Accessible Published by De Gruyter April 17, 2020

Bär, Christina; Uhl, Benjamin (Hrsg.): Texte schreiben in der Grundschule. Zugänge zu kindlichen Perspektiven. Stuttgart: Fillibach bei Klett, 2018. – ISBN 978-3-12-978-3-12-688083-1. 226 Seiten, € 30,00.

Alisson Jimenez

Auf den ersten Blick erscheint es, als hätte das Konzept des Textschreibens mit der Grundschule nichts zu tun. Die Grundschule wird lediglich als eine transitive Stufe zur schriftlichen Produktionsentwicklung in der Sekundarstufe gesehen. Wegen der geringen Aufmerksamkeit, die die fachdidaktische Sprachforschung dem Bereich der kindlichen Perspektive auf das Textschreiben schenkt, wurde 2017 eine Tagung zu diesem Thema durchgeführt, deren Ergebnisse nun von Christina Bär und Benjamin Uhl dokumentiert werden. Die Sammlung der Beiträge unterschiedlicher Autoren bietet verschiedene Strategien zur Optimierung des Schreibprozesses im unterrichtlichen Grundschulkontext.

Das Buch enthält elf Beiträge, in denen die Wichtigkeit der Textproduktion in der Grundschule dargestellt wird. Im ersten Beitrag der Herausgeber werden die Argumente der kommenden Beiträge zusammengefasst. Sie weisen auf den Bedarf der Förderung der Schreibdidaktik in der Primarstufe auf Basis unterschiedlicher Forschungsergebnisse hin und schlagen schriftliche Aktivitäten vor, in denen die SchülerInnen ihre Sichtweisen in Bezug auf ihre täglichen Erfahrungen ausdrücken können.

Der zweite Beitrag Zugänge zu Lernerperspektiven auf das Textschreiben in der Grundschule (Swantje Weinhold) thematisiert vier Charakteristika des Schreibenlernens: Prozessualität, Entwicklungsbestimmtheit, Kulturalität und Aneignungscharakter, die als Pole der Schreibentwicklungsforschung bekannt sind, sie dienen der Analyse bei Schreibanfängern. Im dritten Beitrag wird die Anwendung von besondere[n] Worte[n] in Kindergeschichten thematisiert (Lis Schüler/Mechthild Dehn). Die besonderen Formulierungen, die Kinder in ihren Texten schreiben, wurden in Gesprächen mit Erwachsenen und anderen Kinder kommentiert. Damit wollten die Autoren einen Blick auf die Vorstellungen und Entscheidungen der Kinder hinter diesen bestimmten Formulierungen und auf ihre Anwendung werfen. Dabei werden diese Formulierungen als Evidenz für Übergangsprozesse der Schreibfertigkeit von Kindern interpretiert.

Im nächsten Beitrag Texte schreiben als kulturelles Lernen (Benjamin Uhl) wird die Bedeutung der Erstellung von Texten in der Grundschule für die Analyse von Spuren des kulturellen Lernens betont. Durch Texte kann der Einfluss der kulturellen Konzeptionen jedes Schülers identifiziert werden. Nicht nur inhaltliche, sondern auch sprachliche und grammatische Besonderheit können dadurch erkannt und im Schreibunterricht thematisiert werden; zur Veranschaulichung werden im Beitrag zwei von Kindern geschriebene Texte analysiert. Im fünften Beitrag schlägt Christina Bär die Einführung des kollaborative[n] Schreiben[s] unter SchülerInnen als potenzielle Entwicklungsmethode der Textproduktion vor, mit der sowohl das Textprodukt als auch sein Entstehungsprozess funktional im Unterricht eingebettet werden können.

Der sechste Beitrag von Daniela Merklinger und Sascha Wittmer stellt die Unterrichtsstrategie Pretend Reading für den mündlichen Produktionsprozess bei Kindern dar, die offensichtliche sprachliche Transformationsprozesse anregt und sich auch auf die Erstellung von schriftlichen Texten anwenden lassen könnte. Im nächsten Beitrag Textschreiben in inklusiven Kontexten aus rekonstruktiver Perspektive (Sascha Zielinski) wird die Erstellung von Texten in einer inklusiven Sichtweise behandelt, die das Sprachniveau und die Schreibfähigkeiten jedes Kindes berücksichtigt. Dabei sollen sogar die Kinder, die noch nicht richtig schreiben können, die Möglichkeit der Schrift als Medium zur Entwicklung ihre Arbeitsprodukte nutzen. Diese Arbeitsprodukte können von den Kindern danach als eine Erzählung oder durch das Vorlesen des Textes (je nach Lesbarkeit des Textes) präsentiert werden. Die Vorteile dieser Herangehensweise werden im Beitrag beleuchtet.

Im Beitrag Gespräche über eigene Texte in Autorenrunden (Beate Lessmann) wird gezeigt, wie die Kinder durch diese Methode im Zentrum der Schreibpraxis stehen können. Dabei sind sie sowohl als Autoren und Experten der eigenen Texte, aber auch als Gesprächspartner beim Dialog über andere Texte beteiligt. Diese Methode, geschriebene Texte der Kinder im Gespräch mit der Klasse zu kommentieren und zu diskutieren, wird mit ihren Vorteilen und Anwendungsmöglichkeiten im Beitrag dargestellt. Im Beitrag Textplanung im Kontext von Unterrichtskommunikation von Annika Baldaeus wird die Wichtigkeit der Textplanungsphase für die Organisation des Schreibprozesses betont. Dieser Teilprozess, der so relevant wie das Schreiben selbst und das Revidieren ist, kann mithilfe der Lehrkraft in der Grundschule in einer differenzierten Form durchgeführt werden, um den Lernenden bei der komplexen Aufgabe des Schreibens zu unterstützen.

Im Beitrag Von Kritikern und Ko-Autoren – zur Sozialität des Schreibunterrichts (Anke Reichardt/Norbert Kruse) werden die Praktiken von Kindern beim Überarbeiten ihrer Texte in Schreibkonferenzen behandelt, im Zentrum stehen dabei die Interaktionen der Grundschulkinder. Die Ergebnisse der Untersuchung haben gezeigt, dass Kinder zwei unterschiedliche Haltungen einnehmen können, entweder die des distanzierten Kritikers oder die des Kooperateurs. Im letzten Beitrag Textüberarbeitung in Schreibkonferenzen (Christine Bär) geht es um die kollektive Methode der Schreibkonferenz, mit der die Lernende Texte verfassen, sie untereinander besprechen und überarbeiten. Dadurch erleben sie das Schreiben als einen sozialen Prozess, in dem sie verschiedene Rollen einnehmen und durch den sie in unterschiedlichen Bereichen etwas lernen können. Für einen Einsatz der Methode mit erfolgreichen Lernergebnissen müssen Lehrende bestimmte, unterschiedliche Aspekte beachten, die erläutert werden.

Die Fertigkeit Schreiben wird im Grundschulkontext häufig unterbewertet. Dass Kinder sich durch diese Fertigkeit ausdrücken können oder dass sie an ihrem Schreiblernprozess aktiv beteiligt werden können, sind Ideen, über die nach der Lektüre dieses Buches nachgedacht und reflektiert werden sollte. Dieser Sammelband gibt den Lesern Anregungen in verschiedenen Bereichen des Themas und stellt unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten dar, in denen der Schreibunterricht die Perspektive der Kinder, ihre Bedürfnisse und Interessen integriert.

Online erschienen: 2020-04-17
Erschienen im Druck: 2020-04-08

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