweisungen.

Arbeitsmaterialien und Hilfestellungen

Für die Recherche zur inhaltlichen Gestaltung der Poster stellten die Dozent*innen den Studierenden eine Auswahl an Literatur und Recherchematerial zur Verfügung. Es wurde ein „Recherchetisch“ in der Deutschabteilung eingerichtet, auf dem die vorhandene Literatur zusammentragen wurde. Hierbei handelte es sich um Fachliteratur zur NS-Zeit und zum Holocaust in deutscher, englischer und thailändischer Sprache sowie um zahlreiche Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung. Darüber hinaus wurden bei einer einführenden Besprechung mit den Studierenden ausgewählte Online-Recherche-Möglichkeiten vorgestellt wie Zeitgeschichte-Online, Clio-Online und Docupedia-Zeitgeschichte. Es war hierbei eine bewusste Entscheidung der Leiter*innen des Projektes, den Studierenden einen großen Pool an Informationsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Obgleich hierdurch den Studierenden der Arbeitsschritt Informationsbeschaffung erleichtert oder ganz abgenommen wurde, erschien es doch sinnvoll, ihnen einen Zugang zu verständlichen und wissenschaftlichen Informationen zu ermöglichen. Auf diese Weise sollte eine unsystematische Online-Recherche verhindert werden. Zudem wurde in Besprechungen mit den Studierenden über Bildrechte und die Verwendung von Bildern gesprochen und ihnen Portale mit allgemein zugänglichen Bildern vorgestellt wie Pixabay oder Wikimedia Commons.

Während der Bearbeitungszeit gab es feste Termine, an denen alle Teilnehmer*innen und die Betreuer*innen zusammenkamen, um über den aktuellen Stand des Projektes zu sprechen. Diese regelmäßigen Treffen sollten gewährleisten, dass alle Gruppen kontinuierlich und zielführend an ihren Themen arbeiteten und eventuelle Probleme und Fehlentwicklungen frühzeitig bemerkt werden würden. Alle vier Gruppen präsentierten an diesen Terminen vor der gesamten Lerngruppe ihre bisherigen Ergebnisse. Hierbei wurden gemeinschaftlich Fragen und kritische Punkte besprochen und das weitere Vorgehen geplant. Auch die Gruppe „Werbung und Öffentlichkeitsarbeit“ stellte bei diesen Treffen ihre Entwürfe für Flyer und Poster vor. Darüber hinaus wurden hier auch ganz praktische und organisatorische Fragen diskutiert, wie zum Beispiel Größe und Material der Plakate sowie Menge und Art der benötigten Stellwände. Für die Vorstellung des Arbeitstandes erstellten die Gruppen kurze PowerPoint-Präsentationen. Dies erwies sich als sehr hilfreich und zielführend, da auf diese Weise auch schon über visuelle Aspekte wie Bildauswahl, Farben, Schriftarten und Schriftgröße debattiert werden konnte und sich so eine konkretere Vorstellung der Ausstellung entwickelte.

In einer abschließenden Besprechung präsentierten die Gruppen die von ihnen erstellten Poster und berichteten über ihre Arbeit und ihre Erfahrungen. Zudem wurden die letzten Absprachen für die Organisation von Ausstellung und Abendveranstaltung besprochen und Aufgaben hierfür verteilt.

Ausstellung und Abendveranstaltung

Die Ausstellung „The Darkest Chapter of Human History“ war vom 23. bis 27. Januar 2017 im Foyer des zentralen Unterrichtsgebäudes der philosophischen Fakultät der Silpakorn Universität zu sehen. Der Ausstellungsort war gut gewählt, da dort viele Studierende auf dem Weg in die Hörsäle und Seminarräume vorbeikommen. Zudem befindet sich dort ein Buch- und Schreibwarenladen. Um zu gewährleisten, dass auch Studierende von anderen Fakultäten und Fachbereichen von der Veranstaltung erfahren konnten, wurden die Poster (vgl. Abb. 1) und Flyer zum Projekt sowohl auf sozialen Medien verbreitet als auch an verschiedenen Orten auf dem Campus platziert.

Abb. 1 Werbeposter für Ausstellung und Abendveranstaltung.

Abb. 1

Werbeposter für Ausstellung und Abendveranstaltung.

