Accessible Published by De Gruyter April 17, 2020

Barié-Wimmer, Friederike: Wissen, Sprache und Kultur. Ein Beitrag zur Analyse der kommunikativen Gattung Interview. München: iudicium, 2018. – ISBN 978-3-86205-617-0. 368 Seiten. € 52,00.

Uwe Fricke

Bei dem vorliegenden als Paperback in der Reihe Interkulturelle Kommunikation erschienenen Buch handelt es sich um eine Dissertation, in der die Autorin ein Korpus qualitativer Interviews der Sozialforschung (QIS) analysiert. Dies wird leider in dem thematisch zu weit gesteckten Titel nicht deutlich. Die Analyse erfolgt im Hinblick darauf, qualitative Interviews der Sozialforschung als kommunikative Gattung zu beschreiben, ist also von Interesse für Linguisten wie auch Sozialwissenschaftler. Der Untersuchungsansatz wird einerseits als gattungsanalytisch – im Sinne des Konzepts kommunikativer Gattungen nach Luckmann (1986) – und andererseits – worauf in dieser Rezension nur am Rande eingegangen wird – als ethnografisch-gesprächsanalytisch charakterisiert.

Die potenzielle Relevanz für den Bereich Deutsch als Fremdsprache besteht in dem der Untersuchung zugrunde liegenden Korpus. Es handelt sich dabei um Interviews, welche in deutscher Sprache mit nicht-muttersprachlichen AkademikerInnen zu deren Erfahrungen mit „interkultureller Behördenkommunikation“ (14) geführt wurden; genauer ging es dabei um ihre Erfahrungen mit deutschen Ausländerbehörden.

In der Einleitung macht die Autorin ein Forschungsdefizit zum Ausgangspunkt ihres Unternehmens: „eine wissenschaftliche Betrachtung und Reflexion der Interviewsituation als komplexe interaktive Kommunikationssituation erfolgt nur selten“ (13), heißt es dort. „Soziale Wirklichkeit als Ergebnis gemeinsam in sozialer Interaktion hergestellter Bedeutungen und Zusammenhänge“ zu verstehen, gehört jedoch nach Flick u. a. (2017: 20) zu den Grundannahmen qualitativer Forschung.

Erst wenn man dem Hinweis der Autorin auf Deppermann nachspürt, wird deutlich, dass ihre Ausgangsbehauptung so pauschal wohl nicht gemeint sein kann. Der referierte Artikel von Deppermann (2013) ist im Forum Qualitative Sozialforschung erschienen, einer Online-Zeitschrift, die seit 1999 eben solche Beiträge publiziert, „die sich mit qualitativen Verfahren bzw. mit Theorie, Methodologie und Anwendung qualitativer Forschung befassen“ (Forum Qualitative Sozialforschung; http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/about/editorialPolicies#focusAndScope). Dort konstatiert Deppermann das Desiderat viel genauer im Hinblick auf die empirische Erforschung [!] der Interviews als situierte Interaktionsereignisse, in denen InterviewerInnen notwendigerweise, aber oft nur beiläufig bzw. unbewusst an der interaktiven Wissenskonstruktion beteiligt seien. Dass es der Autorin um ein Fehlen „empirischer Befunde“ geht, wird dann eher nebenbei erst im zweiten Kapitel erwähnt (35).

Deutlich wird hier dann auch, die Autorin orientiert sich an einem interaktionsorientierten Ansatz und möchte sich damit absetzen von Verfahren der Inhaltsanalyse und – wie die Autorin mehrfach betont – einer vorherrschenden „Lehrbuchmeinung“[1]. Allerdings wird sie sich in der Analyse auf die Sekundärauswertung eines Korpus stützen, das im Rahmen problemzentrierter Interviews gewonnen wurde. Inwieweit diese Interviews den methodologischen Postulaten des interaktionistischen Ansatzes der Autorin gerecht werden, diskutiert sie nicht, macht aber in ihren Ergebnissen Vorbehalte geltend, dass die InterviewerInnen die Prämissen problemzentrierter Interviewführung nicht „einhalten [konnten]“ (61). Eine Unterscheidung zwischen Erhebungssituation und Auswertung von QIS wird von der Autorin nicht weiter thematisiert, sie geht in ihrer Kritik vielleicht etwas zu pauschal von einer nicht näher spezifizierten Form der Inhaltsanalyse aus. Dass moderne Inhaltsanalyse „nicht mehr nur auf den Inhalt“ abziele, sondern auch „latente Sinngehalte“ in den Blick nehmen könne (Mayring 2017: 469), bleibt ausgeblendet.

Das zweite Kapitel unter dem Titel Forschungsstand ist der Klärung von Begriffen und Hintergrundkonzepten gewidmet. Die begrifflich durch Hinweise auf existierende Literatur gesponnenen Fäden bleiben hier gelegentlich unverbunden. Die Vorzüge eines interaktionsanalytischen Ansatzes scheinen zudem nicht ausgeschöpft: Es bleibt nämlich lange unklar, dass dem Korpus, das zusammen mit der Methodik die Thematik des dritten Kapitels ausmacht, Videoaufzeichnungen (65) zugrunde lagen. In der Analyse wurden dann jedoch lediglich Transkripte – wenngleich mit sehr genauer Transkription nach gesprächsanalytischem Transkriptionssystem – herangezogen. Nach der deutlichen Absetzung von rein inhaltsanalytischen Auswertungen zu Beginn hätte man hier jedoch erwarten können, dass auch nonverbale Elemente der Interaktion deutlicher in den Blick genommen werden. Diese Inkonsequenz wird jedoch mit Hinweis auf die Qualität der Aufnahmen und fehlende Zustimmung von Interviewten begründet sowie, im Widerspruch zum postulierten Anliegen der Autorin, damit, dass „der Schwerpunkt der Analyse außerdem auf thematischen Prozessen und Strukturen [...] liegt“ (65 f.).

In der Gattungsanalyse des vierten Kapitels werden in Bezug auf die interaktive Realisierung insbesondere Intervieweinstieg, -closing und Turn-Gestaltung sowie schließlich Sprecherwechsel analysiert. Für die Interviewten wird in der Zusammenfassung dann festgestellt, dass es bei ihnen Unsicherheiten in Bezug auf die Interviewsituation gebe. Die Interviewenden dagegen orientierten sich einerseits deutlich an schriftsprachlichen Formulierungen des Leitfadens, agierten in der thematischen Progression aber eher frei, würden jedoch andererseits durch ihr Frageverhalten eine „stereotype Themenbearbeitung“ (169) hervorrufen. Wo Letzteres genau geschieht, bleibt zunächst etwas unklar.

Die Autorin verfährt in der Analyse zumeist so, dass sie gängige Ratschläge der Fachliteratur zur Interviewführung nennt und dann an den Transkripten zeigt, dass Verstöße gegen diese Ratschläge, also vermeintliche Interviewfehler, oft weniger problematisch seien als angenommen. Die Interviewten würden – wie auch Roulston (2014) schon dargelegt habe – antizipatorisch agieren und oft ausführlicher antworten als angenommen. Ausgenommen davon sei das Arbeiten der InterviewerInnen mit geschlossenen Deklarativsatzfragen oder deren Ungeduld, die sich in zu schnellen Turn-Übernahmen zeigten, welche die Befragten einschränkten (170).

Davon abgesehen läuft das Ergebnis der von der Autorin beabsichtigten Stärkung einer interaktionistischen Sicht erstaunlicherweise zuwider, denn viele der Aktionen der interviewenden Forscher scheinen so nicht nur „im Hinblick auf die Lehrbuchmeinung“ (168), an der sie sich abarbeitet, sondern auch für das Antwortverhalten der Befragten weniger relevant, als zu vermuten war.

In der Zusammenfassung des fünften Kapitels zur Wissenskonstruktion scheint es gelegentlich so, als ob Barié-Wimmer für QIS von unzutreffenden Voraussetzungen ausgeht, wenn sie einen „Gattungszwang, sich in der Interviewsituation möglichst objektiv [sic!] zu verhalten“, behauptet (253, vgl. auch 334) und mit ihrem Ergebnis kontrastiert, dass „eine vollkommen sachliche Konstruktion des Erfahrungswissens in der Interviewsituation, wie Interviewhandbücher es suggerieren, [...] ausgeschlossen“ sei (253). Diese Erkenntnis dürfte sich schon lange, im deutschsprachigen Diskurs beginnend mit dem viel zitierten (auch von ihr selbst!) Aufsatz von Hopf zur sogenannten Leitfadenbürokratie aus dem Jahr 1978, verbreitet haben.

Weitere Ungenauigkeiten und Unklarheiten mögen bei der Lektüre immer wieder irritieren. Nicht nur Linguisten dürften sich etwa wundern, wenn der zentrale Begriff der kommunikativen Gattung nicht einheitlich genutzt wird. So schwankt die Autorin zwischen der Nutzung des Begriffs für Interviews überhaupt und der Bezeichnung der QIS als kommunikative Sub-Gattung (13), dem korrigierenden Hinweis in einer Fußnote, dass die kommunikative Gattung Interview aufgrund der Vielfalt der Interviewformen nicht existiere (14), was schließlich dann jedoch ebenfalls für die erwähnten verschiedenen „Varianten qualitativer Interviewführung“ (33) innerhalb der QIS gelten müsste. Im vierten Kapitel, das explizit der kommunikativen Gattung QIS gilt, wird dann jedoch wiederum innerhalb eines Absatzes (73) sowohl von einer Sub-Gattung QIS „als Untergattung der kommunikativen Gattungsfamilie Interview“ wie von einer kommunikativen Gattung QIS ausgegangen.

Doch nun zum möglichen Ertrag für den Bereich Deutsch als Fremdsprache: Die zweite Fragestellung neben jener nach den „interaktionalen Phänomen der kommunikativen Gattung“ (18) lautete, „welche Rolle sprachliche und kulturelle Wissensbestände [...] für die Wissenskonstruktionen in der Interviewsituation spielen“ (18). Die Ergebnisse könnten also auch Forschenden im Bereich Deutsch als Fremdsprache zugutekommen, soweit diese in ähnlichen interkulturellen Interviewsituationen agieren. Sie können vielleicht auch als allgemeine Muster (asymmetrischer) interkultureller Interview-Kommunikation verstanden werden.

Entgegen der in Darstellung der Ergebnisse zur Gattungsanalyse erkennbaren Tendenz, die Interviewpraxis als von Lehrbuchpostulaten abweichend darzustellen, formuliert die Autorin schließlich gegen Ende ihrer thematischen – hier weitgehend ausgesparten – Analyse, „dass die InterviewerInnen gattungskonform den Interviewverlauf und die Aussagen möglichst wenig beeinflussen wollen und die Interviewten erzählen lassen“ (327).

Im siebten Kapitel wird resümierend auf „sprachwissensbedingte Asymmetrievermeidungen“ verwiesen (331). Im Korpus zeige sich, dass die Interviewten fehlende Sprachkenntnisse bewusst thematisierten und die InterviewerInnen zu einem downgrading neigten, um „sprachliche Asymmetrien zu verringern“. Daraus leitet die Autorin ab, dass „Bezugnahmen der Interviewten auf ihre Sprachkenntnisse und Fehler [...] nicht unbearbeitet bleiben“ sollten (329). Eine Begründung oder weitere Explikation zu dieser Bearbeitung erfolgt nicht.

Als weitere Kennzeichen der interkulturellen Interviews werden Wortsuchprozesse, „eine Zurückweisung fachsprachlicher Reparaturen“ sowie „lexikalische Angleichungen“ benannt. Die Interviewsituation vollziehe sich als Abwägungsprozess „zwischen notwendiger fachsprachlicher Präzision und Zielsetzung der Interviews“ (330). Die Interviewten gelten den Beteiligten als primäre SprecherInnen.

Widersprüchliche und inkohärente Angaben würden von den InterviewerInnen zwar auf der Ebene globaler inhaltlicher Widersprüche, nicht aber in Bezug auf Erfahrungswissen thematisiert (330). Dass dieses Erfahrungswissen in einer (inhaltsanalytischen) Auswertung nicht „als objektive Angaben von Wirklichkeit und Wahrheit“ (331) zu betrachten sei, sollte jedoch schon lange als in der qualitativen Sozialforschung anerkannt gelten.

Literatur

Deppermann, Arnulf (2013): „Interview als Text vs. Interview als Interaktion“. In: Forum Qualitative Sozialforschung 14, 3. Online: http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/2064. Search in Google Scholar

Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst; Steinke, Ines (122017): „Was ist qualitative Forschung?“. In: Dies. (Hrsg.): Qualitative Forschung – Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 13–29. Search in Google Scholar

Mayring, Philipp (2017): „Qualitative Inhaltsanalyse“. In: Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst; Steinke, Ines (Hrsg.): Qualitative Forschung – Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 468–475. Search in Google Scholar

Roulston, Katryn (2014): „Interactional problems in research interviews“. In: Qualitative Research 2014, 14, 3, 277–293. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2020-04-17
Erschienen im Druck: 2020-04-08

© 2020 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston