Accessible Published by De Gruyter April 17, 2020

Becker, Christine: Kulturbezogenes Lernen in asynchroner computervermittelter Kommunikation. Tübingen: Narr Francke Attempto, 2018 (Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik). – ISBN 978-3-8233-8207-2. 346 Seiten. € 64,00.

Mariana Kuntz de Andrade e Silva

Das vorliegende Buch von Christine Becker widmet sich der Frage, welche Potenziale und Vorteile Online-Foren für den universitären Landeskundeunterricht aufweisen. Mit Online-Foren sind hier nicht offene Webseiten gemeint, wo die Lernenden mit anderen Sprechenden in der Fremdsprache interagieren können, sondern für Unterrichtszwecke von der Lehrperson moderierte geschlossene Plattformen, in denen die Studierenden vor dem Präsenzunterricht bestimmte Themen diskutieren. Es wird also ein Blended-Learning-Szenarium untersucht, fokussierend auf den Besonderheiten von Online-Foren für dieses Modell.

Die an der Universität Stockholm und an der Justus-Liebig-Universität Gießen als Dissertation angenommene Arbeit ist in sieben Kapitel gegliedert. Nach der Einleitung (Kap. 1) wird im zweiten Kapitel der theoretische Hintergrund präsentiert. Hier beschäftigt sich die Autorin mit Themen wie z. B. Fremdsprachenlernen mit digitalen Medien, Blended Learning und Kulturbezogenes Lernen. Im Bereich der digitalen Medien ist ein Konzept besonders wichtig: die computervermittelte Kommunikation (abgekürzt CMC, aus dem englischen Computer-Mediated-Communication). Diese unterscheidet sich von der Face-to-face-Kommunikation, indem sie orts- und (besonders im asynchronen Modus) auch zeitunabhängig ist und außerdem einen unpersönlichen Charakter hat, „da wichtige nonverbale und paraverbale Aspekte wegfallen“ (26). Diese Merkmale sind für den Fremdsprachenunterricht hilfreich, denn so können sich alle Lernenden (auch die schüchternen oder zurückhaltenden) an der Kommunikation beteiligen. Asynchrone Online-Kommunikation erlaubt seitens der Lernenden auch mehr Zeit für Reflexion im Schreibprozess und beim Lesen und bietet dadurch die Möglichkeit, Perspektiven von anderen Lernenden kennenzulernen, was zur gemeinsamen Wissenskonstruktion beiträgt. Genau diesen Aspekt, die Ko-Konstruktion von Wissen durch die Interaktion, analysiert Becker in ihrer Forschung.

Im Bereich Landeskunde stützt sich die Autorin auf den sogenannten kulturwissenschaftlich orientierten Ansatz (Altmayer 2004), in dem Kultur als gemeinsamer Wissensvorrat für die Wirklichkeitsdeutung verstanden wird, der in Form von kulturellen Deutungsmustern in Texten und in der Kommunikation präsent ist. Diesem Ansatz nach ist das Ziel des Landeskundeunterrichts die Teilhabe an zielsprachlichen Diskursen, was durch das Entdecken von Deutungsmustern und das Reflektieren über ihre Bedeutung in Texten erreicht werden soll. Ausgehend von dieser Theorie wählte die Dozentin/Forscherin für die Behandlung im Unterricht das Oberthema Gründungsmythen der Bundesrepublik, das in die vier Unterthemen Trümmerfrauen, Währungsreform, Wunder von Bern und Studentenbewegung/68er geteilt wurde, die für die deutschsprachigen Diskurse signifikant sind.

Die nächsten zwei Kapitel beschreiben den Kontext der Forschung und die Methodik. Kapitel 3 stellt das Seminar zur Landeskunde der deutschsprachigen Länder an der Universität Stockholm dar, in dessen Rahmen Christine Becker ihre Daten erhoben hat, sowie das Profil der Studienteilnehmenden und andere Informationen zum Erhebungskontext. In Kapitel 4 wird die Forschungsmethode erläutert. Die Autorin ist gleichzeitig Forscherin und Dozentin des Fachs, eine Position, die „eine hohe Involviertheit [mit sich bringt], die Herausforderungen und Möglichkeiten für den Forschungsprozess beinhaltet“ (112). In ihrer Rolle als Lehrende hat sie auch das Blended-Learning-Szenarium vorbereitet, indem sie auf der geschlossenen Online-Plattform Mondo Aufgaben für jedes der obengenannten Themen bereitstellte. Jedes Thema wurde während des Semesters einzeln behandelt, zuerst von den Studierenden im Online-Forum und dann im Präsenzunterricht. Die ersten Beiträge wurden bereits von der Lehrperson gepostet und sollten als Impuls für weitere Beiträge fungieren. Die Studenten wurden dann aufgefordert, vor jeder Unterrichtsstunde (einmal pro Woche) für jedes der oben genannten Themen einen Beitrag zu schreiben und zwei Beiträge anderer Studierender zu kommentieren (141). Die Datenerhebung wurde von der folgenden Forschungsfrage geleitet (129): „Welches Potenzial besitzt die asynchrone computervermittelte Kommunikation für landeskundliches Lernen?“

Insgesamt bestehen die Produktdaten aus 375 Forumsbeiträgen von ca. 30 bis 300 Wörtern, die im Laufe von zwei Semestern geschrieben wurden. Darüber hinaus wurden auch Interviews mit dreizehn Studienteilnehmenden gemacht, die später zweimal gehört und transkribiert wurden. Ein erster Fragebogen zeigte, dass hinsichtlich des Alters die Gruppe der Teilnehmer heterogen (zwischen 18 und 65 Jahre alt), im Hinblick auf andere Merkmale wie L1, Sprach- und PC-Kenntnisse sowie Erfahrung mit der Lernplattform aber homogener ist. Die Mehrheit der Teilnehmer hat Schwedisch als Muttersprache (eine Person hat Finnisch als Muttersprache, außer ihr gab es auch zwei Studierende, die Deutsch als L1 hatten) und Deutschkenntnisse von B1 bis B2. Die meisten gaben auch an, gute Computerkenntnisse zu besitzen und schon mit der Lernplattform gearbeitet zu haben. Als Methode für die Datenauswertung wurde die qualitative Inhaltsanalyse gewählt (Mayring 2010). Neben der qualitativen Analyse wurden die Daten auch quantitativ nach Merkmalen wie u. a. Länge, Zeitabstand ausgewertet, deren Ergebnisse einige Hypothesen eröffneten, die für die qualitative Analyse relevant waren. Dazu wurde eine Analyse der Interaktion der Studierenden (nach dem Modell von Henri 1995) durchgeführt, und all diese Daten wurden anschließend mit Ausschnitten aus den Interviews trianguliert (128). Im Bereich der Interaktion muss hervorgehoben werden, dass viele Beiträge ohne Antwort blieben und in den meisten Fällen keine genuine Interaktion stattfand, d. h., der Autor des ersten Beitrags meldete sich nicht nochmals zu Wort, um die Antworten der anderen Kollegen zu kommentieren (186). So ließ sich feststellen, dass die Plattform die Interaktion der Lernende nicht gewährleisten konnte.

Besonders interessant sind die Ergebnisse der Kategorisierung der Beiträge nach Aufgaben und Bearbeitungsmodi. Diese verdeutlichten, wie die Formulierung der Aufgaben die Beiträge der Studienteilnehmenden beeinflusste sowie Momente, wo die Studierenden andere Wege für die Aufgabenbearbeitung gewählt haben, die nicht vorher von der Lehrperson geplant wurden. Dieses Kriterium enthielt die Kategorien Zusammenfassung von Sachwissen, Begriffs- und Deutungsreflexionen, Gegenwartsbezüge, Narrative Zugänge und Perspektivenübernahmen. Durch die Kategorisierung kommt ans Licht, welche Aufgaben/Bearbeitungsmodi eine höhere Interaktion anregten und welche nicht, und auch, welche Aufgaben zwar keine Interaktion anregten, aber andere Potenziale für den Landeskundeunterricht darstellen können. Von diesen Kategorien möchte ich im Folgenden die zwei ersten detailliert erläutern. In Bezug auf die Aufgaben zur Zusammenfassung von Sachwissen weisen die Ergebnisse darauf hin, dass sie keine Interaktion anregen: die Studierenden beantworteten die gestellten Fragen, auch wenn ihre Antwort schon von anderen Studierenden gepostet wurde, ohne Hinweise auf die vorherigen Beiträge. Gründe dafür sind möglicherweise der Gedanke, dass alle Studierenden die Fragen beantworten sollten (was nicht Ziel der Aufgabe war), oder die Tatsache, dass manche Studierende ihre Beiträge außerhalb der Plattform formuliert haben und darum die Beiträge anderer nicht lasen (216). Nicht von der Autorin erwähnt ist ein möglicher Einfluss der Forderung der Lehrperson nach einer Mindestzahl von Beiträgen der Studierenden, die dazu führen kann, dass die Studierende die weniger komplexen Aufgaben auswählen und nicht so viel auf die Interaktion mit ihren Kollegen achten. Darüber hinaus sind diese Aufgaben nicht geeignet für Online-Foren, jedoch belegen die Datenbeispiele, dass die Konstruktion einer gemeinsamen Ausgangsbasis von Sachwissen notwendig ist. Die Bearbeitungsmodi Begriffs- und Deutungsreflexionen waren dagegen diejenigen, die die höchste Interaktion ermöglichten. Überraschenderweise waren sie nicht Teil der Aufgabenstellung, d. h., die Reflexionen wurden von den Studierenden initiiert, um mit den Kollegen über Begriffe und Konzepte der Seminarliteratur zu diskutieren. Da diese Beiträge echte Fragen der Studierenden enthielten, die eine Beziehung zu dem Unterrichtsthema hatten, wurden sie von den anderen Teilnehmern kommentiert. Auf diese Weise wurde eine Perspektivenvielfalt erlangt, die für die Wissenskonstruktion unerlässlich ist. Außerdem gehören Diskussionen über die Anwendbarkeit theoretischer Begrifflichkeiten zum akademischen Diskurs, und mit dieser Fragestellung der Studienteilnehmenden fand eine „inszenierte Teilhabe an kulturwissenschaftlichen Diskursen statt, auf die das geistes- und kulturwissenschaftliche Studium vorbereitet“ (228). Daraus ist zu schließen, dass diese Bearbeitungsmodi ideal für Online-Foren sind und mehr Aufgaben zu diesen Themen entwickelt werden sollten.

Fazit: Der theoretische Teil ist detailliert und forschungsorientiert, und die Methode und Ergebnisse werden sehr klar dargestellt, mit vielen Beispielen, die den Lesern helfen, die Schlussfolgerungen der Autorin nachzuvollziehen. Obwohl Becker in ihrer Forschung sich nur mit geschlossenen Plattformen befasst, was nicht vom Titel des Bandes her zu erschließen ist, bringt ihr Buch wertvolle Reflexionen über Themen, Aufgaben und Interaktionsformen für all diejenigen, die mit Landeskunde im Deutschunterricht und im universitären Kontext arbeiten.

Literatur

Altmayer, Claus (2004): Kultur als Hypertext – Zu Theorie und Praxis der Kulturwissenschaft im Fach Deutsch als Fremdsprache. München: iudicium. Search in Google Scholar

Henri, France (1995): „Distance learning and computer-mediated communication: Interactive, quasi-interactive or monologue?“ In: O’Malley, Clare (Hrsg.) Computer supported collaborative learning. Berlin: Springer, 145–161. Search in Google Scholar

Mayring, Phillip (2010): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 11., aktualisierte und überarbeitete Auflage. Weinheim: Beltz. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2020-04-17
Erschienen im Druck: 2020-04-08

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