Die Ausstellung war während der gesamten fünf Tage gut besucht. Den Großteil der Besucher machten Studierende der Philosophischen Fakultät aus, es kamen aber auch Lernende und Lehrende aus anderen Fachbereichen zur Ausstellung. Somit wurde eines der Hauptziele des Projektes, die Inhalte möglichst vielen Menschen bekannt zu machen, erreicht. Begleitend zur Ausstellung organisierten die Studierenden aus ihrer Gruppe heraus „Guides“, die zu Stoßzeiten an der Ausstellung vor Ort waren und Fragen beantworten sowie Hintergründe erläutern konnten. Auf diese Weise ergaben sich einige Gespräche und Diskussionen mit anderen Studierenden und Lehrenden.

Am 24. Januar 2017 fand als Höhepunkt des Projektes eine Abendveranstaltung statt, auf der Studierende die Ausstellung vorstellten und der Film „Der Junge im gestreiften Pyjama“ (2008) gezeigt wurde. Der Film beruht auf dem gleichnamigen Roman des irischen Autors John Boyne aus dem Jahr 2006 und schildert die fiktive Geschichte eines Jungen, dessen Vater KZ-Lagerkommandant wird. Die Handlung des Films wird zum Großteil aus der Perspektive des Jungen geschildert, der das Lager fälschlicherweise für einen Bauernhof hält, heimlich kleine Expeditionen zum Lager unternimmt und dort am Lagerzaun einen inhaftierten Jungen kennenlernt und mit ihm Freundschaft schließt. Der Film wurde für seine emotionalisierte Darstellungsform und seine mangelnde historische Authentizität kritisiert. So hat es vermutlich keine achtjährigen Jungen in Auschwitz gegeben, da alle arbeitsunfähigen Kinder gleich nach der Ankunft getötet wurden (vgl. Kilb 2009). Dennoch wurde der Film zur Vorführung bei der Veranstaltung ausgewählt, da gerade die Figur des kindlichen Protagonisten sich als Einstieg für Personen eignet, die über wenig Vorwissen zur NS-Geschichte verfügen. Der Blick des unwissenden Kindes, das für das Gesehene nur naive, kindliche Erklärungen findet, verdeutlicht die Unvorstellbarkeit und Unbegreiflichkeit des Holocaust auf eine sehr eindrückliche Art und Weise. Gleichzeitig veranschaulicht der Film den Kontrast zwischen der vermeintlich heilen Welt, in welcher die Familie des Kommandanten lebt, gegenüber dem Schrecken des Lagers, der durch den Rauch aus den Schornsteinen und einen penetranten süßlichen Geruch angedeutet wird und immer wieder in die heile Familienwelt hineinstößt.

Nach der Filmvorstellung fand abschließend noch ein Expertengespräch statt, bei dem neben dem Autor dieses Artikels Dr. Warawit Kanithasen als Sprecher auftrat, der als Senior Research Fellow für das CPG tätig ist und viele Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet hat. Bei der offenen Fragerunde ergaben sich lebhafte Diskussionen zur NS-Zeit aber auch zu aktuellen Erscheinungsformen von Fremdenfeindlichkeit in Deutschland und Thailand und wie man auf solche Vorfälle entsprechend reagieren kann. So wurde beispielsweise von Studierenden geschildert, dass von ihrer Seite Bedenken bestünden, Themen, die mit der NS-Zeit oder dem Holocaust verbunden sind, gegenüber Deutschen zu erwähnen. Sie hätten Angst davor, hierdurch Deutsche in Verlegenheit zu bringen oder sie zu verärgern. Auch würde ihnen von thailändischer Seite abgeraten, zum Beispiel von Lehrer*innen in der Schule, dieses Thema gegenüber Deutschen anzusprechen. Dieses sei ein Grund dafür, dass Studierende selten von sich aus über diese Themen sprechen oder Fragen hierzu stellen würden. Aus diesem Grund würden sie sich wünschen, dass der Themenkomplex „NS-Zeit“, aber auch die damit verbundenen Probleme und Kontroversen häufiger im DaF-Unterricht von Seiten der Lehrenden thematisiert würden. Hierdurch könnte den Lernenden deutlicher signalisiert werden, dass es durchaus ein Thema sei, das im Unterricht besprochen werden könnte und dass man hierzu auch mit Deutschen diskutieren könne.

Auswertung des Projektes: Ergebnisse und Erkenntnisse

Die Studierenden erstellten im Rahmen des Projektes insgesamt 13 Poster, wobei eines dieser Poster das Titelbild der Ausstellung darstellte. Die inhaltliche Verteilung der Poster war wie folgt:

  1. 1.

    Die Ideologie der Nationalsozialisten: 3 Poster,

  2. 2.

    Nationalsozialistische Symbole: 2 Poster,

  3. 3.

    System und Durchführung des Holocaust: 5 Poster,

  4. 4.

    Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in heutigen Gesellschaften: 2 Poster.

Da die grundsätzlichen Themen von den Dozenten*innen vorgeben waren, sind vor allem die inhaltliche Ausgestaltung und Schwerpunktsetzung der Studierenden von Interesse.

Hier fällt auf, dass die Studierenden einen klaren inhaltlichen Fokus auf die Darstellung des Holocaust selbst, die Orte, die Systematik und die Durchführung setzten. Dies lässt sich auch an den gewählten Schwerpunktthemen ablesen. Fünf der zwölf Plakate stellten Aspekte des Holocaust in den Fokus. Obwohl auch die anderen Themenbereiche wie Aufstieg, Ideologie und Machtsicherung der Nationalsozialisten in ausreichender Ausführlichkeit geschildert wurden, wurde der Holocaust von den meisten Gruppen als zentrales Thema gewählt. So wurden auch tiefergehende Aspekte und Zusammenhänge wie die unterschiedlichen Opfergruppen, verschiedene Arten von Lagern sowie Erinnerungskultur und Aufarbeitung geschildert. Auch bei der visuellen Gestaltung der Ausstellung wurde der Holocaust als zentrales Element gewählt, was sich insbesondere am Titelbild (vgl. Abb. 2) ablesen lässt. Hierfür wurde ein Bild gewählt, auf dem das Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau und darauf zulaufende Eisenbahnschienen zu sehen sind. Ein Bild, das zu einer Ikone des Völkermords an den Juden Europas geworden ist.

Abb. 2 Das Titelbild der Ausstellung.

Abb. 2

Das Titelbild der Ausstellung.

Die Studierenden begründeten diese Schwerpunktsetzung damit, dass über die genauen Hintergründe des Holocaust bisher in Öffentlichkeit, Medien und Bildungssystem in Thailand sehr wenig Informationen vorhanden seien. Über andere Bereiche wie Hitler, Propaganda und Faschismus bestünde mehr Wissen.

Eine zweite Kernabsicht der Studierenden bestand darin, in Form der Ausstellung nicht nur über die Ereignisse der Vergangenheit zu berichten, sondern auch einen Bogen zur Gegenwart in Thailand zu spannen. Aus diesem Grund schilderten die Studierenden im Themenbereich „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus heute“ neben Vorfällen aus Deutschland, wie Gewalt von Neonazis und Wahlerfolge von rechten Parteien, auch rassistische Einstellungen und Vorurteile in Thailand. Hierbei wurden im Detail die Ausgrenzung und Herabsetzung von Arbeitsmigranten aus Laos, Kambodscha und Myanmar thematisiert.

Darüber hinaus gab es ein Plakat, welches sich explizit mit der Verwendung von NS-Symbolen und Gestiken beschäftigte. Hierbei wurden die bekanntesten NS-Symbole gezeigt und erläutert. Besonders eindrucksvoll war eine Gegenüberstellung des nationalsozialistischen Hakenkreuzes und des hinduistischen Sonnensymbols der Swastika, bei der Gemeinsamkeiten und Unterschiede verdeutlicht wurden (vgl. Abb. 3). Die Swastika ist als religiöses Zeichen Bestandteil der thailändischen Kultur, sie findet sich auf zahlreichen Gebäuden und Tempeln. Das Hakenkreuz der Nazis ähnelt dem Swastika-Symbol stark, wird aber zumeist um 45 Grad nach rechts gedreht verwendet. Für die Studierenden war es wichtig, auf die Unterscheidung zwischen den beiden Symbolen hinzuweisen, da in der öffentlichen Diskussion zuweilen die Swastika und ihr religiöser Hintergrund als Erklärung und Entschuldigung für die öffentliche Verwendung von NS-Symbolen herangezogen werden.

Abb. 3 Gegenüberstellung von Hakenkreuz und Swastika auf einem Poster.

Abb. 3

Gegenüberstellung von Hakenkreuz und Swastika auf einem Poster.

Obwohl die Zielsprache auf den Plakaten, den Postern und Flyern Thai war, trainierten und verbesserten die Studierenden im Rahmen dieses Projektes auch ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in der deutschen Sprache. Während der Bearbeitungsphase wurden die meisten der mündlichen Absprachen, Nachfragen und Diskussionen in deutscher Sprache durchgeführt. Auf diese Weise beschäftigten sich die Studierenden nicht nur mit einem landeskundlichen Thema, sondern wendeten ihre Sprachkenntnisse auch in praxisorientierter Art und Weise an, erweiterten ihren Wortschatz und verbesserten ihre Ausdrucksfähigkeit. Beispielsweise wurden Fachbegriffe der NS-Geschichte wie „Führerstaat“, „Antisemitismus“ oder „Konzentrationslager“ erläutert und mit den Studierenden besprochen. Die Studierenden griffen dieses auf und verwendeten die Fachbegriffe in ihrer Ausstellung. Auf den Postern erschienen die Begriffe in deutscher Sprache und wurden anschließend durch thailändische Ausführungen erklärt. Darüber hinaus wurde auch auf NS-Sprache, Begrifflichkeiten und damit verbundene Problematiken eingegangen, was an den Beispielen „Jedem das Seine“ und „Arbeit macht frei“ verdeutlicht wurde. Die Studierenden nahmen dieses Thema auf und integrierten es in ihre Poster.

5 Fazit

Inwieweit das in diesem Aufsatz beschriebene Projekt nun direkt dazu beigetragen hat, Lernerfolge zu erzeugen und die Sensibilität für die NS-Zeit und den Holocaust in Thailand zu vergrößern, ist selbstverständlich nicht mit Gewissheit zu sagen. Genauso wenig kann behauptet werden, dass durch eine solche Ausstellung Skandale, wie sie in der Vergangenheit häufig aufgetreten sind, in der Zukunft verhindert werden könnten. Auch weiterhin wird man in Thailand SS-Runen auf Motorradhelmen und T-Shirts mit Hakenkreuzen sehen.

Immerhin führte das beschriebene Projekt dazu, dass sich über einen Zeitraum von drei Monaten 41 junge Thais detailliert und gewissenhaft mit einer Thematik auseinandersetzten, die sonst in Thailand wenig bis gar nicht behandelt wird. Darüber hinaus entstand am Ende des Projektes als Produkt eine Ausstellung, welche die Ereignisse des Holocaust in einer detaillierten Art, Weise und Tiefe darstellte, wie dies in der thailändischen Sprache bis dahin selten der Fall war. Diese Ausstellung war fünf Tage an einem öffentlichen Platz zu sehen und für Studierende und Nicht-Studierende zugänglich. Zudem bot die Abendveranstaltung die Gelegenheit, über die Ereignisse des Holocaust sowie aktuelle Formen von Ausgrenzung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu diskutieren.

Die Konzepte der Handlungs- und Projektorientierung boten somit durchaus einige Potenziale für die Auseinandersetzung mit dem Holocaust im DaF-Unterricht. Die Studierenden arbeiteten weitgehend autonom, von eigenen Fragen und Zielsetzungen angetrieben. Sie konnten eigene Schwerpunkte setzen und sich selbständig einen Zugang zu den Themen erarbeiten. All dieses sind gute Voraussetzungen für langfristige und nachhaltige Lernerfolge. Die vielfältigen Aufgaben und Anforderungen, welche die Realisierung eines solchen Ausstellungsprojekts mit sich bringt, führen weiterhin dazu, dass neben den rein fachlichen Fähigkeiten und Wissenszuwächsen auch eine Reihe weiterer Kompetenzen und Fähigkeiten geschult werden können. So wurde beispielsweise die Sozialkompetenz der Lernenden gefördert, da sie, in Gruppen organisiert, zusammen am Gelingen eines gemeinsamen Projektes arbeiteten. Das Recherchieren von Bildern und Informationen und das Erstellen von Flyern, Postern und Plakaten schulte zusätzlich auch die Methoden- und Medienkompetenz der Lernenden.

Abschließend soll noch kurz ein Ereignis vom September 2018 geschildert werden, etwa anderthalb Jahre nach der Ausstellung. Eine Studentin aus dem aktuellen dritten Jahr der Deutschabteilung, die selbst nicht an der Gestaltung der Ausstellung teilgenommen hatte, machte den Autor dieses Artikels darauf aufmerksam, dass an der Universität ein Motorrad mit Hakenkreuz-Aufklebern stünde, und fragte, wie darauf zu reagieren sei. Ihre Reaktion zeigt erstens, dass sie die Verwendung von Nazi-Symbolen im öffentlichen Raum als problematisch empfindet, und zweitens, dass sie aktiv hierauf reagieren wollte. Dieses problemorientierte und handlungsorientierte Denken macht doch durchaus Mut und Hoffnung für die Zukunft.

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Online erschienen: 2020-02-14
Erschienen im Druck: 2020-02-07

© 2020 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston